Moodle vs. Web 2.0

Kommentieren 19. December 2009

Ein sehr spannendes Interview haben Prof. Baumgartner und Moodle-Experte Hilgenstock geführt. Wesentlicher Aspekt ist dabei der Grad der Öffnung von Moodle, das Lernen in geschützten Räumen auch im Web sowie des Gedanken des Web 2.0.

Ich habe bereits früher in einem anderen Beitrag sehr ähnliche Gedanken aufgegriffen und diskutiert. Von daher möchte durch dieses Video angeregt – und es als Aufhänger gebrauchen – auf einen anderen Aspekt eingehen: die Lehrenden.

Ganz richtig betont Ralf Hilgenstock, dass es notwendig ist, für eine didaktische Unterfütterung jedes e-Learning-Szenarios zu sorgen – egal, ob dies nun mit Moodle passiert oder anderweitig im Sinne des gänzlich offenen Raums nach Baumgartner. Hierzu ist es unabdingbar die lehrenden mit ins Boot zu holen, da ihnen diejenige Aufgabe zukommt, für ein Lernsetting zu sorgen, das trägt, anregt und – so ist unser derzeitiges Schulsystem nun einmal gestrickt – zu gewissen Zielen und Standards hinführt.

Die Klagen gegenüber e-Laearningplattformen sind vielfältig und Hilgenstock greift das der Komplexität heraus, um an ihm zu verdeutlichen, dass der Funktionsumfang oder vielmehr die Funktionsvielfalt dasjenige sei, welches viele Lehrer davon abhalte, solche Systeme in den eigenen Unterricht einzubetten. Auf der anderen Seite tritt das Paradox auf, dass auf neue Versionen gewartet wird, die dann eben weitere Funktionen bereithalten, die offenbar für den Einsatz unabdingbar sind. Scheinbar ein Dilemma. Aber das sehe ich anders.

In meinen Augen ist es nicht der Funktionsumfang, die Vielfalt der Tools oder das Überangebot. Die Klagen darüber sind vielmehr Symptom als Ursache. Denn von wem werden diese Rufe nach mehrt Einfachheit, mehr Reduktion aufs Wesentliche oder der Beschränkung auf Kernfunktionen eines komplexen Lernmanagementsystems erhoben? Das sind doch meist diejenigen, die mit den Möglichkeiten und Angeboten zu großen teilen nur über Vorträge und Vorführungen in Kontakt gekommen sind. Da wird auf Fortbildungen oder Workshops in Referaten aufgelistet und heruntergerappelt, was denn möglich ist, dann wird ein Beispiel gezeigt und womöglich noch eine kurze Phase des Ausprobierens angeboten. ich habe dies erst jüngst wieder bei einem Fronter-Workshop erlebt.

Doch so kann in meinen Augen Lehrer(fort-)bildung im Bereich neuer Medien und speziell des Einsatzes von Web 2.0-Technologien nicht länger aussehen. Entscheidend ist in meinen Augen, dass in diesem Feld der Lehrende den Mehrwert des neuen für sich selber erkannt hat und selber zum lernenden wird, der im aktiven Nutzen und Ausprobierens der Tools zu einem Entdecker neuer Lernmöglichkeiten für sich selber und dadurch quasi automatisch zum Entwickler neuer Lernsettings für sein Lehren wird. Nicht das Tool, das Werkzeug, die Plattform ist dasjenige, was “vermittelt” oder seitens des Lehrenden gelernt werden muss. Sondern vielmehr die Haltung die dahinter steckt, und hier macht Hilgenstock ganz richtig die Unterscheidung zwischen Moodle als “Gerät” und Web 2.0 als Einstellung. Der eigene Umgang mit unterschiedlichen Web 2.0-Angeboten ist unabdingbar, um dann ein konkretes Tool als gewinnbringend für den eigenen Unterricht zu entdecken.

Von daher funktionieren für solche Angebote und Möglichlichkeiten die Fortbildungen im klassischen Sinne auch nur noch sehr beschränkt und führen häufig zum genauen Gegenteil: nämlich den Klagen über zu viel Komplexität, Überforderung und Unmöglichkeit, dies nun auch noch neben (und alleine die Präposition sollte uns aufhorchen lassen) einem vollem Lehrerdeputat einzubetten. Das Web 2.0 und das, was im Video von Baumgartner damit primär in Verbindung gebracht wird, zeigt uns selber, welches der Weg sein wird und muss, Fortbildung im Bereich neuer Medien und in meinen Augen in diesem Zuge auch anderer Bereiche der Lehrerbildung zu denken: das soziale Netzwerk. Es kann nicht mehr zielführend sein, für wenige tage zusammen zu kommen, sich auszutauschen, gegenseitig mit Projektideen oder aber Klagen zu überhäufen, um dann auseinander zu gehen und im Schulalltag die klassische post-seminare Depression angesichts der Alltagsrealität zu erleiden.

Viel sinnvoller ist es doch, das Medium selber zu nutzen, soziale Netzwerke (à la classroom 2.0) anzulegen und diese – und das halte ich für entscheidend – dann in die Realität zu überführen. Kollegiale Unterrichtshospitationen in einer Schule, kollegiale Schulpartnerschaften über die mehrere Schulen und initiativenbasierte Projekte über die Bundeslandgrenzen hinweg (wie es die Initaitive D21 mit diesem Projekt anbietet) die zum einen die Potentiale des web 2.0 nutzen und für die Teilnehmenden konkret sichtbar machen, dann aber auch den persönlichen Kontakt anleiten und versuchen, diesen längerfristig stabil zu halten. Denn während die ersten beiden Punkte offenkundig sein mögen, liegt der Schlüssel für mich im dritten. Erst wenn diese Netzwerke verlässlich, vertraulich und individuell helfend/hilfreich werden im alltäglichen Schulleben, Unterrichtsvorbereiten und Lehren, erst dann wird es möglich, das Gefühl der Überforderung aufzulösen. Neue Medien sollen eben nicht “neben” einem vollen Deputat durch die Lehrer aufgesattelt werden, sondern sie bieten in sich selber die Chance der alltäglichen Weiterbildung und der alltäglichen Arbeitserleichterung, die aber erst sichtbar wird, wenn die gewisse Inkubationszeit bei einem selber durchlaufen wurde und der Mehrwert für den Lehrenden selber offen zu Tage tritt.

Und wenn dies gelingt – das sehe ich an mir selber und an vielen Kollegen, die sich auf den Weg gemacht haben -, steht nicht mehr das Tool im Mittelpunkt sondern der Lerner. Und wenn dies gelingt, verschwindet der Ruf nach einer beschränkten, reduzierten Umgebung, vielmehr wird er sich umdrehen mit dem Wunsch, weitere, eigene und spezielle Funktionen zu integrieren, was aus meiner Sicht derzeit nur Moodle bietet und warum diese Plattform unter erfahrenen e-Learnern im Schulbereich, die den beschriebenen Blick eingenommen haben, so beliebt ist gegenüber Ansätzen, die nur auf Schlichtheit und Einfachheit setzen (was kurzfristig sehr attraktiv sein kann, längerfristig gedacht aber eine Sackgasse ist, da dem lernenden Lehrer sehr schnell Grenzen gesetzt werden).

Ein schönes Beispiel, das an dieser Stelle anknüpft (ob bewusst oder unbewusst mag ich gar nicht zu sagen), ist für mich die Fortführung der Bildungsexpedition in Form der Bildungsreporter, bei dem ich auch als ein “Korrespondent” beteiligt bin. Von daher kann man dieses Beitrag auch als eine Antwort verstehen auf das jüngt veröffentlichte Video, indem nach Wünschen fürs Projekt gefragt wird:

Ich wünsche mir, dass die Möglichkeiten der Vernetzung und der Communitybildung genutzt werden und mit einem längerfristigen Blick bis in die Klassenräume getragen wird. In dem Sinne, dass Lehrer miteinander in Kontakt kommen, bleiben und im Sinne einer Fortbildung 2.0 zu verlässlichen Lernpartnern für besseres Lehren werden können. Auch die Initiative D21 verfolgt mit diesem Projekt diesen Ansatz und wir hoffen, unseren Partnerschulen in diesem zweiten Durchgang des Projekts “Die besten Lehrkräfte für Deutschlands Schulen der Zukunft” wieder und besser einen Anknüpfungs – aber dann auch ausbaufähigen Andockpunkt zu bieten, Partner zu finden und eigenes Lernen und Fortbilden zu initiieren.

(c) René Scheppler, 2009

Share