Ja, wo surfen sie denn? Spiegel findet die Net-Generation nicht

Kommentieren 03. August 2010
Da ist sie wieder: die Net-Generation, die Internetgeneration, Generation Y oder wie man sie sonst gerne nennen möchte. Nun hat sich auch der Spiegel auf die Suche nach ihr gemacht oder besser gesagt nach Those Wacky Kids. Da auch ich bei dieser Suche helfen durfte und in mehreren Telefonaten nach Sinn und Unsinn des Internets für Schüler, Schule und Unterricht befragt und nun auch zitiert wurde, versuche ich mal auf das Ergebnis in Spiegel 31/2010 einzugehen (dieser Artikel ist als erster der Lernwolke kollaborativ entstanden, indem im Vorfeld über Twitter der Link zum Google-Dokument veröffentlicht wurde, an dem jeder mitschreiben konnte und wo dieser Beitrag live entstanden ist. Dort finden sich auch bereits einige Anregungen, die ich versucht habe aufzunehmen oder die bereits als Kommentar wirken können.):
Spiegel: Null Blog
Der Grundtenor ist schlicht: Es gibt sie nicht. Es gebe wohl “wichtigeres im Leben”. Es werden Studien herangezogen, der oben verlinkte Prensky bemüht und Schüler befragt, denen “das ganze hochgelobte Mitmach-Web, auch Web 2.0 genannt, (als Netzbürger der Zukunft) offenbar völlig egal” ist. Und dann fällt der für mich entscheidende Aufhänger gleich zu Beginn des Artikels:
“Eine kleine Industrie von Autoren, Beratern und findigen Therapeuten lebt von der immergleichen Botschaft: Die Jugend sei durch und durch geformt von dem Online-Medium, in dem sie groß geworden sind. Speziell die Schule müsse ihr deshalb ganz neue Angebote machen; der herkömmliche Unterricht erreiche diese Jugend gar nicht mehr”.
Nun muss ich wohl annehmen, dass ich zu “Autoren” gezählt werde. Und tatsächlich kann man den Eindruck gewinnen, dass über die Lernwolke ein “neuer Unterricht” propagiert wird. Für sehr fragwürdig halte ich aber die Unterstellung, dass es sich dabei um eine Abkehr vom “herkömmlichen Unterricht” handele, womöglich eine Kampfansage an diesen. Ganz im Gegenteil handelt es sich aus meiner Sicht bei allen ernst zu nehmenden Versuchen, die Neuerungen und revolutionären Fortschritte im Bereich der “neuen Medien” auch in und für die Schule einerseits sinnvoll zu nutzen und andererseits die Schüler verantwortungsvoll darauf vorzubereiten, stets um Ansätze, die den “traditionellen” Unterricht erweitern und ergänzen wollen. In meinen Augen kann es nicht Ziel sein, Schule und Unterricht komplett zu digitalisieren, alles über das Netz abwickeln zu wollen oder Moodle zum neuen Klassenraum zu erklären. Es geht um zwei grundlegende Dinge:
  • Die Verknüpfung von Lern- und Lebenswelten der Lerner
  • Die Integration neuer Medien als Arbeitsinstrument neben vielen anderen.
Und das nennt der Autor des Artikels in Bezugnahme auf die Studie des Hans-Bredow-Instituts dann auch selber:
Für die meisten Befragten ist das Internet keine neue Welt, sondern eine nützliche Erweiterung der alten.
Und hier liegt dann der Knackpunkt für den Unterricht, den ich mit meinen Statements auch verdeutlichen wollte:
Es kann nicht mehr darum gehen, in Informatikkursen oder mit Computerführerscheinen aufgesetzte Szenarien zu schaffen, bei denen man den Schülern etwas erklären will, was sie wie selbstverständlich nutzen. Dass es bei dieser Nutzung “bessere” und “schlechtere”, “erfahrene” und “unerfahrene”, “sichere” und “unsichere” Herangehensweisen gibt, ist etwas ganz Normales, was man auch in allen anderen Bereichen des (schulischen) Lernens beobachten kann. Die von mir angesprochenen und im Artikel zitierten “Mediennutzungsstunden” verlaufen in der Tat deshalb so fragwürdig, weil sie am falschen Punkt ansetzen. Sie sind nicht problemorientiert. oder besser gesagt: Sie sind für den Lehrer problemorientiert – die Schüler erkennen dies aber oft nicht bzw. verfallen in die nicht seltene Haltung, zu erraten, was der Lehrer denn nun hören will.
Von daher gilt es dort anzusetzen, wo auch der Schüler bereit ist, sich auf eine Schwierigkeit einzulassen. Und dazu zählte dann mein Beispiel des “wilden Googlens”. Wer dies beobachtet, wie ein Schüler verzweifelt, weil er zu seinem Thema nichts findet, wie er Suchbegriff um Suchbegriff eingibt, die Treffer kaum würdigt und zunehmend frustriert, merkt schnell, dass medienpädagogische und -didaktische Arbeit nur vom Konkreten ausgehen kann. Nur in der unmittelbaren Problemsituation ist es möglich, jemanden, der das Medium als Selbstverständlichkeit und als gegeben annimmt, sinnvoll und effektiv zu helfen. Daraus resultiert auch der Vergleich mit dem Auto, der Straßenbahn oder dem Strom aus der Steckdose – solange ein Auto zuverlässig fährt, braucht man schon einen technisch begeisterten Fahrer, der sich gerne erklären lässt, wie das im inneren des Motors genau funktioniert. Hat man dann aber eine Panne und braucht Hilfe, schaut man dem gelben Engel vom ADAC wohl doch mal lieber über die Schulter oder lässt sich erklären, wie man das Problem zukünftig vermeiden kann.
Und an dieser Stelle setzt dann das angeblich so Problematische an: Dass Lehrer und Schüler in zwei verschiedenen Welten leben würden. Dass da zwei Generationen aufeinandertreffen, die nicht mehr miteinander kommunizieren können. Und noch problematischer wird das Ganze, wenn man davon ausgeht, dass eine der beiden Seiten die “Berechtigtere” sei – in den meisten Fällen die Lehrer, die mit ihrer Erfahrenheit und ihrem Wissensvorsprung den “richtigen Weg” kennen. Dass die Schüler beim “falschen Googlen” diejenigen seien, die mit ihrem sonst so tadellos fahrenden Auto liegen bleiben, und der Lehrer als Retter in Form des ADAC-Pannendienstes zur Hilfe eilt. Wer Mediendidaktik so versteht, wird in meinen Augen schnell scheitern. Das habe ich mehrfach erlebt, als ich selber versucht habe, auf diese Art und Weise einzelne Stunden aufzubauen. Lernen in und mit den neuen Medien funktioniert aber am sinnvollsten, wenn der Lehrer seine Haltung als alleiniger Wissensvermittler aufgibt und zum Berater, Coach, Lernbegleiter wird. Sich in offenen Lernarrangements mit den akut auftauchenden Schwierigkeiten auseinanderzusetzen statt von oben herab im Frontalunterricht eine Klick-hier-klick-da-Anleitung zu geben, ist in meinen Augen der sinnvollste Weg.
Was ist dafür aber die Voraussetzung? Mehr medienpädagogische Module in der ohnehin überfrachteten Lehrerausbildung? Unzählige Fortbildungen an Nachmittagen für ohnehin ausgelastete Lehrer? An dieser Stelle kommen wir mit dem bisherigen Konzepten wohl kaum weiter, wenn wir fertige Arbeitsblätter teilen wollen, in Didaktikzeitschriften Unterrichts- oder Reihenentwürfe publizieren, die man “nachmachen” kann. Vielmehr geht es wohl darum, sich als Lehrer auch wieder auf die Rolle des Lerners einzulassen und sich mit den Medien und seinen Möglichkeiten auseinander zu setzen.Soweit mal der Versuch, auf meine zitierten Äußerungen in dem Spiegel-Artikel einzugehen. Aber wo sind sie den nun diese computerisierten Kinder? Gibt es sie tatsächlich nicht? Können wir als Schule also getrost so weitermachen wie bisher? Wird da nur wieder eine weitere Sau durchs Dorf getrieben, deren beängstigendes Geschrei bald wieder verhallt?

“Ja” lautet die Antwort, wenn man es am Gerät wie dem Computer, an einem Dienst wie Skype oder einem Netzwerk wie MySpace festmacht. “Nein” lautet die Antwort, wenn man es an der Haltung, der Einstellung und der Wahrnehmung festmacht. Hier weist der Spiegel-Artikel richtig darauf hin, dass das Nutzungsverhalten der Jugendlichen keineswegs darin besteht, tolle Programme zu schreiben, übermäßig eigene Beiträge in Blogs zu verfassen oder stundenlang die Wikipedia auf Fehler zu korrigieren. Vielmehr integrieren sie die Medien und ihre Möglichkeiten nahtlos in ihren Alltag und ihr soziales Gefüge. Und hier ist Schule dann tatsächlich gefordert – und zwar entsprechend der oben genannten, beiden Punkte:

  • Lern- und Lebenswelten verknüpfen: Lernen funktioniert am ehesten, wenn es sinnstiftend ist. Erst wenn ich erkenne, wofür ich etwas lerne, bin ich auch bereit, die notwendige Arbeit hinein zu stecken. Wer in der Schule mit dem Lehrer zusammen herausfindet, wie man in Google sinnvoll Suchen kombiniert oder Schlagworte geschickt verknüpft, der tut sich auch im Privaten leichter bzw. erlebt dort Fortschritte. Wer erkennt, dass er mit seiner Lebenswelt in der Schule akzeptiert wird, statt diese in Verboten verbannt zu sehen, wird eher bereit sein, sich einzubringen. Es sind eben nicht mehr die im Deutschunterricht so beliebten Briefe, die geschrieben werden. Kommunikation findet anders statt. Und auch der Umgang damit will gelernt sein. Natürlich könnte man sich zurücklehnen und sagen, was die Schüler außerhalb der Schule so treibe, ist ihre Privatsache. Als Schule oder Lehrer aber eigene Plattformen anzubieten, soziale Netzwerke auch im Unterricht zu nutzen oder Schülerblogs mit Kommentarfunktion zu nutzen, bietet die Chance, die in meinen Augen bestehende Verantwortung, die Schüler bei der Bewältigung ihres Alltags sowie beim Erkennen und Erlernen wichtiger Fähigkeiten (hier speziell im Bereich der Selbst- und Sozialkompetenzen) zu unterstützen. Darauf zu warten, dass die Schüler von den Personalern ihrer gewünschten Ausbildungsfirmen aufgrund kritischer FaceBook-Seiten aussortiert werden und dann mit dem Zeigefinder da zu stehen à la “hab ich doch gleich gesagt, dass das alles Schrott ist”, ist wohl kaum im Interesse verantwortungsbewusster Pädagogen. Es geht also nicht primär um ein technisches Verständnis sondern ein Nutzungsverständnis mit Blick auf die alltägliche Nutzung.
  • neue Medien als Arbeitsinstrument: Dass die Schüler viele Web 2.0-Dienste recht selbstverständlich nutzen oder – so der Spiegel-Artikel – womöglich schon wieder verwerfen, bietet die Gelegenheit genau an diese Punkt der Nutzung recht reibungslos anzusetzen. Ich brauche keine langwierigen Einführungen oder aufbauende Kurse. In dem Moment, wo ich als Lehrer die Potentiale einzelner Dienste oder Tools erkenne, kann ich diese oft schnell in den Unterricht integrieren und diese zu einem Arbeitsmedium werden lassen, in dem ich neben der Sachkompetenz (wenn z.B. Wikis zu französischen Revolution geschrieben werden) auch medienpädagogische Schwerpunkte vermitteln und erlernen kann. So, wie die Schüler auch weiter in den Fußballverein gehen, sich nahmittags mit Freunden treffen und ihren Hobbies nachgehen, so können die neuen Medien auch ein Teil guten Unterrichts werden – neben vielen anderen ebenso berechtigten Ansätzen. Aber so, wie der Effekt, einen Fußball in eine Schülergruppe zu werfen in der Hoffnung, sie bringen sich das “gute” Fußballspielen schon selber bei, braucht es eben auch im Bereich der neuen Medien Konzepte, eine verantwortungsvollen und dann auch effektive Integration in den Unterricht zu meistern. “Computer an und los!” ist sicher ebenso zu kurz gegriffen wie frontal geleitete “Klick-Kurse in Word & Excel” oder gar Nutzungsverbote.

Ob es nun diese Internetgeneration gibt oder nicht, ist in meinen Augen gar nicht die entscheidene Frage. Viel wichtiger ist es, sich als Pädagoge und Lehrer darüber selber (und dies ist wichtig) darüber bewusst zu werden, ob der verantwortungsbewusste, selbstgesteuerte Umgang mit den kommunikativen und informativen Möglichkeiten des Internets für die eigenen Schüler etwas ist, was es wert ist, zum integrativen Bestandteil des eigenen Unterrichtssettings zu werden oder eben nicht. Wer diese Frage für sich positiv beantwortet wird schnell Ansätze finden, gemeinsam mit den Schülern zu lernen und ihnen Chancen und Risiken in einem für sie nachvollziehbaren Rahmen aufzuzeigen. Dass dabei nicht in jeder Stunde gebloggt werden, ein Wiki gefüllt oder ein Podcast erstellt werden muss, ist selbstverständlich. Auch und gerade bei der Form der Einbettung der Vielfalt neuer Medien wird es auf die einzelne Lehrerpersönlichkeit ankommen – mehr noch als bei OverHead-Projektor & Co.
Da wäre es also fatal, nach einer Internetgeneration zu suchen, diese zu finden oder zu verleugnen. So wie der im Artikel zitierte Schüler richtig über das Internet sagt:

“Der Begriff ist sinnlos”, sagt Tom. ein Relikt aus der Zeit, als es noch etwas Besonderes war, die Vorstllung eines separaten Raums, getrent vom echten Leben, einer eigenen geheimnisvollen Welt, die man betritt und wieder verlässt. Tom und seine Freunde sind nur noch, wie sie sagen, “on” oder “off”. Und das meint einfach: erreichbar oder nicht.”

Und genau so wird wohl jeder Lehrer (und jede Schule) unabhängig von der vermeintlichen (Nicht-)Existenz einer computerisierten Jugend für sich entscheiden müssen, ob er “on” oder “off” sein möchte. Und das meint dann einfach: (für seine Schüler) erreichbar oder nicht.

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