Nur Parallelen? – Reformpädagogik meets digitales Zeitalter

Kommentieren 15. February 2014

In Fortführung des letzten Beitrags möchte ich heute Parallelen aufzeigen. Parallelen zwischen der Reformpädagogik und dem Lernen im digitalen Zeitalter. Dies soll gar nicht mit vielen Worten passieren sondern mit zwei Fundstücken, die mir sowohl im Netz als auch bei einem Vortrag begegnet sind.

Fundstück 1 stammt von Christian Grune aus seiner Präsentation “Reformpädagogik und digitale Medien – Chancen für neue Wege in der Schule“:

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Fundstück 2 stammt von Lisa Rosa und ist mir schon öfters in “beiden Welten” begegnet. Im Folgenden zitiere ich von PB21 aus dem Beitrag “Projektlernen im digitalen Zeitalter“:

Denken-und-Lernen-im-digitalen-Zeitalter-CC-by-nc-nd-Lisa-Rosa

Sicherlich gibt es noch diverse andere Darstellungen und Auflistungen dieser Art. Mir geht es aber gar nicht so sehr um die in den beiden Tabellen jeweils immanent aufgezeigten Paradigmenwechsel. Vielmehr geht es mir um einen Vergleich der jeweils rechten Spalten der beiden Tabellen. Es geht um den Vergleich zwischen reformpädagogischem Unterricht (Christian Grune) und Denken/Lernen im digitalen Zeitalter (Lisa Rosa). Betrachtet man diese nebeneinander, werden für mich große Parallelen deutlich:

  • Schüler und individuelle Lernprozesse im Mittelpunkt vs. lernerzentriert
  • Aktive Aneignung von Erkenntnissen/Wissen vs. forschendes Lernen
  • unterschiedliche, individuelle Lernwege vs. Lerngegenstände werden individualisiert zugänglich
  • Schüler sind selbstverantwortlich vs. Lernende bestimmen Gegenstände des Lernens und die Lernziele selbst
  • Leben und Lebensorte als Lernumgebung vs. Persönliche Lernnetzwerke & überall und immer
  • dynamisch, individualisiert, veränderlich vs. Ergebnisoffenheit
  • kooperative, projektorientierte Unterrichtsformen vs. Projektlernen & Projektgruppen
  • flexible, individualisierte Lernorganisation vs. Bedeutungen werden ausgehandelt & persönliche Sinnbildung

Dass hinter beiden Ansätzen recht ähnliche Ansätze, Ideen und Ideale für Unterricht stecken, wird schnell deutlich. Die Ursprünge kommen aber aus verschiedenen Richtungen. Diese zusammenzuführen in einer Reformpädagogik 2.0 ist nicht nur naheliegend sondern gewinnbringend für beide Richtungen. Die Ansätze der digitalen Lerntheorien können von dem erprobten und bewährten Modellen der Reformpädagogik profitieren. Hier können Grundlagen herangezogen werden, die den digitalen Wandel in eine Tradition stellen, die den Leitmedienwechsel nicht in Frage stellen sondern diesen quasi als Fortführung oder Konsequenz eines pädagogisch bereits etablierten Konzepts argumentativ stützen. Und andersherum ergibt sich für die Reformpädagogik eine Chance, die eigenen Vorstellungen ins digitale Zeitalter zu überführen, ohne dabei die Grundsäulen ihrer Konzepte aufgeben zu müssen. Die technischen Errungenschaften und Entwicklungen bieten gewissermaßen ein neues Feld, das zu erschließen aus reformpädagogischer Sicht idealistisch keine Schwierigkeiten bedeuten dürfte – viel eher (und dies soll und wird Bestandteil zukünftiger Beiträge hier im Blog sein) praktisch werden die Herausforderungen sein.

Reformpädagogik 2.0 sollte dabei aber ausschließlich pädagogische und didaktische Aspekte in den Blick nehmen. Die hier aufgezeigten Parallelen sind sichtbar und fruchtbar. Jedoch bestehen über diesen Rahmen hinaus durchaus auch Entwicklungen vor allem in der rasant fortschreitenden, technologischen Komponente, die beiden Ansätzen Schwierigkeiten bereiten und für die bisher nur bedingte Lösungen bzw. Herangehensweisen gefunden wurden. Ich spiele hier zum einen auf den Missbrauch digitaler Medien an, die oft im Privaten stattfinden aber dann massive Aus-/Rückwirkungen auf schulisches Lernen/Arbeiten haben wie Cyber-Mobbing, Sexting usw. Aber auch neue Vorstellungen von Privatsphäre, (digitaler) Identität und Datenschutz, die nicht selten weit über schulische, pädagogische und didaktische Rahmen hinausgehen. Vor allem für pubertierende Heranwachsende ergeben sich hier Schwierigkeiten und Herausforderungen für die weder die Reformpädagogik noch die sich entwickelnden, medienpädagogischen Konzepte eine praktische, zufriedenstellende Lösung anbieten. In einer gemeinsamen Herangehensweise sehe ich allerdings große Chancen.

Kommentare zu dieser Sichtweise und Gegenüberstellung sind herzlich willkommen.

© René Scheppler, 2014

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