Vom Teufelskreis fehlender Medienbildung

Kommentieren 10. April 2010

So sieht er aus, der Teufelskreis fehlender Medienbildung. Jedenfalls ist dies die Vorstellung in der jüngst veröffentlichten Studie “Medienbildung – (k)ein Unterrichtsfach?” (eine mit Markierungen zum schnellen Überfliegen füge ich unten an) der Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein. Und die Lösung wird auch gleich mitgeliefert in Form des Idealzyklus der Medienbildung:

Doch ganz so einfach macht man es sich dann doch nicht. Vielmehr ist die Studie ein bemerkenswertes Werk, welches in meinen Augen auch deutlich über die Landesgrenzen hinweg Bedeutung gewinnen kann.

Denn der erste, ausführliche Teil nimmt alle Bundesländer in den Blick und beschreibt die jeweiligen Ansätze für Medienarbeit bzw. -integration in den Unterricht. Wesentliche Grundlage dafür ist jeweils der Lehrplan und soweit vorhanden eigene Pläne oder Anweisungen. Diese Übersicht findet sich auch tabellarisch im Anhang und erlaubt einen gelungenen Einblick, auf welchem, vergleichbaren Niveau man sich im eigenen Bundesland bewegt. Wer sich in der deutschen Bildungslandschaft auskennt, wird sich allerdings über die Schlussfolgerung für diesen speziellen Bereich nicht wundern:

Die Analyse der Lehr- und Rahmenpläne aller Bundesländer bezüglich einer breitenwirksamen und verbindlichen Medienkompetenzförderung zeigt ein äußerst heterogenes Bild. (…)

Bezüglich der Umsetzung wird in allen Bundesländern der fachintegrative und fächerverbindene Ansatz verfolgt. Allerdings fehlt es an unumänglichen und breitenwirksamen Konzepten sowie ausreichenden Vorgaben für die konkreten Inhalte der Medienbildung.

S. 26

Ähnliches – also hinsichtlich der ausgesprochenen Heterogenität – ergibt sich laut Studie auch bei einem Blick aufs deutschprechende, europäische Ausland. Dieser rein deskriptive Ansatz wird im folgenden unterstützt durch das Einholen von sogenannten Expertenmeinungen. Und die sich daraus ergebenen Folgerungen und Erkenntnisse sind zum Einen nicht unerwartet, andererseits aber auch beachtlich in ihrer Aufnahme, welche sich in den Empfehlungen in der Studie niederschlagen.

Auch in den geführten Experteninterviews wurde deutlich, dass die Umsetzung einer schulischen Medienbildung häufig auf der Ebene des technischen Einsatzes bleibt. Medien würden, eingebettet in ein Lernziel, als Anschauungs- und Präsentationsmedium eingesetzt; sie würden als Werkzeug zum Erreichen fachlicher Kompetenzen dienen (…)

Weniger fände eine lebensnahe Medienkompetenzvermittlung statt, welche die Schülerinnen und Schüler auf eine demokratische Teilhabe an der Gesellschaft vorbereite.

S. 32

Ein solches, deutliches – ja dramatisches – Urteil ist umso erstaunlicher angesichts der bereits vor über 10 Jahren (1995) formulierten Maßgaben im Rahmenplan der Bund-Länder-Kommission,

dass sich die Medienwelt als eigenständige “Erziehungs- und Bildungswelt” entwickelt, auf die besonders die Schule als klassisches System organisierter Bildung antworten muss. (…) denn insbesondere über die Medien an Kinder und Jugendliche herangetragene Informationen, Probleme und Wertorientierungen überdecken in ihrer Wirkung oft die Bedeutung familialer Erziehung und schulischer Bildung. Es muss daher von einer veränderten Bildungssituation, d.h. auch von veränderten Lernvoraussetzungen und Lernmöglichkeiten in der Schule ausgegangen werden.

S. 8

Doch nicht nur die Schule als isolierter Lernort wird in den Blick genommen. Vielmehr wird auch die hier im Blog jüngst mehrfach aufgegriffene Bedeutung einer engen Verknüpfung von Lern- und Lebenswelten betrachtet, welche primär oder zumindest am augenfälligsten über die Einbindung des Elternhauses in die Lernprozesse der heranwachsen realisierbar scheint. Die Problematik wird hierbei auf beiden Seiten gesehen:

Häufig würden Eltern an die Schule herantreten mit medienerzieherischen Fragen und Forderungen aus Alltagspraxen, die sie zu Hause mit ihren Kindern erleben. Lehrkräfte könnten häufig mangels mediendidaktischen und aktuellen medienkompetenten Wissens oder aufgrund von anders lautenden Lehrplanvorgaben nicht reagieren. (…)

Weiterhin wurde geäußert, dass sich Schule auch dahingehend öffnen müsse, Eltern einzubeziehen. Diese stünden dem Medienumgang des Kindes häufig hilflos gegenüber und erhofften sich Unterstützung durch die Schule.

S. 32-33

Ich halte diese Beobachtungen für zutreffend, staune allerdings über die Deutlichkeit, mit der hier auch Kritik am bestehenden System deutlich wird. Die Schelte der Lehrer ist ja nicht unbekannt – und der obige Teufelskreis hat es bereits angedeutet -, wird aber in dieser Studie neben der deutlichen Ansprache nicht isoliert gesehen. Vielmehr wird auch auf die strukturellen Rahmenbedingungen verwiesen. Hier ist nun der stellenweise unangepasste Lehrplan im Blick. An anderer Stelle wird aber auch auf die Wahrnehmung der Mediendidaktik als zusätzliche Arbeitsbelastung der Lehrer verwiesen. An dieser Stelle ist sicher keinem mit gegenseitigen Schulzuweisungen geholfen. Denn es wird doch eher deutlich, dass hier eine Situation des Sitzens im gemeinsamen Boot sich herauszukristallisieren scheint.

Als Gründe dafür (dass bereits mehrjährig bestehende Pläne kaum umgesetzt werden) werden genannt, dass sich die Lehrkräfte nicht hinreichend ausgebildet fühlen und neben einer Fülle von zu vermittelndem Unterrichtsstoff keinen Platz für eine integrative Medienbildung sähen.(…)

Es fehle an einer systematischen Medienerziehung, die ins Bewusstsein aller Lehrkräfte gelange.

S. 35-36

Vor allem diese letzte Erkenntnis wird in meinen Augen bezüglich der vorliegenden Studie noch interessant bleiben, wenn es nämlich um die Forderung eines eigenen Unterrichtsfaches geht.

Allerdings bleibt es vorerst bei erstaunlich kritischen Schlussfolgerungen, die auf der Grundlage gescheiterter Versuche in Bremen, Medienpläne von den Schulen einzufordern, davon ausgehen, dass jede Schule mit ihren individuellen Voraussetzungen eigene Pläne für die konkrete Realisierung mediendidaktischer Konzeptionen erstellen solle. In meinen Augen scheint hier die eigenverantwortliche Schule zumindest soweit durch, dass eine Steuerung über zentralisierte Pläne nicht als gewinnbringend erachtet wird. Zu betonen ist an dieser Stelle allerdings weiterhin, dass es sich noch um die Wiedergabe der Expertenmeinungen handelt.

Die für mich erstaunlichste und auch nach mehrmaligen Lesen nur schwer aufzulösende Inkonsistenz der Studie (mit ihren guten Ansätzen und Beobachtungen) bleibt allerdings im Rahmen der Frage bestehen, ob dem Titel folgend nun eine Etablierung eines eigenen Schulfachs notwendig sei. Tatsächlich hat man die Experten dazu befragt und ein erfreulich klares Feedback bekommen:

Es wird empfohlen, Medienbildung fachintegriert als Querschnittsaufgabe aller Unterrichtsfächer umzusetzen.(…)

Gäbe es ein eigenes Fach, bestünde nach Meinung der interviewten Experten die Gefahr, die Verantwortung allein bei einer Lehrperson zu sehen und sich als Lehrkraft im eigenen Unterricht nicht mit dem Thema Medien beschäftigen zu müssen.

S. 37

Bis auf die ebendort geäußerte Vermutung, dass mit dem zunehmenden gesellschaftlichen Wandel auch quasi automatisch das Gespür für eine mediendidatische Umsetzung im eigenen Unterricht bei der einzelnen Lehrkraft einsetzen werde, stehe ich dieser Sichtweise sehr positiv gegenüber. Viel zu groß ist auch die Gefahr einer fehlerhaften Wahrnehmung, die sich bei den Lernenden einzustellen droht, wenn Ausflüge in den Computerraum, das Aufbauen eines Beamers oder der Einsatz einer Lernplattform ausschließlich auf einzelne Lehrer oder womöglich als Geschenk/Belohnung beschränkt bleiben. Ebenso ist dabei der Sichtweise der Experten zuzustimmen, wenn sie anmerken:

Medienerziehung müsse als integrativer Prozess verstanden werden, der nicht als Zusatz- Randbelastung verstanden werde, sondern durch Aus- und Fortbildungen ins Bewusstsein der Lehrkräfte gebracht werden müsste.

S. 37-38

Ob nun Aus- und Weiterbildungen der richtige Weg sind, würde an dieser Stelle zu weit führen. Viel erstaunlicher ist die daran anschließende – ja sogar abschließende – Feststellung:

Sollte ein Bundesland ein eigenes Unterrichtsfach “Medien” einführen, so dürfte dies einen Fortschritt auch in anderen Bundesländern anstoßen.

S. 38

Aber ist nicht gerade dies nicht beabsichtigt (siehe oben)? Wollen die Experten nicht eigentlich gar kein eigenes Medien-Fach in der Schule? Hier dreht die Studie auf einmal in eine Richtung, die in meinen Augen aus den mehrseitigen, vorherigen Annäherungen kaum bis gar nicht nachvollziehbar ist. Es drängt sich der Eindruck einer politischen Färbung auf, die immer wieder als Gefahr gebranntmarkt wird, wenn plötzlich eine Drehung ohne inhaltliche Fundierung vorgenommen wird – deren Fehlen man vielmehr den Experten vorwirft:

Die Einrichtung eines eigenen Unterrichtsfaches wird von den befragten Experten abgelehnt. Allerdings werde hierfür keine inhaltlichen Gründe angeführt, vielmehr wurde darauf hingewiesen, dass es politisch nicht gewollt sei.  (…) Stattdessen – so die mehrheitliche Meinung der Befragten – solle Medienbildung ein integrierter Teil der Unterrichtsfächer sein.

S. 44

Und dann folgt auf Seite 44 ein Umkehrschluss den ich nicht so recht nachvollziehen kann. Ich sehe die angeführten Argumente, sehe aber auch, dass diese nicht nur unvermittelt angeführt werden und offenbar kaum belegt zu sein scheinen. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass hier Argumente ins Feld geführt werden, die den von den Experten geäußerten Befürchtungen geradezu Nahrung liefern (eigene Schulbücher, personalisierte Ausbildungen, Erhöhung des Drucks durch zentralisierte Vorgaben):

S. 44

Darauf folgt ein “Szenario”, in dem man bittet, sich vorzustellen, man würde ähnlich mit den Kulturtechniken Lesen, schreiben und Mathematik verfahren und ihnen ein eigenes Fach verwehren. Ich staune darüber, da ich im Referendariat in Hessen gerade gelernt zu haben glaube, dass ein starres Festhalten an den Fächergrenzen nicht mehr zeitgemäß sei. Und auch meine derzeitigen Erfahrungen im projektorientierten Lehren und Lernen bestätigen mich eher in der Wahrnehmung, dass es eben wenig erstrebenswert sei, der einzelnen Kulturtechnik ein eigenes Unterrichtsfach zuzusprechen. Das präsentierte Szenario der Studienverantwortlichen wäre im Gegensatz zu der beabsichtigten Untermauerung der Forderung eines eigenen Fachs “Medien” eher ein Paradebeispiel für deren Sinnlosigkeit.

Es wird deutlich, dass ich im deskriptiven Teil sowie der Darstellung der Expertenmeinungen die Studie mit großer Freude und Unterstützung auch der hier im Blog geäußerten Sichtweisen verstanden habe. Mit dieser zur Hälfte einsetzenden Umkehrung, die ich entweder nicht verstehe oder die tatsächlich nicht ausreichend begründet ist, stolpere ich allerdings über die Intention dieser Studie. Dies setzt sich auch auf S. 46 fort, wo auf einmal die Forderung nach einer bundesweiten Regelung angedeutet wird:

Gleichwohl muss es daher bundesweit geltende Mindesstandards für Medienbildung geben, deren Erreichung sichergestellt werden muss.

Zentralabitur fürs Unterrichtsfach “Medien”? Hatten die Experten nicht geraten, den einzelnen Schulen den Freiraum der Etablierung eines eigenen Mediencurriculums zu gestatten? Und darüber hinaus wurde von den Experten auch darauf verwiesen, dass eine Operationalisierung und Überprüfung der Medienkompetenz als eigenständig etabliert gedacht, nur sehr schwer bis unmöglich ist:

Standardisierte Messinstrumente für Medienkompetenz sind den befragten Experten nicht bekannt. (…)

Eine verlässliche Operationalisierung sei allerdings nur schwer möglich. Bisher bekannt seien eher Methoden, um die Eigenen Kompetenzen zu reflektieren, wie beispielsweise Portfolios (…)

S. 41-43

Also keine einheitlichen, verbindlichen, standardisierten Messungen wurden doch von den Experten ins Feld geführt bzw. auf dem derzeitigen Stand der Kompetenzentwicklung für realistisch eingestuft, sondern vielmehr die individualisierte Methode des Portfolios, welche den Lerner in den Mittelpunkt rückt und eben nicht den Output in Form einer messbaren Größe.

Dass die Medienkompetenz insgesamt ein noch nicht fest etabliertes Konstrukt ist, sondern dass hier vielmehr unterschiedlichste Einschätzungen bis hin zu Begrifflichkeiten für ein eher verschwommenes Bild sorgen, stellt die Studie anschließend heraus, findet dann aber doch einen Konsens über die Forschungsströmungen hinweg im Folgenden:

Ein zeitgemäß interpretierter Erziehungs- und Bildungsauftrag muss beides leisten, d.h. aktuelle Entwicklungen im Medienbereich sowohl inhaltlich-fachlich als auch didaktisch-methodisch aufgreifen und die Schülerinnen  und Schüler zu einem verantwortungsbewussten und sachgerechten Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologie – und darüber hinaus mit Medien allgemein – befähigen.

S. 48

Zusammen mit der wiederholten Betonung, dass Medienerziehung nicht mit der Ausstattung von Schulen und Bildungseinrichtungen missverstanden werden dürfe, klingen solche Einschätzungen für mich wieder sehr nachvollziehbar, so dass ich fast befürchte, im Mittelteil bei der Begründung der Forderung eines eigenen Unterrichtsfaches etwas falsch verstanden zu haben. Ich würde mich über andere Lesarten in den Kommentaren sehr freuen.

Aus der Betrachtung der derzeitigen Lehrerausbildungssituation stammen die oben eingefügten Zirkelschlüsse. Denn im Teufelskreis wird ein sich verstärkendes Element erkannt, was dazu führe,

dass diejenigen Studierenden, die zu den Medienkompetenten ihres Jahrgangs zählen, nicht Lehramt studieren (vgl. Kammerl/Pannarale 2007).

S. 49

Eine gewagte These, die ich bei Gelegenheit mal in der angeführten Untersuchung nachlesen sollte. Treffender ist in meinen Augen vielmehr die Feststellung, dass in den vorliegenden Ansätzen (hier werden diverse Forscher genannt)

die Medienkompetenz des Lehrers als zentraler Faktor benannt wird, aber um weitere Kompetenzen erweitert werden muss. Medienpädagogische Kompetenzen setzen sich zusammen aus:

  1. einer medienerzieherischen Kompetenz,
  2. einer mediendidaktischen Kompetenz,
  3. einer sozialisationsbezogenen Kompetenz im Medienzusammenhang,
  4. der eigenen Medienkompetenz der Lehrperson und
  5. einer Schulentwicklungskompetenz im Medienzusammenhang.
S. 51

Und hier scheint auch für mich wieder durch, dass einem solchen Kompetenzspektrum die Fokussierung durch ein eigenes Unterrichtsfach wenig bringen würde. Vielmehr wird doch in dieser breiten Auffächerung deutlich, dass ein fächerverbindener und integrativer Ansatz zielführender sein sollte. In ähnliche Richtung deutet für mich die Schulentwicklungskompetenz, ist diese doch nur sinnbringend, wenn der einzelnen Schule, an der diese zu etablieren gefordert wird, eine gewisse Autonomie in der Realisierung einzelner, kompetenzorientierter Strategien ermöglicht wird. Eine Zentralisierung und Standaradisierung mit Überprüfung auf weit übergeordneter Ebene scheint doch einer Schulentwicklungskompetenz beim einzelnen, an seiner Schule arbeitenden Lehrer eher entgegengestellt.

Die Studie erläutert die einzelnen Teilkompetenzen noch weiter, wobei sie durch ihre Benennung im Wesentlichen bereits deutlich werden sollten. Ebenso werden Handlungsempfehlungen speziell für Hamburg und Schleswig-Holstein genannt:

  1. Rahmenkonzepte für Medienkompetenzförderung entwickeln
  2. Verbindlichkeit und Qualitätssicherung für Medienkompetenzförderung schaffen
  3. "Prioritäres Thema" in der Lehrerbildung - Medienpädagogische grundbildung verbindlich verankern
  4. Weiterbildung Medien - Funktionsstellen für medienpädagogik verankern
  5. Medienerziehung im Elternhaus stärken
  6. Zusammenarbeit von außerschulischer Medienarbeit und Schulen stärken
  7. Förderung medienpädagogischer Forschung
S. 56

Ich habe einige Aspekte der Studie etwas weniger betrachtet. Insgesamt habe ich sie aber mehrfach gerne gelesen, da ich vor allem die Intensität der Auseinandersetzung und Betrachtung dieser spezifischen - aber wie deutlich geworden ist elementaren - Herausforderung schulischer Bildung bemerkenswert finde. Für mich ergaben sich einige interessante Ansätze, die ich auch durch die gute Belegung von weiteren Ergebnissen verfolgen werde. Es wird deutlich, wie kontrovers dieses Thema diskutiert werden kann, wie einheitlich aber die übergeordnete Notwendigkeit einer sich grundlegend ausdifferentierenden Mediendidaktik im schulischen Kontext wahrgenommen wird. Aus meiner Sicht wären daher ähnliche Studien auch in anderen Ländern - dies ist nun einmal dem Föderalismus geschuldet - auch in den anderen Ländern wünschenswert. Vielleicht nicht in allen Punkten mit gleichen Schlussfolgerungen aber zumindest hinsichtlich einer - und da ist die Hamburger Studie voll zu unterstützen - der Schaffung einer breiteren Würdigung medienpädagogischer Arbeit und deren dringender Notwenigkeit.

© René Scheppler, 2010

Medienbildung - (k)ein Unterrichtsfach?
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  1. 10. April 2010 um 22:03 | #1
    Scheppler

    Leider erst nach Fertigstellung dieses Beitrags habe ich das Posting hier entdeckt: http://anjafrotscher.edublogs.org/2010/04/10/medienkompetenztag-in-hamburg/
    Dabei handelt es sich um einen Erfahrungsbericht zu der Veranstaltung, auf der auch die hier besprochene Studie vorgestellt wurde. Und was ich da lese erschreckt mich dann doch in der Hinsicht, dass ich die Studie tatsächlich richtig gelesen habe. Man scheint in Hamburg gegen jeden Expertenrat (in der Befragung und der Studie und auch auf dem Podium der Diskussion) ein eigenes Fach für Medienbildung einführen zu wollen.
    Und wenn ich den Bericht von der Hamburger Veranstaltung richtig lese, findet man weder in der Studie noch bei der Präsentation vor Ort nachvollziehbare Argumente, die über subjektive Einschätzungen Einzelner hinausgehen. Während man die Ratschläge der zunehmenden Forschungen – die man ja laut Studie auch weiter fördern will – in den Wind schlägt.
    Hat man in Hamburg mit einem anderen Ergebnis gerechnet? Passt das Ergebnis durch die Expertenbefragung nicht ins Kalkül?

  2. 10. April 2010 um 22:18 | #2

    Die Studie ist von zwei Wiss. der erz.wiss. Fakultät der Uni HH gemacht worden, die m.E. vom Internet auf der Stufe 2.0 soviel verstehen wie die Kuh vom Hornblasen.
    Dessen ungeachtet bleibt wohl weiterhin für die Schule in HH bestehen, dass Medienerziehung eines der 8(Querschnitt-)Aufgabengebiete mit eigenem Lehrplan ist. Diese “Aufgabengebieten” genannten Kompetenzbereiche (z.B. auch in Sachen interkultureller Erziehung)müssen eigentlich alle Fachlehrer in allen Fächern umsetzen.

  3. 10. April 2010 um 22:28 | #3

    Was mich am meisten nervt, ist, dass 1. vom Web 2.0 nicht die Rede ist und 2. mit keinem Wort der wichtige Umstand erwähnt wird, dass es den Lehrern nicht in erster Linie an MedienDIDAKTISCHEM Wissen fehlt, sondern in erster Linie an eigener Medienkompetenz. Und da muss man ansetzen. Lehrer und angehende Lehrer müssen selbst im Internet 2.0 schwimmen wie der Fisch im Wasser, um die Literacy des 21. Jh. vermitteln zu können. Wenn sie für sich selbst nichts damit anfangen können, können sie es auch nicht als “Unterrichtsmethode” nutzen. Mal ganz davon abgesehen, dass IKT keine Unterrichtsmethode ist.
    Zu den Lehrplänen des Aufgabengebiets “Medienerziehung” sag ich mal lieber nichts.

  4. 10. April 2010 um 22:34 | #4
    Scheppler

    Danke, @Lisa, für die Erklärung der Studie. Die Außenwirkung ist aber bemerkenswert.
    Zur Medienkompetenz der Lehrer: Diese wird ja auf S. 51 zumindest als wichtiger Bestandteil der Gesamtkompetenz gesehen. Ich stimme Dir aber auch zu, dass dies vielmehr als eine Art Voraussetzung/Bedingung zu sehen wäre. In der Hinsicht hätte die Studie mit ihren verqueren Analogien ja wieder Recht: man muss wissen, worüber man spricht.
    Dann wollen wir mal hoffen, dass diese “Ergebnisse” nicht die Runde machen. ich fürchte aber – wie eingangs vermutet – dass sie Strahlkraft über Hamburg hinaus haben wird.

  5. 10. April 2010 um 22:51 | #5
    Damian Duchamps

    Danke für deine Mühe, dieses Papier zu analysieren. Aufgefallen sind mir auch ein paar Dinge.

    Schon die Zusammenfassung finde ich in ihrer Aussage bemerkenswert, vor allem in einem Satz: “Da die Einführung eines eigenen Unterrichtsfachs „Medienbildung” nach Meinung der Experten politisch schwierig umsetzbar sei, wurden alternative Möglichkeiten gesucht, durch die Medienbildung an Schulen gestärkt werden könnte.” (S. 7) Für mich klingt das sind die Verfasser der Studie von der Einführung eines eigenen Unterrichtsfachs als Ideallösung ausgegangen.

    Die Experten äußern unterschiedliche Grundauffassungen bezüglich der inhaltlichen Aspekte schulischer Medienbildung: “Zum einen geht es um den Einsatz von Medien als Mittel schulischer Lehr- und Lernprozesse, zum anderen um Medienbildung, die an der Alltags- und Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler ansetzt und das Ziel Medienkompetenzförderung verfolgt.” (S. 32) Für mich gehören beide Aspekte unbedingt zu dem, was in Schule stattfinden muss. Schüler sind im Umgang mit den neuen Medien oft sehr fit. Das “fit” bezieht sich aber vor allem auf das Handling. Sie wissen wo und wie, kennen Tricks und Cheats und finden sich insgesamt zurecht. Es fällt ihnen aber nicht unbedingt leicht, dieses Wissen aus dem Freizeitbereich auf Schule und Beruf zu übertragen und gewinnbringend einzusetzen und außerdem fehlen ihnen der kritische Umgang mit Informationen, strukturiertes und reflektiertes Vorgehen und einiges mehr. Das erwähnte Papier der Expertenkommission des BMBF berücksichtigt diese Kompetenzen leider nicht einmal ansatzweise.

    In den Kernlehrplänen von NRW finden die neuen Medien durchaus Berücksichtigung, oben genannte Kompetenzen jedoch nicht. Neue Medien sind nur hier und da als ein paar Kleckser eingestreut, wie in Englisch etwas online recherchieren oder ein Mail schreiben, in Mathematik mit Tabellenkalkulation arbeiten oder in Deutsch ein Mail verfassen oder etwas nachschlagen. Für mich ist das mehr als schwach. Den Lehrern, die selbst nur über wenig Medienkompetenz verfügen, ist sonst nichts an die Hand gegeben, außer vielleicht noch die eine oder andere Aufgabe in einem Lehrbuch, welche die neuen Medien einbezieht.

    Medienerziehung als eigenes Fach, ist grundsätzlich abzulehnen. Die Schlussfolgerung auf S. 44 (“Ein eigenes Schulfach sichert nicht nur …”) Medienbildung als eigenes Schulfach einzuführen, um zumindest über diesen Weg etwas in Bewegung zu setzten, kann ich zwar nachvollziehen, halte es aber trotzdem für den falschen Weg. Der Grund für diese Ablehnung ist einfach: Wissenschaft und Forschung wie auch die Arbeitswelt werden heute zunehmend von vernetzten Strukturen bestimmt. Damit einher gehen Kollaboration und Produktion von Inhalten. Wer teilhaben will, muss sich vernetzen können und außerdem in der Lage sein, Informationen gezielt filtern und bewerten zu können. Das sind Fertigkeiten, oder meinetwegen auch Kompetenzen, die man nicht in einem Unterrichtsfach unterbringt. Programmieren, das kann man ohne Probleme in ein Fach wie Informatik packen, nicht jedoch Medienkompetenz. Die genannten Veränderungen in Wissenschaft und Wirtschaft verlangen zwingend auch ein verändertes Lernen und Lehren, und das betrifft den Unterricht in allen Fächern. Damit aber tut sich Schule noch sehr schwer. Aufsetzen als eigenes Fach, das bringt Schule hier nicht weiter.

    In der Lehrerausbildung sollte Medienkompetenz auch als eigenständiges Thema behandelt werden – aber – es sollte sich primär in der Art der universitären Ausbildung niederschlagen. Die ist, wie Unterricht an den Schulen, noch weit von den Anforderungen einer modernen vernetzten Gesellschaft entfernt. Es reicht nicht, wenn Referate am PC getippt werden und mit PowerPoint vorgetragen werden oder Klausurergebnisse online abzurufen sind. Da muss schon mehr sein.

  6. 10. April 2010 um 23:06 | #6
    Scheppler

    Danke, Damian, auch für die zusätzlichen Aspekte/Zitate. Mir selber fiel es zunehmend schwer, mich bei der Analyse nicht selber in Widersprüche zu verstricken, da sich teilweise sehr unterschiedliche Ansätze finden lassen.

    Für die Lehrerbildung gilt auch in meinen Augen ähnliches wie für die Schule selber: Durch das Arbeiten mit den Medien kann das Lernen über Medien stattfinden. Von daher ist auch der Vorwurf in der Studie (S. 32), die Medien würden häufig als Werkzeug zur Erreichung fachlicher Inhalte genutzt, nicht ganz nachvollziehbar. Denn besonders in der Lehrerbildung eignen sich diese Medien doch genau dazu und kaum anders kann der Forderung von Lisa Rosa nachgekommen werden, dass die angehenden Lehrer selber medienkompetent werden.

    Im Unterricht verfahre ich mit guten Erfahrungen sehr ähnlich: Wir nutzen die Potentiale neuer Medien als Werkzeug zum besseren/schnelleren/effektiveren Erreichen eines inhaltlichen Ziels. Und en passant ergeben sich immer tolle Ansätze, sich über das Medium (Wiki, Blog, Lernplattform) auszutauschen. Solche aufgesetzten “Wir unterhalten uns jetzt mal über Medium XY”-Stunden halte ich für wenig hilfreich – weder für die Schüler noch für die Lehrer, die dabei wohl erst recht (vielleicht sogar zu recht) Ängste entwickeln, von den Schülern überflügelt zu werden.
    Im gemeinsamen Arbeiten ergeben sich aber für beide Seiten gute Diskussionsgrundlagen und die Schulung über das reine Handling, das wie Du sagst oft bereits vorhanden ist, wird nachvollziehbar/integrierbar. Gemeinsam und voneinander Lernen ist aber natürlich eine Herausforderung, die vom Lehrer einiges fordert, was man mit minutiös durchgeplanten und vorhergesehenen Stunden à la Referendariat nicht unbedingt lernt (ohne grundsätzlich in Frage stellen zu wollen, dass das Erlernen phasierten Unterrichts auch sinnvoll ist).

  7. 11. April 2010 um 21:27 | #7

    Lieber Rene
    Ich schliess mich an, vielen Dank für das ausführliche Kommentieren des Berichts mit all seinen Stärken und Schwächen.

  8. 13. April 2010 um 12:43 | #8
    Uwe

    Rene – eine sehr, sehr hilfreiche Analyse der Studie. Herzlichen Dank für die viele Arbeit, die einen eigenen (auch kritischen) Einstieg erleichtert.
    Was mich daran besonders interessiert, sind die durchaus von Ambiguität gekennzeichneten Aüßerungen zu den Problem von Fachstatus, integrativen Konzepten, Verbindlichkeiten. Das hat *sehr* viel mit aktuellen Diskussionen in meinem Bundesland (Thüringen) zu tun. Bei uns gibt es seit 2002 einen verbindlichen integrativen Kurs Medienkunde (bisher bis Klasse 7, wird derzeit auf Klasse 10 ausgedehnt). Die inhaltlichen Ansätze – sofern sie nicht die weitgehende von Lisa Rosa bemängelte und auch hier anzutreffende Abwesenheit von Web 2.0. betreffen – sind sooo unmodern nicht (zB das Modularisierungskonzept), auch das integrative Konzept ist nicht so einfach vom Tisch zu wischen. Integrativ heißt in diesem Falle: kein Fachstatus, sondern (auch stundenplanmäßig) Bindung an (wechselnde) Fächer und Fachinhalte.
    Wie so oft sieht die Welt aber etwas anders aus, wenn man die Praxis als Prüfstein nimmt – und registriert, dass hinter dem integrativen Konzept eben nicht nur didaktische Überlegungen, sondern auch Ressourcenbeschränkung steht… Das (ausschließlich) integrative Konzept steht derzeit mit der Ausweitung bis Klasse 10 bei Praktikern ziemlich heftig in der Diskussion.
    Es ist völlig unbenommen, dass Medienbildung und -kompetenz (wie immer der Begriff auch untersetzt sein mag)letztendlich natürlich fachübergreifend / integrativ ist. Nur – wie sieht dr Weg bis dahin aus? Gerade bei jüngeren Schülern ist zumindest die Vermittlung basaler und instrumentaler Kmpetenzen ziemlich zeitaufwändig. Bis ich z.B. im Unterricht von Möglichkeiten der Textverarbeitung, von Blogs, von kritischer Recherche im Netz, von Videografie usw. profitiere, ist einiger (auch übungsintensiver) Initialaufwand nötig. Solange Schule (oft) so ist, wie sie nun mal ist (ja, es gibt nötige und durch Medien und einen sich verändernden Bildungsbegriff initierte Veränderungen…)gibt es durch das Studen- und Wochenraster da ein erhebliches Problem. Dazu kommt, dass – wie oben zutreffend beschrieben – durchaus nicht von einer umfassenden Medienkompetenz (schon gar nicht von einer produktiven!) der Mehrzahl der Lehrer ausgegangen werden kann, auch nicht der Referendare. Effekt: An nicht wenigen Schulen ist die verbindliche Stunde Medienkunde schlicht stunden- und lehrerplanplantechnische Verfügungsmasse. Fertig.
    Nicht nur aus meiner Sicht kann dem eigentlich nur durch eine Aufwertung abgeholfen werden: Fachstatus zumindest in den jüngeren Klassen wäre ideal (bei einer so schon völlig zugemüllten Stundentafel aber wohl kaum durchzusetzen), Qualifizierung der Lehrer bis hin zu formeller Unterrichtserlaubnis ditto, ein gewisser Grad an Verbindlichkeit ebenso. Ja, ich weiß, das ist “traditionell” gedacht, aber wohl nicht völlig unzutreffend.
    Das heißt *ausdrücklich* nicht, dass die so erworbenen Möglichkeiten nicht auch von Anfang an als eigene Ausdrucksmittel, Werkzeuge oder sonstwie genutzt werden oder dass ein erheblicher (medialer) Kompetenzerwerb nicht auch in anderen Unterichtszusammenhängen stattfindet! Insofern absolut kein Widerspruch zu Rene: “Im Unterricht verfahre ich mit guten Erfahrungen sehr ähnlich: Wir nutzen die Potentiale neuer Medien als Werkzeug zum besseren/schnelleren/effektiveren Erreichen eines inhaltlichen Ziels.” Es hilft aber schon, wenn ich bei ‘nem Blog- oder Wikiprojekt nicht erst zeitaufwändig Dateikonventionen, Formatierungsfragen oder die Zwischenablage einführen und üben uss, sondern darauf sicher zurückgreifen kann – zumindest in meiner Erfahrung.
    Manche Schulen haben sich geholfen, indem sie zumindest in den jüngeren Klassen Medienkunde gesondert ausgewiesen haben und dazu Stunden aus den Ergänzungs- / Profil- / Flextöpfen genutzt haben – und dort waren und sind die Erfahrungen ausgesprochen positiv. Das soll bald kaum noch möglich sein…
    Ein Gegenbeispiel aus eigener Erfahrung: An meiner “Zweitschule;-) haben wir – durchaus nicht ohne Widerstände – eine auf Medien und Kommunikation profilierte Oberstufe etabliert, die Themen und Techniken werden in den Fachzusammenhängen verstärkt eingebracht. Filetstück aber ist ein separat und in der Oberstufe gleichberechtigt laufender Kurs “Medien und Kommunikation”, der von Medientheorie über Print,Bild, Audio, Video, Medienrecht, Berufsorientierung usw. ein sehr breites Feld abdeckt, jeweils als 3h Blockunterricht, stark an Netztools als Werkzeugen und Kommunikationsplattformen orientiert. Es ist fantastisch, was da möglich ist – und sehr befruchtend auch auf andere Unterrichtszusammenhänge.
    Gerade eine über das rein instrumentale und zeitaufwändige Umgehen mit Medien hinaus wird dann eine deutlich vertiefte kritische Auseinandersetzung mit Medien, eigenem Medienverhalten usw. möglich.

    Aus dieser Sicht ein klares Votum für eine deutliche Aufwertung von Medienbildung, für Qualifizierung usw.
    Sinnvoll scheint mir – wenn es um Fachstatus vs. integrativen Ansatz geht – eine “Doppelstrategie”. Aus meiner Sicht wäre es sehr sinnvoll, zumindest in jüngeren Klassen dediziert Zeit zur Vermittlung von Grundkompetenzen zur Verfügung zu haben, dabei jedoch einen (was Inhalte betrifft) fachintegrativen Ansatz zu fahren. Das kann dan später ohne Weiteres zu letzterem hin verschoben werden, aber auch da wäre zumindest zeitweise(zB in Form von Blockunterricht) Unterrichtszeit zur Vermittlung von instrumentalen Fähigkeiten, aber durchaus auch theoretischen Zusammenhängen usw. mehr als wünschenswert. Nicht entweder Fach oder integration also, sondern ein wohldosierter Einsatz beider Zugriffe.
    Freut mich sehr, dass die – auch kritisch zu betrachtende – Studie dafür durchaus Argumentationsmaterial bietet.

    Falls der post doppelt erscheint – sotrry, er war auf einmal weg, und ich hab keinen Moderationshinweis gesehen. In dem Fall – Rene, bitte ersten Eintrag löschen :-)

  9. 13. April 2010 um 12:46 | #9
    Uwe

    Nachtrag: Sorry für die vielen Typos. Ist ja grauslig…

  10. 13. April 2010 um 20:00 | #10

    @Uwe
    ich finde Deine Argumentation sehr nützlich. Denn eins kenne ich aus der Praxis der Umsetzung des – trotz lehrplanlegitimierten – fächerübergreifenden Praxis: Das sogenannte Kerngeschäft des Unterrichtens richtet sich nach Fächern und Fachlehrern aus (jedenfalls in der Sekundarstufe), und deshalb passiert wenig, solange die Lehrer nicht selbst sowieso kompetent mit den neuen Medien arbeiten. Also ist eine Strategie, die den Übergang modelliert, vielleicht so falsch nicht. So könnten wir sagen: Solange die Schule nach Fächern organisiert ist, brauchen wir ein Fach Literacy für den Übergang, ebenso wie es zu Beginn der Schule in der Buchgesellschaft die “Fächer” Lesen und Schreiben gab, die später im Fach “Deutsch” aufgegangen sind. Das für den Übergang ungeachtet dessen, dass die transformierte, überwundene “Schule” transdisziplinär gedacht und organisiert sein wird. Aber die media literacy kann nicht warten, bis es soweit ist. Vielleicht kann sie sogar als “trojanisches Pferd” bzw. als Katalysator für die Transformation wirken, wenn sie als eigenständiges Pflichtfach von der ersten Klasse an eingeführt wird. Und wenn es ein Fach “Media Literacy” gibt, dann muss es auch einen Fachlehrer mit Ausbildung dazu geben (für den historischen Übergang, versteht sich. Fachlehrer und Fach werden dann überflüssig, wenn Media Literacy selbstverständlich geworden ist, wie heutzutage Lesen und Schreiben.

  11. 13. April 2010 um 22:21 | #11
    Damian Duchamps

    @ Lisa Rosa
    Ein Fach Media Literacy für den Übergang lehne ich auf jeden Fall ab, denn solche Einrichtungen haben die Tendenz sich zu verfestigen und dann wird man sie nicht mehr los. Es könnte zwar die Chance bieten, dass dann vielleicht auch andere die von den Schülern erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten in ihrem Unterricht aufgreifen. Ich würde aber tendenziell eher erwarten, dass nicht Fachlehrer des Faches Media Literacy sich dann weiterhin auf ihren Lorbeeren ausruhen und die Spezialisten machen lassen – nach dem Motto: das machen die ja dort schon, wozu brauchen wir das dann noch?

    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich den Unterricht mit Computern und dem Internet (als eigenes Fach), wie ich ihn an meiner Schule erlebt habe, immer als aufgesetzt empfand. Als Lehrer suchte man krampfhaft nach Inhalten für das Vermitteln von Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und ähnlich. Versuche, Inhalte aus dem Deutsch- oder Matheunterricht zu erhalten und diese Fächer sinnvoll zu ergänzen scheiterten regelmäßig.

    Ich sehe allerdings auch, dass derzeit eine Integration der neuen Medien in den regulären Unterricht eine Illusion ist und sich auch über die nächsten Jahre kaum etwas ändern wird, falls dieses nicht von oben massiv forciert wird.

  12. 13. April 2010 um 22:33 | #12
    Uwe

    @Damian -

    ich glaub zu verstehen, was Du meinst, kann Deine Erfahrungen aber zumindest in der Absolutheit nicht bestätigen. Zum Teil Negativ – aber durchaus auch Positiverfahrungen: TV / DTP / Layout mit Haikus in Deutsch, Tabellenkalkulation mit Klimadaten Geo, I-net-Recherche, Verifizierung etc mit selbstgewählten Fachinhalten – kann gut klappen. Das alles mit Sek 1, bei Sek 2 gibts prinzipiell keine Grenze nach oben.
    Scheint mir sehr am jeweiligen Schul- und Sachzusammenhang zu liegen, von daher kann es m.E. nicht die eine gültige Antwort geben.
    Eins ist aber (häufig) richtig: Die ausschließliche Vermittlung der betroffenen Kompetenzen durch Informatiker ist oft – sagen wir mal – suboptimal ;-)
    Von oben massiv forciert – ich weiß nicht recht. Ein Modell wie das englische (zumindest bei den mir bekannten Kollegen) gefällt mir: Man kriegt nen Dienstlaptop und die nötige Infrastruktur nebst Schulung – und ab Tag X sind dann alle Verwaltungstätigkeiten ausschließlich computer- und netzgestützt zu erledigen. Ist der Schritt erstmal genommen, ist dann der nächste zum Unterrichtseinsatz der neu erworbenen Fähigkeiten nicht mehr gar so weit… Wenn Forcieren so läuft, jederzeit :-)

  13. 14. April 2010 um 07:22 | #13
    Uwe

    Noch ein kleiner Nachtrag zur Fachstatusdiskussion: M.E. ist es wichtig im Blick zu behalten, dass – bei aller Konvergenz – *Medien*bildung mehr umfasst als Netz & PC. Und spätestens da stellt sich die Frage nach Status, Unterrichtszeit, Qualifikation etwas anders. Wo es noch erhebliche Überschneidungen zwischen persönlicher Netznutzung z.B. zum informellen Lernen des Lehrers und Unterrichtseinsatz gibt, ist davon bei einem umfassenderen Medienbegriff nicht mehr sicher auszugehen. Auch ein medial interesierter Lehrer ist nicht ohne weiteres in der Lage, Filmsprache und -geschichte, grundlegende Schnitttechniken, Bildästhetik, grundlegende Layoutregeln, etwas Kommunikationstheorie usw. in seinen Unterrichtszusammenhängen zu beherrschen. Das wäre aber wohl auch unter Medienbildung zu verstehen – eine Vorstellung davon, woher die medialen Bilder kommen, die uns umgeben und prägen, wie sie entstehen, welchen gestalterischen und ökonomischen Einflüssen sie unterliegen etc etc.

    Das lässt sich m.E. zwar punktuell in andere Zusammenhänge einbinden, hat aber auch ganz eigene Sachzusammenhänge – die noch dazu für längere Zeit jenseits einer allgemeinen Medienkompetenz des Durchschnittslehrers liegen dürften.

    Von daher ist ein wie auch immer gearteter Fachstatus nicht nur als Interimslösung denkbar. Es muss ja – wie weiter oben beschrieben – nicht zwangsläufig ein “normales” Fach sein: temporäre Strukturen wie Block- oder Projektunterricht sind denkbar, genau wie die auf Abruf verfügbare Leistung eines “media specialist”, Wahlpflichtbereiche usw.

    Blick über den deutschen Tellerrand: In den letzten paar Jahren hatte ich immer mal wieder die Möglichkeit, US-Schulen von innen zu sehen, darunter auch etliche sog. magnet schools und charter schools. Dort hab ich z.T. absolut Beeindruckendes im Bereich media studies – als Fach (Wahlpflicht)! – gesehen, die dort erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten sind, soweit ersichtlich, auch regelmäßig auf andere Unterrichts- und Bildungszusammenhänge “durchgeschlagen”. Media Literacy im eigentlichen Sinne :-)
    Von daher nochmal ein Plädoyer für eine differenzierte Betrachtung… Schön wär es natürlich, wenn Schulen im Rahmen ihrer Profilbildung mit größerer Selbständigkeit über ihre Modelle der Entwicklung medialer Kompetenzen entscheiden könnten – ggf. durch regelmäßige Kompetenztests verbindlich gemacht. Das wär’s doch…

  14. 15. April 2010 um 19:14 | #14
    Damian Duchamps

    @ Uwe
    mit “massiv forciert” meine ich in der Tat nicht unbedingt einen Zwang von oben, sondern eine gezielte Heranführung aller Lehrer an einen Unterricht mit neuen Medien.
    Meine Hoffnungen, dass wir dieses in Deutschland erleben, sind allerdings alles andere als groß. Die Erfahrung zeigt, dass es – wie René in einem Tweet so schön sagte, leichter ist (Wahl)Plakate zu kleben als Klassenräume zu streichen.

    Eigentlich braucht man es nicht sagen, denn wir wissen es alle. Lehrer haben genug andere Sorgen und Belastungen in ihrem Schulalltag als das sie sich dann auch noch mit dem Thema Unterrichtsveränderung durch neue Medien beschäftigen möchten.

    Bildung taugt zwar wunderbar als Wahlkampfthema, doch in der Praxis sieht es alles anders aus. Hier in NRW – und ich kann nur über dieses Bundesland sprechen – hier finde ich es ziemlich krass. Der Öffentlichkeit werden Zahlen vorgeführt, die mehr Schein als Sein sind. Die Politik ist leider nicht Willens, mehr Ressourcen in die Bildung zu stecken.

    Für mich sähe eine vernünftige Lehrerfortbildung wie folgt aus:

    das Land stellt so viele zusätzliche Lehrer ein, dass Lehrer auf Fortbildung gehen können, ohne das Unterricht ausfällt.
    Fortbildung (z.B. zum Thema Unterricht mit neuen Medien) beginnt mit einem intensiven mehrtägigen Seminar, in dem Grundlagen gelegt werden.
    Um Nachhaltigkeit zu garantieren, begleitet die Fortbildung die Umsetzung des Gelernten im Unterricht in den folgenden Monaten mit jeweils einem Seminartag pro Woche oder jede zweite Woche. Hier werden Erfahrungen ausgetauscht und das Gelernte wird um Neues erweitert.
    Gegenseitige Hospitationen der Fortbildungsteilnehmer unterstützen die Weiterentwicklung der Teilnehmer.

    Lehrer, müssten sich außerdem selbst als lebenslange Lerner begreifen lernen und wieder eine Neugier auf Neues entdecken. Ihr Dienstherr muss ihnen als Lernern die gleichen Rechte auf Aneignung und Einübung neuer Unterrichtswege ermöglichen, wie wir auch den Schülern diese Möglichkeit geben müssen. Und auch Lehrer haben ein Recht auf individuelle Förderung.

    Leider wird das in den Köpfen der Politiker nicht ankommen. Andere Interessengruppen haben eine stärkere Lobby. Die, die entscheiden, sind vermutlich schon so weit von Schule weg, dass sie keine Ahnung haben. Die Vorführ-Zauber-Stunden, die sie bei Schulbesuchen zu sehen bekommen, scheinen sie für Realität zu halten.

    Was ich hier in NRW erlebe, was die Lehrerfortbildung angeht, das ist traurig. Kompetenz- und Machtrangelei auf Ebene der Ministerien und Bezirksregierungen. Inkompetenz und politisches Geschachere sind Alltag. Anordnungen aus den Ministerien haben teilweise eine Halbwertszeit von nicht mal einem Tag. Moderatoren, die fortbilden sollen, werden selbst nicht fortgebildet. Wer Gymnasiallehrer fortbilden will, braucht besondere Zusatzzertifizierungen. Da Schulen knapp mit Lehrern sind, wollen vor allem im Gymnasial- und Realschulbereich kaum Schulen Lehrer für Moderationstätigkeiten freistellen, selbst wenn es nur für zwei Wochenstunden ist.

    Ich könnte hier noch tagelang schreiben. Doch das führt über das Thema hinaus.

    Fazit: Es sieht eher mau aus mit einer effizienten und qualifizierten Veränderung von Unterricht, egal in welcher Hinsicht. Es fehlt in der Politik dazu leider die Bereitschaft, großen Worten auch große Taten folgen zu lassen.

  15. 15. April 2010 um 19:15 | #15
    Damian Duchamps

    Versuch 2, meine Liste als Liste erscheinen zu lassen:

    Für mich sähe eine vernünftige Lehrerfortbildung wie folgt aus:

    Das Land stellt so viele zusätzliche Lehrer ein, dass Lehrer auf Fortbildung gehen können, ohne das Unterricht ausfällt.

    Fortbildung (z.B. zum Thema Unterricht mit neuen Medien) beginnt mit einem intensiven mehrtägigen Seminar, in dem Grundlagen gelegt werden.

    Um Nachhaltigkeit zu garantieren, begleitet die Fortbildung die Umsetzung des Gelernten im Unterricht in den folgenden Monaten mit jeweils einem Seminartag pro Woche oder jede zweite Woche. Hier werden Erfahrungen ausgetauscht und das Gelernte wird um Neues erweitert.

    Gegenseitige Hospitationen der Fortbildungsteilnehmer unterstützen die Weiterentwicklung der Teilnehmer.

  16. 05. May 2010 um 09:53 | #16
    Tobias Unger

    Die Diskussion um Medienkompetenz auf Seiten der Schüler als auch der Lehrer gibt es ja schon länger. Ich denke aber, dass die entscheidendere Variable die Selbstlernkompetenz ist. Schülerinnen und Schüler müssen in der Schule zum eingenverantwortlichen UND selbstständigen Lernen herangeführt werden. Ob dieses nun mit dem Web (1.0 oder 2.0) passiert ist zunächst, meiner Meinung nach, unerheblich. Sind sie kompetente Selbstlerner, können sie sich später auch auf die neuen Möglichkeiten durch das Internet einlassen. Mit Medien umgehen können die Meisten ja sowieso – aber sie müssen Selbstlernkompetenz aufweisen, um die Medien für den Lernprozess (Lehrer: Lehrprozess) effektiv nutzen zu können.

  17. 05. May 2010 um 12:09 | #17

    @Tobias Unger Ich hoffe, ich verstehe richtig, dass Du mit dem merkwürdigen Begriff “Selbstlernkompetenz” selbständiges Lernen meinst. Denn Lernen ist immer “selbst” und eine “Fremdlernkompetenz” könnte es gar nicht geben. Aber auch darüber, was denn “selbständiges” Lernen sei, müsste man präziser werden. Ist damit gemeint, ohne Hilfe, Coach, Anleitung? Oder ist damit gemeint, dass alleine – also ohne Kommunikation mit anderen gelernt werden soll? Oder ist damit gemeint, dass gelernt werden darf, was der Lerner selbst lernen möchte?
    Eine zweite Sache ist mir wichtig:
    Du stellst es so dar, als ob man zuerst (Selbst-)Lernkompetenz entwickelt haben muss, bevor man die Neuen Medien “effektiv” nutzen kann.
    Was verstehst Du unter “effektiv”? Analog dazu müsste man denken, dass ebenso erst die “Alten Medien” nutzbar sind, wenn “Selbstlernkompetenz” vorliegt. Man lernt aber immer mit Medien und nur mit Medien, und Lernen bedeutet Entwicklung. Wir würden nicht sagen, Bücher kann jemand erst “effektiv” lesen, wenn er (Selbst-)Lernkompetenz hat. Bücher lesen lernt man beim Bücherlesen. Und Media-Literacy lernt man bei der Nutzung von Media – ob neu oder alt. Die heute notwendige (Selbst-) Lernkompetenz lernt man überhaupt nur mit den heute aktuellen Leitmedien. Es handelt sich also m.M. nach nicht um ein Nacheinander, sondern um ein Währenddessen und mittels dessen.

  18. 05. May 2010 um 14:25 | #18
    Tobias Unger

    @Lisa: ich wollte nicht andeuten, dass ich einen Verzicht auf (neue) Medien mir wünsche. Ganz und gar nicht. Medienkompetenz – auch dies ist ja ein schwammiger Begriff, weil er mehrere Teilkompetenzen beinhaltet – ist und bleibt ein wichtiges Kriterium, welches in Schule, Ausbildung und Hochschule erlernt, manifestiert und genutzt werden muss. Der Bildungsauftrag sieht ja vor, dass die Schüler von Heute auf das Lernen von Morgen vorbereitet werden (Stichwort – auch schon ausgelutscht-: Lebenslanges Lernen). Dabei spielt Medienkompetenz eine entscheidende Rolle. Allerdings, so habe ich es in meiner eigenen Untersuchung für meine Doktorarbeit festgestellt, fehlt es den Lernern an der Hochschule nicht an dieser, sondern an der Kompetenz, sich selbstständig, selbstverantwortlich und selbstmotivierend mit Lerninhalten zu beschäftigen und diese zu bearbeiten. Dieses trifft besonders auf das Lernen mit neuen Medien zu, da hier aus der Schulerfahrung meist keine Kenntnisse vorhanden sind. Diese ‘Selbstlernkompetenz’ [http://de.wikipedia.org/wiki/Selbstlernkompetenz] muss also verstärkt in den Unterrichtsalltag integriert und dabei mit unterschiedlichen Medien gekoppelt werden (ob Buch, TV, WWW … etc.).

    Ich denke also, dass die Diskussion um Medienkompetenz auch immer das Thema der Selbstlernkompetenz berücksichtigen muss.

  19. 05. May 2010 um 15:45 | #19

    @Tobias, den Wikipedia-Artikel halte ich nicht grad für state of the art im Bereich von aktueller Lerntheorie und Wissensbegriff. Ich spreche auch nicht mehr gerne von Medienkompetenz. Media Literacy ist da m.E. schon brauchbarer – also etwa so wie vom MIT und Medialab verwendet.

  20. 27. May 2010 um 12:22 | #20
    Uwe

    Der letzte Beitrag zur Diskussion liegt ein wenig zurück – dennoch: Beat Döbeli berichtet von interessanten Entwicklungen in der Schweiz – und bringt bedenkenswerte Argumente für Verbindlichkeit und einen angemessenen Zeitrahmen. Den “Führerschein”-Ansatz kann man sicher diskutieren, interessant scheint er mir allemal zu sein.
    http://wiki.doebe.li/Beat/MedienfuehrerscheinImLehrplan21

  1. |
    05. May 2010 um 18:17 | #1

    [...] mit Inhalt und Argumentationsweise der Studie hat Rene’ Scheppler in seiner Lernwolke publiziert. Absolut lesenswert und anregend – auch und besonders die Kommentare. Die [...]

  2. |
    28. May 2010 um 13:48 | #2

    [...] – (k)ein Unterrichtsfach?” erfasst wurde (ausführlich diskutiert hier:Vom Teufelskreis fehlender Medienbildung ) [...]

  3. |
    03. January 2011 um 20:46 | #3

    [...] Vom Teufelskreis fehlender Medienbildung: http://lernwolke.de/2010/04/10/vom-teufelskreis-fehlender-medienbildung [...]

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