Blogs im Unterricht – ein Zwischenbericht
Vor einiger Zeit habe ich hier in der Lernwolke von zwei Projekten berichtet, die sich rund um die Integration von Blogs in den Unterricht bewegen (ich denke, dies sollte gelesen werden, um die Anknüpfungen hier zu verstehen). Mit diesem Beitrag möchte ich ein erstes, angekündigtes Zwischenfazit ziehen oder wohl eher einen Blick auf den aktuellen Stand werfen. Ich werde mich dabei zur Strukturierung (und einzig dazu) entlang der Kompetenzbereiche hangeln. Dies kann und soll hier keinem wissenschaftlichen oder unterrichtsforschenden Charakter bekommen, so dass die Kompetenzbereiche auch nicht immer in Reinform eingehalten werden (können – zumal ich dies zu tun, für eine Gruppe ohnehin für fragwürdig halte).
Nutzungsverhalten
Das Projekt der Lesetagebücher war in den Deutschunterricht integriert und ist seit letzter Woche abgeschlossen. Ca. 2/3 der Schüler haben sich für die Nutzung der Blogs entschieden – die anderen haben die parallel angebotene Form auf Papier/in einem Heft genutzt. Dabei sind pro Schülerblog 10-20 Einträge entstanden, wobei die Maximalzahl aus der Anlage des Arbeitsauftrages resultierte, zu den 10 Kapiteln des Buches jeweils eine Inhaltsangabe und einen kreativen/freien Teil zu erstellen.
Neben den Blogs für jeden Schüler wurde besonders noch der übergeordnete, twitterähnliche Aktivitäten-Stream genutzt. Hier tauchten neben jedem neuen Blogbeitrag und Kommentar sehr bald auch eigene “Aktivitäten” auf, die zu einer Art asynchronen Chat wurden. Der parallel existierende Chatraum wurde zunehmend seltener genutzt, da es wohl sehr selten war, dass wirklich mehrere zeitgleich oder gar verabredet auf der Plattform unterwegs waren. Ohne eine explizite Erklärung (siehe meine Erfahrungen hier) wurden hier Youtube-Videos, Kurzstatements aus den Ferien oder auch Fragen rund um die Nutzung der Plattform gepostet und kommentiert.
Eine dritte wichtige Funktion, die in der Plattform schnell Beliebtheit fand, ist die Möglichkeit, sich private Nachrichten zu senden. Dieser Bereich ist komplett privat und wurde und wird von mir als Administrator nicht eingesehen. Die berichte der Schüler und die häufigen Nachfragen zu diesem Bereich der Plattform deuten allerdings auf eine rege Nutzung hin. Ich selber habe dies auch gemerkt, da besonders diese Möglichkeit der direkten Kommunikation (meist zwischen zwei Teilnehmer aber auch für unbegrenzt viele in Form von Sammelnachrichten möglich) genutzt wurde, um mit mir als Lehrer in Kontakt zu treten.
Sach-/Fachkompetenz
Zur Sach- bzw. Fachkompetenz besteht derzeit noch ein erster, oberflächlicher Eindruck, da die Feedbacks für die Schüler noch nicht geschrieben sind. Ich selber habe alle Beiträge gelesen und auch kommentiert. Eine “Beurteilung” – auch wenn diese nicht angestrebt ist – ist aber nicht möglich.
Dennoch gibt es Beobachtungen, die auch und vor allem aus der tollen Option resultieren, das selbe Projekt zeitgleich in der Parallelklasse geführt zu haben – dort allerdings “traditionell”, also alle Schüler auf Papier. Durch die permanenten Zwischenfeedbacks in Form von Kommentaren zu den Beiträgen in den Schülerblogs konnte ich sehr schnell und individuell “einhaken”, wenn Probleme z.B. bei der Textform der Inhaltsangabe auftauchten (diese wurde natürlich nicht streng eingehalten in der Klasse 5 – aber dennoch bereits gezielt eingeführt, inkl. der wichtigsten Kriterien). Die Schüler konnten diese Einschätzungen direkt umsetzen und so war bei vielen eine stetige Verbesserung beim Schreiben der inhaltsbezogenen Beiträge erkennbar. Die Lernkurve verlief betreuter aber nicht gesteuerter, während ich bei der Parallelklasse nur sehr sporadisch auf die Ergebnisse schauen konnte, die Schüler sehr vieles in Heimarbeit erledigten und dann auch mit fertigen Ergebnissen in die Schule kamen. Wenn hier ein Schüler 3-5 Inhaltsangaben im Laufe einer Woche (bis zur nächsten Unterrichtsstunde) fertig geschrieben und gestaltet hatte in seinem Heft, war es sehr viel schwerer, ihn hier entwicklungsorientiert zu unterstützen – zumal die Zeit fehlt, im laufenden Unterricht diese gefertigten Ergebnisse ausreichend zu würdigen.
Aus diesen Beobachtungen und Erfahrungen tendiere ich dazu, dass die Blog-Schüler ein tieferes und präziseres Verständnis in diesem Fall der Inhaltsangabe entwickelt haben, da sie über permanentes Probieren und Korrigieren dem Ziel der “perfekten Inhaltsangabe” explorativer näher gekommen sind. Die Vergleiche der ersten Beiträge mit den letzten ist bemerkenswert. Im Unterricht wurde die Form und der Aufbau der Inhaltsangabe besprochen und eingeführt, nachdem die Schüler jeweils ca. 2-3 eigenständige versuche (unangeleitet) unternommen hatten.
Medien- und Methodenkompetenz
Die Schüler haben erstaunlich schnell die Plattform “erobert”. In einer Doppelstunde wurde sie im Computerraum mit allen zusammen eingeführt und vorgestellt (inkl. Anmeldung/Registrierung). Danach folgte keine einheitliche Anleitung meinerseits – abgesehen von einem Demonstrationsvideo auf der Startseite.
Die Schüler hatten aus meiner Sicht keine übermäßigen Schwierigkeiten beim Umgang mit dem zugrunde liegenden Wordpress. Natürlich wurden nicht alle Funktionen genutzt, das grundsätzliche Schreiben und veröffentlichen der Beiträge verlief aber problemfrei. Das Gleiche ist auch beim Kommentieren zu beobachten.
Zudem haben die Schüler schnell die Unterschiede der verschiedenen Öffentlichkeitsebenen der Plattform erkannt und genutzt. Zwar ist die gesamte Klassencommunity geschützt und nur von den Schülern zugänglich, aber auch innerhalb dieses Raumes macht es Unterschiede wo und wie ich Dinge veröffentliche (siehe oben am Beispiel der Nachrichtenfunktionen). Diese Ebenen wurden von den Schülern erkannt und auch untereinander kommuniziert – natürlich nicht explizit medienkritisch/-didaktisch aber doch so, dass erkennbar wurde, dass sie sich damit beschäftigen. Dies geht dann soweit, dass für bestimmte Kommunikationsaspekte auch aus der Klassencommunity ausgewichen wird (nach SchuelerVZ, Skype oder ähnliches).
Ein ähnlich kritisches verhalten war im ersten Projektverlauf anhand der Profilbilder (also die Bilder, mit denen z.B. Beiträge gekennzeichnet werden) erkennbar. Wurden diese anfangs noch recht unbedarft eingestellt, erfolgte nach ca. 2-3 Wochen ein erster Wechsel dieser Bilder. Einzelne Schüler haben auch nachgefragt, ob diese Bilder von außerhalb der Plattform einsehbar seien und wie man sich darstellen solle/könne. Hierbei waren Wechsel der Profilbilder eher bei den Mädchen zu erkennen. Bei den Jungs wurden eigentlich durchgängig von Beginn an anonymisierte Bilder verwendet oder z.B. Comichelden wie “Die Simpsons”.
Selbst- und Sozialkompetenz
Dies ist der für mich noch am schwersten zu fassende Bereich, da er so schwer hinsichtlich seiner Einflussfaktoren zu greifen ist.
Ich möchte zwei Dinge ansprechen:
1. Lernen von anderen: Dies habe ich bereits oben angedeutet, was den Lehrer betrifft, der zu einem länger und öfter greifbaren Lernunterstützer und -berater wurde. Ich war erreichbar über die diversen Kommunikationskanäle und viele Schüler haben davon gebrauch gemacht. Sie waren dabei meistens in der Lage, ihre Probleme zu benennen und gezielt um Hilfe zu fragen. Eher selten erreichten mich diffuse Fragen, was zeigt, dass diese asynchrone Kommunikation dazu herausfordert, ein Problem oder eine Frage bewusster und präziser zu formulieren, als ich dies evtl. im direkten Gespräch unterstützt von Gestik machen würde.
Ebenso war erkennbar, dass die Schüler sich die Kommentare, die ich zu anderen Beiträgen (also von anderen Schülern) geschrieben habe, ebenfalls durchlasen und daraus lernten. So habe ich vor der “offiziellen” Besprechung einer Inhaltsangabe bei einer Schülerin kommentierend erklärt, warum es besser sein, ihre Inhaltsangabe im Präsens zu verfassen. Bei der gemeinsamen Einführung im Unterricht brachte eine Schülerin genau diesen Punkt ein und begründete ihn erst damit: “Weil sie dass bei XY so kommentiert haben”. Da auch andere dies gelesen hatten, erinnerte man sich dann aber auch schnell an meine dortige Begründung.
Dass die Kommentare aber auch Beiträge im Aktivitätenstream auftauchten, erleichterte dessen Finden. Problematisch war allerdings eine gewisse “Abhängigkeit” von meinem möglichst raschen Feedback zu neuen Beiträgen, welches zunehmend auch direkt eingefordert wurde. Ich habe mich da zunehmend zurückgehalten, habe aber zu Beginn sicher den Fehler gemacht, zu schnell und oft als Erster auf die Schülerbeiträge zu reagieren. Dies führt zum nächsten Punkt.
2. Lernen mit anderen: Blogs, so die einhellige Meinung, zeichnen sich besonders durch die Möglichkeiten des Kommentierens und Miteinander-Lernens aus. In der ersten Phase dieses Blogprojekts musste ich allerdings feststellen, dass die Schüler recht selten oder zumindest deutlich weniger kommentiert haben bei ihren Mitschülern als ich dies erwartet habe. Der Fokus schien bei vielen deutlich auf dem eigenen Produkt, den eigenen Ergebnissen zu liegen. Nun ist das ein bekannntes Phänomen, dass Blogger gerade zu Beginn ihrer Aktivitäten den Eindruck haben, nicht wahrgenommen zu werden. Ich hatte zu Projektbeginn darüber nachgedacht, diesem erwartbaren Phänomen mit einer Art “Kommentier-Hausaufgabe” oder ähnlichem entgegen zu wirken. Ich habe davon aber aus zwei Gründen abstand genommen:
- Die Schüler haben sich in der Schule über ihre Beiträge ausgetauscht. Dies ist ein nicht zu unterschätzender Unterschied zu z.B. diesem Blog “Lernwolke”. Ich sehe meine Leser so gut wie nie – kenne nur einen gewissen Teil von ihnen überhaupt “persönlich”. Die Schüler sehen sich täglich in der Schule. Wieso sollte ich mir also die Mühe machen, einen Kommentar zu schreiben, wenn ich beim Erstellungsprozess womöglich neben der Mitschülerin im Klassenraum am Rechner sitze oder ihr auch am nächsten Morgen sagen kann, wie ich ihren neuesten Eintrag finde? Und dies ist tatsächlich so. Als es z.B. um die Erstellung eigener, kreativer Beiträge ging, vernahm ich öfters Kommentare im Klassenraum wie “Schau doch mal den Beitrag zum 5. Kapitel von XY an”. Ich muss das also nicht in einem Kommentar verlinken oder anders über die Plattform verweisen. Ich denke, dass dieser Bereich derzeit von der Diskussion rund um Blogs im Unterricht noch nicht ausreichend gewürdigt/beachtet wurde.
- Die Belastung der Schüler war relativ (im Nachhinein vielleicht zu) hoch. 20 Beiträge zu 10 Kapiteln hat bei einigen Schülern zu Schwierigkeiten geführt – auch wenn ich stets auf individuelle Lerntempi usw. achte und diese auch ihren Platz finden. Die meisten Schüler waren aber gut damit beschäftigt, ihre eigenen Aufgaben zu erledigen, was wahrscheinlich auch dazu beitrug, dass der kommentierende Blick etwas weniger breit ausfiel. Es war kaum Zeit, auch noch den anderen zu helfen, wenn man mit der eigenen Arbeit derart eingespannt ist.
Diese beiden Bereiche kratzen unterschwellig ganz enorm am in meinen Augen “vierten Pädagogen” (nach Rheinhard Kahl, welcher von den drei Pädagogen Mitschüler, Lehrer und dem Raum sprach) – der Zeit. Gerade im Einführungsprozess ist es in meiner jetzigen Erfahrung sehr wichtig, genug Zeit bzw. zeitlichen Raum zu geben. Während dies für die übrigen Kompetenzbereiche auch von Bedeutung ist, wirkt sich dieses aber ganz extrem im Feld der Selbst- und Sozialkompetenz aus. Die Möglichkeiten, die ein Blogsystem ohne Frage bietet, sich als eigenständiger aber auch sozialer Lerner zu erkennen, braucht die Chance, mich mit den Ergebnissen der anderen Schüler auseinander zu setzen. Erst dann ist es möglich, mich auch für diese gewinnbringend einzusetzen und aus der bei zeitlicher Knappheit wohl eher verbreiteten Haltung des digitalen Konsumierens zu befreien.
Ein weiteres Phänomen, welches aber nicht in der Breite zu erkennen war und nur vereinzelt auftrat, soll aber dennoch nicht verschwiegen werden, da sich dies evtl. in anderen Klassengemeinschaften anders verhält:
Veröffentlichung: Hin und wieder habe ich Schüler nach ihren Ergebnissen gefragt. Zwar ist es als Administrator möglich, jederzeit in das Backend – also den Bearbeitungsbereich der Schüler – zu schauen, wenn aber über einen Zeitraum keine Einträge erfolgten habe ich mich entschieden, dies nicht sofort zu tun, sondern erst das Gespräch zu suchen – sowohl über die Plattform als auch im Klassenraum. Mehrfach bekam ich zur Antwort, man habe bereits mehrere “Entwürfe”, wolle diese aber erst noch korrigieren oder aus anderen Gründen zurückhalten und später veröffentlichen. Meine Motivationen, dies doch einfach direkt zu tun und so auch das Feedback der anderen zur Verbesserung zu nutzen, fielen nicht immer auf fruchtbaren Boden. Vor allem Jungs scheinen dies eher zu tun als Mädchen. Aber hier bin ich selber noch recht unsicher und die geringe zahl dieser “Fälle” führe ich auch nicht primär auf die Plattform bzw. die digitale Form zurück.
Technische Umsetzung
Die Stabilität der Plattform ist in meinen Augen eine der wichtigsten Erkenntnise zum derzeitigen Stand des Projekts. Nach Moodle ist dies wirklich die zweite Plattform, der ich inzwischen sehr großes Vertrauen entgegen bringe. Bis auf einen serverseitigen Komplettausfall von ca. 7 Minuten, der auch noch ausgerechnet am Vormittag eintrat als mehrere Schüler schrieben, gab es keine Aussetzer des Systems.
Im Gegenteil war es durch den OpenSource-Charakter und diverse, vorhandene Plugins im laufenden Betrieb möglich, Veränderungen, Verbesserungen und Erweiterungen vorzunehmen. So habe ich z.B. parallel weitere Gruppen angelegt für andere Bereiche des zu Grunde liegenden Urzeitprojekts für andere Fächer. Es entstanden Wikis für die Spezialthemen, die die Schüler über mehrere Wochen zur Präsentation führen werden oder ich habe Diktate eingesprochen und mit Lösungen zum Üben veröffentlicht. Aber auch eingescannte Bilder von Schülern oder Link-Tipps ins Internet sind sehr gut zu handhaben.
Die Server-Ressourchen einer Wordpress-MU-Installation sind allerdings deutlich höher als bei einer einfachen Bloginstallation. Und die Nutzungsspitzen bei mehreren, zeitgleich arbeitenden Schülern sind nicht zu unterschätzen. Im Moment komme ich aber mit einem Shared Hosting noch gut aus, so dass sich die Kosten in grenzen halten. Wollte man so etwas aber breiter (also über eine einzelne Klasse hinaus) betreiben, ist ein vorheriger Blick auf die Server sehr empfehlenswert.
Fazit, Fragen und Aussichten
Im Moment stehe ich vor mehreren Bereichen, bei denen ich mir unsicher bin oder die ich noch nicht abschließend beurteilen kann/will. Es bleibt (noch) offen…
- Wie wes möglich wird, die klar erkennbare Dominanz der Nutzung durch Mädchen nicht zu brechen, aber den Jungen weitere Anreize für eine Nutzung zu bieten. Ist dieses Medium des Blogs und des asynchronen Chats ähnlich zu Twitter überhaupt interessant für Jungen dieser Altersstufe? War es das Thema des Lesetagebuches, was die Jungen weniger angesprochen hat?
- Wie ich mit dem Faktor zeit umgehe. Dahinter steckt das permanente Wechselspiel von Fördern und Fordern, welches besonders für mich als noch relativ unerfahrenen Lehrer eine große Herausforderung darstellt. Ich sehe in dem Blogsystem mit der angegliederten Klassencommunity gute Möglichkeiten, sowohl das lernen der Schüler als auch dessen Betreuung durch mich zeitlich zu entzerren, aus dem Unterrichtsstundenkorsett zu befreien. Ich sehe aber auch deutliche Gefahren der zeitlichen Überforderung und Überlastung der Schüler. In regelmäßigen Abständen wird einem dies ja im Rahmen der G8-Diskussion offenbart. An der grundsätzlichen Öffnung von Unterrichts-Zeit-Räumen führt aber in meinen Augen derzeit kein Weg vorbei. Wie genau dieser aussieht, ist für mich noch sehr diskussionsbedürftig. Dass dies aber grundsätzlich mit der intensiveren Nutzung neuer Medien positiv zu unterstützen ist, steht aber weitestgehend außer Frage. Es ist mehr die Frage nach dem Wie als nach dem Ob.
- Wie das Projekt Nachhaltigkeit erlangt bzw. fortgeführt wird. Das digitale Vorliegen der Ergebnisse sollte als Chance begriffen werden, nicht ähnlich einem Schulheft zu dessen Verstauben zu führen. Der geschützte Einstieg bleibt auch im Nachhinein ein richtiger Weg. In einer internen Umfrage haben sich aber bereits mehrere Schüler dafür ausgesprochen, die Plattform schrittweise zu öffnen. Dies ist technisch Möglich und wird die Herausforderung der nächsten Wochen sein. Im Moment schwebt mir eine Teilveröffentlichung in einer Art ePortfolio-Charakter vor.
Mich selber interessiert nun vor allem, wie die Schüler mit der Plattform umgehen, wenn ihr kein so deutlicher Arbeitsauftrag mehr zu Grunde liegt. Die Blogs liegen derzeit ziemlich brach – bei den Aktivitätsbeiträgen tauchen aber vereinzelt noch Einträge auf. Ich plane, die Plattform in eine breitere, grundlegendere Nutzung zu überführen, sie quasi genereller Einzubinden. Ich verspreche mir da einige Optionen von dem bald in unserer Klasse eingerichteten SmartBoard – z.B. Veröffentlichung von Tafelbildern, Schülerergenbnissen, gruppenpräsentationen in der Klassencommunity.
Über Einschätzungen, Wahrnehmungen und andere Kommentare zu meinen eigenen, geschilderten Erfahrungen würde ich mich wie immer freuen. Und bitte auch durchaus kritisch (vgl. dazu die jüngst sehr anregende Diskussion angestoßen von Christian Spannagel zur Netzehrlichkeit) – ein paar Frageansätze habe ich ja angeboten. und abschließend sei nochmals darauf hingewiesen, dass es sich um einen “Zwischenbericht” – das Projekt also noch nicht abgeschlossen ist.
© René Scheppler, 2010

Hallo René,
Vieles deckt sich mit meinen Erfahrungen. Ich habe sie keine einzelnen Blogs führen lassen, sondern ich bin jetzt in einer Klasse so weit, dass ich sagen kann: “Diese Hausaufgabe erledigt ihr bitte im (nicht öffentlichen) Klassenblog!”.
So ein Blog explodiert natürlich vor Content, aber ich kann deutlich besser wahrnehmen, als hätte ich x verschiedene Blogs zu betreuen – meine SuS sind dort alle Autoren. Das Kommentarproblem bekommt man in den Griff, indem man jedem Text drei Kommentatoren “zulost” – so bleibt der Aufwand für den Einzelnen überschaubar – sonst stehen SuS da vor einer Wand und manche bkommen drei Kommentare und manche gar keinen. Selbst wir Lehrende tun uns uns doch schwer damit 20 Texte zu lesen…
Meine Hauptprobleme dabei sind:
Blogs sind für mich eher als Kontinuum gedacht – was mache ich denn damit, wenn das Projekt x oder der Unterricht in Klasse y bei Riecken vorbei ist? Wie komme ich mit der Erwartung klar, alle Texte irgendwie wahrnehmen zu müssen, um Motivation zu erhalten? Wie organisiere ich diese Wahrnehmung? Ohne organisierte Wahrnehmung gerät das Blog nämlich wirklich zum nutzlosen “virtuellen Schreibheft” – dabei ist es egal, ob es öffentlich ist oder nicht.
Ich denke gerade daran herum, Klassenbloginhalte in eine öffentliche Plattform zu übertragen… Bloß wie soll ich auswählen? Seufz… Mir fehlt so ein bisschen die Kraft zum “Dranbleiben”.
Auch meine Erfahrungen sind in vieler Hinsicht ähnlich, in anderer aber auch komplett konträr (ich bin gerade dabei, mein eigenes Projekt auszuwerten – Beitrag folgt hoffentlich bald).
Bei mir waren es z.B. die Jungs, die (freiwillig) mitgemacht haben, kein Mädchen wollte das (die Blogs waren allerdings öffentlich, wenn auch nur mit Nicknames geführt).
Ich hatte ähnliche Schwierigkeiten wie mccab99, alle Texte immer angemessen wahrzunehmen und zu würdigen. Ein enormer Zeitaufwand, den ich in der zweiten Runde des Projekts aufgrund veränderter Rahmenbedingungen nicht mehr leisten konnte.
Danke jedenfalls für Deine Analyse.
Danke für die ausführliche und sehr nützliche Auswertung! Davon gibt es noch nicht sehr viele bei uns. Ich kenne bislang nur Deine und Andreas’ (retemirabile). (In englischsprachigen Ländern habe ich die ersten Reflexionen über Erfahrungen mit Blogs im Unterricht vor ca. 5 Jahren gefunden, als hier noch die Ansage galt: Blog ist was privates und nix zum Lernen, schon gar nicht in der Schule, die von maßgeblichen bloggenden Lehrern vertreten wurde.) Aber es ist im Kommen! Es gibt inzwischen sogar schon 2. Staatsexamensarbeiten dazu. Zwar gibt es schon länger einige Lehrer bei uns, die seit Jahren mit Schülern bloggen – eine Sammlung z.B. hier http://lisarosa.wordpress.com/praxisbeispiele/ – aber bisher wurde wenig darüber geschrieben, welche Erfahrungen dabei gemacht wurden. Jetzt sind wir offenbar in einer neuen Stufe, in der öffentlich über den (bereits gemachten!) Unterricht mit Blogs reflektiert wird. An solchen Beiträgen kann man für die eigene Praxis am meisten lernen.
Und am erfreulichsten ist natürlich, dass die Erfahrungen im Wesentlichen gute sind.
Hallo René,
auch von meiner Seite zunächst vielen Dank für deinen ausführlichen und sehr interessanten Erfahrungsbericht.
Auch ich habe vor einigen Wochen mit Blogs im Unterricht experimentiert. Die Idee war, dass die SuS meiner 9. Klasse mit diesem Hilfsmittel Lesetagebücher zu einem Jugendbuch (Klaus Kordon: “Die roten Matrosen”) führen sollten. Für diesen Zweck habe ich für jeden Schüler einen Blog (bei blogger.com) eingerichtet, auf den nur der jeweiligen Schüler und ich Zugriff hatten. Vorteil dieser Vorgehensweise ist, dass die SuS nur bedingt Möglichkeiten haben, ihre Texte voneinander abzuschreiben. Nachteilig ist dagegen, dass Kommentare ausschließlich von der Lehrkraft geschrieben werden können. Damit geht vermutlich ein großer Vorteil des Bloggens in der Schule verloren. Ich habe für meinen nächsten Versuch daher – nach deinen positiven Erfahrungen – so etwas wie eine Klassencommunity ins Auge gefasst, wie du sie mithilfe von Buddypress realisiert hast.
Liebe Grüße
Ulf
@Lisa Rosa
Wenn uns die Angelsachsen einmal mehr um fünf Jahre voraus sind und du entsprechende Reflexionen kennst: Magst du nicht einmal die wesentlichen didaktischen Konzepte und methodischen Tipps in einem Bogbeitrag zusammenfassen? Mit würde das sehr helfen, damit ich nicht in unnötige Fußangeln tappe.
Gruß,
Maik
Hallo Rene,
ich habe bei meiner Arbeit mit Studierenden, Lehrern und Referendaren auch immer wieder die Erfahrung gemacht, dass insbesondere für den “technischen” Start viel Zeit eingeplant werden muss.
Bei Deinen Schilderungen zur Kommentarkultur fand ich es schön zu lesen, dass digitale Produkte zum Austausch innerhalb der (offline) Klassencommunity geführt haben. Spannend wäre sicher wie sich dies verhalten würde wenn zwei Parallelklassen hier tätig wären. Den Zwiespalt früh und ausgibig kommentieren aus Sicht der Lehrperson kann ich gut nachvollziehen. Ein möglicher Grund für die spätere Kommentierfreudigkeit der Schüler könnte aber auch Dein beispielhaftes Kommentieren in der Startphase gewesen sein. Das müsste man vielleicht noch mal versuchen etwas genauer zu erheben.
Thanks for sharing!
@Maik “Magst du nicht einmal die wesentlichen didaktischen Konzepte und methodischen Tipps [der Angelsachsen] in einem Blogbeitrag zusammenfassen? – Ui, mit so einer overview-Aufgabe wäre ich momentan zeitlich überfordert. Aber ich kann hier ein paar Hinweise geben.
Es gibt natürlich kein geschlossenes System von didaktischen Konzepten. Auch in den englischsprachigen Ländern gibt es unterschiedliche Schulen und Schulsysteme und Lehrertypen. Was jedoch generell auffällt – etwas vereinfachend zugespitzt, aber ich denke, es ist was dran:
Bei uns haben die alternativen Reformschulkonzepte durchgehend eine technikfeindliche Ideologie-Geschichte(antimodernisierend); das schlägt bis heute durch (bzw. hat bis vor kurzem durchschlagend gewirkt), sodass die Situation vor 5 jahren, als ich mit Bloggen anfing, so war, dass bloggende Lehrer (meist aus der Informatiker-Ecke und konservativ) und Schulreformer nichts miteinander am Hut hatten. Ganz anders “drüben”: Dort ist die Schulreformtradition – v.a. mit Dewey – nicht so technikfeindlich. Die neuen Technologien bzw. das neue Leit-Medium wurden nicht nur nicht als schul- und bildungsfeindlich angesehen, sondern ziemlich früh zumindest als Werkzeug erkannt, um die Bildungsdefizite zu bekämpfen. Darüber hinaus sind alle maßgeblichen Konzepte, zu verstehen, was Literacy in the digital age bedeuten könnte, von “drüben”. Ein zweites: In den USA, Kanada, Australien, New Zealand, hat man nicht diese Mentalität: Erst müssen alle möglichen Bedenken und potenziellen Probleme und Schwierigkeiten bedacht, gelöst und geregelt sein, damit etwas Neues ausprobiert werden darf.
So, jetzt aber zu Deinem sehr pragmatischen Bedürfnis:
Soweit ich übersehen kann, gibt es auch in den englischsprachigen Ländern natürlich alle Sorten von Blogs in der Schule: direktionistisch-insruktionistische ebenso wie konstruktivistisch gedachte, die den Schülern viel Raum zum eigenen Entfalten geben. Was aber m.E. sichtbar ist, ist,
1. dass diejenigen LehrerInnen, die bei ihren Schülern am meisten Selbstbestimmung und Individualisierung in ihrem Lernen zulassen – das betrifft auch die Inhalte und Ziele! – und dabei aber gleichzeitig als Lehrer nicht mit dem Wegfall der Instruktorenrolle verschwinden, sondern intensiv die individuellen Lernprozesse der SuS beobachten, beraten und Vorschläge machen, auch die größten Erfolge erzielen.
Als Paradebeispiel sehe ich immer noch Konrad Glogowski http://www.teachandlearn.ca/blog/2007/10/27/how-to-grow-a-blog/
Bei ihm ging es nicht darum, ein Stofflastiges Curriculum mittels Blog zu “vermitteln”, sondern darum, den SuS die Möglichkeit zu geben, ihre eigenen Themen, Fragen, Lern-Interessen zu verfolgen, indem sie sich (8.Klässler) jeder ein eigenes Blog als Publikations-, Kommunikations,- Vernetzungs- und Lernmedium nutzten, um dabei vielfältige Kompetenzen zu lernen, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann, die aber am besten mit Literacy im digitalen Zeitaler zusammengefasst werden können. In seinem Blog beschreibt K.G. sehr ausführlich über seine Absichten und über den Unterricht bis hin zu Arbeitsblättern, die ich von ihm übernommen habe aus flickr.
2. ist in allen Beispielen, die mir untergekommen sind – z.B. aus dem unerschöpflichen Netzwerk classroom2.0 – grundlegend, dass Bloggen, oder überhaupt social Media und digital Media generell nicht als Zusatz zum laufenden instruktionalistischen Unterricht verstanden werden, also in die Hausaufgabenecke verbannt werden, sondern während der Unterrichtszeit und anstatt der alten Vermittlungsmethoden eingesetzt werden.
3. zeigt sich ein Verständnis, dass man nicht – wie hierzulande öfters gewesen – mal etwas skeptisch probiert, ob die SuS bei sowas “mitmachen”, sondern dass man sich klar drüber ist, dass man die SuS ganz viel dabei coachen muss, weil es für die SuS viel Arbeit macht, anstrengend und fordernd ist. Ebenso natürlich ist das Verständnis der eigenen Arbeit klar: Die Lehrer begreifen es als Herausforderung für sich und stecken selbst viel Gehirnschmalz und Zeit rein.
So, es sind weniger Tipps und Tricks von “drüben” zu lernen, als ein verändertes Verständnis vom Lernen, von der Lehrerrolle und v.a. die Lust zu experimentieren.
Auffällig ist allerdings, dass niemals Schülerblogs verlinkt sind zum Anschauen – bzw. sind in den Unterrichtsblogs die Kommentare der SuS nicht sichtbar. Das hat wohl mit einem strengen Datenschutz zu tun.
Danke Lisa für die Zusammenfassung. Das liest sich sehr interessant und macht Lust, mal wieder eigene Projekte anzugehen und die genannten Prinzipien möglichst umzusetzen.
Das ist ja mal ein herausforderndes Projekt und ein guter Bericht darüber. Da ich mich selber zur Zeit mit der Bedienung und dem Einsatz eines Activboards (Whiteboard, Smartboard) bechäftige, kann ich gut nachvollziehen welche Hemmnisse beim Umgang bzw. bei der Einführung von neuen Medien in den Unterricht entstehen.
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