Soziale Netzwerke im Klassenraum

Kommentieren 07. November 2009

In der nächsten Woche finden an meiner Schule zwei pädagogische Tage statt. Zum Thema Neue Medien wird es Vorträge und Workshops geben, wobei ich mich bereit erklärt habe, eine dieser praktischen Sessions zu übernehmen. Das Thema wird der Umgang mit sozialen Netzwerken in Schule und Unterricht sein. Die Vorbereitungszeit ist nun etwas kurz und ich stecke gerade einige Zeit in die Recherche, wodurch die Postings hier im Blog etwas zurück gehen. Ich denke aber, dass vielleicht der Eine oder Andere doch einen guten Tipp hat, den ich gerne “anzapfen” würde. Und getreu dem Motto des Gebens und Nehmens im Web 2.0 habe ich mich entschieden, auch hier darüber zu bloggen.

Ich habe vorgestern spontan ein Wiki aufgesetzt, das ich für mich selber im Vorfeld etwas zur Sondierung des Themas nutze, aber auch interessierten Kollegen bereits als Anlaufstelle genannt habe. Im Moment sammle ich dort nur Materialien, hoffe aber, es noch systematischer zu füllen. Eigentlicher Anlass für diesen Beitrag ist aber ein Recherche-Fund, der mir gut gefallen hat und einige wichtige Aspekte anspricht und dabei nah an der realistischen, alltäglichen Praxis bleibt (von teachers.tv):

Eine sehr wesentliche Aussage findet sich gleich zu Beginn des Berichts. Nämlich die Tatsache, dass die Lehrerin selber soziale Netzwerke nutzt und diese für sich als gewinnbringend einschätzt. Und genau aus dieser Sichtweise, dasjenige, was einem selber hilft, an die Schüler weiterzugeben bzw. sie damit vertraut zu machen, ist in meinen Augen ein richtiger (wenn nicht gar der sinnvollste) Weg. Denn da hinter dem Web 2.0 und besonders den Kommunikationstools und -formen von Netzwerken eine eigene Mentalität steckt, die es zu begreifen gilt, kann der Weg der Annäherung wohl nur über die eigene Auseinandersetzung und Erkenntnis erfolgen. Jemanden zum Einsatz zu verpflichten wäre nicht nur kontraproduktiv, sondern würde wahrscheinlich längerfristig mehr Schaden anrichten, wenn durch missmutige oder wenig überzeugten Einsatz im Unterricht den Schülern die Potentiale zusätzlich verschlossen werden.

Und auf diesen Wunsch, die eigens erkannten Vorteile auch im Unterricht zu nutzen, folgt der zweite richtige Schritt: Abschauen. Dies ist wohl einerseits aus der Not geboren, dass die Tools noch so jung sind, dass es keine methodisch-didaktischen Aufbereitungen in der Fülle gibt, wie das bei vielen anderen, über Jahre erprobte Inhalte und Formen der Fall ist. Zum Anderen gilt aber für die neuen Medien fast noch mehr als für andere Unterrichtsszenarien, dass das aktive (Mit-)Erleben die meisten Anregungen bringt:

I’m really exciting about meeting with Lisa because I think it is always brilliant to see teachers actually doing something new that you have never done yourself.

Ich denke, dass eine solche Kultur des Hospitierens und Abschauens der effektivste Weg ist, den Einsatz neuer Medien in den eigenen Unterricht zu integrieren. Natürlich helfen dabei die Medien selber, um den Kontakt aufzubauen und zu halten. Aber letztlich ist es doch der direkte Kontakt und die reale Beobachtungssituation, die die nachhaltigsten Eindrücke hinterlässt. Dies hat jüngst auch wieder das Projekt der Bildungsexpedition gezeigt. Ob dies nun innerhalb der eigenen Schule stattfindet oder man andere Kollegien besucht, das Prinzip der offenen Kommunikation und des Austauschs sollte nicht nur im Web 2.0 stattfinden sondern sich auch übertragen lassen.

Im Video werden einige Tools vorgestellt, auf die ich nicht alle eingehen will, da sie auch bereits in anderen Posts hier im Blog angesprochen wurden. Bemerkenswert ist dann für mich aber die Situation rund um Twitter im Unterricht. Denn hier werden nicht die Schüler selber auf das Tool “losgelassen”. Sondern die Lehrerin bringt ihr eigenes Netzwerk in die Lernsituation ein und die Schüler treten in Kontakt mit den Followern der Lehrerin. Das knüpft an den Eingangsgedanken an, aus der eigenen Webnutzung heraus Unterrichsszenarien zu kreieren. Und da Twitter in der Tat eine gewisse Durststrecke des Aufbaus eines funktionierenden Netzwerkes bedarf, ist diese Variante für kurze Einsätze in meinen Augen eine nicht zu unterschätzende Lösung, die Schüler – wie im Video treffend begründet – mit der Außenwelt in Kontakt zu bringen.

Viel spannender ist dann aber für mich der Kommentar ab Minute 4:29…

One thing that would worry me a little bit is the issue of privacy. How do you make sure that the kids are safe online?

OK, I don’t usually like blocking because it is a kind of saying “that is a no-go”. And when you talk not to do something you want to do it. So i am more a fan of teaching children safty rules like “don’t put pictures of yourself up”, “never tell people your address or your phone number or your e-mail-address”, “don’t give out your full name”.

Aus meiner Erfahrung kann ich dies nur unterstützen. Dem Reiz des Verbotenen durch Block-Aktionen Vorschub zu leisten spornt Schüler immer wieder dazu an, sich nicht nur über das jeweilige Verbot hinwegzusetzen. Vielmehr setzen sie in diesem Eifer auch noch ihnen bekannte und einsichtige regeln außer Kraft. Ein gesundes Maß an Vertrauen, das dann aber mit klaren Regeln und nachvollziehbaren Vereinbarungen einhergeht, holt die Schüler, die doch zu großen Teilen eh schon Kontakt mit ähnlichen Tools und Plattformen im privaten Umgang haben, viel eher dort ab, wo sie sich selber ernstgenommen fühlen. Dabei geht es in meinen Augen weniger um die auch berechtigt zu führende Diskussion um offene oder geschlossene Unterrichtssettings (gegenüber öffentlichem Zugang). Vielmehr ist es eine grundlegende Einstellung zum Medium, zum Mehrwert und hinsichtlich des konkreten zwecks für die jeweilige Lernsituation, das jeweilige Lernziel.

Ab Minute 5:00 wird schließlich zusätzlich auf den kollaborativen Ansatz eingegangen, der über die Web 2.0-Technologien nicht nur sehr gut umgesetzt werden kann sondern auch für den Unterricht und die Klassengemeinschaft der Lerngruppe besondere Vorteile mitbringt:

One of the benefits of an online community is that work and ideas can be shared and people can respond to encourage and advise.

Ab Minute 5:45: What would you say the students get out of the voki? – Obviosly it is a really fun thing. It’s motivating. You have got a permanent record of what the children have done, which is more interesting for them to look back on and review. So it is like a peer assessment tool. That’s more interesting then listening to people soundfiles and sying “OK, what was good about that, what can you do to improve it”? If you got actually a visual as well the same time that is really good.

Secondly: a self-consciousness. It takes that away as well, because it is not them talking it is the sheep or Britney Spears or who ever else. And it can be anonymous. And also safe for you to puplish in a public space like your schools website, because the cildrens faces aren’t on it.

Dies sind wichtige Gedanken, die man sich im Vorfeld eines Projekts mit öffentlich zugänglichen Medien machen sollte, um für sich oder im Team zu entscheiden, wie weit man gehen will und für welche Grade der Öffnung das jeweilige Vorhaben sinnvoll ist. Denn auch dies habe ich immer wieder erlebt: Schüler haben ein recht feines Gespür dafür, wie weit sie dem Lehrer vertrauen können, wie sicher sie sich gerade bewegen. Zwar bedarf es des angesprochenen Trainierens einzelner Verhaltenskodizes, eine grundsätzliche Sensibilität kann aber in vielen Fällen vorausgesetzt werden, um sie zu schärfen und zu konkretisieren auf einzelne Situationen.

Doch nicht nur so allgemein wirkt sich ein solcher, offener aber vertrauensvoller Umgang mit und gegenüber den Medien aus. Auch im Bereich der Selbst- und Sozialkompetenzen spiegelt sich dies wider. Während letzteres vor allem über die genannten Peer-Beurteilung-Funktonen (kollaborative Dokumente à la wiki, Kommentare usw.) geübt wird, sind Steigerungen im Selbstkompetenzniveau darin zu erkennen, dass die evtl. Scheu des Auftretens vor der gesamten Klasse durch die Mittelbarkeit des Webs gemildert wird:

Minute 10:34: One of them is not perfect at French by any means. But I don’t think he would have stood up in front of the class and actually did even that speech. The fact is, our character doing it made it fine.

Die Schülerstatements zeigen schließlich weitere Vorteile aus ihrer Sicht auf, die es lohnend erscheinen lassen, die allzu oft vorhandenen Hürden an der eigenen Schule, an der bisher vielleicht noch nicht so etabliert mit neuen Medien gearbeitet wurde, zu überwinden und sich von den erfahreneren, besuchten Kollegen und deren sicher auch mühsam aufgebauten Ausstattungen einschüchtern zu lassen. Hier zeigt das Video ganz richtig, dass man Ideen aus solchen Beobachtungen mitnehmen sollte, sie dann aber so adaptieren muss, dass sie auf die eigene Umgebung, die eigenen Schüler passen. Hier laufen Fortbildungen oder Plattformen große Gefahr zu frustrieren und Abwehrhaltungen aufzubauen, die suggerieren, das gelernte oder vorgestellte ließe sich 1:1 transferieren auf die eigenen Unterrichtsstunden. Vielmehr muss es darum gehen, Potentiale und Möglichkeiten aufzuzeigen, praktische Tipps und Anleitungen zu geben, dabei aber niemals zu vergessen, dass wir uns zum Einen in einem jungen Medium bewegen und zum Anderen eine Anpassung an individuelle Ziele und Absichten unabdingbar ist. Nicht zuletzt, um sich auch als Lehrer – wie nun bereits mehrfach erwähnt – mit dem Tool zu identifizieren. Eine eigene, erneute Auseinandersetzung ist somit unbedingt notwendig.

Und praxisnah, wie sich das Video zurecht darstellt, wird dann auch noch der letzte, in den meisten Diskussionen immer wieder auftauchende Punkt aufgegriffen… der volle Alltag und die ohnehin hohe Belastung des Lehrers. Und da man sich da mit eigenen Kommentare eigentl. nur unbeliebt machen kann, da dies natürlich sehr individuelle Einsschätzungen sind, schließe ich mit dem betreffenden Zitat aus dem Video und diesem an:

So after Marias jam-packed day what are her thoughts about using online communities in class?

I will definitely continue using online communities. And we are going to do more and more of this surf-projects. I think it is important to know that it does not have to be replacing everything that we do but it can just enhance what we use already. I think we need to bare in mind that in todays, well the kids use internet, facebook, social networking all the time – they are used to it. It is nothing difficult for them. It brings the work in class alive. They can have people from around the world assassing their work, discussing what is happening.

It just makes it real.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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