Die Droge der Schule: Zeit

Kommentieren 26. February 2014

Gestern war mal wieder #EdChatDE-Zeit – zum 22. Mal bereits. Ein spannendes Format, bei dem wöchentlich für eine Stunde meine Twitter-Timeline nicht stillsteht und es hoch her geht zu jeweils einem bildungspolitischen Thema. Diese Woche ging es rund ums Zeitmanagement und Papierfreiheit im Lehrerberuf. Zum zweiten Thema habe ich hier im Blog bereits einiges geschrieben – unter dem Stichpunkt papierfreie Schultasche. Von daher war das erste Thema für mich etwas spannender, da auch aktuell in meinem Berufsalltag recht virulent. Die längere Auszeit der Lernwolke spricht da für sich.

Es wurde vieles gewittert und alles spannend. Über einen Tweet bin ich aber besonders gestolpert:

F1: Besondere Anforderungen an das Zeitmangement in der Schule / an der Uni? #EdchatDE

@EdchatDE

A1 Eine gut funktionierende Schulleitung kann da Wunder wirken :-) #EDchatDE

@david_obst

Und zwar deswegen, weil mich dies an einen Artikel erinnert hat, der mir schon vor einiger Zeit in die Hände gefallen ist und den ich nun hier vorstellen möchte. Wer sich mehr für Tools und Apps zum Thema interessiert, scrolle bitte direkt zum Ende des Beitrags.

Zeit”management” nach Molicki

Manfred Molicki: Vom Zeitinfarkt zu einer gesunden Zeitkultur in der Schule, in: Gesundheitsförderung durch Schulentwicklung – Schulentwicklung durch Gesundheitsförderung (Informationsdienst zur Suchtprävention, Nr. 18), hrsg. von Regierungspräsidium Stuttgart / Schule und Bildung, Stuttgart 2005, S. 87-93

Molicki setzt aus meiner Sicht im ersten Teil seines Aufsatzes richtige Grundbedingungen:

Eine Schule, die ihre Zeitkultur pflegt, vermittelt mit Zeitkompetenz eine Generalschlüssel-Qualifikation, die es erst ermöglicht, dass die anderen geforderten Schlüsselqualifikationen wie Fach-, Methoden-, Sozial- und Personalkompetenz entfaltet werden können. Das beste Fachwissen, vermittelt mit höchster Methoden- und Sozialkompetenz, kann nicht „ankommen“, wenn sich die lehrende Person nicht die angemessene Zeit nimmt und der lernenden Person nicht die angemessene Zeit gibt.

Tatsächlich braucht Lernen besonders eines: Zeit. Aber auch das Lehren braucht diese. In einem Klima des Zeitmangels tauchen ganz schnell weitere Emotionen wie Angst, Sorge, Unsicherheit auf. Es gilt daher, die Grundlage richtig zu legen und sich eine Basis zu schaffen, auf der man aufbauen und stabil stehen kann – sowohl als Schüler als auch als Lehrer.

Die „Zeitkultur-Schule“ ist eine sich selbst steuernde „Lernende Organisation“. Führung in ihr heißt, nicht nur zu prüfen, „ob man die Dinge richtig tut“, sondern zunächst einmal, „ob man die richtigen Dinge tut“. (…)

Dabei sollte neben dem oft schnelleren produktorientierten Weg der scheinbar langsame prozessorientierte Weg die gleiche Wertschätzung genießen.

Dies ist aus meiner Sicht eine wesentliche Weiche. Hier geht es darum, nicht schnell, schnell zu agieren, um evtl. Probleme zeit”effizient” zu klären. Sondern sinnvoller ist der gemeinsame Weg zur Problemlösung. Erst, wenn alle Beteiligten ausreichend informiert und beteiligt wurden, kann davon ausgegangen werden, dass die Lösung auch gemeinsam getragen wird.

Das von Molicki gewählte Bild ist massiv. Aber vielleicht in Ansätzen gar nicht so verkehrt:

In der heutigen Schule wird die Dimension Zeit permanent verbalisiert aus der passiven Opferposition heraus (Zeitdruck, Stoffdruck, Überlastung etc.), aber permanent tabuisiert bezüglich der aktiven Gestaltungsmöglichkeiten. Das Argument Zeit dient lediglich zur Legitimation der eigenen Problemhypnose und treibt Lehrer/-innen und Schüler/-innen immer weiter in eine depressive Anti-Lernhaltung. Der Lehrer als „Dealer“, dem es darum geht, seinen „Stoff“ zu verkaufen, ist obsolet geworden; zu destruktiv zeigen sich jetzt schon die zahlreichen Begleiterscheinungen, wie wir sie aus dem Suchtmilieu kennen :Mit einer ständigen Steigerung der Bemühungen auf Lehrerseite nach dem Muster „Mehr vom selben“ wächst auf Schülerseite eine immer anspruchsvollere und fordernde Konsumentenhaltung.

Bei der folgenden Kausalität zwischen Zeitmangel bzw. Stress und Suchtpotential bin ich selber nicht ganz schlüssig, wie weit ich Molicki diesbezüglich folgen kann. Hier fehlt mir die Erfahrung aber auch die Sorge vor zu eindeutigen Monokaulsalitäten. Dass eine Verknüpfung aber vorhanden ist, ist zumindest als Warnung nicht zu unterschätzen. Auch in meinem schulischen Umfeld sind derartige Tendenzen nichts unbekanntes. Angefangen von jungen Schülern und ihren Eltern, die über die Einnahme verschiedener homöopathischer Mittel den kurzfristigen Leistungserfolg unterstützen wollen. Bis hin zu Oberstufenschülern, die medikamentös versuchen, ihre Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Letztlich steckt zumindest teilweise auch die Klage von zeitlicher Überforderung beim Lernen mit darin.

Nach dieser Problembewusstmachung gelingt Molicki etwas, was den Artikel für mich so wertvoll gemacht hat. Er gliedert die Schule in drei Bereiche und findet für jeden davon Merkmale guter Zeitkompetenz. Ich bin mir relativ sicher, dass jeder Lehrende und Lernende sich bei der Durchsicht dieser Empfehlungsliste irgendwo ertappt fühlt. Für mich war es hilfreich, mir diese mal mehr und mal weniger alltäglichen Merkmale bewusst zu machen. Nicht, um mehr Zeit zu haben, sondern um “mehr in der Zeit zu sein”:

Zeitkompetenz auf der Ebene der LehrerpersönlichkeitPräsent im Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern

  1. Präsent im Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern
  2. Persönliche Präsenz und Zeitsouveränität
  3. Vorbeugend gegen Beschleunigungssucht

Zeitkompetenz auf der Ebene des Unterrichts

  1. Rhythmen und Rituale
  2. Gelegenheiten, Zeit zu verlieren
  3. Den Wert der Pause schätzen
  4. „Langsame“ Schüler wertschätzen
  5. Flexible Unterrichtszeiten

Die dritte Ebene ist diejenige der Schulorganisation. Dies ist sicherlich die komplexeste, da hier deutlich mehr Beteiligte mit teilweise widerstrebenden Interessen agieren.

Zeitkompetenz auf der Ebene der Schulorganisation

1) Differenziertes zeitökologisches Problemlöseverhalten

Hier geht es um das regelmäßige Innehalten, was besonders für Schulen wichtig ist, die sich – wie von Molicki richtig gefordert – als Lernende Schulen verstehen. Statt den Prozess permanent voranzutreiben, gilt es, in ritualisierten Abständen und Zeitfenstern innezuhalten, um den Blick zurück zu wagen: “Man kann also sagen, in dieser Schule hält man inne, wenn Aktionismus droht und schnelle Lösungen zu partikulären Scheinlösungen entarten.” Diese Bewusstmachung und Rückversicherung, noch gemeinsam an einem Strang zu ziehen, ohne das Ziel aus dem Blick zu verlieren, schafft stabile und tragfähige Lösungen und darüber hinaus zugleich Verlässlichkeit für zukünftige Problemlösungen.

2) Zeitökologische Konferenzkultur

Das erfordert von allen mehr Zeit, mehr Geduld als sie bei „Schnellschüssen“ nötig ist. Wer in der Schule tätig ist, weiß, dass nur wenige der schnell verabschiedeten Beschlüsse wirklich im Alltag umgesetzt werden.

3) Ruhezonen und Ruhezeiten

4) Reflexionszeiten und Rhythmen

5) Zeitökologisch arbeitende Schulleitung

6) Kein Klagen über Zeitmangel

7) Die Schule als lernende Organisation

Die Personen, die angetreten sind, Kindern das Lernen beizubringen, verstehen sich nun als Teil einer Organisation, die selber lernt, ja permanent lernen muss, Fehler macht und diese auch wieder korrigiert. Zur Grundlage einer zeitkompetenten Organisation Schule gehört, dass die in ihr Tätigen das vorleben, was die Schülerschaft aus der Schule mitnehmen möchte und erwarten kann: Sich Zeit nehmen, zu lernen!

Der letzte Punkt ist quasi die Bündelung aller vorherigen. Er ist aber auch gleichzeitig Grundlage derer. Wer Fehler machen darf, braucht Zeit, diese zu korrigieren. Und Lernen funktioniert wohl wesentlich über zwei Schienen

  1. das Meister-Lehrling-Modell: In enger – idealerweise 1:1 – Betreuung kann der Lernende beehrenden zuschauen und lernend nachahmen.
  2. das Fehler-Modell: In einem geschützten und verlässlichen Rahmen macht der lernende Erfahrungen und kann sich ausprobieren, auch indem er Fehler machen (darf) und diese korrigieren kann.

Ich denke, in dem Artikel steckt noch einiges mehr als ich mir hier für mich aus meiner derzeitigen Wahrnehmung des Schul- und Bildungssystem herausgepickt habe. Die weitergehende Lektüre dieser 7 Seiten kann ich daher nur empfehlen.

Tools fürs Zeit”management”

Doch in diesem Blog steht auch stets die Technik im Fokus. Und daher möchte ich hier noch abschließend ein paar Tipps geben, die mir helfen, meine Zeit im Blick zu behalten, zu gestalten, zu schonen, zu nutzen, zu teilen und letztlich zu genießen. Ich gehe dabei von meinem derzeitigen Arbeitssetting aus, welches aus einem MacBook, einem iPad und iPhone besteht. Einiges wird es sicher auch für die anderen Plattformen geben. Ich bitte um Nachsicht, dass ich in diesem Beitrag etwas mehr als sonst von mir ausgehe.

Todo-Listen

Auf meine ToDo-Listen wandern kurze Erinnerungen, die mich stichwortartig erinnern. Besonders intensiv nutze ich in letzter Zeit die neuen technischen Möglichkeiten, mich nicht nur zu festgelegten Zeiten erinnern zu lassen sondern ortsgebunden. So ploppen manche Erinnerungen bei mir erst ab einem bestimmten Zeitpunkt auf (durchaus auch längerfristig bis zu einem Jahr im Voraus geplant), andere Erinnerungen tauchen aber immer wieder auf, wenn ich das Schulgebäude betrete, wenn ich meinen Wohnort erreiche, wenn ich die Bibliothek aufsuche oder, oder, oder…

Ich nutze dazu die iOS-eigene “Erinnerungen”-App als auch Appigos “ToDo“. Letzteres bewährt sich vor allem, wenn es um die Planung von Projektzusammenhängen geht.

Kalender

Kalender sollten hinlänglich mit ihrem Mehrwert bekannt sein.

Ich nutze auf dem MacBook “BusyCal“, auf den iOS-Geräten “WeekCal“. Die Erfahrungen sind sehr gut.

Mails

Mails sind für mich inzwischen auch zu einem immensen Zeitfresser geworden, so dass ich mich nach einer Möglichkeit umgesehen habe, der täglichen Flut Herr zu werden. Schnell hat sich herausgestellt, dass darin ein immenses Potential steckt, einer Mail nicht panisch und reflexhaft den sofortigen Zugriff aufs eigene Zeitbudget zu erlauben. Hierbei unterstützen mich derzeit 3 Apps, die zum Teil aus Testzwecken noch nicht abschließend beurteilen kann, sie aber in der Gewichtung ihrer derzeitigen Nutzung in meinem Workflow empfehle. Allen drei ist gemeinsam (neben einigen spezifischen Features aber vor allem der unterschiedlichen UI), dass sie erlauben, Mails schnell und unkompliziert aus der Inbox zu verbannen mit einer Art (frei wählbaren) Zeitstempel, zu dem die Mail dann durch die App wieder hervorgeholt wird:

  1. Mailbox
  2. MailPilot (seit kurzem auch für den Mac-Desktop)
  3. Evomail (funktioniert bei mir nur teilweise zuverlässig)

Wer Interesse daran hat, möglichst schnell möglichst viel aus einer Mail herauszufiltern bzw. diese zur Weiterverarbeitung an andere Tools zu übergeben, dem sei ein Blick auf die App “Dispatch” empfohlen.

Terminplanung

In der Schule muss man sich immer wieder darum bemühen, mehrere Personen “unter einen Hut” zu bekommen und letztlich zur selben Zeit an den selben Tisch – von der kollegialen Koordination über Elterngespräche bis zum externen Beratungsgespräch mit einer unterstützenden Einrichtung. Ich nutze dazu gerne die durch iCloud ausgebaute Möglichkeit, einem Termin so genannte “Teilnehmer” zuzuordnen. Dies geht eigentlich in jeder Kalenderapplikation. Sobald diese mit iCloud synchronisiert wird über den Apple-Server eine Mail an die Teilnehmer generiert, in der diese die Ereignisdetails erhalten und die Möglichkeit, den Termin anzunehmen, abzulehnen oder eine noch vage Zusage zu treffen. Dies synchronisiert sich dann automatisch ins Kalenderereignis zurück.

Darüber hinaus biete ich regelmäßige Sprechzeiten über SuperSaas an, welches ebenfalls automatisch in meinen Kalender synchronisiert.

Ebenfalls noch in der Testphase aber bereits mehrfach sehr zufriedenstellend angewendet, ist bei mir die App “Mynd” im Einsatz. Diese erlaubt es mir, in meinem Kalender freie Zeitfenster auszuwählen und dann in einer automatisch generierten Mail anzubieten. Die von mir gewählten Termine werden zunächst in meinem Kalender als geblockt gekennzeichnet, bis ich nach Rückmeldung der anderen Teilnehmer eine Rückmeldung erhalte und mich für einen Termin entscheide. Dieser wird dann eingetragen und die hinfälligen, geblockten Spots automatisch gelöscht. Dies nutze ich für etwas individuellere Absprachen, die besondere Koordination bedürfen. Besonders toll für mich ist die Möglichkeit, Evernote-Notizen mit Kalendereinträgen zu verbinden.

So, und nun vielen Dank für die Zeit fürs Lesen dieses Beitrags. Ich hoffe, sie hat sich gelohnt. Rückmeldungen, Tipps, Empfehlungen sind in den Kommentaren mehr als willkommen.

© René Scheppler, 2014

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