Schüler und ihre Handys – ein Beziehungsgeflecht?

Kommentieren 29. April 2010

Heute hatte ich Pausenaufsicht und war zuständig, die 5er an die frische Luft zu treiben. In einem Klassenraum hocke eine Gruppe Mädels – eines weinte bitterlich. Ich rechnete mit einer Krise, einem ernsthaften Problem – vor allem die Anzahl und das diskutierende statt tröstende Verhalten der drumherum stehenden Schülerinnen ließ mich vermuten, dass es nicht unbedingt ein pubertäres Phänomen sein müsste. Die Antwort auf meine Frage, was denn los sei, ließ mich dann aber doch etwas stutzen und hat mich vor allem im Nachgang beschäftigt – während ich in der Situation mehr reagiert habe:

Frau XY hat mir mein Handy weggenommen.

Es stellte sich heraus, dass es offenbar defekt ist und unerwartet geklingelt hat. Und die Kollegin hat da entsprechend der Schulvereinbarung absolut richtig reagiert.

Mir geht es jetzt aber weniger um die konkrete Situation, das Verhalten der Lehrerin oder die Regelung an meiner Schule. Was mich den Nachmittag über beschäftigt hat, war die Frage, warum diese 5. Klässlerin so stark und so emotional auf diesen Vorfall reagiert hat.

In meinen Überlegungen kam ich spontan auf zwei Ursachen:

  1. Das Mädchen war erschrocken. Die 5. Klässler kommen in diesem Schuljahr neu zu uns an die Schule. Regeln und verhaltensweisen müssen gemeinsam im Jahrgang geübt und verinnerlicht werden. Vielleicht war sie überrascht angesichts der Konsequenz? War ihr die Regelung nicht bewusst?
  2. Das Mädchen hat eine Art “Beziehung” zu ihrem Handy. In ihrem Schluchzen wurde deutlich, dass das Gerät offenbar einen besonderen Wert für sie hat. Es war nicht ganz auszumachen, worin dieser besteht. Aber die Tatsache, dass sie offenbar nicht genau wusste, wo und wie sie ihr Gerät zurück bekommen kann (siehe Punkt 1) und ab dem nächsten Tag durch zwei pädagogische Tage für die Schüler ein langes Wochenende ansteht, schien das Problem noch zusätzlich zu verstärken: 4 Tage ohne Handy drohten!

Von diesen Überlegungen und vor allem mit den Stichworten “Beziehung” und “Handy” bin ich auf einige interessante Ergebnisse gestoßen, darunter im englischen Sprachraum auf eine sehr junge Studie aus diesem Monat.

Unter dem Titel “Teens and Mobile Phones” wurden in einer Kooperation des Pew Research Center’s Internet & American Life Project und der University of Michigan Ergebnisse einer breit angelegten Studie zum Verhalten Jugendlicher im Umgang mit und der Wahrnumg von Mobiltelefonen veröffentlicht:

This study is based on the 2009 Parent-Teen Cell Phone Survey which obtained telephone interviews with a nationally representative sample of 800 teens age 12-to-17 years-old and their parents living in the continental United States and on 9 focus groups conducted in 4 U.S. cities in June and October 2009 with teens between the ages of 12 and 18.

Darin wurden diverse Aspekte untersucht und erfragt. Dinge wie generelles Nutzungsverhalten, Art der Vertragsoptionen usw. habe ich nur überflogen und die Ergebnisse unter dem speziellen Blick der obigen Vermutungen gelesen. Und zu beiden lassen sich interessante Ansätze finden.

Haben Schüler eine besondere/neuartige “Beziehung” zu Mobiltelefonen?

Diese Grafik zeigt deutlich, welch hohen und steigenden Anteil elektronische Kommunikationsmedien und speziell diejenigen auf dem Mobiltelefon basierenden an den sozialen Beziehungen haben. Daraus wird deutlich, dass das Mobiltelefon für die Jugendlichen von besonderer Bedeutung sind, wenn es darum geht, sich in ihrem Alltag zu bewegen:

Texting is also an element of teen identity. More than with other age groups,27 teens have adopted texting into their daily routines and into their expectations of how they can reach one another. Texting is a technology that fills a vital communications niche in teens’ lives.

PDF-Version, S. 15

Die Studie zeigt deutlich auf, dass das Handy für den Austausch unter Freunden genutzt wird. Dieser Bereich liegt relativ nahe und wird im zweiten Kapitel der Studie mit Zahlen unterlegt. Spannend und in dem Ausmaß bemerkenswert ist für mich allerdings der Schwerpunkt des dritten Kapitels “Attitudes towards cell phones“:

Der erste Punkt – das Sicherheitsgefühl – war für mich schon erstaunlich. Denn hier ist eine bemerkenswerte Koheränz zwischen Schülern und Eltern erkennbar, die vermuten lässt, dass hier eine Werteübernahme stattfindet. In welche Richtung ist mir noch nicht ganz klar. Aber sowohl Eltern als auch Kinder sehen in der Möglichkeit, in Kontakt zu bleiben und Hilfe zu bekommen, einen nahezu 100% zustimmungswürdigen Punkt, der – das geht aus der Studie ebenfalls hervor – auch in vielen Fällen der primäre Anschaffungsgrund für Eltern ist. Und letzteres lässt mich annehmen, dass die Werteübernahme über die Eltern auf die Schüler läuft.

Und mein Ausgangspunkt taucht in diesem Zusammenhang ebenfalls auf:

Still, teens—especially teen girls—appreciate the security a cell phone provides and come to rely on it. One high school girl described herself as being “hysterical” for several hours when she found herself home alone without her cell phone, fearing that something would happen to her and she would not be able to call someone for help. This may be an extreme example, but it speaks to the sense of security a cell phone provides, for both teens and their parents.

PDF-Version, S. 66

Und besonders für das Wort “hysterisch” war ich heute dankbar, da mich dies an meine Klassenraumerfahrung anknüpfen ließ. Das Mobiltelefon ist also – so die Studie recht deutlich an verschiedenen Stellen – neben dem oft vermuteten Nutzwert innerhalb der Peer-Groups (“The week his phone was broken “was the boringest week of my life. The first day without my phone, like, I didn’t text anybody. I felt like, ‘Where did all my friends go?’ like I moved or something, because no one knew my house number. So I just sat there, and it was during summer break too!” ” – PDF-Version, S. 68)  auch von ganz erheblicher Bedeutung für die Verbindung der Schüler zu ihren Eltern, da beide Seiten sich darauf verlassen, sich damit beruhigen oder eben mit anderen Worten: es als Bestandteil ihrer Beziehung nutzen.

Und dessen sind sich die Jugendlichen offenbar auch durchaus bewusst, wie dieses Beispiel einer Schüleräußerung im Rahmen der Studie verdeutlicht:

In fact, some teens say their parents are reluctant to take away their phones as punishment because it would sever the connectivity parents have come to rely on. In the words of a high school boy “[My par- ents] always needed us, they always needed me to have it, more than I needed to have it. Like, my mom always needed to reach me, so she would never take away the phone as punishment, because it was more useful for me to have it than for her to take it away.”

PDF-Version, S. 67

In Gesprächen mit Kollegen an meiner Ausbildungsschule bin ich öfters über Äußerungen gestolpert, die dies bereits sehr deutlich formulierten in dem Grundton

Was brauchen die denn ein Handy in der Schule. Das ist doch nur die “verlängerte Nabelschnurr” für die Eltern. Wieso müssen die denn bei jeder Kleinigkeit anrufen?

Und hier setzt etwas ein, vermute ich, was Peter Kruse jüngst in einem zu recht viel beachteten Vortrag über das Internet als Glaubensfrage angesprochen hat und was zu gewissen Teilen auch auf das Handyproblem übertragbar ist: Wir haben es mit Mentalitäts- und Wahrnehmungsverschiebungen zu tun, bei denen sich die beiden Gruppen der Nutzenden und Nicht-Nutzenden in einer Verständnisdifferenz begegnen, die schwer bis gar nicht überwindbar ist und zudem mit dogmatischen Einstellungen verschärft wird.

Zu sehen, wie intensiv die Schülerin heute reagiert hat und zu lesen, welche hohe Bedeutung das Mobiltelefon für die Kind-Elternbeziehung haben kann, hat mir deutlich vor Augen geführt, dass die von Peter Kruse angesprochene Dialog-Schwierigkeiten kein Generationphänomen sind. Sondern die neuen Medien fordern alle Beteiligten in der Übergangs- oder Transformationsphase zu permanenter Überprüfung ihres Wertesystems heraus. Auch und vielleicht besonders die Schule.

Und damit komme ich zu dem zweiten Ansatzpunkt:

(Wie) wirken sich schulische Regelungen zur Handynutzung auf die Jugendlichen aus?

Auch hierzu hat die Studie Daten erhoben. Und um eines direkt vorweg zu nehmen: Das grundsätzliche Verbot von Mobiltelefonen oder Teilverbote haben keinen erkennbaren Einfluss auf die grundsätzliche Verfügbarkeit. Denn…

Aber nicht nur das Mitführen der Geräte zeigt kaum signifikante Unterschiede zwischen “liberalen” und “restriktiven” Schulordnungen. Auch bei der Nutzung bewegen sich die Unterschiede in meinen Augen in einem Bereich, der kaum als “Erfolg” einer Verbotsmentalität bezeichnet werden kann – eher im Gegenteil:

Und dann wird in der amerikanischen Studie eine Schülerwahrnehmung bezüglich schulischer Regelungen geschildert, welches auch im Übertrag auf Deutschland nicht allzu fern der Realität ist:

Some teens describe what feels like arbitrary enforcement or a lack of clarity around school rules for mobile phones. “I don’t text much in school. And we don’t really have, and our rules are just like what- ever the teachers feels like,” said one younger high school-age boy. “Some teachers give it to you at the end of the day, some after class, some keep it over the weekend if it’s like, Thursday or Friday.”

PDF-Version, S. 82

Offenbar ist die Nutzung bereits so intensiv im Verständnis der Jugendlichen verankert, dass Verbotsregelungen nicht nur inhaltlich als pädagogische Bankrott-Erklärung zu betrachte sind, sondern schlechthin ergebnis-/effektlos sind. Wenn dann noch Uneindeutigkeiten hinzukommen, wird es für beide Seiten – Lehrer und Schüler  – undurchschaubar und irritierend.

Fazit (?)

Erlebnis, Recherche und erste Überlegungen darüber haben mir folgende Punkte verdeutlicht:

  • Mobiltelefone sind für viele Schüler ein grundlegender Bestandteil ihrer alltäglichen Kommunikation.
  • Mobiltelefone sind für Schüler (und Eltern) Bestandteil von außerschulischen, sozial wichtigen Beziehungen.
  • Das Abnehmen von Mobiltelefonen ist nicht nur ein innerschulisch regulatives Vorgehen sondern ein bedeutsamer Eingriff in das Sozialgefüge des Jugendlichen.
  • Das Abnehmen von Mobiltelefonen mit erzieherischer Absicht steht nicht selten anders lautenden Erziehungsimpulsen von außerhalb der Schule (Elternhaus) entgegen.

Für mich offen beziehungsweise überlegenswert bleiben folgende Punkte:

  • Wie sollte sich eine Schule verhalten, wenn ihre Mitglieder und beteiligten Personen offenbar unterschiedliche bis im Sinne von Peter Kruse sich ausschließende Wahrnehmungen eines kulturellen Phänomens aufweisen.
  • Inwieweit mische ich mich als Lehrer ein bzw. baue eine neue Beziehung zu meinen Schülern auf, wenn ich die Nutzung derart (wie die Studie es nahelegt) besetzter Geräte in den Unterricht integriere. Hier scheint mir ein klarer Brückenschlag zwischen Lern- und Lebenswelt stattzufinden, der aber offenbar noch emotionalere Auswirkungen mitführt als mir bisher bewusst war.

© René Scheppler, 2010

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