Quo vadis E-Learning? – Horizon Report

Kommentieren 02. April 2014

Zum inzwischen 6. Mal gab es auch vor kurzem wieder den jährlichen Horizon-Bericht auf Deutsch. Auch hier in der Lernwolke war er durchaus schon  Thema. Dieser fokussiert explizit auf den Hochschulsektor, wird aber dadurch für die Schule interessant, als dass er die Entwicklung im Bereich E-LEarning derart aufbereitet, dass daraus Voraussagen für die nähere Zukunft getroffen werden können/sollen. Die konkreten Zeitfenster sind jeweils:

  • 1 Jahr und weniger
  • 2-3 Jahre
  • 4-5 Jahre

Für die Schulen werden also Anhaltspunkte ablesbar, in welche Richtung die Entwicklung fortschreiten könnte und worauf es die Schüler vorzubereiten gilt. Natürlich kann und soll der Anspruch nicht sein, die Entwicklung vorwegzunehmen oder zu forcieren. Ein gesundes Maß der Antizipation und Schülerorientierung gehört aber sicherlich zur Lehrerprofession dazu. Und es zeigt sich in dem Bericht – aus meiner Sicht doch schon etwas auffälliger als in den Vorjahren -, dass E-Learning nicht mehr isoliert betrachtet werden kann, sondern Bestandteil einer sich wandelnden Lernkultur werden muss und – laut Bericht – auch wird.

Hier nun der Bericht im Original und danach ein paar ausgesuchte Beobachtungen meinerseits:

Bildungseinrichtungen können in sozialen Medien Dialoge mit Studierenden, potenziellen Studierenden und Lehrenden führen, die weniger formell ablaufen als über andere Medien. Lehrende nutzen soziale Netzwerke als professionelle Communities of Practice, als Learning Communities und als Plattform für den Austausch interessanter Beiträge über Unterrichtsthemen. Zu Verstehen, wie soziale Medien für das soziale Lernen ein- gesetzt werden können, ist eine Schlüsselqualifikation für Lehrende, und von der Lehrendenausbildung wird zunehmend erwartet, dass sie diese mit einschließt.

Hierbei handelt es sich um einen kurzfristigen Trend. Das bedeutet, dass wir aktuell davon ausgehen müssen, das es sich dabei nicht mehr um irgendeine Art Zukunftsmusik handelt. Schule sollte an diesem Trend also zumindest in ersten Versuchen und Praxisbeispielen aktiv sein, um den Schülern in 3-5 Jahren einen adäquaten Übergang in die Hochschule – in der diese Technologien dann offenbar alltäglich sein werden – zu ermöglichen. Die für mich entscheidend Aussage des Berichts an dieser Stelle – und deshalb ist diese wohl auch optisch hervorgehoben – ist die folgende:

Beziehungen sind letztlich das Herzstück der sozialen Medien.

Dies ist aus meiner Sicht gar nicht zu unterschätzen. Denn hier kann Schule wichtige Arbeit legen, indem sie soziale Beziehungsarbeit leistet, die Grundlage für das Verhalten in digitalen Umgebungen leistet. Reformpädagogische Ansätze, die sich seit Jahrzehnten im Umgang mit Schülern bewährt haben und stabile, verlässliche und produktive Lernbeziehungen ermöglichen, gilt es im Sinne einer Reformpädagogik 2.0 in den digitalen Raum zu übertragen. Hier hat die Schule doch den entschiedenen Vorteil gegenüber der Hochschule, dass Beziehungen hier noch weitgehend stabiler etabliert werden können – zeitlich und räumlich-, als dass dies der Universität in ihrem Semesterrhythmus möglich ist. Stabile Lerngruppen, langfristige Schüler-Lehrer-Beziehungen können aus meiner Erfahrung dazu beitragen, verlässliche Lernräume aufzuspannen, die sowohl offline als auch online funktionieren. Montagmorgenkreise, Klassenräte, Rituale und Ämter sind Offline-Instrumente, die es erlauben, Erfahrungen und Erlebnisse in digitalen Lernwelten aufzufangen und zu begleiten. Diese Beziehungsarbeit als Herzstück der sozialen Medien zu leisten sollte eine wichtige Aufgabe von Unterricht in der Schule sein.

Sie [die Lehrenden] möchten, dass der Unterrichtsraum als sichere Umgebung für offene Diskussionen wahrgenommen und die Integrität studentischer Beiträge gewahrt wird.

Ein weiterer, kurzfristiger Trend ist die Integration von Online-, Blended- und kollaborativem Lernen:

Wenn hybride Modelle erfolgreich entwickelt und eingesetzt werden, ermöglichen sie den Studierenden, ihre Aktivitäten so auf den Campus und das Internet zu verteilen, dass sie die Vorteile beider Umgebungen optimal ausschöpfen.

Dies ist ein Trend, den mitzugehen für Schulen sicherlich eine größere Herausforderung darstellen wird. Ich experimentiere diesbezüglich mit meiner klasseninternen Online-Community und einem Wiki-Projekt. Beides erlaubt es, den schulischen Lernraum zu öffnen und auch über die Klassenraum- und Schulmauern hinaus auszudehnen. So sind beispielsweise seit dieser Woche nur noch wenige Schüler meiner Lerngruppe in der Schule, da andere bereits in Praktika oder Austäuschen im Ausland sind. Besonders gelungen war dabei die heutige Situation, dass eine Mitschülerin, die gerade in den USA in einer Gastfamilie lebt, über unser Wiki Kontakt zu den daheimgebliebenen aufgenommen hat und über Kommentare und Verbesserungen an den Wikitexten weiterhin mit der Lerngruppe verbunden geblieben ist. Über dieses Maß sollte Schule aus meiner Sicht aber auch nicht viel hinausgehen. Entwicklungspsychologisch spielen die oben angedeuteten, stabilen Beziehungen auch für das Lernen eine wichtige Rolle, die in diesem Alter nicht übermäßig strapaziert werden sollten. Hier bewegt sich Universität doch in deutlich anderen Voraussetzungen.

Was hingegen auch für Schulen diesbezüglich spannende Räume eröffnen kann, sind folgende Gedanken:

Um zur Zusammenarbeit anzuregen und praktische Fähigkeiten zu stärken, experimentieren Hochschulen mit Regelungen, die Studierenden mehr Freiheit zur Interaktion miteinander in Projekten und Prüfungen ermöglichen.

Ich hoffe, dazu bald auch einen weiteren Bericht zu meinem Wiki-Projekt hinsichtlich Bewertung und Feedbackkultur schreiben zu können.

Ein mittelfristiger Trend, der mir persönlich große Sorgen bereitet, ist der zur “Zunahme von datengetriebenem Lernen und Assessment”:

Es besteht ein wachsendes Interesse daran, neue Datenquellen zu erschließen, um Lernprozesse zu individualisieren und Leistungen zu messen. Online-Lernende hinterlassen mittlerweile immer eindeutigere Datenspuren, die ausgelesen und analysiert werden können.

Dahinter steckt eine Vorstellung von Lernen, die mir auch in Schule immer öfter begegnet: messen, analysieren, individualisieren. Ich frage mich, wie dies mit der Betonung von “Beziehung” sinnvoll verknüpft werden kann. Die Idee, Lernen messbar zu machen, eindeutige – womöglich kausale – Indikatoren zu finden und zu benennen, die Lernen beeinflussen, ist ein Versuch, wirtschaftliche bzw. ökonomische Effizienzstrategien auf das sozialegetriebene Konstrukt Lernen zu übertragen. Qualitätsmanagement, Vergleichsarbeiten, Standards sind dabei Begriffe, die uns in der Schule begegnen. Schon zu meiner Studienzeit erhielten Vorlesungsevaluationen Einzug in die universitäre Lehre und inzwischen richten wir an Schulen Qualitätsmanagementbeauftrage ein. Ich bin sehr skeptisch, inwieweit die empirische Pädagogik, die hier der Allgemeinen Pädagogik gegenübergestellt wird, zielführend ist. In meinen  Entwürfen zur Lernwolke liegt bereits an angefangener Beitrag zu Thema, so dass ich an dieser Stelle auf den dazu eingehenden Artikel von Liesner verweise.

Sehr ansprechend ist dann aber wieder der nächste, längerfristige Trend zum “Paradigmenwechsel von Studierenden als Konsumenten hin zu Studierenden als Machern”:

An Hochschulen überall auf der Welt verlagert sich der Fokus der pädagogischen Praxis: Studierende unterschiedlichster Fächer lernen verstärkt durch Selbstmachen und kreatives Schaffen, statt nur durch das Konsumieren von Inhalten. Wie nutzergenerierte Videos, Maker-Communities und Crowdfunding-Projekte der letzten Jahre zeigen, ist Kreativität zunehmend das Maß der Dinge für aktives, praxisbezogenes Lernen.

Hier ist Schule der Universität womöglich schon etwas voraus, wenn es darum geht, kreative und praktische Lernformen zu entwickeln. Was hierbei sicherlich eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, ist die Öffnung der Fachbereiche:

Die Vanderbilt University verlagert bewusst den Schwerpunkt der Lehre dahingehend, mehr Möglichkeiten für kreative Forschung und angewandtes Lernen zu integrieren. Ihre Initiative „Student as Producer“ schafft einsemestrige Angebote für Studierende diverser Fächer und Studiengänge. Im Rahmen dieser Initiative arbeiten Studierende an Problemen und Fragestellungen, für die es noch keine abschließende Lösung gibt. Sie teilen ihre Arbeit mit anderen außerhalb des Unterrichts, holen Feedback und Erfahrungswerte von Experten ein und arbeiten weitgehend eigenständig. Zu den studen- tischen Aktivitäten gehören Biologiestudierende, die ihre eigenen Experimente entwickeln, Ingenieurwissenschaftler, die Podcasts über ihre Projekte produzieren und Literaturstudierende, die ihre Ideen über Multimediabeiträge in Kursblogs ausdrücken. Der Ansatz zeigt, wie Studierende aktiv mit ihren Dozenten zusammen Wissen produzieren und Bedeutung schaffen können.

Mehrere Fächer im Projektlernen miteinander zu verbinden statt sie gegeneinander zu isolieren, wird die Herausforderung vieler Bildungseinrichtungen sein. “Reformpädagogik meets digitales Zeitalter” ist hier mein Anknüpfungspunkt. In der Schule begegnet uns aktuell die Kompetenzorientierung. Hierin liegen enorme Chancen bzgl. des im Horizon Report aufgezeigten Trends – aber auch immense Gefahren. Wenn Kompetenzorientierung zu einer Fokussierung auf die einzelnen Fächer führt, geht der Weg in die falsche Richtung. Es sollte aus meiner Sicht nicht darum gehen, Kompetenzraster bzw. -erwartungen für einzelne Fächer zu formulieren. Im Projektlernen – wenn mehrere Fächer zusammenkommen – wird es möglich, Kompetenzen auch über die reine Fachkompetenz hinaus zu stärken als auch zuerst auszubilden. Wenn Lernen ganzheitlich verstanden wird und Lerner die Möglichkeit bekommen, zum einen dem Lernen selber und zum anderen dem Produkt/Ergebnis Bedeutung zu schaffen, entwickeln Lernprozesse nachhaltigen und persönlichen Sinn. Ein Kompetenzprofil für das einzelne Fach oder womöglich das einzelne Fachthema im Fachunterricht verengt die Chancen innerhalb der Kompetenzidee zur Vereinzelung und damit einer falsch verstandenen Individualisierung von Lernen.

Für mich waren diese Trends sehr erhellend, wenn ich mir Gedanken über deren Bedeutung für schulisches Lernen mache. Der Bericht streut noch deutlich weiter in den universitären Bereich, worauf ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen möchte. Wie breit das Feld der digitalen Lernstrategien und -Tools inzwischen geworden ist, verdeutlicht die Auflistung aus dem Bericht:

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Angesichts dieser Vielfalt gefällt mir dann aber abschließend diese Feststellung im Horizon-Bericht:

Einfach nur auf neue Technologien zu bauen genügt nicht; neue Lehrmodelle müssen diese Tools und Services gezielt einsetzen, um tiefer auf die Bedürfnisse der Lernenden einzugehen.

© René Scheppler, 2014

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