Vom Blog zum Buch – Downgrade oder Mehrwert?

Kommentieren 03. August 2010

Auf ein sehr spannendes Tool für alle WordPress 3-Nutzer bin ich eben über Matthias Heil aufmerksam geworden. es handelt sich um Anthologize, welches ein PlugIn für eben jene Blogplattform ist. Und das Versprechen dahinter ist so simple wie erstaunlich, dass es das noch nicht gibt: Es macht aus einem Blog ein Buch – sowohl als eBook aber auch in Printversion.

Das Ganze steckt noch in der Alpha-Phase und man gibt sich seitens der Entwickler noch gut ein Jahr für die Ausreifung. Ich habe es aber eben in meine Testumgebung installiert und staune, wie zuverlässig die Grundfunktion bereits funktioniert. Sicher findet man auf Anhieb diverse Dinge, die man sich zur Gestaltung und Handhabung noch wünschen würde, aber darum soll es hier angesichts der Neuentwicklung nicht gehen.

Als ich Matthias Tweet gelesen habe, habe ich spontan geantwortet, ohne das Tool angesehen zu haben:

@MatthiasHeil Das klingt aber irgendwie nach Downgrade 😉 #ebook aus dem Blog

Aber ist das tatsächlich so?

Auf den ersten Blick mag es merkwürdig klingen, aus dem digitalen und flexiblen Werk Blog ein papiernes und starres Buch pressen zu wollen. Was ist mit den ganzen Vorteilen des Blogs, seinen Kooperationsmöglichkeiten, seiner Edierbarkeit, der Überall-Verfügbarkeit? Sicher werden dies auch weiterhin die wichtigen Argumente für das Bloggen bleiben, aber es gibt auch Szenarien, in denen es sinnvoll sein kann, zu Fokussieren und zu Selektieren:

Ich merke es bei der Lernwolke selber, dass es Beiträge gibt, die schnell dahingeschrieben sind, andere, die eher informativ sind, andere, in die ich schon mehr Energie gesteckt habe. Aber alle werden im Blog artig durchgereicht, chronologisch sortiert und verschwinden irgendwann in der Masse. Natürlich steuert man mit Kategorien oder Tags dagegen, aber das kann schnell unübersichtlich werden.

Auf den Schuleinsatz übertragen sind wir da schnell beim ePortfolio. Die Schüler schreiben einen Blog – womöglich einen für mehrere Fächer (wieso sollte man für jedes Fach einen eigenen Blog haben, wenn wir doch ganzheitlich lernen wollen?). Sie sammeln Ergebnisse, berichten von Fortschritten oder schreiben auch mal etwas persönliches. Dazu kommen Kritik, Verbesserungen oder Anregungen über die Kommentarfunktion verbunden mit Überarbeitungen der Artikel. Das ganze summiert sich und wächst über das Schuljahr an – im Idealfall womöglich über mehrere Jahre. An unserer Schule führen wir halbjährliche Zeugnisgespräche, zu denen die Schüler ein Portfolio mit ihren besten Arbeiten präsentieren (im Sinne der Selbstreflexion). Als einige Schüler dies jüngst vor den Ferien mit ihren in Blogs geführten Lesetagebüchern machen wollten, standen wir vor einer kleinen Herausforderung, wie dies nun angemessen in eine Präsentation mit anderen Medientypen zu bringen ist. Letztlich wurde doch oft ausgedruckt.

Mit Anthologize bietet sich da nun die Möglichkeit, das Ganze auch recht ansehnlich zu Papier zu bringen. Oder aber als ebensolche Sammlung/Selektion der besten oder passenden Beiträge als projektabschließende Abgabe an den Lehrer (hier dann wohl als eBook, falls eine Korrektur oder bewertung vereinbart wurde). Aber auch bei den bei uns üblichen Präsentationsnachmittagen/-abenden zu Projektenden für Eltern und Freunde lassen sich solche Bündelungen sicher einfacher auslegen und begutachten als am Monitor.

Ich denke, es handelt sich um ein Tool, welches in die Kategorie “Übergangszeitalter” gehört. Angesichts der rasanten Entwicklung mobiler Geräte und der Tablets à la iPad wird es sicher bald andere Formen geben. Aber mit zunehmender Betrachtung denke ich, dass Anthologize mit seiner Grundidee so große Mehrwerte mitbringt, das es auch ein potentielles Bindeglied zu denjenigen Kollegen werden kann, die vor der rein virtuellen Variante des Blogs noch zurückschrecken. End- oder Zwischenstände durch die einfache Drag&Drop-Auswahl einzelner Blogartikel in wenigen Minuten in eine ansehnliche Buchversion zu bringen, die als digitales eBook oder eben ausgedruckt auch “traditionell” lesbar und korrigierbar sind, stelle ich mir als gutes Argument im Sinne einer Misch- oder Übergangslösung vor.

Nun habe ich die Lernwolke und die Schülerblogs noch nicht auf WordPress 3.0 upgegraded – aber dieses Tool ist ein willkommener Anreiz, dies noch in den Ferien zu erledigen. Derzeit ist das Tool wie gesagt noch in den Anfängen und nur auf Englisch verfügbar – aber es gilt: im Blick behalten.

© René Scheppler, 2010

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