Aus dem Alltag: Für Eltern einen Raum finden

Kommentieren 13. October 2009

Als Klassenlehrer aber auch aus der neuen Blickrichtung, nicht mehr nur wie als Refendar für einzelne Halbjahre in einer Lerngruppe zu sein, bin ich derzeit ganz besonders damit herausgefordert, eine weitere am Schulgeschehen beteiligte Gruppe bewusster wahrzunehmen und einzubinden: die Eltern. Meine Erfahrungen gehen dabei gegen Null, im Referendariat war die Vorbereitung darauf bescheiden und ich bin selber auch noch kein Eltern. Was wollen die also? Wie intensiv muss ich mich um sie kümmern? Und haben die Kollegen Recht, die bei diesem Thema die Arme über dem Kopf zusammenschlagen und mir raten, da bloß keine schlafenden Hunde zu wecken, die eh nur bellen und Ärger machen?

Nun kann dieser Beitrag nicht den ganzen Aspekt “Elternarbeit” aufrollen. Aber hinsichtlich des Web (2.0) will ich doch einige meiner Überlegungen ausbreiten. Voraus zu schicken ist, dass ich der Meinung bin, dass die Eltern die zahlenmäßig größte Gruppe vor Schülern, Lehrern und anderen Mitarbeitern sind – wenn man der Rechnung zu Grunde legt, dass zu jedem Kind zwei gehören. Des weiteren verbringen Eltern mit ihren Kindern deutlich höhere Zeitanteile als selbst ich als Klassenlehrer mit besonders vielen Unterrichtsstunden dies erreichen könnte. Eltern können damit wichtige Experten sein, die mir für den Lernprozess bedeutsame Rückmeldungen, Hinweise und auch konkrete Hilfestellungen geben können. Andererseits verlassen die Schüler zum Lernen das Elternhaus – wahrscheinlich so regelmäßig und über so lange Zeiträume zum ersten mal sowe kaum anderswo – und werden damit dem Einfluss ihrer Erziehungsberechtigten (wie ich annehmen muss bewusst) entzogen. Ebenso hört man immer wieder, dass Eltern froh sind, ihre Kinder zum Lernen “abgeben” zu können. Die Kinder schließlich reflektieren auch hin und wieder, recht froh zu sein, in der Schule nicht ständig von den Eltern beobachtet zu werden.

Auf meiner grundlegenden, gedanklichen Voraussetzung, dass Eltern das Beste für ihre Kinder wollen, geht es somit darum, ein ausgewogenen Gleichgewicht zwischen allen Beteiligten zu erreichen:

Bereits mit dem vorletzten Youtube-Schmankerl habe ich ein in meinen Augen positives Beispiel vorgestellt. Und aus der Feder von Becta, die sich diesem Thema jüngst auch wieder intensiver widmen, stammt auch folgendes Video:

Radclyffe School – developing a richer dialogue with parents

Für mich ergeben sich daraus 3 zu beachtende Aspekte:

  1. Art und Umfang des Zugangs der Eltern via Internet zu schulischen Lernprozessen ihrer Kinder
  2. Voraussetzungen und Unterstützung bei diesem Zugang
  3. (gewünschte/erwartbare) Effekte eines solchen Zugangs.

Punkt 1: Hinsichtlich des Umfangs stehe ich auf dem Standpunkt, dass Eltern nur die Erziehungsberechtigten ihrer Kinder sind und nicht die von allen anderen Kindern der Klasse sind. Eine gute Klassengemeinschaft sollte ein harmonischen Auskommen und Miteinander ermöglichen aber nicht zwingend bis in die Lernsituationen aller Schüler gehen. Dies zu überschauen und zu koordinieren ist Aufgabe der Lehrer. Zu sehen und möglichst zeitnah zu beobachten, was und wie das eigene Kind lernt, kann aber für die Eltern durchaus sinnvoll sein. Rückmeldungen und Feedback ist dann aber über eine digitale Plattform nicht erstrebenswert, da ja eingangs betont wurde, dass die Eltern einen hohen zeitlichen Einfluss auf die Kinder haben. Der Umfang des Zugangs geht dann aber vor allem in die Richtung der Lehrer, was eine direkte Kommunikationsmöglichkeit bedeutet aber auch ein regelmäßiges gegenseitiges Feedback. Eine gewisse Gefahr sehe ich der zunehmenden Idee der Schule als Dienstleister bzw. des alleinig Gebenden. Die Einrichtung einer digitalen Plattform ermöglicht daher in meinen Augen nicht nur die intensivere und transparentere Rückmeldung seitens der Schule an die Eltern, sondern letztere Erhalten ebenfalls eine Möglichkeit, den Lehrern Rückmeldungen zu geben.

Das geht schon in die Art des Zugangs über. Wer den Blog verfolgt, weiß, dass ich hauptsächlich und nun seit mehreren Jahren erfolgreich mit Moodle arbeite. In dieser Instanz habe ich nun einen eigenen Elternraum eingerichtet, der zunächst aus einem Forum, einer Material-/Dateiablage und einem Fotoalbum besteht. Einen eigenen Bereich bekommen gerade die Elternbeiräte innerhalb dieses Raums für internen Austausch und Vorbereitungen. Somit lassen sich schnell ausgeteilte Informationszettel (die – bitte nicht falsch verstehen – natürlich keineswegs eingestellt werden sollen / die digitale Plattform kann und soll zu beginn lediglich eine Ergänzung darstellen) archivieren, Bilder von Schulfest/Klassenfahrt/Sportfest/usw. an die Eltern verteilen und es besteht eine Kommunikationsplattform, bei der Ideen, Fragen und Probleme entweder die ganze Klasse/Elternschaft betreffend aber auch nur gegenüber mir verbalisiert werden können.

In einem zweiten Schritt überlege ich gerade, wie ich den Eltern einen Zugang auch zu den mit den Schülern genutzten Bereichen des Moodle geben kann, ohne dass diese sich zu sehr beobachtet oder gar gegängelt fühlen. Wie gesagt geht es in diesem Bereich lediglich um ein Einsehen und weniger um ein Partizipieren, was für einzelne Projekte oder schulische Vorbereitungen aufgelockert werden kann. Eine gute Vorlage, die sich mit meinen eigenen Vorstellungen deckt, an manchen Stellen aber durchaus noch etwas verfenert werden kann, liefert Julian Ridden:

Ich glaube, mit diesem eigenen Raum und dem Zugriff auf ausgewählte, nur ihre eigenen Kinder betreffenden Daten aus dem Unterricht kann eine Grundlage gelegt werde, bei der alle drei Seiten ausreichend Zugang aber auch Rückzugsmöglichkeiten haben.

Punkt 2: Wie wichtig der grundsätzliche Zugang zum Internet ist, wird in dem Youtube-Schmankerl sehr deutlich. Dies quasi eine Grundvoraussetzung. Jedem Elternhaus den diesen Internetzugang zu ermöglichen kann aber nicht die Aufgabe der Schule sein, höchstens eine Art Unterstützung. Über solche Modelle machen wir uns als Initiative D21 durchaus zusammen mit unseren Partnern Gedanken. Was dann aber im Aufgabenfeld der Schule liegt, ist die Vorstellung der Plattform und die Hilfestellung bei Problemen. Die Frage die sich hier stellt, ist, in welchem Umfang dies von Lehrern getätigt wird oder ob die Schulen, die sich für eine institutionsweite Nutzung einer Lernplattform entscheiden, solche Aufgaben wie Einführungsveranstaltung und Trainings outsourcen. In meinem Fall werde ich wohl selber diesen Job übernehmen und überlege bereits, wie man in angemessener Zeit, nicht abschreckend aber doch umfassend genug eine solche Darstellung gestalten kann.

Ein wesentlicher Punkt, auf den mich meine Elternbeirätin dankenswerterweise hingewiesen hat, ist zu Beachten bei der Tatsache, dass die uns bekannten Plattformen und Moodle besonders auf Schrift basieren. Dies könnte eine Hemmschwelle für Eltern mit Migrationshintergrund und tatsächlichen oder gefühlten Schwierigkeiten und Hemmungen gegenüber der deutschen Schriftsprache bedeuten. Ich kenne zwar einige Tools, die es erlauben, Sprache über das Telefon aufzunehmen, habe aber noch keine Lösung dafür, diese beiträge automatisch, gezielt einzubinden. Auf den ersten Blick scheint es hier attraktiver, z.B. via Google Translate (für Moodle z.B. hier) anzubieten, die gesamte Webseite übersetzen zu lassen (entsprechende One-Click-Buttons werden ja angeboten).

Hier muss ich mir wohl noch einige Gedanken mehr machen.

Punkt 3:

Engaging parents: what staff think

Engaging parents: what parents think

Engaging parents: what learners think

Die für mich wesentliche Aussage, die ich aus allen drei Videos heraushöre, ist diejenige, dass das gegenseitige Vertrauen mit der Verantwortung gegenüber einander wächst. Es entsteht eine Verlässlichkeit, die auf engerer und direkterer Zusammenarbeit beruht. Was ich selber schon öfters erlebt habe, ist der ungemein beruhigende Effekt, zu wissen, dass ich jemanden erreichen und/oder um Hilfe bitten kann. Oft braucht es dies nicht, aber die Gewissheit, es zu können, fördert die Zuversicht. Ich möchte daher auch deutlich betonen, dass das, was unter Punkt 1 in technischer Hinsicht vorgestellt wurde, keineswegs den Eindruck eines Kontrollsystems erwecken sollte – weder beim Leser hier noch bei evtl. konkreten Umsetzungen. Es darf nicht aus dem Blick verloren werden, dass bei aller Transparenz, die für ein vertrauensvolles Zusammenarbeiten notwendig ist, Rückzugsräume für jede der drei Gruppen vorhanden sein müssen. So wurden vor allem in dem obigen Video zur Sichtweise der Lehrer viele Vorteile genannt. Doch angesichts der Menge an Schülern, die ein einzelner Lehrer unterrichtet, kann ein solches Kommunikationsnetz schnell zur Belastung werden, wenn dafür nicht für alle einsichtige Spielregeln vereinbart werden (Wie viel Zeit hat der Lehrer/ die Eltern für eine Reaktion, welche Fragen gehören ins allgemeine Elternforum und womit wende ich mich 1:1 an den Lehrer? usw.).

Das Ziel oder der Wunsch hinter so einer engeren Zusammenarbeit, die durch die technischen Möglichkeiten realisierbar wird, ist, zwar in erster Linie den Schülern ein sicheres, vertrauensvolles aber auch förderndes und forderndes Lernsetting zu ermöglichen. Doch auch die Zufriedenheit und Sicherheit von Lehrern und Eltern leistet letztlich einen wesentlichen Beitrag dazu und kann auf beiden Seiten entlasten und unterstützen, wenn es um kontinuierlichen, zuverlässigen und schnellen Austausch geht. Und – so sehe ich die Berichte aus dem Schüler-Video oben – in letzter Instanz scheinen solche direkten Kommunikationswege zwischen Schule und Elternhaus, die für den Schüler jederzeit transparent und nachvollziehbar sowie berechenbar sein müssen, auch die Kinder und Jugendlichen zu entlasten, die im heute verbreiteten Modell doch eine nicht unbedeutende Verantwortung zum Gelingen des Austauschs tragen, wenn sie die überbringende und berichtende Rolle spielen zwischen Lehrern und Eltern.

Letztlich ist es der abschließende Kommentar aus dem Lehrer-Video, der es treffend auf den Punkt bringt:

What’s exiting about the future is, it will be the parent, the teacher and the student where everybody is learning. Everybody is helping each other. And everybody has their unique voice and makes a contribution to learning, to family and to the community as a whole.

Ich möchte abschließend nochmals betonen, dass dieses Post keineswegs abschließend sein kann sondern nur meinen derzeitigen Reflektionsstand mit Blick auf meine Vorstellung dieser Optionen auf einem Elternabend bündelt. Ich würde mich daher besonders über Feedback freuen – vor allem aus Elternsicht. Zur weiteren Lektüre möchte ich noch zwei Broschüren – ebenfalls von Becta – empfehlen, die auf der Grundlage von konkreten Erfahrungen in Projektschulen, Tipps für Grund- und weiterführende Schulen bieten: http://www.becta.org.uk/engagingparents (linke Spalte unter “related publications”).

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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