Lehrer-Workflow – die papierfreie Schultasche

Kommentieren 11. March 2010

“Herr Scheppler, werden Schüler in einigen Jahren nur noch digital arbeiten und gar keine Bücher und Hefte mehr haben?”

Solche oder ähnliche Fragen werden mir immer öfter gestellt (z.B. im F.A.Z.-Interview “Der langsame Aufbruch ins digitale Klassenzimmer“). Die Antwort ist schwer. Zum Einen natürlich schlicht deshalb, da ich als Junglehrer über nur begrenzte Erfahrungen verfüge, die mir eine Grundlage für gezielte Vorhersagen im Bildungssektor erlauben. Zum Anderen, weil ich ungerne zu etwas Stellung nehme, was ich selber nicht probiert habe – was auch für all die anderen Beiträge hier im Blog gilt.

Aus diesem Grund habe ich mich vor 3 Wochen entschieden, ein berufliches Projekt zu starten, welches ich unter den Arbeitstitel “papierfreie Schultasche” gestellt habe. Zu beobachten habe ich mir folgende Kriterien und Bedingungen gestellt, die es nun in einem ersten Schritt hier zu evaluieren gilt:

  • In meiner Schultasche (siehe Bild oben – übrigens bin ich schon ab der 7. Klasse mit eben dieser zur Schule gegangen) darf kein Papier in jeder Form zwischen Schule und Privatwohnung transportiert werden.
  • Schulbücher und Arbeitshefte kann ich natürlich nicht abschaffen. Meine eigenen Notizen, Aufzeichnungen, Entwürfe usw. dürfen nicht auf Papier angefertigt werden.
  • Papier sollte auf keinem anderen Weg zwischen Schule und Privatwohnung transportiert werden.

Das klingt nach drei einfachen Bedingungen, die es aber in sich hatten. Von Vorteil war für mich sicher, dass ich ohnehin meinen Workflow bereits recht stark digitalisiert hatte, die Konsequenz hat mich dann aber doch hier und da vor Herausforderungen gestellt.

1. Der Arbeitsplatz

Recht schnell wurde mir klar, dass die Arbeitsweise des Referendariats für dieses Projekt absolut untauglich sein wird: Vormittags in der Schule, nachmittags Unterrichtsvorbereitung daheim. Der wichtigste Schritt war somit, den Arbeitsplatz in die Schule zu verlegen. Wir verfügen über Teamzimmer für jeden Jahrgang und dort habe ich einen Platz, wie ihn wohl jeder Lehrer in einem Lehrerzimmer hat, welches “Stammplätze” vorsieht. Zusätzlich habe ich ein Lehrerschließfach für Materialien. Die Schule hat einen Lehrerarbeitsraum mit 6 Arbeitsplätzen, die nicht immer ausgelastet sind (vor allem nachmittags), wo ich dan also auch einen größeren Tisch habe, wobei das Teamzimmer wie wohl viele deutsche Lehrerzimmer nachmittags eh verwaist ist und ich genug Platz habe.

Ich denke – und meine dies nach meinen diversen Schulpraktika an den unterschiedlichsten Schulformen in verschiedenen Budesländern sagen zu können – damit ein Setting vorzufinden, welches vielen Kollegen in ähnlicher Form ebenfalls verfügbar sein sollte. Der wesentliche Faktor war nun, dieses auch konsequent zu nutzen. Was bedeutet: nach dem Unterricht in der Schule zu bleiben, die notwendigen Vor- und Nachbereitungen zu erledigen und zu Hause eigentlich keinerlei Arbeit mehr zu haben. Ich bin solches Arbeiten über mein gesamtes Studium gewöhnt (Arbeitsplatz Bibliothek), so dass vielmehr das Referendariat ein ungewohntes Intermezzo von dieser Struktur war. Die positiven Nebeneffekte fürs Privatleben, wenn man ohne Arbeitsbelastung nach Hause kommt (wenn auch erst um 18 oder 19 Uhr statt 14 Uhr), mag sich jeder selber erschließen.

2. Die Arbeitsgeräte

Als Arbeitsgeräte, die dann mehr dem Fokus der Papierfreiheit zutragen, kann ich auf folgendes Setting zurückgreifen:

  • privates MacBook
  • privater iPod Touch
  • eMacs im Teamzimmer sowie den 5er Klassenräumen, in denen ich schwerpunktmäßig eingesetzt bin
  • Drucker und Scanner im Teamzimmer
  • privater Duplex-Einzugsscanner (HP ScanJet) zu Hause stehend
  • Schulkopierer

Die Hauptlast des digitalen Arbeitsplatzes trägt ohne Zweifel das MacBook – die Tools stelle ich gesammelt weiter unten vor. Von großem Vorteil erweist sich dabei die Bildschirmgröße von 13 Zoll, welches ideal in die Schultasche passt (ca. DIN-A4). Damit ist er neben ein paar Stiften, Adaptern und Zubehör

  • Netzwerkkabel
  • Stromkabel
  • 3,5-Klinkekabel für Lautsprecher
  • Kensington-Lock (um den Laptop im Lehrerzimmer oder Klassenzimmer mal länger unbeaufsichtigt mit passwortgeschütztem Bildschirmschoner stehen zu lassen)
  • Mini-DVI- und Mini-VGA-Adapter zum Anschließen von Schulbeamern an MacBook oder eMacs
  • Zweitakku
  • Digitalkamera im Smart-Phone (Samsung Omnia)

quasi das einzige Arbeitsinstrument in meiner Schultasche.

Ein leichtes Manko bildet der Akku, welcher bei meinem etwas älteren MacBook keinen Schultag – geschweige denn einen skizzierten Arbeitstag bis Abends – durchhält. Der Zweitakku ist eine leichte Hilfe. Ich denke aber, dass die neuen MacBooks eine akzeptablere Akkuleistung mitbringen.

Meine Stundenentwürfe und Arbeitsblätter erstelle ich also mit dem MacBook (Tools unten). Das einzige, was meine aufgestellten Regeln etwas durchbricht, ist der Einzugscanner daheim. Dieser ist dann doch ab und an im Einsatz, muss aber nur eingeschaltet werden und braucht keine weitere Betreuung, da er automatisch ins MacBook speichert und synchronisiert.

Im Klassenzimmer habe ich auf alle diese Materialien über die eMacs Zugriff, nehme aber auch gerne mal den Laptop mit. Die Arbeitsblätter sind dann zwar auf Papier für die Schüler ausgedruckt, liegen mir aber nur digital am Monitor vor. Ansonsten ist das Gerät im Klassenraum der iPod Touch. Über diesen gleiche ich Abwesenheiten mit dem Klassenbuch ab, notiere kurz Ergebnisse, führe Checklisten (zum Beispiel bei Einsammelaktionen, wobei ich das Gerät auch schonmal dem Einsammeldienst übergebe – Tool: ListWrangler). Mit der Digitalkamera fotografiere ich Tafelbilder, die Infowände oder Schülerergebnisse (diese werden ebenfalls online synchronisiert – siehe Tools unten).

Bei letzterem ergibt sich die zweite wesentliche Einschränkung: der Datenschutz. Hier ist sehr genau zu beachten, was man abfotografiert und vor allem, auf welchem Wege man diese Bilder weiterverarbeitet. Ähnliches gilt auch für die Verschlüsselung von schülerbezogenen Daten, welche vom Gesetztgeber vorgeschrieben wird. Und hier wird das System tatsächlich problematisch:

  • Das MacBook lässt sich sehr einfach und mit Bordmiteln verschlüsseln.
  • Das SmartPhone ebenfalls.
  • Der iPod Touch bietet keine Verschlüsselung ohne Performance-Einbussen.

Somit ist vor allem bei letzterem permanent zu beachten, welche Daten er beherbergt. Ich möchte mich an dieser Stelle nicht dezidiert mit diesem Thema auseinandersetzen, denke aber, dass dies interessant für eine Diskussion in den Kommentaren unten sein könnte.

Ich halte das Setting an Arbeitsgeräten daher ebenfalls für realistisch und vertretbar. Im bisherigen Projektverlauf hat es sich sehr positiv ausgewirkt, da sich diese Struktur als flexibler – vor allem da breiter verfügbar – als die Papiervariante erwiesen hat (Zugriff von mehreren Orten ohne Transport des Mediums selber). Und das Gewicht meiner Schukltasche hat sich enorm veringert.

3. Die Tools

Die Tools, die quasi in den genannten Geräten stecken und den eigentlichen Workflow ausmachen sind vielfältig und in den vergangenen Jahren seit dem Studium kontinuierlich gewachsen. Ich möchte hier die wichtigsten kurz benennen, welche den wesentlichsten Anteil am Projekt “papierfreie Schultache” tragen:

Die Dropbox ist die Wunderwaffe im Hintergrund. Es gibt verschiedene, vergleichbare Dienste, welche ähnliches leisten: Die in einen lokalen Ordner abgelegten, veränderten Dateien werden mit Hilfe eines kleinen Programms auf den Server des Anbieters geladen und sind dort online verfügbar oder werden automatisch auf anderen Rechnern mit installierter Software synchron gehalten. Dies funktioniert über die Betriebssystemgrenzen hinweg und auch mobil.

Arbeitsblätter, Stundenentwürfe usw. tauchen also automatisch auf den eMacs in den Klassenzimmern und im Teamzimmer auf. Zudem sind sie immer auf dem iPod Touch auch unterwegs verfügbar, wenn einen z.B. ein Schüler auf dem Schulhof auf eine Hausaufgabe oder ein Arbeitsblatt anspricht.

Ebenso praktisch erweist sich ein solcher Dienst dafür, Dateien für Kollegen bereitzustellen. Hierzu möchte ich auf meinen Beitrag “Zeigt her Eure Ordner” verweisen.

NoteBook ist für mich die Entdeckung des Schuljahres und auch die entscheidene Stütze im Projekt zur papierfreien Schultasche. Diese Software, die es derzeit nur für den Mac gibt (ähnliche Tools aber auch für andere Plattformen verfügbar, siehe Kommentare unter rete-mirabele.de), simuliert quasi ein Notizbuch digital. Erweitert wird dies natürlich um Möglichkeiten der Digitalisierung wie Verlinkung, Einfügen von Bildern und Dateien, Editierbarkeit ohne Durchstreichen usw.

Eine gelungene Vorstellung liefert Andreas Kalt – bitte auch die Kommentare beachten – auf die ich hier verweisen möchte: rete-mirabele.de und hier. Andreas verdanke ich auch den Fund und Tipps zum Tool – Danke!

Ich führe damit mehrere digitale Notizbücher – für jede Klasse eines -, in denen ich von der Grob- bis zur Feinplanung alles sammele. Auch für Schülernotizen (Referate, Arbeitsverhalten usw.) und kollegiale, schulische Notizen gibt Notizbücher in meiner Arbeitsmappe. Die NoteBooks mit Unterrichtsplanung und -strukturierung werden über die Dropbox in die Klassenräume synchronisiert und ich rufe sie dort zu Stundenbeginn auf (oder klappe eben das MacBook auf). Diese können auch automatisch einfach exportiert werden – z.B. nach html – und sind dann auch auf dem iPod Touch oder jedem anderen Rechner mit Internetzugang einsehbar.

Obacht ist auch hier bei schülersensiblen Daten geboten aus Datenschutzgründen. Da die Verschlüsselung außerhalb des MacBooks nicht gegeben ist, sollte man dies im Hinterkopf behalten und diese Daten nicht synchronisieren. Wobei mir dabei auch die Verfügbarkeit über den Laptop reicht.

Evernote ist der digitale Notizblock. Diesen nutze ich vor allem von den mobilen Endgeräten aus zum Erstellen der Notizen und sortiere und strukturiere über die Desktop-Anwendungen.

Bekomme ich Notizen oder Schreiben ins Lehrerfach, fotografiere ich diese über Evernote ab und habe sie dann überall verfügbar. Ebenso verfahre ich mit Tafelbildern oder Infowandmitteilungen. Obacht auch hier in Sachen Datenschutz: Wenn es sensibel wird, sollte man nur direkt auf die verschlüsselte Speicherkarte des SmartPhones fotografieren und später mit dem Rechner synchronisieren – ein akzeptabler Schritt mehr gegenüber der automatischen Synchronisierung via Evernote.

Evernote eignet sich somit für jede schnelle Notiz. Letztlich bildet sie eine lose Inbox, in die ich alles hineinwerfe, was ich mir später nochmal genauer ansehe und dann archiviere oder seiner Weiterverarbeitung bzw. Reaktion zuführe. Dabei hilft – und das ist letztlich der Clou an dem Tool – die Tatsache, dass Evernote jede Notiz mit einer Texterkennung durchscannt und so durchsuchbar macht. Suche ich also nach “Einladung”, “Konferenz” oder ähnlichem, liefert Evernote mir Treffer mit allen abfotografierten Rundschreiben, die ursprünglich auf Papier an mich heran kamen.

FastFinga ist eine iPhone-App. Mit ihr wird das Erstellen von Notizen noch schneller, da man in dieser App handschriftlich eingibt. Man schreibt mit dem Finger auf dem Display des iPod Touch wie mit einem Stift. Mit etwas Übung kann das sehr schnell gehen und man kann Notizen so schnell schreiben wie mit der Hand auf Papier.

Das Tool bietet eine interne Ordnerstruktur (mit BackUp über iTunes). Aber besonders gelungen finde ich die Export-Funktion nach Evernote, die ich gerne nutze. Wenn man sich nämlich etwas Mühe gibt und dies hat man rasch raus, schreibt man so sauber in FastFinga, dass Evernote eine so gute Texterkennung hat, dass es auch diese handschriftlichen Notizen durchsuchbar macht.

Und wenn man sich nun mal FastFinga auf dem iPad oder mit einem Stifteingabegrät am Laptop vorstellt, hat man das digitale Schulheft des Schülers!

Diese beiden Tools hier ausreichend zu würdigen, würde den Rahmen sprengen. Sie sind aber unablässig für das Gelingen des Projekts “papierfreie Schultasche”. Mit ihnen führe ich Abwesenheitslisten, mache mir Notizen zu einzelnen Schülern, notiere mir Stundenziele, Hausaufgaben usw. Die Tools erinnern mich zum nächsten Stundenbeginn daran, halten Sitzpläne bereit und lassen diese erstellen und vieles mehr, was den Lehreralltag erleichtert.

Während TeacherTool nur auf dem iPod Touch läuft und erneut der Datenschutzzeigefinder gehoben werden muss, läuft Schulfix ausschließlich auf Windows Mobile, welches dann wieder die Verschlüsselung bietet. Ersteres ist klar haptischer und einfacher zu bedienen, während letzteres auch gut handhabbar ist auf dem mobilen Endgerät aber etwas “fingeriger” daher kommt. Man suche sich aus beidem die jeweiligen Vorteile, was mir einfach fällt, da mein beschriebener Gerätepool ja eh beide Plattformen verfügbar hält.

Damit möchte ich meinen Überblick schließen, habe sicher einiges, was mir inzwischen schon so alltäglich ist und nicht mehr auffällt, vergessen. Aber die wichtigsten Stützen des Projekts sind wohl zur Sprache gekommen.

4. Fazit

Um abschließend zum Einen auf mein zugegeben zuerst sehr locker, dann aber immer erfolgreicher und konsequenter angegangenes Projekt zu blicken, und zum Anderen den Einstiegssatz mit seiner Frage in den Blick zu nehmen, möchte ich vorwegnehmen, dass mein Urteil für mich selber überraschend positiv ausfällt.

Mein Arbeitsverhalten hat sich deutlich strukturiert, da die Tools und Geräte dies indirekt einfordern. Ich war dies bereits gewohnt und freue mich, nun die wirre Zeit des Referendariats abzuschließen. Mein äußerer Arbeitsplatz ist sauberer. Aber auch nach innen fühle ich mich aufgeräumter und gewinne einen zunehmenden Überblick und habe geringere Ängste, etwas nicht wieder zu finden oder einen Zettel zu “verschlampen”. Ich bin schneller und auch flexibler, wobei ich letzteres erst jüngst wieder auf einer Weiterbildung bemerkte, wo ich mit DropBox und NoteBook den anderen Kollegen sofort meine gesamte Unterrichtsplanung mit allen Materialien und Notizen aufdecken konnte.

Und wenn ich mir vorstelle, dass die Schüler zu Schulbeginn – ausgehgehend von einer 3-jährigen Lebensdauer mit evtl. Verlängerung durch besondere Versicherungs- oder Garantielösungen – nur noch einen Laptop und ein einfaches Stifteingabetool benötigen, um ein FastFinga-ähnliches Schreibheft verfügbar zu haben; über einen eReader ihre Schulbücher digital bekommen und auch mal wieder Zugriff auf vorherige Jahrgänge haben, was durch die Lehrmittelfreiheit ja unmöglich gemacht wurde (dass ein 8. Klässler nochmal ohne Aufwand in das Mathebuch der 6. Klasse schauen kann); dann glaube ich schon, dass eine weitere Digitalisierung auch auf Schülerseite nicht nur hinsichtlich des Faktors leichtere Schultasche eine bedenkenswerte “Vision” ist. Dass ich damit keinem Kunstlehrer absprechen will, wie wichtig es ist, auch mit Schere und Papier zu basteln; welche Bedeutung und integrative Funktion es hat, Schülerergebnisse an den Schulwänden oder an Stellwänden auszustellen, ist hoffentlich klar.

Auf der anderen Seite sollten wir aber auch nicht mißachten, dass der Papiernotizzettel zunehmend den Digital Natives zum Opfer fallen wird und sich Schule zumindestens Gedanken darüber machen sollte, ob und wie sie diesem Trend begegnen möchte. Ich habe jedenfalls für mich erkannt, wie gewinnbringend es ist, in diesem Fall auf der Welle mitzureiten anstatt mich von ihr überrollen zu lassen. Meine papierfreie Schultasche möchte ich so schnell nicht wieder eintauschen.

© René Scheppler, 2010

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