Aus dem Alltag: Fronter – erste Eindrücke

Kommentieren 21. November 2009

Wer diese Woche auch Beiträge im Blog gewartet hat, wird es erahnt oder über Twitter erfahren haben – es waren wieder 5 volle tage. Aber auch diesmal fällt wieder etwas in Sachen neue Medien ab. Denn seit nun einer Woche ist an meiner Schule Fronter einsatzfähig und mit administrativen Rechten ausgestattet erkunde ich die Plattform und versuche sie mir selber zu erschließen sowie Ideen zu entwickeln, sie den Kollegen möglichst einfach und effektiv zugänglich zu machen.

Ich möchte daher diesen Beitrag nutzen, die Plattform selber in den Blick zu nehmen und meine allerersten Eindrücke zu schildern. Da ich nun mehrjährig mit Moodle gearbeitet habe und ich den Eindruck habe, dass dies vielen Bloglesern als Referenzgröße bekannt ist, ergibt sich fast automatisch, dass ich bei einem solchen Switch auf eine neue Umgebung die alte auch für mich selber als gewissen Maßstab im Kopf habe. Das dies zu einer Voreingenommenheit führen kann, hat bereits die vor einigen Tagen geführte Diskussion gezeigt, ist in meinen Augen aber auch sinnvoll, um im sich eh schon prinzipiell langsamer entwickelnden Schulbereich nicht immer wieder von vorne anzufangen.

Ich möchte meine Eindrücke in folgende Bereiche unterteilen:

  • Lehrerzentrierung und didaktisches Konzept: Dies ist für mich auch zugleich der auffälligste Bereich, denn hinter Fronter scheint eine grundlegend andere Mentalität zu stecken als ich sie von Moodle gewohnt bin. Fronter basiert primär auf einem Up- und Download-Konzept, stellt diese Funktion für den Erstnutzer bzw. Erstkontakt deutlich in den Vordergrund. Dies bezieht sich sowohl auf die Dateiablage aber auch auf die Gestaltungsmöglichkeiten einzelner Räume. Das Hochladen von Material, das dann im nächsten Schritt von den Nutzern konsumiert werden kann, führt dann aber auch zu einer Art Lehrerzentrierung, da er ja in den meisten Fällen derjenige ist, der diese Materialien  bereitstellt. Da ich im Moment Fronter noch hauptsächlich für den Austausch mit kollegen (bald aber wohl auch Eltern) nutze, ist dies noch kein schwerwiegendes Handicap. Im Umgang mit Lernern stelle ich mir dies aber problematisch vor, nicht den Eindruck des Nürnberger Trichters zu erwecken, sondern Schüler aktiv in die Mitgestaltung des virtuellen Lernraumes einzubinden. Um damit zum nächsten Punkt überzuleiten, sehe ich bei Fronter in deutlich geringerem Maß eine Zuschneidung bzw. eine Fokussierung auf Unterricht, wie er in Zeiten des Web 2.0 möglich wird und sein sollte.
  • Unterrichtseinsatz: Hier meine ich weniger das angesprochene didaktische Konzept, sondern in den letzten tagen habe ich immer wieder versucht, mir konkrete Unterrichtssituationen mit dem Einsatz von Fronter bereitzulegen. Aus der Moodle-Schule kommend schätze ich besonders die Möglichkeiten, Unterricht und vor allem Lernprozesse aktiv und zeitnah zu lenken und mitzugestalten. In Moodle ist dies sehr gut möglich, da ich in der Vorbereitung des Unterrichts verschiedene Blöcke aber in diesen auch verschiedene Tools und Materialien anlegen kann, sie aber zunächst noch ausblende. Im Unterricht selber empfinde ich es als sehr angenehm, an meinem Lehrerrechner mit administrativen Rechten eingeloggt zu sein und dann mit einem Klick zu sehen, ob mein Vorhaben aufgeht oder ich z.B. einen anderen Block vorschalte bzw. einzelne Elemente übergehe, indem ich sie mit einem Klick freigebe/sichbar schalte oder aber auch per Drag und Drop im laufenden Unterricht verschieben kann. Dies ist in Fronter nicht möglich, da die Raumbearbeitung weitaus aufwendiger und kaum im laufenden Unterricht zu bewältigen ist. Was ich hier einstelle, wird sichtbar und wenig editierbar – was sich übrigens auch auf die Schüler bezieht.

    Denn in Moodle ist es ja bekanntlich sehr schnell einzurichten, einzelne Blöcke oder Tools in Gruppenbearbeitung zu geben, Schüler also nicht zentral sondern nach eigenen Interessen und Lerntempi arbeiten zu lassen. Hier können zu den Aufgaben dann nicht nur unterschiedliche Ergebnisse entstehen, sondern diese entwickeln sich auch in eigenen, flexiblen Unterräumen. Da letztere aber stets Bestandteil des Kursraumes sind und gezielt gruppiert werden können, bleibt die Lerneinheit “Klasse” aber stets bestehen. In Fronter müsste ich dazu wohl mehrere Räume einrichten, die dann zusammenzuführen bzw. übersichtlich zu halten, sehr schwer werden wird.

    ein letzter Unterpunkt ist dazu die Anwendung von Tools. In Fronter sind diese recht rar gesät. Dies mag angesicht von Werbebroschüren und der auch plattforminternen Auflistung etwas verwundern. In meinen Augen resultiert diese Behauptung aber darauf, dass viele Funktionen, die als unterschiedliche Tools angepriesen werden, im Kern oft sehr ähnlich sind oder nur geringe Unterschiede aufweisen. Auch hier kommt die grundsätzliche Mentalität des Einpflegens zu Konsumierungszwecken wieder zum Tragen, da mir alleine zum Einstellen von unterschiedlichen Materialarten unterschiedliche Tools angeboten werden.

    Noch bemerkenswerter ist für mich aber das Spektrum der Einsatzszenarien für die einzelnen Tools. Dadurch, dass diese oft stark fokussieren, scheint ihr Einsatzfeld klar abgesteckt bzw. seitens der Entwickler durchdacht zu sein. Dies mag aus der Sicht letzterer sehr sinnvoll sein, da damit eine gewisse Stabilität gewährt werden kann. Für mich als Lehrer ist dies aber eher einschränkend. Ich merke es nach den ersten Tagen und Versuchen daran, dass ich mich ertappe, mir grundsätzlich andere Fragen zu stellen als in Unterrichtsvorbereitungen mit Moodle: In Fronter klingt das gedanklich so

Ah, dieses Tool kann also dies. Wie setze ich das jetzt geschickt im Unterricht mit seiner gezielten Funktionalität ein?

In Moodle ist meine Denkweise eher diese:

Ah, ich würde gerne eine kollaborative Sammlung von Begriffserklärungen erstellen lassen. Nutze ich dazu jetzt lieber ein Glossar oder das Wiki? Oder kommen die Schüler besser in einem Forum zurecht?

Ich denke in Fronter – bzw. habe das Gefühl, dazu geführt zu werden – viel eher vom Tool aus und nehme die möglichen Unterrichtsszenarien in den Blick. In Moodle hingegen stehen mir unterschiedlichste Tools für gleiche Szenarien bereit – und ich kann sie aus dem reichen Fundus der Community erweitern – die mich eher den Unterrichtsgegenstand zum Ausgangspunkt nehmen lassen. Ein weiterer Aspekt in Sachen Tools ist dann, dass Fronter sehr eigene Werkzeuge anbietet, die einem in der Web 2.0-Landschaft so nicht begegnen. Am auffälligsten ist dies sicher – aber nicht nur – beim Fronter-Wiki, welches kaum Ähnlichkeit in aussehen und Handhabung mit den verbreiteten Wikis im Internet hat, sondern vielmehr eine minimalistische Form eines Google Docs-Dokuments ist – also eine Datei, die gemeinsam (aber nicht simultan) bearbeitet und gespeichert werden kann (allerdings mit Versions-History, ohne farbliche Hervorhebung). Die Werkzeuge in Fronter werden einem in der Form kaum anderswo begegnen, so dass ich meinem derzeitigen Orientierungsprozess schon den Eindruck habe, Fronter selber zu “lernen”. Ich bin gespannt, ob sich dies mit zunehmender Vertrautheit mit Fronter ändern wird. Wenn ich mich an meinen Erstkontakt mit Moodle zurück erinnere, meine ich allerdings nicht vor diesem Phänomen gestanden zu haben.

  • Support: Dies scheint mir ja in der Werbestrategie von Fronter ein wesentlicher Aspekt zu sein. Denn tatsächlich ist die Plattform kostenpflichtig und der Anbieter garantiert einem die Abnahme sämtlicher Hosting-Bereiche. Man bekommt als Schule also eine fertige, lauffähige Plattform bereitgestellt. Das klingt natürlich verlockend, da Lehrer im Alltag ja eh kaum  Zeit für weitere Aktivitäten haben (ob dies nun an der prinzipiellen Arbeitsbelastung oder der Art und Weise, wie Lehrern (un-)flexible Arbeits- und Denkstrukturen in der Ausbildung vermittelt werden, ist eine andere Diskussion). Und tatsächlich läuft Fronter vom ersten Tag recht zuverlässig und bedarf als Plattform kaum administrativer Eingriffe durch die schuleigenen Lehrkräfte. Doch damit ist es ja keineswegs einsatzfähig. Denn die Arbeit des Einpflegens von Schülern und Lehrern (LogIns), das Anlegen und Ausgestalten von Räumen bleibt auch hier bei der Schule und den betreuenden Lehrern – wir sind es also selber diejenigen, die Räume anlegen, gestalten, Rechte vergeben, Nutzer einpflegen und zuweisen usw. Im Grunde ist die Einrichtung eines Fronterraums für meine Kollegen, Eltern und Schüler genauso aufwendig wie in Moodle. Nur mit dem Zusatz, dass ich in Moodle viel ausgefeiltere Optionen habe, bereits fertige Räume in unterschiedlichen Stufen zu übernehmen (mit oder ohne Nutzer, mit oder ohne einzelne Materialien, mit oder ohne einzelne Tools usw.), was in Fronter nur sehr eingeschränkt bis gar nicht möglich ist. Was dann aber eher fortgeschrittene Nutzer betrifft: Ein Zugriff auf den Webspace ist in Fronter nicht möglich, sondern auch als Administrator operiere ich ausschließlich über die Nutzeroberfläche.

    Und zu guter letzt: die Community. Wer einmal in moodle vor einem Problem stand, das entweder technischer oder auch didaktischer Natur war und das hohe Tempo und die beeindruckende Bereitschaft der Community über moodle.org erlebt hat, wird sich im Klaren sein, dass so etwas einzigartig und für ein kommerzielles Anbieter kaum nachahmbar ist.

Ich möchte noch einmal hervorheben, dass es sich bei den geschilderten Problemen, die ich derzeit mit Fronter habe um Erfahrungswerte nach der gut einwöchigen Nutzung (dabei aber täglich) handelt. Wenn man daraus ableitend aber die derzeit attraktivsten oder meistgenutzten e-Learning-Plattformen im schulischen bereich in den Blick nimmt, wird für mich eines überdeutlich: Man merkt als Lehrer sehr schnell, mit welchem Fokus bzw. mit welchem Blick eine Plattform entwickelt wurde. man registriert unmittelbar, ob dahinter t´techniker mit ihrem Sinn für die Realisierungsmöglichkieten und der Strategie der Stabilität stecken. oder ob hier Didaktiker und Pädagogen (mit-)entwickeln und in welchem Umfang. Und ich glaube, dass dieses Maß an Zusammenarbeit zwischen technischem Anbieter und alltäglichem Nutzer (hier: Lehrer und Schüler) eine maßgebliche Rolle nicht nur für die Akzeptanz aber auch die erfolgreiche Nutzbarkeit in Lernszenarien beeinflusst. Letztendlich ist es die Neuausrichtung und Neuaufstellung im Zuge des Wechsels vom Web 1.0 zum Web 2.0 der manchen Plattformanbietern noch tiefer in den Knochen steckt als anderen. Aber auch seitens der Lehrer wird sich die Akzeptanz einer Plattform wesentlich an dem Grad messen lassen, in welcher Form er Unterricht denkt und wird dabei evtl. auch zu einem anderen Bild kommen als ich mit meiner eigenen Vorstellung von schülerzentriertem und kolaborativ gestalteten Unterricht.

Ich selber werde daher die in meinen Lerngruppen bereits eingeführten Moodleinstanzen nicht sofort aufgeben und mich weiter versuchen, mit Fronter als schulweite Plattform anzufreunden und ab und an hier zu berichten. Vielleicht habe ich es in ein paar Wochen oder Monaten soweit durchschaut, dass ich meine Kritikpunkte zurücknehme und mein “Fronter-Lernprozess” erfolgreich war. Mit Blick auf die aktuelle Landschaft der Lernmanagementsysteme (LMS) stellt sich mit aber einmal mehr die Frage

Quo vadis, e-learning?

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler

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