Wenn Lehrer das Lernen stören

Kommentieren 19. September 2010

In den letzten Wochen habe ich mehrere Interviews für verschiedene Zeitungen, Zeitschriften und auch fürs Fernsehen gegeben. Stets ging es um “guten” Unterricht, “gute” Pädagogik und mal mehr und mal weniger spezifisch um eben neue Medien in ebendiesen.

Da ich inzwischen in der Beantwortung zunehmend sicherer werde und ähnliche Aussagen sich auch stets wiederholen, schaue ich zunehmend genauer auf die Art der Fragestellungen. Diese variieren natürlich je nachdem, wie firm der Interviewende im Bereich Schule, Unterricht und Pädagogik verwurzelt ist. Auffällig ist, dass die Grundannahme, das Laptops, iPods & Co prinzipiell erst einmal Störfaktoren in Schule und Klassenraum darstellen – Neiddiskussion, Ablenkung, Spielerei bis hin zu Störung durch Tastengeklapper. Das letzte Interview stand tatsächlich komplett im Zeichen der Unterrichtsstörung durch neue Medien.

Meine – offenbar überraschende – Gegenfrage war dann: Sind es tatsächlich die Geräte oder die sie benutzenden Schüler, die stören? Oder sind es womöglich die Lehrer, die für das Störpotential sorgen?

Ich möchte dies auf zwei Ebenen zumindest teilweise bejahen. Dabei soll es natürlich nicht um eine platte Pauschalisierung oder Verallgemeinerung gehen. Vielmehr möchte ich als Grundtenor den “lernenden Lehrer” bestärken. Und ich möchte darauf hinweisen, dass dieser Beitrag sicher noch nicht zu Ende gedacht ist, vielmehr aus einer seit Tagen nicht zur Ruhe kommenden Irritation heraus entsteht.

Im Unterricht: Wer neue Medien in Form von iPod, Handy, Laptop, Internet und Web 2.0 in den Unterricht bringt, verändert nicht nur eine Methode. Vielmehr wird das Setting, der Lernraum grundsätzlich angetastet. Denn im gegensatz zu einem reinen Methodenwechsel bringen neue Medien auch neue Räume in den Klassenraum. Das gilt besonders für internetfähige Endgeräte. Diese erlauben es dem Lerner, den “traditionellen” Lernraum zu verlassen – geräuschlos, unbemerkt, unbewusst -, aber auch ebenso in diesen zurückzukehren. In solchen Konstellationen – z.B. Laptopklassen – wird es nahezu unmöglich, einen lehrerzentrierten Unterricht über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten. Auch bzgl. Sitzordnung, Rhythmisierung und Lerninhalte/Aufgabenstellungen muss man grundlegend neudenken.

Wer Schülern diese Möglichkeiten an die Hand gibt, muss sich bewusst sein, das diese sie auch nutzen (wollen). Ob es mich störe, wenn Schüler unter dem Tisch mit dem iPod/iPhone nach den Lösungen der Klassenarbeit googelten, war eine Inteviewfrage. Ich finde diese Frage hoch interessant, ist es doch für mich nicht das Googlen sondern das “unter dem Tisch” und das, was diese frage impliziert: die Reaktionslosigkeit des Lehrers angesichts eines kaum zu übersehenden Leitmedienwechsels. Konnte man beim klassischen Spickztteln noch zu Gute halten, dass ja durch das Erstellen des Zettelchns, das Komprimieren und Selektieren der Informationen ein Lerneffekt vorhanden war, muss man beim Googlen wohl feststellen, dass dies nicht mehr der Fall ist. Andererseits meine ich, dass eben dieser Umstand doch nichts mehr aufwirft als die Frage nach den heutzutage notwendigen Kompetenzen. Ist es im Zeitalter von allzeit verfügbaren, nackten Informationen noch notwendig, diese z.B. in endlosen Geschichtszahltabellen abzuprüfen? Ist es noch zwingend notwendig, Schüler Einwohnerzahlen, Ländergrößen oder chemische Periodensysteme auswendig lernen zu lassen?

In dem Moment, in dem ich aber das Setting und die Aufgabenstellung dahingehend öffne, dass die durch die neuen Geräte eröffneten Möglichkeiten und Räume aktiv genutzt und sinnvoll ins Lernarrangement integriert werden, verlieren sie auch ihr Störpotential, welches primär aus dem Festhalten an gewohnten Unterrichtsstrukturen rührt, in welche sie einfach nicht hineinpassen. In offenen, selbstverantwortlichen Unterrichtsszenarien wird das Handy oder der Laptop zum Arbeitsgerät unter vielen.

In der Schule: Doch neue Medien und Geräte können nicht nur im Unterricht sondern auch in der Schule als Ganzes bzw. ihrer Gemeinschaft stören. Ich erinnere mich an eine Gesamtkonferenz einer von mir besuchten Schule, in der der Schülerprecher den Antrag stellte, in der Mittagspause iPods und Handys zum Musikhören und Mail-Checken nutzen zu dürfen. Er meinte, dies sei eine Möglichkeit des Abschaltens und Erholens nach und vor dem (Nachmittags-)Unterricht. Die Antwort des Kollegiums war einhellig, die Schüler könnten ja rausgehen, da das Verbot nur im Gebäude bestünde.

“Schlaft mal ne Nacht drüber”, war ein Spruch eines meiner Mentoren an einer anderen Schule, den dieser stets zu seinen Schülern sagte, wenn sie im Unterricht mal wieder mit rauchenden Köpfen angesichts des Stundeninhalts da saßen. Spätestens seitdem ist mir klar, dass Lernen eben nicht nur in 45-Minuten-Paketen funktioniert, sondern ganz wesentlich auch in Erholungs- und Entspannungsphasen. Wissen muss sich setzen, muss wiederholt und dann angewendet werden können.

Zudem ist Schule ein Raum permanenter, sozialer Interaktion. Ständig muss ich mich als Schüler verhalten – gegenüber Lehrern, gegenüber Freunden, gegenüber Mitschülern, gegenüber Schulangestellten. Je weiter eine Schule Ganztagsstrukturen schafft, desto intensiver werden auch diese sozialen Belastungen. Augenscheinlich wird dies, wenn man in anderen Konferenzen und Gesprächen erlebt, mit welcher Inbrunst Lehrer den geschützten Raum des Lehrerzimmers gegenüber Schülern verteidigen. Aber wo sind die Räume für Schüler, in denen sie sich mal dem sozialen Stress entziehen und abschalten können?

Dass Musikhören und Mails-Checken im gemeinamen Lernprozess im Unterricht nicht sinnvoll und effektiv ist, sieht wohl auch jeder Schüler schnell ein. Aber die größte Gruppe einer Schulgemeinschaft des Hauses zu verweisen, wenn sie um eine in ihrer Lebenswelt selbstverständliche Möglichkeit der Entspannung bittet, lässt mich noch immer fragen, ob diese bewusste Entkoppelung von Lern- und Lebensräumen tatsächlich sinvoll ist. Während im oben angesprochenen Setting des Unterrichts um konkrete Inhalte, Methoden und Lernarrangements geht, die sich angesichts technischer und medialer Wandel zunehmend auf Unterricht auswirken, geht es hierbei um eine Wertschätzung von Lebenswirklichkeiten, die Digital Natives (im Sinne von Menschen, für die iPod und Handy zu selbstverständlichen Bestandteilen ihrer täglichen Lebenserfahrung gehören) mit in den Lernraum Schule hineintragen (können/wollen). Kann ich es mir als Pädagoge mit Erziehungsauftrag erlauben, Schule und ihren Raum so zu gestalten, dass ich Gefahr Laufe, dem Lerner eine Geringschätzung seiner Bedürfnisse zu signalisieren? Bin ich nicht vielmehr herausgefordert, wie im Unterricht auch, nach Räumen zu Suchen, in denen Schüler Akzeptanz und Respekt erfahren? Dass dies nicht ohne Regeln, Strukturen und Etikettierungen stattfinden sollte, ist selbstverständlich.

Es lassen sich sich sicher weitere Beispiele finden, in denen Lehrer und Schulen in meinen Augen noch recht unbeholfen mit auf den ersten Blick eindeutigen Verboten reagieren. Auf den zweite Blick offenbare sich diese für mich aber zunehmend als gefährliche Quellen für Unterrichtsstörungen sowohl inhaltlicher als auch sozialer Art. Und dies sind dann keine Störungen mehr, die durch die Geräte oder die mit ihnen alltäglich und teilweise nicht bewusst umgehenden Schüler ausgelöst werden – sondern vielmehr durch die Reaktionen der Lehrer. Und wenn diese Störquellen dann nicht reflektiert werden, wird es kritisch für Lernerfolg, -bereitschaft und -kultur innerhalb einer Schule.

Neue Medien, ihre Potentiale als auch ihre zunehmende Allverfügbarkeit führen zu strukturellen Veränderungen, die die lernende, sich selbst reflektierende Schule und den lernenden Lehrer in größeren Maße herausfordern als die meisten pädagogischen (neu-)Ausrichtungen der letzten Jahrzehnte. Sie fordern dazu auf Lehr- und Lernräume grundsätzlich neu zu denken. Sie stören die Schule als Institution indem sie sie selber zum potentiellen Störer machen.

© René Scheppler, 2010

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