Kreative Lehrer braucht das Land – und ICT

Kommentieren 22. December 2009

Die EU hat sich erstmalig daran gemacht, die Kreativität ihrer Lehrer in den Blick zu nehmen. Ich frage mich noch, was eigentlich interessanter ist: der Ansatz als solcher oder die Ergebnisse, die dabei jüngst zu Tage gekommen sind (vor allem für uns als Land der Dichter und Denker):

Umfrage bei Lehrkräften in Europa: Kreativität spielt in der Schule eine maßgebliche Rolle und moderne Technologien können zu deren Förderung beitragen

Die Europäische Kommission hat die Ergebnisse der ersten Umfrage über Kreativität und Innovation in der Schule vorgestellt. Der Erhebung zufolge sind 94 % der Lehrkräfte der Auffassung, dass die Kreativität zu den Grundkompetenzen gehört, die in der Schule vermittelt werden müssen, und 88 % sind davon überzeugt, dass jeder Mensch kreativ sein kann. Um dies zu erreichen, können nach Auffassung eines Großteils der Lehrkräfte (80 %) die Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) einen wesentlichen Beitrag leisten, z. B. Computer, pädagogische Software, Videos, Online-Kooperationstools, virtuelle Lernumgebungen, interaktive Tafeln sowie kostenlos im Internet verfügbare Materialien und Kurse. Die Ergebnisse wurden im Rahmen der Abschlusskonferenz zum Europäischen Jahr der Kreativität und Innovation präsentiert, die am 16. und 17. Dezember in Stockholm stattfand.

Die große Mehrheit der Lehrkräfte (95,5 %) ist davon überzeugt, dass Kreativität in jedem Wissensbereich und in jedem Schulfach zur Anwendung kommen kann; Kreativität wird also nicht so verstanden, dass sie nur für Fächer relevant ist, die an sich schon auf Kreativität basieren, z. B. Kunst, Musik und Theater. Dies ist der Umfrage zufolge von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der bereichsübergreifenden Kompetenz des kreativen Denkens. Kreatives Lernen umfasst Elemente der Neugier, Analyse und Phantasie, gepaart mit kritischem und strategischem Denken. Zwar ist die Mehrheit der Lehrkräfte der Meinung, dass jeder Mensch kreativ sein kann (88 %) und dass Kreativität nicht allein eine Eigenschaft „begabter“ Menschen ist (80 %), doch nicht in allen Schulen Europas herrschen geeignete Bedingungen für die Förderung der Kreativität.

Durchschnittlich die Hälfte der europäischen Lehrkräfte gibt an, dass Kreativität in ihrem Lehrplan eine wichtige Rolle spielt, rund ein Viertel meint jedoch, dass dies bei ihnen nicht der Fall ist. Die Funktion und die Relevanz von Kreativität im Lehrplan wird je nach Land sehr unterschiedlich beurteilt: Drei Viertel der Lehrkräfte in Italien, Lettland und dem Vereinigten Königreich sind von der zentralen Rolle der Kreativität in ihren nationalen Lehrplänen überzeugt. Demgegenüber sind in Portugal, Spanien, Belgien, der Slowakei, Slowenien, Deutschland, Ungarn, Frankreich und Estland weniger als 50 % der Auffassung, dass der Kreativität in ihren nationalen Bildungssystemen große Bedeutung beigemessen wird.

In der Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte in Europa scheint die Vermittlung innovativer pädagogischer Konzepte weit verbreitet zu sein – 60 % der Lehrkräfte geben an, dass sie entsprechend geschult wurden. Jedoch liegt der Anteil derjenigen, in deren Berufsbildung auch die Kreativität eine Rolle spielte, nur bei 40 %. Im Umgang mit IKT im Unterricht wurden nach eigener Aussage nur 36 % geschult. Auf nationaler Ebene ist diese Quote in Rumänien (67 %) und Lettland (66 %) am höchsten, in Deutschland und Belgien mit 20 % bzw. 21 % am niedrigsten.

Das vorrangige Ziel der Erhebung bestand darin, festzustellen, in welchem Rahmen und mit welchen Konzepten die Lehrkräfte in Europa Kreativität vermitteln. Außerdem sollten Erkenntnisse darüber gewonnen werden, welche Unterstützung sie erhalten und inwieweit die Kreativität der Schüler gefördert werden muss. Es handelt sich um die erste Meinungsumfrage dieses Umfangs unter Lehrkräften aus 32 europäischen Ländern. Für die Zwecke der Abschlusskonferenz zum Europäischen Jahr der Kreativität und Innovation wurden nur die Antworten aus den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union analysiert (insgesamt 9 460). Eine eingehendere Auswertung der Daten wird im Laufe des Jahres 2010 folgen, doch die ersten Ergebnisse sind bereits wertvolle Anhaltspunkte für die Festlegung einer künftigen Bildungspolitik, die auf die Entwicklung kreativer, innovativer Lehr- und Lernprozesse hinwirken soll.

http://europa.eu/rapid/pressReleasesAction.do

Dazu wurde auch eine genauere Analyse als PDF-Dokument herausgegeben:

Im Rahmen dieses Blogs möchte ich aber nicht den Hauptschwerpunkt der Kreativität in den Blick nehmen – eine Lektüre der diesbezüglichen Ergebnisse ist aber nicht minder interessant – sondern den Bereich der neuen Medien, die in diesem Zusammenhang eine besondere Beobachtung bekommen haben. Insgesamt passt dieser aktuelle Fund allerdings sehr gut in die Reihe meiner letzten Blogbeiträge zur Lehreraus- und weiterbildung sowie der Selbst- und Fremdwahrnehmung von Lehrern.

Eines sei aber trotz der ansehnlichen Beteiligung über alle Länder direkt vorweggeschickt (alle weiteren Zitate aus der verlinkten Dokumentation):

First of all, although teachers from all 27 Member States responded, the survey is not representative of all teachers in the European Community. This is due in particular to fewer responses from the United Kingdom, France and Germany, which under-represent their countries large populations.

In Deutschland nahmen nur 185 Lehrer an der Umfrage teil (siehe S. 27)

Nimmt man daraufhin den gesamtem EU-Raum in den Blick, macht es dann doch Mut, dass eine Mehrzahl der Lehrer zu einer Einschätzung wie der folgenden kommt:

Teachers believe to a very large extent that Information and Communication Technologies (ICT) can be used to enhance creativity. They are more convinced of the usefulness of what can nowadays be considered as more traditional technologies (computers, Internet, educational software, etc.) than by more recently developed innovative and interactive technologies (social networks, blogs, digital games, mobile phones, etc.).

Bei der Befragung zur ICT-Nutzung und Auwirkung auf Kreativität hat jeweils ein sehr hoher Teil der Lehrer teilgenommen. Die obige Aussage leitet sich aus einer europaweiten Übereinstimmung des Meinungsbildes ab. Lediglich für wenige Länder und darunter Deutschland ergibt sich ein deutlich geringerer Wert:

By contrast, only less than 25% of teachers from Finland, Estonia, Germany and Slovenia strongly believe in the usefulness of ICT for creative learning.

ICT-Kreativitaet

Ebenso finde ich es sehr zukunftsweisend, mit welch hohen Werten die Bedeutung einzelner Technologien und darunter auch die des Web 2.0 europaweit unter Lehrern zugemessen wird. Das deutet zumindest darauf hin und auch die Benennung der Nutzungsintensität auf der Seite 15 lassen für mich den Schluss zu, dass das Potential in unseren EU-Partnerländern erkannt wird:

ICT-usefullness

Fragt man in den Ländern aber nach dem Anteil, den digitale Medien und deren Vermittlung im Rahmen der Lehreraus- und Weiterbildung einnehmen, geht das Feld erneut sehr weit auseinander. Und Deutschland bildet wieder das Schlusslicht:

By contrast, much lower percentages of teachers from Germany (20%), Belgium (21%), Sweden (23%), Spain (24%), Portugal (25%), Lithuania (27%) and Slovenia (29%) claim they had received such training.

ICT-Ausbildung

Auch wenn die Ergebnisse bisher nur vorläufig veröffentlicht wurden und die Repräsentativität für Deutschland nicht gegeben ist, bildet diese Publikation für mich doch einen nicht zu unterschätzenden Schritt dahingehend, dass hier erstmalig eine solche Untersuchung angestrebt wurde und Kreativität mit der Nutzung von neuen medien verknüpft wurde. Ob dies zulässig oder kausal begründbar ist, sei einmal dahin gestellt. Aber allein, dass seitens der EU dieses Feld in den Blick genommen wird mit der Absicht, daraus einen “promising starting point for any future educational policy targeted at developing teaching practices and education in support of students’ creative and active learning” abzuleiten, ist doch ein Zeichen, dass der Mehrwert dieser Technologien europaweit ein größeres Gehör findet als vielleicht derzeit noch in Deutschland.

© René Scheppler, 2009

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