Google Docs ist das bessere Etherpad – Schreibkonferenz die Vierte

Kommentieren 12. April 2010

Google hatte vor kurzer zeit Etherpad gekauft. Dass einige Funktionen davon ihren Weg in Google Docs finden werden, war eine berechtigte Hoffnung. Denn gestern hat das Online-Office-Paket nun einige elementare Neuerungen erhalten. Diese sind besonders für den Schulsektor nicht uninteressant, da sie die Nutzbarkeit nun endgültig ermöglichen.

Die wichtigsten Neuerungen zeigt dieses Video aus der offiziellen Ankündigung:

Für den Einsatz in schulischen Lehr-/Lernsituationen sind vor allem drei Neuerungen von Bedeutung, von denen aber nur zwei direkt im Video angesprochen werden:

  • Kommentarfunktion: Die kommentare gab es in Google Docs bereits länger. Problematisch für Ihre Nutzung in z.B. Schreibkonferenzsettings war aber ihre Einbettung unmittelbar in den Text. Dies hat diesen schnell unübersichtlich werden lassen und auch das Entfernen der Kommentare war nicht sehr intuitiv. In der neuen Version werden diese nun an den rechten Rand gesetzt, dennoch unmittelbar mit einer Texstelle verknüpft. Dies ist in meinen Augen eine deutliche Verbesserung.
  • Simultane Kollaboration: Das ist wohl die wesentliche Übernahme aus Etherpad, welche es erlaubt, mit bis zu 50 Teilnehmer zeitgleich an einem Dokument zu arbeiten und dabei live die Änderungen der Kollaborateure mitverfolgen zu können. Wer dies aus Etherpad kennt, wird beeindruckt sein. meine Schüler haben stets gestaunt, wenn wir auf diese Art und Weise in Tabellen gearbeitet haben und wie von Geisterhand die Einträge der Anderen auftauchten. Dass dies nun nicht nur in Tabellen möglich ist, sondern mit einer großen Nutzerzahl auch in Textdokumenten, wird nicht nur – aber besonders – die Deutschkollegen freuen.

Die für mich entscheidende Neuerung, die im Video gar nicht explizit angesprochen wird, ist aber eine Dritte, welche für den schulischen Einsatz den Durchbruch oder zumindest eine sehr deutliche Vereinfachung bedeutet:

  • Anmeldefreiheit: Neben der Simultanität war für mich stets ein wesentlicher Faktor nur die Google Docs Tabellen zu nutzen derjenige, das diese derart freigegeben werden konnten, dass Dritte an der Tabelle mitarbeiten konnten, ohne sich eigens dafür bei Google mit einem eigenen Account registrieren zu müssen. Dies ist nun auch bei den Dokumenten möglich. Ich kann also eine Dokumentadresse wie für dieses zum Ausprobieren offene Testdokument für die Lernwolke mit TinyURL oder einen ähnlichen Dienst Tafelanschriebfreundlich kürzen und die Schüler direkt ins Dokument einladen. Und natürlich ist es auch sehr praktisch, solche Dokumente direkt in Moodle oder in meinem Fall eine WordPressMU-Plattform einzubetten, was die Schüler quasi unmittelbar in ihrer digitalen Lernumgebung kollaborieren lässt.

Mit diesen drei Verbesserungen besteht neben Bedenken des Datenschutzes und der Dokumenteigentümerschaft keinerlei Hinderungsgrund mehr, die Google Applikationen im schulischen Kontext zu verwenden. Gerade bei Texterstellungen, die weitestgehend personendatenunabhängig erstellt werden, sehe ich kaum noch ernsthafte Argumente, die einer Verwendung im Wege stehen.

Anzumerken ist allerdings ein kleiner Manko gegenüber dem Etherpad-Pendant. Und zwar werden bei Editieroffenheit nach außen die hinzutretenden Kollaborateure zwar angezeigt und mit rechten ausgestattet, sie tauchen aber anonym auf und auch Ihre vveränderungen werden als Anonymer mit fortlaufender Nummerierung dokumentiert. Im schulischen Einsatz wird es daher notwendig sein, die Schüler, die ihren Nutzernamen nicht wie bei Etherpad einfach ändern können, aufzufordern, ihre Änderungen zu markieren und in einem Kommentar mit ihrem Namen oder Nickname zu versehen.

Ähliches Verbesserungspotential, dass in der Etherpad-Übernahme aber prinzipiell angelegt ist, ist die Form der Dokumenthistorie. Zwar speichert Google Docs Veränderungen am Dokument automatisch ab, so dass es möglich wird, zu vorherigen Versionen zurückzukehren (bei Fehlern oder Vandalismus – letzteres habe ich in eigener Erfahrung mit Google Docs und Etherpad in der Schule kaum erlebt, zumal die PeerGroup einen “Störer” sehr schnell zur Räson ruft, wenn er das gemeinsame Ergebnis sabotiert). Mir ist noch nicht ganz klar, in welchen Abständen Google da speichert. Und auch das Zurückgehen im Bearbeitungsprozess war bei Etherpad nicht nur in abgespeicherten Versionsschritten möglich (ähnlich einem Wiki) sondern tatsächlich Buchstabe für Buchstabe, was sehr hilfreich ist, wenn mehrere Nutzer gleichzeitig also parallel Änderungen vornehmen und man zu einem Zwischenstand zurück möchte.

Insgesamt sind diese Neuerungen für mich aber eine große Bereicherung und ich werde diese Kollaborationsmöglichkeit sicher des Öfteren in Zukunft als schnelle und wie von Google gewohnt zuverlässig stabile Alternative für den oft überdimensionierten Wiki-Einsatz bei kurze Szenarien einsetzen. Zusammen mit der Importierfähigkeit diverser Formate wird es auch möglich sein, bereit fertige oder von den Schülern offline erstellte Produkte so einer schnellen Peer-Review zuzuführen und das gemeinsame Verbessern und Ausfeilen einfach zu fördern.

Zum Schluss noch eine technische Anmerkung: bei mir war es notwendig, über die Settimngs im Reiter Editing die neuen Funktionen separat freizuschalten, so dass die im nächsten, neuen Dokument auftauchten.

© René Scheppler, 2010

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