Initiative D21-Umfrage – die Daten

Kommentieren 20. January 2010

Exklusiv berichtete am Sonntag in ihrer Online-Ausgabe die Welt von der im Auftrag der Initiative D21 durchgeführten Umfrage. Nun liegen uns die konkreten Daten vor, die hier im Projektblog ein wenig genauer untersucht werden sollen, um zu zeigen, wie man zu folgenden Ergebnissen gekommen ist:

  • Nur 2 Prozent der Befragten beurteilen den Einsatz von Computern in deutschen Schulen als ausgezeichnet
  • 63 Prozent der Eltern sehen deutlichen Verbesserungsbedarf bezüglich der Computernutzung in Schulalltag
  • Die Deutschen sehen insbesondere das Kultusministerium (73 Prozent), die Schulleitung (73 Prozent) und den Schulträger (71 Prozent) in der Verantwortung für den Einsatz von Computern im Unterricht. Aber auch den Lehrer (51 Prozent) wird große Verantwortung zugesprochen
  • In Gymnasien wird der Computer am häufigsten im Unterricht genutzt. In Grundschulen ist die Computernutzung am geringsten
  • In einer von 10 Schulen hat jeder Schüler im Unterricht Zugriff auf einen Computer
  • In 15 Prozent der Schulen ist die Nutzung eines eigenen Laptops gestattet
  • Etwa zwei Drittel aller Eltern halten die Vermittlung von kritisch-hinterfragendem Umgang mit Computern für äußerst wichtig oder wichtig für die persönliche Entwicklung des Kindes
  • Sowohl Schüler als auch Eltern würden sich ein höheres Engagement der Lehrer und eine bessere Ausschöpfung der Möglichkeiten bei der Vermittlung von Computerkompetenzen wünschen
  • Zudem sind die Kenntnisse der Lehrer bezüglich der Vermittlung von Computerkenntnissen klar ausbaufähig.

Die Datenerhebung erfolgte per Telefoninterviews im Dezember 2009 unter 2507 mindestens 14-Jährigen – davon 467 Eltern und 152 Schülern. Daraus ergibt sich eine repräsentative Erhebung, die hochrechenbar ist auf die Grundgesamtheit.

Von besonderem Interesse ist für mich auch auf Grund ihrer Allgemeinheit bereits die erste Frage, wie gut ist es derzeit nach Meinung der befragten um den alltäglichen Einsatz von Computer und Internet in allen Schulfächern in Deutschland bestellt ist. Was man aus einer solchen Frage bzw. deren Beantwortung ablesen kann, ist weniger eine konkrete Rückmeldung sondern vielmehr eine Art Wahrnehmung/Stimmungslage, die nicht selten Grundlage oder Auslöser für weitere Einschätzungen ist. Gerade im Bereich Bildung und Schule wird man immer wieder mit solchen “Bauchentscheidungen” konfrontiert, die aber auch mit Blick auf die befragte Gruppe von Eltern und Schülern nicht zu unterschätzen ist:

Diese Einschätzung ist ziemlich eindeutig und zeigt eine grundsätzliche Beurteilung des Computer- und Interneteinsatzes an deutschen Schulen. Wesentlich ist dabei, dass nahezu zwei Drittel (63%) der Eltern einen deutlichen Verbesserungsbedarf erkennen.

Schwieriger und schon weniger eindeutig verhält sich diese scheinbar einhellige Auffassung allerdings bei der Frage nach den Verantwortlichen für eine solche Verbesserung:

Ein deutliches Gewicht wird auf die Administration und die Politik gelegt. Dass sich dies aber so breit streut, zeugt eher von einer diffusen, unkonkreten Einschätzung der Situation, bei der es offenbar schwer fällt, die tatsächlichen Zuständigkeiten auszumachen. Vielmehr spiegelt eine Haltung à la “die da oben” wieder.

Bemerkenswert ist dann aber in meinen Augen die hohe Zahl derjenigen, die den einzelnen Lehrer in der Verantwortung sehen. Schlüsselt man das weiter auf, wird darüber hinaus deutlich, dass es sich dabei um eine Haltung über alle Schulformen hinweg handelt:

Der Computereinsatz scheint damit nicht (mehr) als Privileg oder Notwendigkeit in bestimmten Alters- oder Leistungs-/Niveaustufen zu gelten. Vielmehr lässt sich daraus lesen, dass Medienkompetenz von der Grundschule an gleichberechtigt in den weiterführenden Schulen als relevant eingestuft wird. Und es sei nochmals darauf hingewiesen, dass die Frage hier noch auf die Verantwortung des einzelnen Lehrers zielt.

Aus diesen Daten ergibt sich eine besondere Erwartungshaltung, der man sich zumindest bewusst sein sollte. Denn damit werden wir an den Schulen konfrontiert – ob wir dem nun zustimmen oder nicht. Es ist eindeutig, dass die Schule und inzwischen sogar der einzelne Lehrer in eine Pflicht genommen werden, bei der es zunehmend schwer wird, sich zu entziehen. Nimmt man die Größenordnung hinzu, mit der zusätzlich die Schulleitung als Verantwortungsträger ausgemacht wird, zeigt sich, dass wir es nicht mit der Erwartung einer direktiv von oben gesteuerten Zuständigkeit zu tun haben. Vielmehr scheint man seitens der Eltern die Verbesserung der Situation unmittelbar an den einzelnen Schulen zu sehen, die sich damit auseinandersetzen müssen.

Wie stark diese Erwartung allerdings von der Realität entfernt ist, zeigen dann die Antworten von 619 Schüler und Eltern von Schülern, davon 166 Grundschule, 48 Hauptschule, 91 Realschule und 212 Gymnasium auf die Frage, wie häufig Computer bzw. Internet bei ihnen im Unterricht bzw. ihres Kindes außerhalb des Informatikunterrichtes eingesetzt werden, also in allen übrigen Schulfächern, z.B. in Deutsch, Mathematik, Biologie. Und letzteres ist entscheidend, da nicht von einer Vermittlung von Medienkompetenz in speziellen Kursen(-angeboten) oder in Form eines PC-Führerscheins ausgegangen wird:

In 30% aller Fälle findet gar kein Einsatz des Computers statt. Aber auch das obere Ende ist beachtenswert. Denn auch dort steigt die ein- oder mehrmalige Nutzung des Computers pro Woche an keiner Schulform deutlich über ein Drittel (alle unter 40%). Für mich noch auffällig ist der relativ hohe Anteil der nicht-Nutzung an Grundschulen, die ich bisher immer als diejenigen wahrgenommen habe, die durch besondere Projekte fortschrittlich erscheinen. Aber vielleicht ist dies eine indirekte Bestätigung eines in letzter Zeit immer wieder laut werdenden Kritikpunkts, dass sich einzelne Projekte natürlich hervortun, diese aber keineswegs realer Maßstab für eine weitere Entwicklung darstellen. Hierzu fehlen aber nach dieser erstmaligen Erhebung die Zahlen, die Rückschlüsse über eine Entwicklungstendenz zulassen.

Warum die Nutzungshäufigkeit in vielen Fällen so gering oder sporadisch ausfällt, wird aber jedem im  schulpraktischen Alltag schnell deutlich sein: die Ausstattung. Und tatsächlich bestätigt auch unsere Umfrage, dass hier ein Zusammenhang hergestellt werden kann. Denn 619 Schüler und Eltern von Schülern verhalten sich zu Aussagen zur Qualität der technischen Ausstattung an den Schulen wie folgt:

Der klassische Computerraum ist dabei die deutlich vorherrschende Erscheinungsform an den Schulen. Die damit einhergehenden didaktisch-pädagogischen Probleme können in meinen Augen auch als Ursache für die beschriebene, geringe Nutzungshäufigkeit angesehen werden, bedeutet doch das “Umziehen” mit einer Klasse in einen solchen separierten Raum ein nicht zu unterschätzenden Aufwand und zudem auch die Heraushebung der Nutzung als etwas Besonders. Das gleichzeitige Zugreifen einer ganzen Schule auf einen oder wenige Räume dieser Art schaffen eine Verfügungsunsicherheit und verbieten in vielen Fällen eine harmonische Integration des computer- und internetgestützten Lernens in den unterrichtlichen Arbeitsverlauf.

Was sich im Rahmen unserer Umfrage in meinen Augen als fast noch wesentlicher herauskristallisiert, ist eine sogar gegenläufige oder verstärkende Rückmeldung, die sich aus der Frage ergibt, ob es an der des Befragten Schule/der Schule des Kindes möglich ist, dass Schüler ihren eigenen, privaten Laptop in den Unterricht mitnehmen und nutzen können. Und ich möchte auf die Formulierung “möglich” bestärkend hinweisen. Beantwortet wird diese Frage von 74% mit Nein und von lediglich 15% mit Ja (Basis: 619 Schüler und Eltern von Schülern). Was dahinter vermutet werden kann, ist das nicht seltene Verbot elektronischer Geräte in den Schulen. Hier wird ein Potential durch private Nutzungsoptionen vergeben, dass das beschriebene Problem wahrscheinlich noch zusätzlich zu der eingangs beschriebenen Grundhaltung beiträgt.

Allerdings verschiebt sich dies auch wieder etwas, wenn man nach Schulformen aufschlüsselt:

Offenbar scheinen die Gymnasien hier am ehesten eine Nutzungsmöglichkeit privater Geräte einzuräumen. Zu hinterfragen wäre allerdings, in wie weit dies auch mit sozial-finanziellen Hintergrund der Schülerfamilien korreliert. Ob hier also wieder die eingangs angesprochene Verantwortung von Administration und Politik zum Tragen kommt, die eher schwächeren Familien eine Unterstützung bei Anschaffung und Finanzierung des notwendigen, digitalen Arbeitsmaterials unterstützen sollte.

Denn dass die Vermittlung von kritischhinterfragendem Umgang mit dem Computer für sehr und äußerst wichtig gehalten wird, zeigt die sehr hohe Nennung durch 64% aller Eltern. Nur 6% stufen dies als weniger bis unwichtig ein.

Spannend wird es nach dieser erwartbaren Einschätzung der Eltern allerdings hinsichtlich der Beurteilung des ja so hoch in die Verantwortuzng genommenen einzelnen Lehrers. Wie beurteilen Sie das Engagement der Lehrer bezüglich der Vermittlung von Medienkompetenz im schulischen Alltag, war hier die Frage (Basis: 619 Schüler und Eltern von Schülern, davon 467 Eltern und 152 Schüler):

Und sehr ähnlich verhält es sich bei der Meinung der befragten danach, wie es um Kenntnisse und Fähigkeiten der Lehrer hinsichtlich der Anwendung von Computern und Internet bestellt ist:

Es wird deutlich – und das halte ich für die wesentliche Aussage der Umfrage -, dass es eine erhebliche Diskrepanz zwischen demjenigen gibt, was seitens der Eltern und Schüler von der Schule als Vermittler von Medienkompetenz erwartet und als notwendig eingestuft wird, und demjenigen, was als Realität bzw. existierende Möglichkeiten erkennt wird. Und zum Zweiten halte ich dieses Ergebnis für ein deutliches Signal an die Schulen, sich hier eigenständig, eigenverantwortlich auf den Weg zu machen, da zwar einerseits Administration und Politik als verantwortlich wahrgenommen wird aber dann doch der einzelne Lehrer ebenso als derjenige ausgemacht wird, der einen wesentlichen Anteil am Verbesserungspotential der Situation trägt. Und damit möchte ich wieder an die Aussage vom Eingang anknüpfen, dass es wichtig ist, die Stimmungslage zu erkennen, so diffus sie in einzelnen Bereichen auch sein mag. Denn letztlich ist dies die argumentative Haltung, die Eltern auch als Semi-Externe direkt oder indirekt über die Schüler alltäglich an die Bildungsinstitution herantragen. Die beschriebene Schere zur Realität bzw. deren Wahrnehmung noch größer werden zu lassen, hielte ich für fahrlässig und gefährlich.

Nicht zu unterschätzen sind dabei dann aber auch nicht die 30% Verantwortung der Eltern aus der zweiten Frage, was dann letztlich dazu führt, abschließend hervorzuheben, dass diese Fokussierung auf die einzelnen Umfrageergebnisse in diesem Beitrag in keiner Weise die richtige Beurteilung des Präsidenten der Initiative D21 aus dem vorherigen Beitrag beiseite schieben soll, die letztlich auch die Grundlage unserer Arbeit im Projekt “Die besten Lehrkräfte für Deutschlands Schulen der Zukunft” bildet:

Die Struktur des Bildungssystems führe zu geringer Schulautonomie, sagte D21-Präsident Schwaderer. „Dadurch sind die Möglichkeiten für Lehrkräfte, Innovationen aufzunehmen und schnell in den Unterrichtsalltag einzubinden, immer noch zu gering.“ Nur in Zusammenarbeit aller Verantwortlichen könne man es schaffen, dass der PC in allen Schulen als Lerninstrument Eingang findet, um so die heutige Schülergeneration erfolgreich auf das Berufsleben vorzubereiten.

http://blog.initiatived21.de

© René Scheppler, 2010

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