Medienelternabend – das Komplettprogramm

Kommentieren 18. February 2014

Ich war gestern auf einem offiziellen Medienelternabend. Zum ersten Mal als Gast. Weil mich interessiert hat, was die Eltern dort erfahren. Es dauerte 2 Stunden. Und es war ein Komplettprogramm. Von MILF bis GTA habe ich Dinge gehört und gesehen, die eigentlich nur einen Schluss übrig ließen: abschalten – das ganze Internet!

Nun ja, das war so etwas meine impulsive Haltung, als ich spät abends die Turnhalle verließ, in welcher der Vortrag “Pubertät 2.0 – Einblick ins digitale Kinderzimmer” von Günter Steppich gehalten wurde. Günter Steppich hat seinen Internetauftritt mit vielen interessanten und hilfreichen Links und Sammlungen unter www.medien-sicher.de und er ist Beauftrager für Neue Medien an der Gutenbergschule Wiesbaden und in seiner Funktion als IT-Fachberater für Jugendmedienschutz am Staatlichen Schulamt für Wiesbaden und den Rheingau-Taunus-Kreis derzeit unterwegs an vielen Schulen im Rheingau-Taunus-Kreis. Wenn ich das richtig überblicke sind das dann zum einen der Vortrag, den ich gestern gehört habe, und eine leicht veränderte Variante für Schüler. Beide vorab mal zur Ansicht:

Für die Eltern und Lehrkräfte

Für die Schüler

Ausgegangen ist Günter Steppich von folgender Übersicht:

Digitale-Medien-Plus-Minus

 

 

 

 

 

 

 

 

Und eingegangen ist er dann auf die roten Felder. Ich kannte diese Art von Vortrag oder Herangehensweise nicht, da sie sich sehr auf die Gefahren und Risiken des Internets konzentrierte. Ich habe in der ersten halben Stunde Dinge über Internetpornografie gehört und gesehen, die ich zwar kannte und einzuordnen wusste. Die mir aber in der intensiven Darstellung – gespickt mit Praxiserfahrungen des Referenten aus Familie und Schule – doch sehr geballt vorkamen. Ebenso ging es mir beim Thema Gewaltdarstellung in Internet- und Videospielen und dem Bereich des Cybermobbings. Alles weitestgehend bekannt, aber in so massierter Form wirkt das dann doch nochmals anders.

Bei mir fiel dieser Vortrag etwas auf den Boden des Blogbeitrags von Maik Riecken mit dem Titel “Handyverbote und die Psychologie der Ohnmacht“. Ich schätze Mais Blog sehr und besonders seine Rolle im medial immens aufgegriffenen Themenfeld “Sexting” (bitte in Mais Blog auch die unter dem Beitrag aufgeführten “ähnlichen Artikel” beachten) hat mich beeindruckt. Wenn ich Maiks Beitrag richtig lese, ist auch er derzeit in einer ähnlichen Funktion wie Günter Steppich an Schulen beratend unterwegs:

Es mehren sich in meinem Umfeld Berichte über neue Sextingfälle – auch in anderen Landkreisen.  Die Netzgemeinde geht nach einiger Aufregung rund um Sascha Lobos Netzuntergangsapologienmehr oder minder achselzuckend zum Alltag über, ein paar geisteswissenschaftliche Rückzugsgefechtler reagieren auf ihre Weise darauf. Stellenweise findet eine Diskussion statt, die aber inhaltlich nur “Eingeweihten” zugänglich sein dürfte. Es sind gute Zeiten für die Warner, Mahner und Kritiker “des Internets”.

Besonders der letzte Satz klang mir während des gestrigen Vortrags immer wieder im Ohr. Denn gewarnt und gemahnt wurde doch sehr deutlich. Und natürlich führt dies automatisch dazu, dass man sich selber hinterfragt und überprüft, was man da mit den Schülern im Unterricht tut. Ob es richtig ist, ihnen diese Tür so weit aufzustoßen, wenn dahinter doch so viele Gefahren lauern – egal, ob man diesen im Unterricht gemeinsam begegnet und auffangen kann oder die Jugendliche diesen dann alleine ausgesetzt bin. Wie weit trage ich Schuld daran, wenn meine Schüler auf Internetpornografie stoßen, weil ich ihnen den Auftrag gegeben habe, in unserer geschützten Klassen-Community einen Blogbeitrag über ihr Betriebspraktikum zu schreiben? In wie weit locke ich sie mit in die potentielle Abo-Abzockfalle, weil ich Unterrichtsmaterialien zur häuslichen Weiterarbeit ins Internet stelle? Bin ich (Mit-)Schuld, wenn wir Sexting-Vorfälle aufarbeiten müssen, weil ich erlaube Unterrichtsgegenstände, -produkte oder Tafelbilder abzufotografieren?

Ohne meinen medienpädagogischen Hintergrund fiele mir diese Beantwortung sicher deutlich schwieriger. Und sie fiele wahrscheinlich auch deutlich negativer für mein Engagement in diesem Bereich aus. Und damit bin ich bei meinem zweiten Gedanken nach dem gestrigen Abend, der mir noch mehr Sorgen bereitet: Wie wirken sich solche massiven Warnveranstaltungen auf die Bereitschaft der Eltern gegenüber medienaktiven Unterrichtsformen aus? Mit welchen Reaktionen müssen wir rechnen, wenn wir – wie aktuell an meiner Schule – ein neues Medienkonzept aufbauen und die Medienarbeit stärken wollen? Wenn die roten Felder der obigen Grafik solche Prominenz und Gehör bekommen, wird es wahrscheinlich zunehmend schwer für die Vertretung und Stärkung der grünen Felder. Aber sind es nicht gerade diese grünen Felder, über die es anzusetzen gilt? Sind solche Warnungen nicht doch Grund, die Medienarbeit in Schulen zu verstärken, statt sich in Resignation zu flüchten. Ich stimme Maik in seinem oben genannten Beitrag zu, wenn er schreibt:

Das Einfachste für Schulen und Eltern scheint momentan zu sein, einfach zu verbieten: Schwierige, aber gleichwohl sehr chancenreiche Zeiten für die Medienpädagogik. […]

Wenn ich Schülerinnen und Schülern keine Modelle anbiete, wie ein Handy noch genutzt werden kann außer zu kommunikativ-konsumptiven Zwecken, halte ich die Erwartung, dass mit diesen Geräten nicht auch Unsinn geschieht, für utopisch. […]

Je weniger ich mit der Unterstützung der Elternhäuser rechnen kann, desto mehr ist nach meiner Ansicht Schule gefordert. Handynutzung ist Privatsache, jedoch beschert uns diese Privatsache in der Schule viele sehr arbeitsreiche Herausforderungen, denen der begleitete Einsatz digitaler Geräte begegnen kann.

Die entscheidende Schnittstelle ist die Kooperation zwischen Elternhaus und Schule. Ist diese nicht gegeben, wird medienpädagogische Arbeit in der Schule schwer bis unmöglich. Damit meine ich nicht nur das Vertrauen der Eltern in die Arbeit in der Schule. Genauso wichtig ist die Fortführung eben dieser zu Hause. Wenn Schule Regeln und Rituale (vgl. meinen Beitrag “Schule wird digital“) für den digitalen Lernraum aufstellt, diese dann aber im Privaten umgangen oder ignoriert werden, entstehen Anreize und Gefahren, von denen Günter Steppich dann zu Recht berichtet.

Ich ziehe für mich den Schluss, dass an dieser Stelle offensichtlich noch mehr Engagement notwendig sein wird. Natürlich ist es einem als (Klassen-)Lehrer möglich, seine Schüler und über diese auch die Eltern zu erreichen. Wenn Schule sich aber als Ganzes auf den Weg macht, wird auch die Eltern(zusammen)arbeit ein anderes, höheres Niveau erreichen müssen. An unserer Schule wird dies der nächste Schritt sein, diesen Dialog aufzuziehen. Und ich bin nach dem gestrigen Infoabend von Günther Steppich (der auch für unsere Elternschaft schon stattgefunden hat) darauf mehr als gespannt.

© René Scheppler, 2014

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