Wieviel Google tut gut?

Kommentieren 02. January 2010

Tom Barrett, einer der führenden englischsprachigen Kollegen und Blogger im Bereich neuer Medien im Schuleinsatz, wirft zu Jahresbeginn eine Frage auf, die nicht uninteressant ist: Is a Google Teacher Academy Really Such a Good Idea?

Mit einem neidischen Blick hatte er auf die Lehrer-Workshops von Google (Teacher Academies) initiiert im US-amerikanischen Raum geblickt und ähnliches auch für Europa gefordert. Mit zunehmender Diskussion stellen sich aber wohl zwei wesentliche Unterfragen:

  • So is it right that we are using Google tools at all in the classroom?
  • Is a Google Teacher Academy a morally flawed concept or a long overdue professional development event for UK (Europe) teachers?

Ich denke, das ist eine nicht unberechtigte Debatte. Denn wie Tom richtig die wesentlichen Elemente der Diskussion zusammenfasst, geht es bei Google wohl primär um das Sammeln von Daten und auch Userbindungen. Will heißen, Google lebt von einer möglichst effektiven Platzierung von Werbung, die auf der Basis der erhobenen Userdaten in die verschiedenen Google-Seiten eingebunden werden. Dabei verspricht Google zwar eine Werbefreiheit für in Bildungskontexten genutzte Domains und Applikationen und hält dies auch ein. Doch der zweite Schritt, dass die Schüler einmal bei Google registriert dessen Dienste auch außerhalb der virtuellen Bildungseinrichtung zu privaten Zwecken nutzen und dort dann auf Werbung stoßen, ist nicht zu unterschätzen.

Sind wir Lehrer also diejenigen, die Schüler offen an solche Dienste heranführen sollten? Sind wir diejenigen, die Schüler quasi in die offenen Tentakeln der Datenkracke laufen lassen sollen oder sie durch den Unterrichtseinatz womöglich dazu drängen? Dürfen wir Schüler zur Preisgabe von eigenen Inhalten (auf die Google sich ja in den AGBs gewisse Verwertungsrechte sichert) verleiten unter dem Mantel des Unterrichts?

Nein, mag hier die naheliegende Antwort sein. Jede Schule sollte einen eigenen Server betreiben auf den sie alleinig vollständige Zugriffsrechte hat. Jede Schule muss eine eigene Lernmanagementumgebung aufsetzen, betreiben und pflegen. Das klingt einfach. Zu einfach?

Ja – zu einfach. Schule ist ein Bestandteil der Gesellschaft und ihre Aufgabe ist es, Schüler auf ein erfolgreiches und erfülltes Leben in dieser vorzubereiten. Dass dies zu gewissen Teilen in geschützten Räumen stattfinden sollte und muss, ist unbestritten. Denn natürlich gilt es sich im Kleinen auszuprobieren, bevor man das Gelernte öffentlich präsentiert oder anwendet. Ob das die Familie, die Clique im Baumhaus oder eben der Klassenraum ist, wir brauchen geschützte Räume – insbesondere für junge Menschen, die ihre eigene Identität noch suchen und auch schnell entwickeln bzw. verändern.

Auf der anderen Seite brauchen wir aber auch reale und realistische Szenarien, anhand derer wir lernen und lehren können. Dies gilt auch für Medienerziehung und -kompetenz. Dass die von Google entwickelten und etablierten Dienste Meilensteine des technischen Fortschritts darstellen und Potentiale für Lehr-/Lern-situationen in einer gewissen Fülle darbieten, steht – glaube ich – kaum zur Diskussion. Vielmehr, ob sich jede Schule nun sein eigenes Google – kastriert um die unerwünschten Nebeneffekte in Form der googleseitigen Interessen – bauen sollte.

Aus technischer Sicht ist dies in meinen Augen unmöglich – ja fast unsinnig. Wer eigene Server betreibt, darauf eigene Anwendungen betreibt und diese stets aktuellen Standards anpassen will, weiß, welche Arbeit, Kosten und weitere Probleme dies verursacht. Gerade im Hinblick auf Datensicherheit und -sicherung wird es mit lauter dezentralen Systemen kaum möglich sein, ähnliche Effektivität zu erzielen wie ein professioneller Anbieter. Letztlich trägt der Bildungsföderalismus diesbezüglich nicht unbedingt zu echten Fortschritten bei wie am Beispiel von Lo-Net abzulesen ist. Vielen Schulen fehlen aber schlicht die Kapazitäten finanziell und personell, um den Schülern ein dem technischen Fortschritt und Stand angemessenen Lernraum im Hinblick auf neue Medien und vor allem Internettechnologien zu bieten. Aus technischer Sicht wird wohl kaum ein Weg an einem schulübergreifenden System mit ausgelagerten Servern vorbeiführen.

Aber ist dies auch pädagogisch und didaktisch vertretbar? Dass Google es bis in den Duden schafft, anhand der Nutzungszahlen zu einem festen Bestandteil gesellschaftlicher Internetnutzung geworden ist, wirft die Frage auf, ob wir den Schutz der Schüler über deren Integration stellen. Ob wir Schülern Grenzen setzen, die sie außerhalb der Schule ohnehin übertreten. Ob wir ihnen Lern-/Arbeitsmöglichkeiten vorenthalten, um sie vor wirtschaftlich arbeitenden Unternehmen zu schützen. Tun wir den Schülern einen Gefallen? Oder versuchen wir vielmehr uns Lehrern einen Gefallen zu tun? Das Verbot ist einfach, schnell und innerhalb der eigenen Schulwelt wohl auch effektiv. Aber so wie wir den Schülern Lesen und Schreiben lehren, damit sie sich in der Gesellschaft zurecht finden, so wie wir ihnen gesunde Ernährung und richtiges Verhalten im Strassenverkehr beibringen, scheint sich mit dem Internet ein Raum zu entwickeln, in dem die Schüler ebenfalls unsere Hilfe brauchen. Hilfe dabei, sich in diesem Raum bewusst, effektiv und selbstbestimmt zu bewegen. Und dazu gehört es auch, die Techniken und Dienste zu nutzen. Aber nicht um ihrer selbst Willen, wie wir es wohl zu oft mit Word, Excel & Co getan haben. Sondern um sie für übergeordnete Lehr-/Lernprozesse fruchtbar zu machen.

Und einer dieser Lernprozesse muss mit zunehmenden Maße das Erlernen einer Medienkompetenz sein, die es dem Schüler erlaubt, verantwortungsbewusst mit den ihm im Internet zur Verfügung stehenden Möglichkeiten umzugehen. Wohin gebe ich meine Daten, wofür werden diese verwendet, wieviel Zugriff habe ich darauf, was stelle ich wo online? Das sind Fragen, die zunehmend nicht weniger wichtig werden können als die Kenntnis verschiedener Religionen und Glaubensrichtungen, der Strassenverkehrsregeln oder die gesellschaftlichen Normen und Sitten für ein friedliches, demokratisches Zusammenleben.

Und um damit die beiden Fragen von Tom Barrett aufzugreifen, ist es sicher richtig, wenn nicht sogar notwendig, die von Google angebotenen Dienste in Schule und Unterricht zu nutzen. Allerdings – und das macht die Sache dann wahrscheinlich im Alltag so verzwickt – auch mit der notwendigen Medienkompetenz der Lehrer. Denn für manche Szenarien mag Google die richtigen Medien anbieten. In anderen Situationen ist es dann am Lehrer, sich aus dem angebotenen Pool zu befreien und nach Alternativen zu suchen, die den Schülern in einer Auseinandersetzung mit den den wichtigen Fragen der Mediennutzung gleichberechtigt angeboten werden. Dazu muss der Lehrende aber die Potentiale (ähnlich wie beim Schulbuch oder unterschiedlicher Arbeitshefte der Schulbuchverlage) kennen und sich mit diesen auseinandersetzen, wozu wir ja auch wie selbstverständlich die Filialen der Verlage und Schulbuchzentren aufsuchen oder deren Vertreter in die Schulen einladen. Mit zunehmender Nutzung digitaler Lösungen wird dies dann auch gegenüber deren Anbietern notwendig – ob sie nun Microsoft, Google oder anders heißen. Ich denke, dies ist letztlich unsere Verantwortung gegenüber dem demokratischen Bildungssystem und gegenüber den Schülern. Und letztlich ist dies in meinen Augen auch der einzige Weg, die Anbieter dazu zu zwingen, ihre Plattformen über Schnittstellen zu öffnen und untereinander kommunikativ verbindbar und damit auch schulübergreifend nutzbar zu machen. Moodle ist dafür ein gutes Beispiel und letztlich knüpft diese gedankliche Auseinandersetzung erneut an meine Metapher zur Schule als Lernhafen an sowie dem Ideal, neue Technologien nicht vom Tool sondern vom Lerner aus zu denken.

Ich würde mich freuen, wenn beim oben verlinkten Beitrag von Tom oder hier weitere Gedanken zu diesem Thema beigetragen werden würden. Denn ich denke, diese Diskussion wird in den kommenden Jahren noch so manche Schulleitung oder IT-Verantwortlichen vor offene Fragen stellen. Diese zu klären, ist sicher nicht die Aufgabe dieses Blogs, sondern unserer Länderpartner – eine breite Diskussionsgrundlage kann dabei aber sicher nicht schaden.

Update:

Google selber macht sich ebenfalls Gedanken, wobei dieser Beitrag nicht von diesem Video beeinflusst wurde:

© René Scheppler, 2010

Share