School of One: Wenn Technik Schule macht

Kommentieren 30. March 2010

Jeder Schüler ist anders. Jeder Schüler braucht etwas anderes – Material, Herausforderungen, Tempo usw. Dann gibt es da noch die Sache mit den Lerntypen und die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen.

In einer Klasse mit 25+ Schülern und einem Lehrer kann dies – so der unmittelbare Eindruck – schnell problematisch werden. Und tatsächlich ist dies wohl die größte Herausforderung an jeden Lehrer, Tag für Tag das beste Lernarrangement für seine Lerner bereitzuhalten. Wie wäre es da, die Technologie zur Hilfe zu nehmen? Wie wäre es, jedem Schüler genau den Lernplan zu erstellen, den er braucht, der ihn bestmöglich unterstützt?

Das wäre wohl großartig. Und seit mehreren Tagen sammele ich Informationen über eine Schule in New York, die sich genau dieses Ziel gesetzt hat: Für jeden Schüler das passende Arrangement zu schaffen. Ich möchte aber auch zugleich vorausschicken, dass für mich ein wesentlicher Grundsatz aus meinen Praktikumserfahrungen und meinen Examensarbeiten ist, niemals eine Schule zu beurteilen, ohne sie erlebt zu haben. Zu schnell trügen Außendarstellung, hübsche Räumlichkeiten oder fremde Meinungen über das alltägliche Funktionieren hinweg. Dennoch halte ich einen Blick auf die New Yorker School of One für lohnenswert.

Was hat man in diesem 2009 in der Praxis gestarteten Projekt vor? Wie will man es schaffen, genau jedem Schüler das zu geben, was er tagtäglich braucht? Einen Einstieg bietet folgendes Video:

Als ich diesen Ansatz zum ersten Mal gesehen habe, habe ich geschluckt. Ist das das Ergebnis dessen, was Du hier im Blog durch die Forderung nach mehr technologischer Unterstützung des Schulalltags forderst? Ist das das Ergebnis, wenn Technologie in letzter Konsequenz Einzug erhält in schulischen Alltag? Es wirkt befremdlich, weil es so grundlegend anders ansetzt, als ich es aus meiner kurzer Lehrerkarriere (die hauptsächlich au dem Referendariat besteht) gerlernt habe. Hier ist nicht der Lehrer der Dreh- und Angelpunkt jeden Settings, jeder Stundenplanung, jeden Kommunikationsprozesses in der Klasse. In diesem New Yorker Modell – und das zeigen auch die Grafiken im Video deutlich – steht eine maschine im Zentrum, die jeden Tag individualisierte Lernpläne für jeden Schüler ausspuckt und auch den Lehrer mit diesen konfrontiert.

Keine Unterrichtsvorbereitung mehr, mag mancher frohlocken. Aber das scheint nicht der Kern zu sein. Wenn man weiter recherchiert, wird schnell deutlich, dass der Lehrer weiterhin eine wichtige Funktion übernimmt. Er ist es, der das Material mitgestaltet (allerdings auf einer generalisierteren Ebene, um ein System zu füttern und eben nicht den täglichen Unterricht vorzubereiten), der den Schülern helfen über die Schultern schaut und berät, der das Material auffächert und erläutert. Es macht den Eindruck, dass dieser “Zentralrechner” mehr den Lehrer entlastet als den Schüler. Denn letzterer scheint ja individualisiert, passgenau permanent am Lernen gehalten zu werden.

Das wirkt fremd. Das wirkt anders. Und so richtig auflösen will sich dieses beklemmende Gefühl, dass hier etwas Kaltes, Maschinelles anstatt des warmen, persönlichen Lernens geschieht, meinerseits auch nicht, wenn man die Statements aus der Praxis hört und sieht:

Aber im Grunde steckt doch der Gedanke des Lehrers als Lernberaters oder Coaches dahinter, der eben nicht versucht, es 25-30 Schülern gleichzeitig recht zu machen. Besonders spannend finde ich dabei die verschiedenen Phasen, die das Modell integriert – vor allem die selbstständigen Lernphasen und Tutorphasen. Ähnlich agiere ich in den Stunden des “Offenen Lernens” an meiner Schule ja auch schon. Hier sucht sich auch jeder Schüler aus einem Angebotspool dasjenige raus, was er am ehesten braucht. Auch hier habe ich Gelegenheit, mich mit einzelnen Lernern oder kleinen Lerngruppen zusammenzusetzen und individuell kurze Probleme durchzusprechen. So viel neues ist es also gar nicht, was da in New York versucht wird, wenn man einen zweiten und dritten Blick darauf wirft und versucht, hinter das Konzept zu steigen. Es ist eigentlich nur die Öffnung von Raum- und Zeitstrukturen.

Das Befremdliche bleibt – so sehe ich es im Moment – wohl nur noch darin bestehen, dass eben ein Rechner die Strukturierung übernimmt und die am Schulleben beteiligten Personen nach diesen Vorgaben richten. Es ist eben eine eine Maschine, die Aufgaben auswählt, Tests auswertet, Zeitabläufe organisiert und Lerngruppen arrangiert. All das, was derzeit in unseren Erfahrungen das tägliche Hauptgeschäft bildet, scheint dort “outgesourced” worden zu sein. Und trotzdem leben und arbeiten dort Menschen miteinander, helfen sich gegenseitig und lernen gemeinsam (???).

Die Fragezeichen sollen es andeuten: Ob es funktioniert, weiß ich nicht. Wie es funktioniert auch nicht. Aber ich weiß: Ich würde sehr gerne mal für ein paar Wochen dabei sein, wenn diese New Yorker Lehrer und Schüler Schule machen.

© René Scheppler, 2010

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