Microsoft goes Moodle – die Zweite

Kommentieren 07. April 2010

Der Markt der schulischen Lernmanagementsysteme ist hart umkämpft. Und er wird in den kommenden Monaten und Jahren sicher noch an Schärfe zunehmen. Denn im Moment stecken wir in der Phase, wo sich jeder umschaut, wo Interessen geweckt werden und erste Entscheidungen fallen. Und auch wenn ich noch nicht lange genug im Schulgeschäft bin, denke ich doch, dass es danach eine Phase der Ruhe geben wird – zumindest bei denjenigen, die sich entschieden haben. Wenn man sich erst einmal auf ein System geeinigt hat und es etabliert ist, wird es nur sehr schwer möglich sein, eine grundlegende Veränderung anzustoßen.

Da heißt es, sich rechtzeitig zu positionieren. Den Platzhirsch zu erkennen. Oder eben auf das richtige Pferd zu setzen. Dies scheint man auch in Redmond bei Microsoft nicht viel anders zu sehen. Denn nachdem ich bereits in einem vorherigen Beitrag über die bemerkenswerte Annäherung an die OpenSource-Plattform Moodle berichtet habe, legt man seitens des Software-Herstellers nun noch ein kleines aber beachtliches Tool nach. Wie das vorherige Projekt, so stammt auch dieses Add-On für die Office-Anwendungen Word, Excel und PowerPoint aus dem Education Lab.

Die Idee ist so einfach wie mächtig: Mit zwei zusätzlichen Menu-Unterpunkten wird es nach der Eingabe der entsprechenden Moodle-Webadresse sowie der eigenen LogIn-Daten möglich, Office-Dateien direkt aus der jeweiligen Anwendung heraus im Moodle-Raum zu bearbeiten. Man kann – genauer gesagt – auf Dateien ohne LogIn ins LMS zugreifen und diese oder neu erstellte direkt ins Moodle hinein speichern. Als Download steht das AddOn derzeit als exe-Datei für die Windows-Plattform zur Verfügung und funktioniert nach meinen ersten, kurzen Tests wie angekündigt.

Und nicht nur dieses zweite Tool lässt sich bei einem Blick auf die Projekthomepage finden. Sondern neben der Live@Edu-Anbindung und diesem AddOn bietet Microsoft auch eine FileSharing-Ergänzung für Moodle mit Hilfe der eigenen SharePoint Server, um eine übergeordnete Dateistruktur mit Backup-Funktion zu etablieren, die wahrscheinlich eher für größere Moodle-Installationen (schulweit) interessant werden könnte. Dieses Projekt steckt aber noch weiter in den Anfängen als die anderen beiden und ist wohl derzeit nur als Andeutung zu verstehen.

Aber genau dies ist der entscheidende Punkt in meinen Augen. Denn mit dieser Dichte und Schlagzahl an direkten Annäherungen an die offene Plattform Moodle, wird dieser ein Potential zugesprochen, was wohl als deutlich zu interpretieren ist. Mit Moodle 2.0 steht eine Weiterentwicklung des Systems bereits seit Monaten in den Startlöchern und wird wohl alsbald veröffentlicht werden:

Fronter bietet als einzige mir bekannte LMS-Plattform ein ähnliches Merkmal, welches erlaubt, Office-Dokumente direkt mit der Microsoft-Software zu bearbeiten und auch wieder zurück zu speichern. Doch ein Direktzugriff von außen ist nicht möglich, sondern man muss sich erst langwierig durch die interne Dateistruktur klicken. Dies ist aber in meinen Augen gar nicht der entscheidene Punkt – was denn nun tatsächlich besser, schneller, effektiver funktioniert. Wie angedeutet ist es wohl die Stoßrichtung, die bemerkenswert bleibt:

Nicht die Plattform Moodle hat sich hier auf den Weg gemacht, ihre Usability zu steigern. Sondern seitens eines etablierten und derzeit noch als Standard im Office-Bereich zu bezeichnender Hersteller tritt von sich aus auf ein fremdes System zu. Dies bestätigt eine allgemein zu erkennende Tendenz hin zu Mashup-Lösungen, die ich für die wichtigste Beobachtung für Entscheidungsträger halte und auch bereit in einem Kommentar bei Uwe Klemm formuliert habe. Es kann und darf nicht die maxime im Entscheidungsfindungsprozess sein, ein wie oben/eingangs skizziertes Szenarie entstehen zu lassen, dass man sich auf EIN System festlegt und der Überzeugung ist, damit die kommenden Jahre bestreiten zu können.

Microsoft deutet mit seinen Entwicklungen an, dass es eben vielmehr darauf ankommen wird, möglichst breite und offene Schnittstellen zu bieten, ohne dabei die Alleinstellungsmerkmale des eigenen Produkts zu vernachlässigen. Es wird in meinen Augen auf eine Spezialisierung oder Fokussierung auf markante Stärken herauslaufen, die dann so effektiv auf andere Systeme – und im schulischen Kontext bildet dabei das LMS die zentrale Schaltzentrale – abgestimmt wird, dass eine reibungslose Anbindung möglich wird.

Google hat ebenfalls eine derartige Strategie offenbart, wie bereits gepostet. Und auch Adobe beschreibt in einem PDF-Dokument, wie der hauseigene Presenter als Schnittstelle zu Moodle etabliert bzw. integriert werden kann. Die Fokussierung auf eine Plattform wie Moodle ist mir dabei bisher noch gegenüber keiner anderen aufgefallen. Und ich denke, es wird spannend bleiben, weniger ob sondern wie Moodle seine Position gegenüber den Konkurrenten ausbaut und wie diese sich dazu verhalten.

© René Scheppler, 2010

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