LMS – schulische Häfen statt Inseln

Kommentieren 04. October 2009

Eine spannende Diskussion läuft derzeit im Blog von Prof. Peter Baumgartner zu der Frage, ob Lern-Management-Systeme à la Fronter, Lo-Net, Moodle usw. Web 2.0-fähig seien (“LMS in Zeiten von Web 2.0“). Matthias Heil hat über Twitter zur Mitdiskussion aufgerufen und diesem folge ich liebermit einem eigenen Blogbeitrag, den ich in der Diskussion verlinke, als mit einem Kommentar, da ich hier mehr Möglichkeiten der Einbettung habe.

Der Ausgangspunkt ist eine Präsentation bzw. Keynote von Prof. Baumgartner auf der MoodleMoot in Wien, die er mit folgender Präsentation unterstützte:

Nun ist es immer etwas schwer, solche Vorträge zu kommentieren, bei denen man nicht anwesend war, zu denen nur ausgewählte Materialien vorliegen, so dass ich in den Mittelpunkt meines Beitrags auch gar nicht die Keynote von Prof. Baumgartner als solche stellen möchte, sondern seine Frage stellung in seinem Blogbeitrag, die zugleich Leitgedanke der Präsentation scheint:

Wenn ein wesentliches Kennzeichen von Web 2.0 die (massenhafte) Kooperation im (grenzenlosen) Austausch von (gemeinsam) produzierten Materialien ist, was bedeutet das für Lernprozesse, die auf geschützten “Lerninseln” (Kursräume innerhalb eines Lernmanagement Systems) stattfinden?

Und da ist sie wieder – die beliebte Metapher der Lerninsel, des Lernerexils, des entkoppelten Schülers, der im geschützten Raum ein eigenes Internet vorgesetzt bekommt, das mit der Realität dort draußen nichts zu tun hat. Bei allen Vorteilen, die LMS für schulische Strukturen zu bieten scheinen, bleibt dies der Hauptangriffspunkt, dass die Schüler in einer Art virtuellem Käfig gehalten werden, in den hineiun ihnen vom Lehrer digitale Lernmaterialien gereicht werden, aus dem sie aber – schon aufgrund der Anlage der LMS – gar nicht ausbrechen können. Sie bewegen sich auf ihrer Insel, über der immer wieder neues Material abgeworfen wird und bleiben damit geschützt, sich in den Weiten des sie umgebenen Ozeans aber auch den Angriffen böser Piraten, die mit unzüchtigen Gedanken an die Schüler kommentierend herantreten könnten, geschützt.

Und damit hat Prof. Baumgartner durchaus Recht. Nur leider hat er in meinen Augen seinen Vortrag auf der falschen Veranstaltung gehalten. Denn wenn ich mir das Angebot von Lern-Management-Systemen ansehe, trifft dies in der tat in den meisten Fällen zu. Nur bei Moodle, welches ich selber sehr gerne und nun seit einigen Jahren einsetze, wird eben genau dieses Phänomen aufgebrochen. Ich sträube mich daher gegen die Metapher der Insel, bei den meisten Lesern wohl etwas in der Art vorschwebt und wahrscheinlich auch evoziert werden soll:

Viele LMS sind in der Tat abgeschlossene Räume und auch in Moodle ist so etwas möglich. Allerdings bietet Moodle eben den wesentlichen Aspekt mehr gegenüber den Konkurrenten, dass es vollständig gestaltbar und adaptierbar ist. Will heißen, die Lernplattform kann vom Nutzer zu sehr weiten teilen mit gestaltet werden und man ist nicht auf statische Vorgaben der Entwickler angewiesen. Dies wird in Moodle 2.0 noch weiter aufgebrochen, bei der die Öffnung nach außen über APIs noch vorangetrieben wird. Foto von der Mannheimer MoodleMoot (Youtube-Video dazu):

Und damit wird für mich deutlich – und mein Blick bleibt ab jetzt auf Moodle gerichtet -, dass es eben nicht der Lernplattform angelastet werden kann, ob sie zur Insel mit den genannten Vor- und Nachteilen wird, sondern es ist die Lehrperson bzw. der Gestalter des Moodleraums, welcher entscheidet, zu welchem Zweck und mit welchem Charakter er seinen Raum aufbaut. In meinem Verständnis, und so versuche ich meine Moodleräume auch zu gestalten, sollte es sich vielmehr um Häfen handeln, die ungefähr folgendem Bild entsprechen:

Was bedeutet das? 3 grundlegende Gedanken:

  1. Ausgangspunkt Der Wir lernen nicht in abgeschlossenen Räumen, weder in der Schule noch im Web. Ausgangspunkt jedes Lernprozesses ist stets die uns umgebene Realität, unsere alltäglichen Wahrnehmungen bzw. unser Drang, das was wir als Welt erleben, zu erklären. Auch wenn wir im Schulhaus arbeiten, öffnen wir uns inhaltlich immer nach außen und beschränken uns nicht auf die Vorgaben, die uns das Gebäude macht (hier sei angemerkt, dass Ganztagsschulen hier oft vor dem Phänomen stehen, dass die Schüler weniger Input in die Schule bringen, da sie schlicht mehr Zeit im separierten Raum Schule verbringen). Das Lernen im virtuellen Raum der LMS sollte daher auch so gestaltet sein, dass hier etwas nachgebildet wird, was im Klassenzimmer bereits existiert. Vielmehr besteht die Chance, den Moodleraum als Ausgangsbasis zu nehmen, von der aus Expeditionen gestartet werden ins World Wide Web, die eigene Phantasie oder auch die reale Welt. Ich brauche als Lehrer also Aufgaben und Szenarien, die ich zwar im Moodle-Raum anbiete, die die Schüler dann aber veranlasse, diesen zu verlassen. Sei es, dass vom Biologieexperiment Fotos gemacht werden, die in die Lernplattform geladen werden, seien es Freie Texte im Deutschunterricht, die dadurch einem weiteren Publikum zugänglich werden, seien es Recherchen, die dann als Glogster-Plakat eingebunden werden. Aber auch was externe Tools betrifft, bietet der Moodle Raum lediglich den Ausgangspunkt: So biete ich den Schülern die Links zu Minmeister-Mindmaps, schicke sie von hier aus in Google Tabellen, die kollaborativ bearbeitet werden, oder vernetze unterschiedliche Gruppen-Etherpads, die sonst isoliert im WWW schwirren würden. Das soll zeigen, dass Moodle bzw. der einzelne Raum nur Startpunkt ist, von dem aus es nicht Ziel und Zweck sein kann, eine Lernplattform kennen zu lernen, sondern der sich als Bestandteil des ganzen Internets versteht, den Schülern dort hinein aber eine Art konstanten Einwahlknoten bietet.
  2. Andocken und ausbauen Und nun kommt der Web 2.0-Gedanke ins Spiel. Im ersten Punkt wurde quasi der große Pier des Hafen-Fotos oben beschrieben, von dem aus die Schüler in Gruppen-Fähren oder Einzel-Jollen ablegen und sich ihren Lernraum erobern. Ich habe aber bewusst dieses Hafenbild ausgewählt, da es auch das Landesinnere andeutet. Und hier sehe ich die zweite wesentliche Unterscheidung zur Insel-Metapher: Die Schüler, die von ihren virtuellen, phantastischen oder realen Lerntouren zurück in den Moodleraum kehren, docken dort an und entladen ihre Lernfracht. Doch dabei stehen zu bleiben, würde genau wieder das Klischee des Data-Dump bedienen, in den wie in einen Container nur totes der dort sterbendes Material gelegt wird. Die LMS – und Moodle bietet das – muss dann aber auch hier wieder durch die Lehrkraft fruchtbar gemacht werden. Nun geht es darum, das Material an Land zu holen, auszubreiten und gemeinsam, kooperativ zu schauen, wie man damit weiterarbeiten kann. Jetzt geht es darum, gegenseitig zu kommentieren, im realen Klassenraum über ausgewählte Schülerbeiträge zu diskutieren oder aber als Lehrer konkrete Hilfen (z.B. Rechtschreibung, Rhetorik oder auch inhaltliche Berichtigung) zu geben. Der Moodle-Raum ist damit nicht mehr nur Ausgangspunkt sondern wird zum Landesinneren, dass durch die Einflüsse von außen neu kultiviert werden kann. Ich gehe somit ins Web hinaus, verliere mich dort aber nicht, sondern kehre zurück, um zu reflektieren, evaluieren und mit der Hilfe Anderer weiter zu arbeiten, zu lernen.
  3. Sicherheit Und hier kommt der Aspekt der Sicherheit ins Spiel. Auf zwei Ebenen möchte ich auch hier bei der Hafen-Metapher bleiben. Zum Einen hat jeder Hafen eine Mauer, die ihn zu einem gewissen Teil vom Meer/Ozeam abtrennt. Zu gewaltig sind die Einflüsse von außen, zu stark und unberechenbar die Kräfte, die auf die Andockpunkte und einzelnen Molen einwirken. Ganz ähnlich ist das auch beim Web, das in seiner Größe nicht mehr zu überschauen ist und Materialien bereithält, die es zu selektieren gilt. Fürs Lernen ist dies in meinen Augen fast unabdingbar, den Schülern – besonders jüngeren –  einen Raum zu geben, in dem sie sich sicher fühlen, in dem sie sich auch der Aufsicht des Lehrers bewusst sein können und in den sie vor allem immer wieder zurückkehren können, da er stabil und wie oben beschrieben als konstanter Einwahlknoten bestehen bleibt. insbesondere beim Erlernen des Umgangs mit dem Internet, des Erarbeitens von Verhaltensregeln ist es wertvoll, wenn Schüler Räume haben, in denen sie sich ausprobieren können, in denen sie die Teilnehmer kennen und sich so auch sozial verhalten können mit dem Wissen, wem sie gegenübertreten. Ich habe dies jüngst im Rahmen der Bildungsexpedition erläutert und will es hier nicht alles wiederholen: Youtube-Video (ca. 5 Minuten ab Minute 28). Diesen sozialen Raum schaffe ich effektiver in einem abgeschlossenen Raum, als in einem vollkommen offenen und dadurch auch zunehmend anonymen Raum. Zum anderen kann ich aber den Raum öffnen, denn ähnlich zum Hafen kann entweder den Leuchtturm anschalten und anderen via Links und Veröffentlichungen an verschiedenen Orten den Weg in den Raum weisen. Ich kann aber auch das Hafentor schließen und den Zugang nur mit einem Schlüssel/Kennwort erlauben. Wichtig ist mir bei der Betrachtung des Moodle-Raums als Bestandteil eines sozialen Geflechts (Schule, Klasse, Arbeitsgruppe) aber, dass dieser Zugangsschlüssel nicht nur vom Administrator weitergegeben werden kann, sondern jeder Schüler ja selber diesen an Freunde, Verwandte, oder womöglich in seinem eigenen Blog verteilen kann. Sicherheit ist letztlich ein Gefühl, bei dem die Lerngruppe selber entscheiden kann und soll, wie viel sie brauchen und wollen.

Schaut man sich diese drei Aspekte an, wird deutlich, dass LMS durchaus Web 2.0-fähig sein können, wenn sie mit der notwendigen Mentalität seitens der Lehrkraft betrieben und auch derart gegenüber den Schülern kommuniziert wird. Das LMS ist nur ein Medium in bzw. über welches sich selbstgestaltete Prozesse abspielen. Natürlich kann ich dieses Medium beschneiden, kann es eingrenzen. Von daher kann der Weg der Lernplattformen nur dahin gehen, sich selber als grundsätzlich offenenen Bestandteil des Netzes zu verstehen, der sich unter Beachtung didaktischer und pädagogischer Begründungen öffnen oder schließen kann mit den möglichen Zwischennuancen. Moodle ist hier (siehe API-Foto oben) gegenüber den anderen Plattformen besonders weit fortgeschritten. Die ursprüngliche Idee der virtuellen Lernplattform ist zeitlich/historisch vor der Web 2.0-Welle entstanden. und ähnlich wie wir Lernprozesse als Lehrer umdenken müssen, stehen auch die Plattformen vor der technischen Herausforderung, sich an das Web 2.0 anzupassen.An Moodle 2.0 sieht man deutlich, dass dieser Schritt gegangen wird. Doch ähnlich zu jedem anderen Web 2.0-Werkzeug ist es letztlich der Lehrer und danach die Schüler, die die Werkzeuge für ihre bedürfnisse und im Rahmen ihres jeweiligen Kontext sinnvoll machen.

Ich bin in einem LMS also nicht a priori gefangen wie auf einer Insel, sondern ich gestalte es als Hafen, in dessen Sicherheit ich verweile, oder aus dem ich lernend hinaussegel in der Gewissheit, dorthin wieder zurückkehren und mein neues Wissen entladen und bereichern zu können.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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