Scoyo in offener Beta-Phase

Kommentieren 05. November 2008

Wer im eLearning-Bereich unterwegs ist, wird in der letzten Zeit immer wieder über scoyo gestoplert sein. Bisher war der Dienst nur ausgewählten Testern zugänglich, seit vorgestern ist aber jeder zur Beta-Phase eingeladen.

Eines fällt sofort auf: scoyo ist bunt, scoyo bewegt sich, scoyo ist peppig, scoyo ist anders als andere eLearning-Seiten, die oft etwas hausbacken daherkommen. Als Kind und Jugendlicher – und diese sind zweifelsfrei als scoyos Zielgruppe auszumachen – fühlt man sich dort sicher angesprochen. Das ist prinzipiell schonmal einiges Wert, denn scoyo zeigt, was möglich ist und wie eLearning auch aussehen kann.

Nach erfolgreicher – und durchaus kindgerechter – Registrierung gelangt man in einen virtuellen Raum, in dem einen mehrere Schulfächer mit unterschiedlichen Unterthemen zur Verfügung stehen. Diese ausgewählt, entfaltet scoyo sein volles Potential, indem es die Nutzer durch aufwendig animierte Szenarien/Abenteuer führt, die nach dem step-by-step-Prinzip immer wieder von Fragen, Spielchen, Rätseln usw. unterbrochen werden. Aber auch Erklärungen und Erläuterungen liefert scoyo in die laufenden Szenarien an entsprechender Stelle eingebettet mit.

Erster Eindruck der Lernplattform scoyo.de from Lorz on Vimeo.

Das Ganze ist sehr hübsch anzuschauen. Klingt akustisch gut und verdient wohl die Bezeichnung “Lernmaterial der Zukunft”. Denn dass Arbeitsblätter oder einfache Schulbücher tendenziell eher unattraktiver werden und durch medial aufbereitete Lernmaterialien abgelöst werden, wurde mir jüngst wieder auf der Frankfurter Buchmesse bewusst, wo Verlage zunehmend stolz auf multimediale Ergänzungen zum regulären Lehr-/Lernangeboit verweisen. Scoyo lässt einen Blick zu, was in diesem Bereich online und technisch möglich ist.

Damit ist scoyo aber auch weitestgehend erschöpft, denn die Lernwelten sind starr und können nur vom einzelnen Lernen durchlaufen werden. Dies zwar nach seinem eigenen Lerntempo und mit einigen Schleifen und Umwegen/Wahlmöglichkeiten, die sich durch falsche oder richtige Antworten oder Multiple-Choice-Varianten ergeben, letztlich ist das gesamte Angebot aber an Individuen gerichtet, was schon die konsequente Anrede “Du” signalisiert. Als zusätzlicher Anreiz, da außer der intrinsischen Motivation kaum andere geboten werden, dient das altbekannte System des Punktesammelns, welche (also die Punkte) man sich durch das erfolgreiche Durchlaufen der verschiedenen Themenwelten erwerben kann.

Lernt man so Medienkompetenz? Lerne ich so kritischen Umgang mit Medieninhalten? Reflektiere ich so meinen Lernstand? Kann ich so kollaborieren und mich im Austausch/Team mit anderen einbringen? Erkenne ich so meine Stärken und Schwächen oder bekomme ich sie von einer nett animierten Figur mitgeteilt (Feedbackkultur)? An diesen Punkten zeigt scoyo in meinen Augen Schwächen oder um es etwas positiver zu formulieren: setzt scoyo weniger seine Schwerpunkte. Scoyo fokussiert primär – wenn ich dies richtig beurteile nach den ersten eigenen Versuchen in ausgewählten Szenarien – auf den “Schulstoff”, wie die Plattform es selber bezeichnet. Und damit setzt sie zugleich auf einen Bereich, welcher in der aktuellen Diskussion zunehmend als “tod” oder “überflüssig” erkannt wird, wie jüngst die provokanten Leitsätze für eine Schule des 21. Jahrhunderts von Wagner signalisiert haben. In Kompetenzen ausgedrückt, komme ich nach meinen ersten Eindrücken zu dem Schluss, dass hauptsächlich die Sachkompetenz aufgegriffen und geschult wird und eine Förderung der Selbstkompetenz wohl indirekt angestrebt wird, indem der Lerner (wie es in den Willkommenstrailern auf der Startseite von den Kindern immer wieder besonders betont wird) durch die nutzung von scoyo zurück in der Schule bessere Ergebnisse/Leistungen erzielen soll.

Für den Einsatz in der Schule wird scoyo  in meinen Augen somit weitestgehend unbrauchbar. Denn wer ein solches Verständnis von Lernen praktiziert, missachtet wesentliche Elemente von freiem, sozialem, und selbstverantwortlichem Lernen. Eine Klasse von 30 Schülern vor scoyo zu setzen, kann nicht dem aktuellen Verständnis von schulischer (nicht nur Medien-)Kompetenzvermittlung entsprechen. Daraus ergibt sich das Einsatzfeld – ich denke, so ist es nach dem Aufbau des Portals zu schließen, auch intendiert – eher im häuslichen Bereich zur Unterstützung des schulischen Lernens. Wer für sich konkrete Unterrichtsinhalte üben, neu aufbereiten oder wiederholen möchte, findet in scoyo sicher eine ansprechende und motivierende Umgebung. Hier ist scoyo sicher eine willkommene Ablenkung bzw. Alternative zum Üben im stillen Kämmerlein mit Schulbuch und Heft. Denkbar wäre in der Schule ein eher punktueller Einsatz, indem man einzelne scoyo-Szenarien in Freiarbeitsphasen oder Stationenlernen integriert, um Übungs- bzw. wiederholungsphasen zu ermöglichen. Aber auch da bleibt es schwer, ein gemeinschaftliches Arbeiten, welches über das Vergleichen von abschließenden Punkteständen hinausgeht, zu ermöglichen.

Noch ist scoyo kostenfrei für jeden zum Testen offen. Ohne konkrete Preismodelle und Zeitpunkte zu nennen, wird aber deutlich signalisiert, dass in naher Zukunft dieser freie Zugang zumindest eingeschränkt werden wird. Genauere Informationen scheinen noch nicht verfügbar. Im Grunde bringt scoyo die hier und da bekannte Lern-CDROM oder -DVD der Schulbuchverlage online und schafft eine oft eingeforderte und und von den Schulbuchverlagen bisher nur in Ansätzen geleistete Plattformunabhängigkeit durch die Verfügbarkeit an jedem Rechner ohne Installation, einfach im Browser.

Ich bin gespannt, ob wir in Zukunft weitere, ähnliche Produkte im eLearning-Bereich sehen werden. Für mich persönlich macht scoyo eines besonders deutlich, was ich auch bereits in anderen beiträgen angedeutet habe: unsere Schüler werden zunehmend als Geldquelle entdeckt und Lernen (oder zumindest dessen Unterstützung) als verkaufbares Gut erkannt. Wo Schule bisher weitestgehend Alleinstellungsmerkmale bzw. Monopolstellung genoss, drängen “Mitkonkurrenten” auf den “Markt”, mit denen sich Schule auch auseinandersetzen sollte, wenn es absehbar darum gehen wird, wie man sich gegenüber Schulexternen verhält, welche offen und direkt an die Schüler herantreten, um im bisherigen Kerngeschäft von Schule “mitzumischen”. Denn in meinen Augen handelt es sich dabei schon um eine andere Qualität als sie der bisher überschaubare Nachhilfesektor à la Studienkreis&Co geboten hat. Ich möchte dies bewusst wertfrei formulieren, da sich darin durchaus auch Chancen für Schule ergeben können, die eigenen Schwerpunkte neu zu definieren.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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