Web 2.0 erfordert neuen Unterricht

Kommentieren 25. October 2009

Einen spannenden Artikel unter dem Titel “Blogs geben Lernen wieder einen Sinn” hat Lisa Rosa in der TAZ geschrieben. Ausgehend von der Partizipationsmöglichkeit, die in Blogs neben Wikis wohl am deutlichsten zu tage tritt und am einfachsten zu realisieren ist, beschreibt sie eine sich ändernde Informationsgesellschaft, mit deren Transformation auch eine neue Lernkultur notwendig wird.

Ich denke, damit trifft Lisa Rosa einen Nerv, der zugleich eine Erklärung dafür liefern kann, dass der Einsatz neuer Medien in Unterrichtsszenarien noch verhalten anläuft. Denn einen echten Mehrwert bringen die Web 2.0-Applikationen im Unterricht oft nur mit einer veränderten Lehrerrolle, derer sich der Lehrer bewusst sein muss. Dazu ist der Artikel in meinen Augen eine gute Hilfestellung. Zugleich werden Praxisbeispiele aufgeführt, die als Vorbild dienen und zur Nachahmung anregen können.

Einige treffende Zitate:

  • Computer und Web 2.0 passen nicht in den alten Unterricht. Sie erzwingen ein neues, partizipatives Lernen, das nicht mehr lehrerzentriert ist.
  • Vieles von dem, was “Neues Lernen mit Medien” genannt wird, sind Varianten des Alten Lernens unter Nutzung neuer Instrumente.
  • Ein Kommunikations-Medium ist nicht einfach nur ein Instrument, ein Gerät wie Radio oder Filmapparat, das relativ folgenlos durch ein anderes ersetzbar ist.
  • Analog dazu wäre die Verwendung eines Weblogs als digitales Notizbuch anstatt eines Schreibheftes zu sehen – als unterste Stufe der Mediennutzung als Werkzeug. Das Weblog in seinem Mediencharakter genutzt, kann jedoch Lernen nach den neuen Prinzipien ermöglichen: nach dem persönlichen Sinn, selbstbestimmt und interaktiv vernetzt.

Etwas skeptisch bin ich jedoch gegenüber dem “Fazit”:

Wo das neue Medium vorerst als bloßes Tool in den Traditionsbetrieb der Schule eingepasst wird, bedeutet das nicht, dass das nicht sinnvoll ist. Denn wir sind notgedrungen im Stadium des Experimentierens. Und auch wenn das Weblog “nur” als Werkzeug genutzt wird, um allen Schülern jederzeit den Zugang zur schriftlichen Formulierung der Aufgabenstellung und des Unterrichtsmaterials zu verschaffen: Es ist im Unterricht angekommen und kann vielleicht wie das Trojanische Pferd seine “Message” herauslassen.

Ich stimme soweit zu, als wir es tatsächlich mit einem Experimentieren zu tun haben. Das Medium als auch die Tools sind so neu, dass es wirklich schwer ist, sich vorzustellen, wohin das Ganze führen wird und wie sich diese Dinge letztlich konkret auf Schule und deren Struktur auswirken werden. Hier im Blog versuchen wir daher immer wieder Möglichkeiten, Varianten und praktische Beispiele vorzuführen, anzudenken oder einfach darauf zu verweisen. Problematisch wird es für mich bei Bildern wie Trojanischen Pferden oder auch den Ansätzen, die Bildung zu hacken. Das suggeriert eine Intention, eine Absicht, ein Ziel, was aber meines Erachtens dem gemeinsamen Experimentieren entgegensteht. Ich denke, hier gilt es vorsichtig zu sein und denjenigen, die sich neu auf die Web 2.0-Technologie für die Nutzung im Unterricht einlassen, nicht die Tür vor der Nase zuzuschlagen oder ihnen zu vermitteln, sie befänden sich auf einer niederen Stufe. In meinen Augen ist jeder, der Blogs, Wikis oder andere Tools in seinen Unterricht integriert eine willkommene Bereicherung für die allesamt herumprobierende Community, die von jeder neuen Realisierung, jeder neuen Umsetzung und jedem neuen Zugang wieder neu profitieren kann. Denn dabei sollten wir uns selber auch die angepriesene neue Lernkultur zugestehen, dass eben nicht “eine” Message in dieser neuen Technologie steckt, die mache schon mehr, andere noch weniger erkannt haben (dass es eben keinen Lehrplan für den Einsatz neuer Medien im Unterricht gibt). Vielmehr sollte jeder Einzelne die Chance haben, sich die neuen Möglichkeiten für sich zu erschließen, sie zurück zu spiegeln und Anderen damit eine neue Orientierung zu geben:

Lerner bestimmen Gegenstände und Ziele ihres Lernens selbst. Sie produzieren neues Wissen. Sie stellen sich eigenen Aufgaben – und erzeugen ihre eigene Sinnbildung.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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