LMS – schulische Häfen statt Inseln
Eine spannende Diskussion läuft derzeit im Blog von Prof. Peter Baumgartner zu der Frage, ob Lern-Management-Systeme à la Fronter, Lo-Net, Moodle usw. Web 2.0-fähig seien (“LMS in Zeiten von Web 2.0“). Matthias Heil hat über Twitter zur Mitdiskussion aufgerufen und diesem folge ich liebermit einem eigenen Blogbeitrag, den ich in der Diskussion verlinke, als mit einem Kommentar, da ich hier mehr Möglichkeiten der Einbettung habe.
Der Ausgangspunkt ist eine Präsentation bzw. Keynote von Prof. Baumgartner auf der MoodleMoot in Wien, die er mit folgender Präsentation unterstützte:
Nun ist es immer etwas schwer, solche Vorträge zu kommentieren, bei denen man nicht anwesend war, zu denen nur ausgewählte Materialien vorliegen, so dass ich in den Mittelpunkt meines Beitrags auch gar nicht die Keynote von Prof. Baumgartner als solche stellen möchte, sondern seine Frage stellung in seinem Blogbeitrag, die zugleich Leitgedanke der Präsentation scheint:
Wenn ein wesentliches Kennzeichen von Web 2.0 die (massenhafte) Kooperation im (grenzenlosen) Austausch von (gemeinsam) produzierten Materialien ist, was bedeutet das für Lernprozesse, die auf geschützten “Lerninseln” (Kursräume innerhalb eines Lernmanagement Systems) stattfinden?
Und da ist sie wieder – die beliebte Metapher der Lerninsel, des Lernerexils, des entkoppelten Schülers, der im geschützten Raum ein eigenes Internet vorgesetzt bekommt, das mit der Realität dort draußen nichts zu tun hat. Bei allen Vorteilen, die LMS für schulische Strukturen zu bieten scheinen, bleibt dies der Hauptangriffspunkt, dass die Schüler in einer Art virtuellem Käfig gehalten werden, in den hineiun ihnen vom Lehrer digitale Lernmaterialien gereicht werden, aus dem sie aber – schon aufgrund der Anlage der LMS – gar nicht ausbrechen können. Sie bewegen sich auf ihrer Insel, über der immer wieder neues Material abgeworfen wird und bleiben damit geschützt, sich in den Weiten des sie umgebenen Ozeans aber auch den Angriffen böser Piraten, die mit unzüchtigen Gedanken an die Schüler kommentierend herantreten könnten, geschützt.
Und damit hat Prof. Baumgartner durchaus Recht. Nur leider hat er in meinen Augen seinen Vortrag auf der falschen Veranstaltung gehalten. Denn wenn ich mir das Angebot von Lern-Management-Systemen ansehe, trifft dies in der tat in den meisten Fällen zu. Nur bei Moodle, welches ich selber sehr gerne und nun seit einigen Jahren einsetze, wird eben genau dieses Phänomen aufgebrochen. Ich sträube mich daher gegen die Metapher der Insel, bei den meisten Lesern wohl etwas in der Art vorschwebt und wahrscheinlich auch evoziert werden soll:
Viele LMS sind in der Tat abgeschlossene Räume und auch in Moodle ist so etwas möglich. Allerdings bietet Moodle eben den wesentlichen Aspekt mehr gegenüber den Konkurrenten, dass es vollständig gestaltbar und adaptierbar ist. Will heißen, die Lernplattform kann vom Nutzer zu sehr weiten teilen mit gestaltet werden und man ist nicht auf statische Vorgaben der Entwickler angewiesen. Dies wird in Moodle 2.0 noch weiter aufgebrochen, bei der die Öffnung nach außen über APIs noch vorangetrieben wird. Foto von der Mannheimer MoodleMoot (Youtube-Video dazu):
Und damit wird für mich deutlich – und mein Blick bleibt ab jetzt auf Moodle gerichtet -, dass es eben nicht der Lernplattform angelastet werden kann, ob sie zur Insel mit den genannten Vor- und Nachteilen wird, sondern es ist die Lehrperson bzw. der Gestalter des Moodleraums, welcher entscheidet, zu welchem Zweck und mit welchem Charakter er seinen Raum aufbaut. In meinem Verständnis, und so versuche ich meine Moodleräume auch zu gestalten, sollte es sich vielmehr um Häfen handeln, die ungefähr folgendem Bild entsprechen:
Was bedeutet das? 3 grundlegende Gedanken:
- Ausgangspunkt Der Wir lernen nicht in abgeschlossenen Räumen, weder in der Schule noch im Web. Ausgangspunkt jedes Lernprozesses ist stets die uns umgebene Realität, unsere alltäglichen Wahrnehmungen bzw. unser Drang, das was wir als Welt erleben, zu erklären. Auch wenn wir im Schulhaus arbeiten, öffnen wir uns inhaltlich immer nach außen und beschränken uns nicht auf die Vorgaben, die uns das Gebäude macht (hier sei angemerkt, dass Ganztagsschulen hier oft vor dem Phänomen stehen, dass die Schüler weniger Input in die Schule bringen, da sie schlicht mehr Zeit im separierten Raum Schule verbringen). Das Lernen im virtuellen Raum der LMS sollte daher auch so gestaltet sein, dass hier etwas nachgebildet wird, was im Klassenzimmer bereits existiert. Vielmehr besteht die Chance, den Moodleraum als Ausgangsbasis zu nehmen, von der aus Expeditionen gestartet werden ins World Wide Web, die eigene Phantasie oder auch die reale Welt. Ich brauche als Lehrer also Aufgaben und Szenarien, die ich zwar im Moodle-Raum anbiete, die die Schüler dann aber veranlasse, diesen zu verlassen. Sei es, dass vom Biologieexperiment Fotos gemacht werden, die in die Lernplattform geladen werden, seien es Freie Texte im Deutschunterricht, die dadurch einem weiteren Publikum zugänglich werden, seien es Recherchen, die dann als Glogster-Plakat eingebunden werden. Aber auch was externe Tools betrifft, bietet der Moodle Raum lediglich den Ausgangspunkt: So biete ich den Schülern die Links zu Minmeister-Mindmaps, schicke sie von hier aus in Google Tabellen, die kollaborativ bearbeitet werden, oder vernetze unterschiedliche Gruppen-Etherpads, die sonst isoliert im WWW schwirren würden. Das soll zeigen, dass Moodle bzw. der einzelne Raum nur Startpunkt ist, von dem aus es nicht Ziel und Zweck sein kann, eine Lernplattform kennen zu lernen, sondern der sich als Bestandteil des ganzen Internets versteht, den Schülern dort hinein aber eine Art konstanten Einwahlknoten bietet.
- Andocken und ausbauen Und nun kommt der Web 2.0-Gedanke ins Spiel. Im ersten Punkt wurde quasi der große Pier des Hafen-Fotos oben beschrieben, von dem aus die Schüler in Gruppen-Fähren oder Einzel-Jollen ablegen und sich ihren Lernraum erobern. Ich habe aber bewusst dieses Hafenbild ausgewählt, da es auch das Landesinnere andeutet. Und hier sehe ich die zweite wesentliche Unterscheidung zur Insel-Metapher: Die Schüler, die von ihren virtuellen, phantastischen oder realen Lerntouren zurück in den Moodleraum kehren, docken dort an und entladen ihre Lernfracht. Doch dabei stehen zu bleiben, würde genau wieder das Klischee des Data-Dump bedienen, in den wie in einen Container nur totes der dort sterbendes Material gelegt wird. Die LMS – und Moodle bietet das – muss dann aber auch hier wieder durch die Lehrkraft fruchtbar gemacht werden. Nun geht es darum, das Material an Land zu holen, auszubreiten und gemeinsam, kooperativ zu schauen, wie man damit weiterarbeiten kann. Jetzt geht es darum, gegenseitig zu kommentieren, im realen Klassenraum über ausgewählte Schülerbeiträge zu diskutieren oder aber als Lehrer konkrete Hilfen (z.B. Rechtschreibung, Rhetorik oder auch inhaltliche Berichtigung) zu geben. Der Moodle-Raum ist damit nicht mehr nur Ausgangspunkt sondern wird zum Landesinneren, dass durch die Einflüsse von außen neu kultiviert werden kann. Ich gehe somit ins Web hinaus, verliere mich dort aber nicht, sondern kehre zurück, um zu reflektieren, evaluieren und mit der Hilfe Anderer weiter zu arbeiten, zu lernen.
- Sicherheit Und hier kommt der Aspekt der Sicherheit ins Spiel. Auf zwei Ebenen möchte ich auch hier bei der Hafen-Metapher bleiben. Zum Einen hat jeder Hafen eine Mauer, die ihn zu einem gewissen Teil vom Meer/Ozeam abtrennt. Zu gewaltig sind die Einflüsse von außen, zu stark und unberechenbar die Kräfte, die auf die Andockpunkte und einzelnen Molen einwirken. Ganz ähnlich ist das auch beim Web, das in seiner Größe nicht mehr zu überschauen ist und Materialien bereithält, die es zu selektieren gilt. Fürs Lernen ist dies in meinen Augen fast unabdingbar, den Schülern – besonders jüngeren - einen Raum zu geben, in dem sie sich sicher fühlen, in dem sie sich auch der Aufsicht des Lehrers bewusst sein können und in den sie vor allem immer wieder zurückkehren können, da er stabil und wie oben beschrieben als konstanter Einwahlknoten bestehen bleibt. insbesondere beim Erlernen des Umgangs mit dem Internet, des Erarbeitens von Verhaltensregeln ist es wertvoll, wenn Schüler Räume haben, in denen sie sich ausprobieren können, in denen sie die Teilnehmer kennen und sich so auch sozial verhalten können mit dem Wissen, wem sie gegenübertreten. Ich habe dies jüngst im Rahmen der Bildungsexpedition erläutert und will es hier nicht alles wiederholen: Youtube-Video (ca. 5 Minuten ab Minute 28). Diesen sozialen Raum schaffe ich effektiver in einem abgeschlossenen Raum, als in einem vollkommen offenen und dadurch auch zunehmend anonymen Raum. Zum anderen kann ich aber den Raum öffnen, denn ähnlich zum Hafen kann entweder den Leuchtturm anschalten und anderen via Links und Veröffentlichungen an verschiedenen Orten den Weg in den Raum weisen. Ich kann aber auch das Hafentor schließen und den Zugang nur mit einem Schlüssel/Kennwort erlauben. Wichtig ist mir bei der Betrachtung des Moodle-Raums als Bestandteil eines sozialen Geflechts (Schule, Klasse, Arbeitsgruppe) aber, dass dieser Zugangsschlüssel nicht nur vom Administrator weitergegeben werden kann, sondern jeder Schüler ja selber diesen an Freunde, Verwandte, oder womöglich in seinem eigenen Blog verteilen kann. Sicherheit ist letztlich ein Gefühl, bei dem die Lerngruppe selber entscheiden kann und soll, wie viel sie brauchen und wollen.
Schaut man sich diese drei Aspekte an, wird deutlich, dass LMS durchaus Web 2.0-fähig sein können, wenn sie mit der notwendigen Mentalität seitens der Lehrkraft betrieben und auch derart gegenüber den Schülern kommuniziert wird. Das LMS ist nur ein Medium in bzw. über welches sich selbstgestaltete Prozesse abspielen. Natürlich kann ich dieses Medium beschneiden, kann es eingrenzen. Von daher kann der Weg der Lernplattformen nur dahin gehen, sich selber als grundsätzlich offenenen Bestandteil des Netzes zu verstehen, der sich unter Beachtung didaktischer und pädagogischer Begründungen öffnen oder schließen kann mit den möglichen Zwischennuancen. Moodle ist hier (siehe API-Foto oben) gegenüber den anderen Plattformen besonders weit fortgeschritten. Die ursprüngliche Idee der virtuellen Lernplattform ist zeitlich/historisch vor der Web 2.0-Welle entstanden. und ähnlich wie wir Lernprozesse als Lehrer umdenken müssen, stehen auch die Plattformen vor der technischen Herausforderung, sich an das Web 2.0 anzupassen.An Moodle 2.0 sieht man deutlich, dass dieser Schritt gegangen wird. Doch ähnlich zu jedem anderen Web 2.0-Werkzeug ist es letztlich der Lehrer und danach die Schüler, die die Werkzeuge für ihre bedürfnisse und im Rahmen ihres jeweiligen Kontext sinnvoll machen.
Ich bin in einem LMS also nicht a priori gefangen wie auf einer Insel, sondern ich gestalte es als Hafen, in dessen Sicherheit ich verweile, oder aus dem ich lernend hinaussegel in der Gewissheit, dorthin wieder zurückkehren und mein neues Wissen entladen und bereichern zu können.
Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.




Die Kernaussage, dass es letztlich am konkreten Unterrichtssetting, am Umgang der Lehrer und Schüler mit dem jeweiligen Tool liegt, ob Lernprozesse initiiert werden oder nicht, trifft m.E. genau den Punkt.
Allzuoft verfallen wir in die bei jeder Innovation immer wiederkehrenden Diskussionen, die zunächst relativ isoliert das Toll betrachten und der eigtl. Unterrichtseinbettung zu wenig Beachtung schenken. Ob lupenreine Web 2.0-Anwendungen (Wiki, Blog, GoogleApps, Community-Oberflächen – whatever) nachhaltig Lernen befördern (egal, ob formell oder informell), liegt ztunächst an deren Einbettung in einen größeren Kontext – genau wie bei Moodle & Co.
Die Metapher vom Hafen ist da überzeugend – eine strukturierte Oberfläche mit entsprechenden “Ausfahrten” kann Enormes leisten.
In der Diskussion sollte auch nicht vergessen werden, dass wir – zumindest bei schulischen Anwendungsbereichen – von *sehr unterschiedlichen* Lernbedingungen sprechen: Was für eine Blended-Learning-Sequenz für Abiturienten zutrifft, muss für 6.- oder 7.-Klässler nicht optimal sein (Verhältnis Führung und Freiheit, Grad der Eigenständigkeit usw. usf.) – auch das vergessen wir oft, allzu häufig wird in der Diskussion so etwas wie ein weitgehend autarker Lerner vorausgesetzt. (Ich nutze sowohl Moodle als auch Web 2.0-Anwendungen in just diesen Altersstufen (ab Klasse 6 bis Klasse 12) und beobachte diese kurzschlüssige Prämissensetzung auch bei mir selbst immer wieder…)
Mit anderen Worten: wir sprechen von sehr unterschiedlichen Verweildauern im Hafen und Ausfahrtsdistanzen in die weite Welt
Uwe
Mhh.
Romantische Beschreibungen von Häfen und Inseln huldigen unserer guten Bürgerlichkeit und der Sehnsucht, aus bekanntem Auszubrechen und doch irgendwie immer beim Alten zu bleiben.
Außer dass es den pädagogischen Habitus berührt, der sofort “Ah! – schöne Metapher” sagt, bringt mich die Gegenüberstellung von Insel und Hafen nicht wirklich weiter.
Inseln brauche ich für die Häfen.
Wie viele Häfen muss ein Schüler denn in seiner Schulzeit besuchen? Für jedes Fach einen Hafen? Warum müssen überhaupt geschlossene, vom Lehrer vorgegebene Schutzhäfen errichtet werden? Ist der vom Lehrer angebotene Hafen die zentrale Stelle? Oder nur ein Anlegeplatz zum Warentausch? (“Häfen” lassen sich auch mit “Inseln” austauschen)
Wenn ich mich auf die Überlegungen zu den PLEs beziehe und als These formuliere, dass diese eher einem geänderten Netzwerkverständnisses entsprechen und in der Schule mittelfristig irgendwie berücksichtigt werden müssen, dann verlieren sich die Unterschiede zwischen Hafen und Insel in Nuancen. Denn PLEs, die vom Lehrer angegeben einen zentralen Hafen definiert bekommen, sind fragwürdig.
Ich hoffe, richtig zu verstehen, was Du meinst. Und ich glaube, Dein Kritikpunkt setzt mehr an der Idee der PLE an als an der der LMS. ich habe mich mit der Metapher – und so habe ich auch Baumgartner verstanden – nur auf das LMS bezogen. Und da meine ich, dass das LMS nicht dem Schüler “gehört”. Das ist dann eben die PLE. Das LMS wird von der Bildungseinrichtung, dem Lehrer gestellt und sollte dem Schüler eben diese Andockmöglichkeiten bieten, wie ich sie metaphorisch beschrieben habe. In der LMS kommt er mit seiner Schulgemeinschaft, seiner Klase oder evtl. seinem Projektteam zusammen. Hier bildet Schule, Klasse, Arbeitsgemeinschaft sich digital ab – mit den zusätzlichen Möglichkeiten des Web 2.0.
Die PLE ist in meinen Augen dasjenige, was sich der Schuler selber gestaltet, wozu er bei den vom Lehrer angestossenen Web-Ausflügen Anregungen bekommt. Diese PLE ist dann dasjenige, was der Schüler für sich persönlich aufbaut (im Moment ist das wohl bei den meisten Schüler noch weitestgehend auf E-Mail-Postfach und vielleicht ein Profil bei SchuelerVZ beschränkt, wird aber mit zunehmender Einbettung in Unterricht wachsen) , um damit an die LMS seiner Schulen, Unis, Ausbildungsstätten anzudocken. Eine gute Darstellung liefert Prof. Kerres: http://www.blog.initiatived21.de/?p=2233
Ich bin mir unsicher, ob ich Dich damit richtig verstanden habe und die Beantwortung Deiner Fragen tatsächlich mit dem Verweis auf “strengere” Trennung von LMS und PLE (so wie ich sie wahrnehme) gelungen ist.
Ich habe den Beitrag mit Interesse gelesen. Aufmerksam gemacht wurde ich durch Uwe Klemm, der sich ja auch schon geäußert hat. Ich finde es gut, dass die Auseinandersetzung stattfindet, zumal sie es ja wohl nicht um ihrer selbst Willen tut.
Soweit ich aus den Folien die Meinung von Prof. Baumgarten richtig rekonstruiere, kritisiert er bereits diejenigen, die es immerhin zur didaktisch durchdachten Nutzung eines LMS gebracht haben. So recht er auch haben mag, in meinem Umfeld auf der Ebene der schulischen Lehrtätigkeit (zumindest in Thüringen?) wäre ich froh, wenn wir in breiter Front schon dort wären, wo wir offenbar schon wieder weg müssten. Es soll ja Revolutionen gegeben haben, die letztlich wohl daran gescheitert sind, dass sie vom Feudalismus direkt in den Sozialismus führen wollten.(Ich hoffe, dass ich mit dieser Metapher niemanden verschrecke:-))
Ich plädiere deshalb dafür, das eine(Lehren III) zu tun ohne das andere (Lehren II) schon heute zu lassen. Mit welcher Metapher auch immer. In diesem Sinne verweise ich z.B. auf Jean-Pol Martin und das Ldl-Projekt bzw. auf die Erfahrungen von Christian Spannagel dazu.
Je offener ich mein Moodle betreibe (experimentiere auch gerne mit Embeds, Etherpad etc.), desto mehr frage ich mich, warum Moodle das Lernarrangement dann überhaupt noch abriegeln muss (denn egal wie viele Auswege es aus dem Hafen gibt, hinein kommen nun einmal nur die von der Lehrkraft freigeschalteten Lernenden, selten auch hinzugerufene Spezialisten) – ein Wordpress-Blog mit Passwortschutz oder Plugin, das nur registrierten UserInnen Lesezugriff erlaubt, ist und bleibt m.E. einfacher und stabiler zu bedienen und aufgrund der unendlich vielen Erweiterungen auch flexibler (vgl. http://twitter.com/MatthiasHeil/statuses/3629687006) – was macht dann noch den Mehrwert von Moodle aus, wenn wesentliche Arbeitsprozesse ohnehin ausgelagert werden? Dann doch gleich öffentlich mit Pseudonymen…
Prof. Baumgartner und Thomas Bernhardt (vgl. http://twitter.com/MatthiasHeil/statuses/4505187918) haben mit ihrer Moodle-Kritik auch deswegen nicht ganz unrecht, da die Motivation zum Engagement in einem geschlossenen LMS eine andere (bzw. geringere) ist als auf öffentlichen Seiten: junge Lernende werden eher etwas für eine (zumindest potenziell) größere Öffentlichkeit erarbeiten wollen als dann doch nur wieder für die Lehrperson.
Ich bleibe bei dem, was ich schon heute Morgen unter Baumgartners Beitrag geschrieben habe: Auf dem Weg zum Ziel eines Lernprozesse, nämlich dem kreativen, Inhalte schaffenden Transfer, haben LMS eine überwiegend (nicht ausschließlich) vorbereitende, einübende Funktion und Berechtigung. Dennoch würde ich – auch und gerade auf dem Hintergrund einer Vorstellung von jungen Lernenden, welche deren Eigenverantwortlichkeit fordert und fördert, lieber früher als später die Luken öffnen und bidirektionale Kommunikationsmöglichkeiten integrieren.
Das Gespräch zeigt in diesem Zusammenhang die Nachteile von Häfen und Inseln: Da schreibt der Herr Baumgartner, dort der Thomas Bernhardt, hier der René Scheppler ein bisschen was (deutlich werden diese Nachteile auch bei der “Twitter im Unterricht?”-Diskussion bei @literatenmelu, @schb und hier…) – dabei gibt es allerlei Wiederholungen, vielleicht auch ein paar Missverständnisse und unnötige verbale Zuspitzungen. Von einem System wie GoogleWave erhoffe ich für derartige Diskussionen eine riesige Hilfestellung, da einzelne Beiträge/Thesen direkt kommentiert und problematisiert werden können und der Diskurs dabei doch an unterschiedlichsten Orten durch Embedding sichtbar gemacht werden kann.
Wenn wir lernen, als interessengebundenes Neuronenkollektiv (@jeanpol, du liest mit?) statt wie schön auch immer gestaltete Inseln und Häfen ein solches Werkzeug zu einem effektiveren Vorankommen einzusetzen, wird das Signalwirkung für eine Lernkultur haben, in der Moodle nicht mehr erforderlich ist (bzw. als Robot in Wave aufgegangen ist)…
Das Moodle nicht der Weisheit letzter Schluss ist, ist selbstverständlich. Es – durchaus auch andere LMS – ist aber derzeit eines der Systeme, die im schulischen Kontext am schnellsten und effektivsten verfügbar ist.
Moodle-Räume müssen nicht abgeschlossen sein, was ich ja gerade mit der stufenweisen Öffnung ansprechen wollte. Wir können sie komplett offen halten, sie für jeden das Kennwort Kennenden öffnen, oder aber nur registrierten Nutzern den Zugang gewähren. Die Behauptung, dass Jugendliche grundsätzlich lieber für eine Öffentlichkeit produzieren, halte ich für nachvollziehbar aber nicht belegt. Ich habe zweimal mit einem offenen Moodle-Raum angefangen und wurde dann mit zunehmender Intensität und auch zunehmenden Materialien seitens der Schüler gefragt bis aufgefordert, ob man denn den Raum schließen könne.
Ich meine auch einen ganz guten Überblick über die derzeitigen Alternativen zu haben und halte ein durchdachtes Blogsystem auch für die sinnvollste Variante (Wikis bieten ähnliches, sind aber oft schwerer zu handhaben, wenn sie komplex werden). Das LMS bietet in seiner eEigenschaft als Content management System allerdings die Option, unterschiedlichste Tools zu verbinden, nebeneinander zustellen und entsprechend ihres bedarf in den Unterricht einzubetten. Ich denke da langfristiger, dass ich mit einer 5. Klasse andere Werkzeuge brauche als 4 Jahre Später in der 9. Klasse. Das Moodle bleibt als Ausgangspunkt aber stabil. Dort kann ich Wikis einbinden, kann Blogs betreiben, kann Materialien ablegen. Wenn ich mir anschaue, wie schwer es inzwischen für mich wird, durch unseren eigenen D21-Blog durchzusteigen, möchte ich nicht wissen, wie schwierig das in 2 weiteren Jahren mit zusätzlichen Autoren aussieht.
Zudem bietet ein LMS einer Schule den klaren Vorteil kooperativ zu arbeiten. klar, als einzelner lehrer kann ich virtuos schalten und walten. Aber das kann nicht das Ziel sein, dass jeder sein eigenss Ding macht. Wer Ding Blick positiv in die Zukunft richtet, wird davon ausgehen müssen, dass langsam aber sicher mehr Lehrer mit dem Potentialen des virtuellen Raums, des Web 2.0 arbeiten wollen. Als Schule muss ich das in den Blick nehmen, muss eine Infrastruktur bereit halten, die es erlaubt, auf unterschiedlichen Zugangsberechtigungsebenen allen 50-70 Kollegen einen Arbeitsraum zu gewähren. Schule ist ein sozialer Raum, der sich letztlich primär durch die in ihr “lebenden” Menschen definiert. Hier eine Vereinzelung oder eine Individualisierung zu weit zu treiben, halte ich für gefährlich. Untereinander in Kontakt zu bleiben, untereinander sich auszutauschen wird langfristig nur über eine gemeinsame Grundlage gehen, von der aus jeder Einzelne ja weitere Ausflüge starten kann.
Und das ist das, was ich als gemeinsamen Ausgangshafen sehe. Es geht nicht darum, allen ein einheitliches Tool voraussetzen. Es geht darum, allen eine gemeinsame Basis mit der entsprechenden Sicherheit und Andockmöglichkeit zu geben. Welche individuelle PLE der Einzelne daran koppelt, bleibt ihm überlassen. Wenn sich also eine Klasse oder selbst in einer Klasse eine Arbeitsgruppe entscheidet, ein externes Werkzeug einzusetzen, verknüpfen sie es auf im gemeinsamen LMS, damit die anderen ihnen folgen, sie beobachten, bei ihnen einsteigen können. Klar ist es nachvollziehbar, wenn der Grad der Öffentlichkei und damit die aus- und eingehenden, neuronalen Anstösse größer und intensiver werden. Es braucht aber ein Werkzeug, dass diese Kanäle überhaupt öffnet, die Wege aufzeigt. Etherpad ist in meinen Augen das perfekte Beispiel für das Gegenteil: lauter vereinzelte Räume. erst das LMS verknüpft sie und gewährt anderen Schülern Zugriff.
Um das deutlich zu machen: Mir geht es nicht um das Einreichen von Aufgaben, schreiben von Klausuren oder ähnlichen Möglichkeiten, die Moodle auch bietet. Ich halte das LMS in Form von z.B. Moodle für die derzeit einfachste, verständlichste und pflegeleichteste Variante, den sozialen Raum Schule und/oder Klasse einigermaßen (gewiss nicht ausreichend) in den virtuellen Raum zu übertragen, ohne sich zu verlieren oder zu vereinzelnen – seien es die Schüler oder die Lehrer als Einzelkämpfer, jeder mit seinem eigenen Wiki, Blog oder ähnlichem..
aus dem Kommentar von Detlef Wagner:
“… wären wir froh, wenn wir schon dort wären, wovon wir eigentlich schon wieder weg müssten …”
Das ist ein toller Satz! Er beschreibt haarscharf das Problem der kleinen Schritte angesichts der Aufgabe einer fundamentalen Transformation. Immer hinken wir der Entwicklung (anderer) hinterher, wenn wir sie in allen Schritten nachzuvollziehen versuchen. Das ist eigentlich noch schlechter, als das Rad neu zu erfinden. Es gibt Alternativen: qualitative Sprünge, leap-frogs oder wie auch immer man sie nennen möchte. Nicht alle Entwicklungsstufen müssen selbst- erlebend nachvollzogen werden.