Neue Lehrerrolle: vom Suchen und Finden

Kommentieren 07. November 2009

Seit einiger Zeit stöbere ich wieder öfter durch die absolut empfehlenswerte Sammlung der EDtalks. Dort findet sich so viel Gutes, Anregendes aber auch Fragwürdiges, welches stets zum Nachdenken anregt. Nun überlege ich seit 2-3 Wochen, ob ich diesem Material gerecht werde, wenn ich es in die sonntäglichen Youtube-Schmankerl verpacke. Ich habe mich dagegen entschieden und möchte diese Seite als Tipp in diesem Post anbringen.

Die Videos drehen sich oft um den Einsatz neuer Technologien im Unterricht und werden hier und da sicher auch nochmal sonntags auftauchen. Aber um einen Vorgeschmack zu geben, dass diese Videos tatsächlich der Reflexion bedürfen, habe ich mir Sharon Freisen mit ihrem Statement zu “New roles for teachers” herausgegriffen. Darin beschreibt sie die Herausforderungen an Lehrer im Umgang und durch die Konfrontation mit neuen Medien im Unterricht:

Die Grundaussage ist so einleuchtend wie schwierig im Alltag umzusetzen:

The role of the teacher in todays classroom is an incredibly demanding role. It’s an incredibly shifting role. So one of the things we have seen where frequently go wrong is they try to put technologies onto old practices. (…)

So how do we create practices for todays kids with the types of technologies and the types of learning environments we want to create?

So beschreibt eine Reihe richtiger Beobachtungen, die alle zu besprechen hier den Rahmen sprengen würde und sich im Video sicher sehr gut selber erklären. Die wichtigsten in meinen Augen kurz gebündelt:

So one of the myths that seems to be provacive is that as teachers start to teach in new types of environments wirh new types of things they seem to think that they must not tell the students what they know. And so we often see the teacher moving of to the side and just remaining silent. There is no place for the teacher. Or they will be sitting while the students are working off on their own desk, they may be sitting off on their own computer. They may be talking to the teacher next door and the students are all working. There is no engagement with the teacher in with the students as the students are learning.

Das ist tatsächlich eine nicht zu unterschätzende Gefahr, die in meinen Augen vor allem bei den klassischen Computerräumen aber auch bei Laptopklassen auftauchen kann. Wenn die Schüler vor den Computer gesetzt werden, ein fertiges Lernprogramm zu durchlaufen, einen online gestellten Arbeitsauftrag zu bearbeiten, eine Präsentation zu erstellen, ist der Lehrer spontan entlastet. Das habe ich selber auch bereits mehrfach beschrieben – nicht zuletzt bei der Bildungsexpedition. Wie dort beschrieben habe ich beispielsweise im Rahmen meiner Examensarbeit ein virtuelles Stationenlernen eingerichtet (mit Moodle) in dem sich die Schüler über mehrere Unterrichtsstunden bewegt haben. Doch dies als Freifahrtsschein zum Kaffeetrinken – um es mal überspitzt zu sagen – zu verstehen, wäre komplett falsch. Denn da stimme ich Freisen zu, die Rolle des Lehrers ändert sich. Er bekommt mehr Zeit für individuelle Betreuung, kann konkrete Hilfestellungen geben, aber eben auch weiterhin Wissen vermitteln. Ich selber nutze solche Phasen, in denen die Schüler eigenständig am Rechner arbeiten dazu, herumzugehen und den Schülern eben nicht nur über die Schulter zu schauen, sondern sich neben sie zu setzen, um eine Zeit lang gemeinsam mit ihnen die Aufgabe zu bearbeiten. Ebenso angenehm aus Lehrersicht ist die Möglichkeit, während solcher Phasen einzelne Schüler(-grüppchen) herauszunehmen, um mit ihnen gezielt zu üben oder z.B. das weitere Vorgehen zu besprechen. Ich schließe mich da Freisen an, wenn sie die Gefahr betont, die Rolle als “guide on the side” nicht als eine Art Fußballtrainer an der Spielfeldseitenlinie zu verstehen:

Minute 4:58: In many of our classrooms today as teachers are trying to examine their own changing roles they think of themselves as only facilitater. And that’s being reinforced by some their professional literature where teachers have been told to not be the sage on the stage but be the guide or the facilitator on the side. And so they have taken that to mean literally on the side. And so they moved themselves to the side of the learning. And that becomes incredibly problematic

Es geht also darum, die Chancen und neuen Freiräume, die meist durch eine gute Vorbereitung und dann eintretende Entlastung durch die neuen Medien während der Unterrichtsstunden dazu zu nutzen, sich auf die einzelnen Lerner einzulassen und sie aktiv zu begleiten. Der wesentliche Wechsel im Rollenverständnis ist dann nicht zuletzt das, was Freisen als den Wunsch vieler Lehrer versteht, zur ganzen Klasse zu sprechen, um sich unterrichtend wahrzunehmen. Vielmehr erlaubt der Einsatz neuer medien eine Schülerzentrierung, die oft nicht durch oder gar in Form des Mediums entsteht. Sondern die Zentrierung bleibt beim Lehrer, der schlicht neue Räume bekommt, die er nutzen kann. Aus diesem Grund ist aus meiner Sicht auch derzeit noch jeder Ansatz hinfällig, zu versuchen, den Lehrer zu ersetzen oder Programme aufzusetzen, die Lernen mit Hilfe neuer medien als rein selbstgesteuerten und individualisierten Prozess verstehen. lernen ist und bleibt ein in soziale Strukturen verankerter Prozess, der nicht aus sich selber oder aus einer bunten Lernumgebung heraus initiiert werden kann. Vielmehr lernen wir das, was wir im sozialen Umfeld als uns selber voranbringend und unterstützend begreifen (siehe am Beispiel scoyo, Blogbeitrag).

Und von daher ist auch der nächste Punkt von Freisen sehr interessant, der die Feedbackfähigkeit von Lehrern in den Blick nimmt:

The other thing that we find is that teachers aren’t used giving students timly specific feedback about what they are doing as they are doing it.

Vielmehr seien Lehrer darauf fokussiert, beispielsweise Arbeitsergebnisse mitzunehmen und später zu beurteilen, ein Feedback zu schreiben. Die direkte Rückmeldung, das unmittelbare begleiten eines aktiven Lernprozesses ist aber tatsächlich mit anderen Herausforderungen versehen. Und ich merke an mir selber, dass dies oftmals sehr schwierige Momente sind, die neben dem aktiven Zuhören auch eine hohe Identifikation mit dem Lernstoff erfordern. Vor allem bei Workbooks, Arbeitsheften oder fertigen Kopiervorlagen beobachte ich an mir selber dieses Phänomen, welches natürlich ebenso auf virtuelle Lernumgebungen zutreffen wird, wenn diese nicht vom Lehrer selber erstellt oder zumindest adaptiert wurden sondern lediglich eingekauft oder ausgetauscht. Nun will ich mich nicht dem starken Statement von Freisen anschließen, alleine, weil ich in meiner kurzen Lehrerkarriere mir da keinen Ein-/Überblick erlauben kann. Sich der Gefahr bewusst zu sein, dass Feedback nicht gleich Feedback ist und neue Lernkulturen mit der beschriebenen Lehrerrolle auch neue Formen der Rückmeldungen erfordert, kann nicht verkehrt sein.

Als dritten Aspekt von den vielen und auch hier unerwähnten Punkten Freisens möchte ich mir einen für mich kritischen herausgreifen. Und dies betrifft das Verhältnis mit Fachwissen:

So many teachers now in trying to reorient themselves in the 21st century classroom also then will take the opposite role and say, well then everything, it means uncontrolled exploration. (…) We feel that teachers still need a very strong hand and to take on their role as someone who can guide the exploration that is going on, guide the enquiry deeply, enquiry faster, new enquiry, raise new questions.

Ich bin da etwas stutzug geworden, da dies doch der Idee des selbstverantwortlichen Lernens etwas widerspricht. Ich denke, dass gerade die neuen Räume des Internets, der Hyperlinkkultur und des vernetzten, kollaborativen Arbeitens es ermöglichen, sich als Lerner eigene Lernräume und Wissensbereiche zu erobern. Ob dies nun beim Finden eigener Themen anfängt oder bei der Gestaltung ganzer Lerneinheiten in Form von Lernen durch Lehren aufhört, sei mal dahingestellt. Aber die Tatsache, dass der Lehrer eben nicht der permanente Impulsgeber ist und nicht ein vorgefertigter Lernpfad abgeschritten wird (womöglich unter dem Deckmantel der Selbstbestimmung, nur weil ich hier und da die Auswahl zwischen zwei Antwortmöglichkeiten bekomme, um dann ein entsprechendes Feedback zu kassieren — siehe entsprechende Lernsoftware), ist doch eine wesentliche Chance der neuen Medien. Und genau das ist doch auch dasjenige, was uns vor so große Herausforderungen stellt, dass eben nicht mehr im Gleichschritt auf die nächste Klassenarbeit gelernt wird und wir darauf achten, dass alle das selben Wissenslevel erreichen. Sondern mit neuen Lern-/LEhrformen müssen letztlich auch neue Prüfungsformen möglich werden, die nicht mehr sturr der Idee der Zertifizierung folgen (so eingefahren diese Nachfragen auch sein mögen), sondern eine Öffnung hin zu den bereits in Ansätzen etablierten Portfolioideen, die nicht nur einen individuellen Lernweg abbilden, darüber hinaus dann auch eine eigene Beurteilung erlauben. Ich bin nicht sicher, ob ich Freisen da unrecht tue, wenn ich ihr vorwerfe, diese Entwicklung mit ihrem Plädoyer für eine “starke Hand” noch nicht ausreichend in den Blick genommen zu haben. Ebenso kann ich selber keineswegs abschätzen, ob Portfolios oder gar ganz andere Formen diejenigen sein werden, die uns bei der Umsetzung neuer Lernstrukturen mit Hilfe neuer Medien begegnen werden. Immerhin beschreibt sie für mich richtig, dass Schüler sich an selbst gesetzten Standards orientieren sollten, wobei ich immer den Unterton heraushöre, dass der Lehrer letztlich die entscheidende Instanz bleiben sollte.

Von daher bin schließlich für das Freisen’sche Zitat wieder dankbar, das die Grundidee schön bündelt:

So they (the teachers) are learning how to do new things in new ways not doing new things in old ways. So using new tools to do old things where actually the role of the teacher has significantly changed. It’s exstanded significantly. And the instruction of practices that teachers in todays classrooms need to work with are ones that… they are learning to reinvent their own profession. That becomes quite challenging for many of them but also a necessary place for all of us to go through at this time.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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