Googles Lern- oder Lehrplattform?

Kommentieren 05. March 2014

Vor kurzem hat eine neue Lernplattform den Weg ins World Wide Web gefunden. Und wahrscheinlich wäre es gar keinem so recht aufgefallen, wenn nicht irgendwie Google hinter dem Projekt steht. Aber so richtig will Google auch gar nicht, dass diese Lernplattform von ihnen ist. Und dadurch wird es fast noch interessanter.

Oppia nennt sich das Ganze. Und um eines gleich zu Beginn zu klären: Es ist kein Google Produkt (neben Mail, Maps usw.) sondern ein Ergebnis einiger Google-Entwickler aus ihrer 20%-Kreativ-Zeit (dort zu finden im Bereich “Rist vs Reward In The Long Run”). Auf der Oppia-Webseite findet sich zumindest folgendes Statement:

Much of the code that powers this site was written as an open-source project by a group of Google engineers in their 20% time. However, oppia.org is not a Google product, and Google bears no responsibility for the content of this website.

Dies ist der zweite interessante Punkt: Oppia ist Open-Source -> Code-Seite. Das bedeutet, dass jeder mitmachen und das Tool weiterentwickeln kann. Und dies wird aus meiner Sicht auch notwendig sein, denn damit ist das Interessante fast schon ausgeschrieben.

Was Oppia letztlich bietet, zeigt das Tutorial-Video:

Was Oppia also letztlich ermöglicht, sind eine Art Lernpfade. Dabei wird der Weg vom Lehrer vorbedacht und jede Unebenheit oder potentielle Abweichung vom “erfolgreichen”, “richtigen”, “gewünschten” Weg gleich mit. Das Modell ist tatsächlich der existierende Lehrer, der Schülerantworten antizipiert und dann darauf reagiert – eine 1:1-Betreuung wird idealisiert und versucht, technisch nachzubauen. Es werden Schüler-Lehrer-Dialoge erdacht und vorbereitet:

Oppia aims to simulate the one-on-one interaction that a student has with a teacher by capturing and generalizing “interaction dialogues.” For instance, a teacher might ask the student a question, and the student then responds in some way — by either volunteering an answer, or saying that he/she is stuck. The teacher then responds in a way that is as helpful to the student as possible. However, the teacher will often not have time to address every individual misconception. Furthermore, it usually takes significant effort to figure out an appropriate response that helps a student get unstuck without denying them the experience of working through the problem and coming to terms with their misunderstanding. In many cases this effort will have already been expended by another teacher in a different school who is faced with the same question. If teachers use Oppia to record such interactions, they can share their knowledge with more students without duplicating effort.

Ich habe es mehrmals gelesen und komme zu keinem anderen Ergebnis. Und an dem Punkt war mir nach einigen Herumprobieren und unvoreingenommenem  Austesten klar, dass es sich um eine Lehrplattform handelt. Zwar wird zunächst – auch über das Beispiel weiter unten auf der Oppia-Startseite – suggeriert, dass der Lerner im Fokus steht, da ja so flexibel auf seine richtigen oder falschen Antworten eingegangen wird. Letztlich ist es aber doch der Lehrer, der versteckt hinter einem Frage-Antwort-Spiel den Schüler durch einen festgesteckten Parcours lockt/lenkt.

Oppia ist in der Beta-Phase. Zusammen mit dem 20%-Ansatz, welcher ja eigentlich auch schon für abgeschafft erklärt wurde, glaube ich, dass man dem Ganzen nicht allzu viel Zukunft bzw. Nachhaltigkeit einräumen sollte. Wer also meint, hier eine neue Unterrichtsform gefunden zu haben, sollte vorsichtig sein, ob das Tool in ein paar Jahren noch existiert.

Doch es hat auch seine Potentiale: Wer Google Docs und damit die Formulare bereits im Unterricht eingesetzt hat, wird schnell den weiteren Schritt sehen, der sich mit Oppia gehen lässt. Uwe Klemm hat bereits ausführlicher über Test mit Google Formularen geschrieben. Und ich habe bereits gute Erfahrungen mit diesem Google-Tool zur Evaluation von Unterricht oder Projekten gemacht. Oppia geht nun weiter und erhebt nicht nur die Daten, sondern gibt auch unmittelbar Rückmeldung. Das ist dann aus meiner Sicht nicht mehr unbedingt im Test-Format interessant sondern im “Pre-Test-Setting”. Wenn also eine Klassenarbeit mit recht hohem Faktenanteil ansteht, wenn es vielleicht um Rechenwege geht, wenn Vokabeln gelernt werden müssen. Hier könnte man den Schülern eine Art Lernstandserhebung an die Hand geben, in der sie selber erfahren, wie gut sie das zu Lernende bereits beherrschen. Bei Vokabeln könnten “false friends” eine Oppia “Exploration” sein, bei der es dem Lehrer sicher einfach fällt, typische Denk- oder Lernfehler zu antizipieren. In Mathe könnten verschiedene Rechenwege zur Auswahl gestellt werden und in den vorbereiteten Rückmeldungen darauf eingegangen werden, warum dies die jeweils falsche Antwort/Auswahl war, da man ja erahnen kann, warum sich der Schüler zu dieser Variante der Antwort hat “verleiten” lassen. In Geschichte könnten Jahreszahlen eine Art sein, bei der die jeweiligen Antworten mit einer cleveren Antwort garniert vielleicht doch noch Lernerfolge nach sich ziehen können.

Ich denke letztlich, dass den Google Entwicklern etwas vorschwebt, was mit einer offenen und lernerzentrierten Unterrichtsgestaltung nur schwer zu verbinden ist. In den aufgezeigten Ansätzen könnte ich Potenziale sehen – ansonsten wohl eher in sehr stringenten und lehrergelenkten Unterrichtsformen. Bei letzteren könnte es womöglich tatsächlich in manchen Feldern den Lehrer ersetzen, wenn die Oppia Explorations ausführlich genug vorbereitet werden.

Und irgendwie will mich ein weiterer Gedanke nicht loslassen: die Kompetenzorientierung – ein für diesen Beitrag zu weites, von mir aber zunehmend auch kritisch beäugtes Feld. In letzter Zeit begegnen mir immer mehr Raster, Bögen zum Ankreuzen und Einstufen, die als Kompetenzorientierung und derart orientierte Lernstandsmessungen daherkommen. Hier – z.B. im Deutschunterricht für einzelne Kompetenzbereiche einer Unterrichtseinheit – derartige Lehrpfade bzw. Abfragewege anzubieten, um (für Schüler und Lehrer) zu einer Kompetenzeinstufung des jeweiligen Schülers zu gelangen, erinnert mich ein wenig an das, was Schulbuchverlage unter dem Stichwort Online-Diagnose inzwischen anbieten – z.B. hat der Cornelsen-Verlag an meiner Schule jüngst ein “automatisiertes” Diagnosewerkzeug vorgestellt. Schüler werden dabei unter den verschiedenen Blickwinkeln von verschiedenen Kompetenzbereichen eingestuft, um darauf basierend möglichst passgenaue Lernmaterialien und Lernwege anbieten zu können.

Für mich steckt da inzwischen etwas die Gefahr der “Über-Individualisierung” drin. Ich sehe aber zugleich auch einen Trend dahin, jeden Schüler bis in die letzte Konsequenz individuell zu betrachten. Dahinter steckt dann letztlich wieder das Ideal einer 1:1-Betreuung von Lehrer und Schüler – wenn auch nicht in persona, so doch zumindest über das Lehr-/Lernmaterial. Und dann wären die Google Entwickler doch wieder auf dem “richtigen” Weg.

© René Scheppler, 2014

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