Aus dem Alltag

Kommentieren 03. October 2009

Die Woche war voll, so dass kaum Zeit zum Bloggen blieb. Im Hintergrund (also dem Administrationsbereich dieses Blogs) wachsen aber langsam ein paar Beiträge, die ich immer mal zwischendurch weiterschreibe. Nachdem ich mehrere angefangen habe, lege ich diese in diesem Beitrag zusammen, da ihnen insofern allen gemein ist, dass sie von Projekten der zu Ende gehenden Woche handeln. Vielleicht wird daraus ja auch eine kleine Serie “Aus dem Alltag” ähnlich der Youtube-Schmankerl… mal schauen.

Zu Wochenbeginn ging es auf Klassenfahrt – eine Kennenlernfahrt möglichst früh zu Beginn der 5.Klasse. Auch aufgrund dieser Tatsache, dass wir erst sehr kurz zusammen eine Klasse sind und die medienpädagogische Arbeit noch nicht so richtig angelaufen ist, bin ich etwas unzufrieden mit einer Entscheidung, die – ich muss es gestehen – zu einem gewissen Teil aus der Unsicherheit, worauf ich mich einlasse, resultierte: ich habe die Nutzung von Handys verboten. Einerseits wurde mir diese Entscheidung vereinfacht, da die Nutzung im Schulgebäude ebenfalls untersagt ist durch die Schulordnung. Andererseits widersprach das schon merklich meinem Anspruch, den Kindern nicht ihre gewohnten Kommunikationskanäle zu nehmen. Da ich nach der kurzen Zeit aber nicht abschätzen konnte, wie groß die Verbreitung von Handys ist und ob es Mobbing-/Statussymbolproblemen kommen würde, war es mir lieber, in den kommenden Wochen erst gemeinsam über Handypotentiale und Nutzungsverhalten zu sprechen/arbeiten, um auf dieser Grundlage gemeinsam weiter zu entscheiden. Mein schlechtes Gewissen stieg allerdings noch mehr, als mein eigenes Handy letztlich durch GPS und Google Maps zur Findung des richtigen Wanderweges mitten im Wald diente. Ich lerne also: rechtzeitig nicht nur an die organisatorischen Aspekte einer Klassenfahrt zu denken, sondern auch derartige Dinge vorzubereiten.

Das zweite, medienpädagogische Highlight war diese Woche der nächste Schritt im Freien Vorhaben (eine Art AG), bei der 9.-Klässler die neuen 5.-Klässler in der Nutzung des PC trainieren – ein Projekt, das von einem Kollegen eingeführt wurde und recht erfolgreich weiterentwickelt wird. Konkret bilden 15 “große” Schüler 104 “Kleine” aus. Diese Woche waren die Trainer erstmals nach 3 Vorbereitungstreffen mit mir alleine mit ihren jeweiligen Gruppen zusammen und übernahmen damit die Umsetzung. Und da liefen Prozesse ab, die mich schwer begeistert haben. Bereits im Vorfeld waren die Trainer in der Lage, mit Hilfe von Google Docs und Moodle sich gemeinsam einzuarbeiten: Sie haben selbstständig die Gruppen in Google Spreadsheet erstellt, haben mit dem selben Tool eine erste Jahresplanung für die einzelnen Sitzungen durchgeführt (vergleiche dieses Post) und haben eine Sammlung von Arbeitsblättern angelegt, die sie in Kleingruppen selber gestaltet haben und im Moodle-Trainer-Raum untereinander inkl. Lösungsblättern ausgetauscht haben.

Verteilt auf mehrere Computerräume trafen sie nun auf die Schüler und mussten ihre Pläne realisieren. Ich hatte dabei nur noch betreuende Funktion und konnte mich auch einfach mal in die einzelnen Gruppen reinsetzen und zuschauen. Als ich da gesehen habe, wie die 9.-Klässler manche Dinge erklären, was LogIns, Internet oder Computerbedienung angeht und das damit vergleiche, wie ich diese Dinge erläutert hätte, wurde mir schlagartig bewusst, wie wertvoll es ist und welchen Unterschied es macht, wenn jahrgangsübergreifend/-verbindend gelernt werden kann. Angesichts der vielen 5. Klässler haben die Trainer wöchentlich zwei “Schichten”, in denen diese ebenfalls viel lernen 8also nicht nur die Kleinen), da sie ja zweimal das gleiche Programm haben, das natürlich aufgrund der Erfahrungen in der ersten Gruppe in der zweiten anders abläuft.

Ich glaube nach dieser ersten Beobachtung – die gemeinsame Auswertung und Reflexion mit den Trainern folgt erst noch; die spontanen Rückmeldungen der “Kleinen” war recht positiv – jedem Lehrer, der sich nicht recht traut oder Angst hat, sich vor den Schülern mit seinen Erklärungen zu blamieren,  den Tipp geben zu können, möglichst viel an die Schüler selber abzugeben. Ich habe gesehen und bin mir sicher, dass das in anderen, heterogenen Lerngruppen mit unterschiedlichen Computerkenntnisniveaus ähnlich aussieht, dass Schüler sich die von ihnen genutzten Programme sehr gut erläutern und beurteilen können. Und auch bei technischen Problemen reagieren die Schüler ausgesprochen souverän, was ebenfalls jedem Mut machen sollte, der sich mit Medieneinsatz in seinem Unterricht zurückhält aus Sorge, etwas könne nicht wie erwartet funktionieren.

Als drittes Vorhaben stand diese Woche die Einführungs von Apple-Rechnern an meiner Schule an. Vergangenes Wochenende habe ich eine sehr großzügige Spende in Form von 10 eMacs von einem sehr netten Kollegen erhalten und habe nun immer nach Unterrichtsschluss begonnen, die Geräte zu konfigurieren. Den ersten Rechner, der quasi als Installationsvorlage herhält, habe ich bereits in meine Klasse gestellt. Die Reaktion der Schüler war sehr erfreulich. Auf der anderen Seite schien es aber auch zu gewissen Teilen eine Selbstverständlichkeit, denn viele Schüler berichteten, dass sie es aus der Grundschule gewöhnt seien, dass mehrere Computer im Klassenraum verfügbar waren. Das bestätigt mich in meiner Beobachtung, dass viele Grundschulen bereits gute Medienarbeit leisten und wir in den weiterführenden Schulen aufpassen müssen, hier keine unnötigen Rückschritte einzubauen. Die Vorschläge von Schülerseite, wie man die neuen Computer denn einsetzen oder nutzen könnte, waren dann auch keineswegs einseitig sondern ziemlich konkret, was einzelne Lernprogramme angeht, aber auch konstruktiv, was die Bereicherung von Unterricht angeht. So schlugen die Schüler vor, die Macs zu Recherchezwecken einzusetzen. Andere wollen sie zum selbständigen Lernen nutzen und empfahlen, Schülern, die schneller mit ihren Aufgaben fertig seien als andere, am Computer die Möglichkeit des eigenständigen Arbeitens zu ermöglichen. Angesichts des Alters von 9 oder 10 Jahren war das für mich ein erfreulich kompetentes Verhalten. Ich bin gespannt, wie sich die praktische Umsetzung und der Umgang gestalten wird, wenn parallel zum PC-Training und den dortigen Fortschritten auch die Computernutzung im Klassenraum zunehmen kann.

Aber ein weiterer Aspekt wurde mir bewusst, als ich nun diverse Stunden damit zubrachte, zu formatieren, installieren, konfigurieren und dabei wieder vieles über die Hardware, deren Dateisystem, verschiedene Betriebssystem- und Softwareversionen usw. auffrischte und dazu lernte. Denn in mir wächst die Idee, ein oder zwei Geräte und vielleicht nochmals ein bis zwei Windows- bzw. Linuxgeräte abzustellen, die in Freiarbeitsphasen von interessierten Schülern immer wieder neu eingerichtet und konfiguriert werden können. Selber zu recherchieren und dieses Wissen dann praktisch umzusetzen ist in meinen Augen viel effektiver, als sich ein hundertseitiges Handbuch à la “Windows für Dummies” durchzulesen. Zugleich entwickelt man ein anderes Verhältnis zu der Technik, die evtl. auch den oft in Schulen beklagten Vandalismus etwas entgegenwirken kann. Aus einigen Schulen kenne ich Technikdienste, die bei der Pflege und Wartung mithelfen, wobei dann aber halt wieder nur eine kleine Gruppe beteiligt ist.

Und damit bin ich bei meinem letzten Punkt betreffend meiner dieswöchigen Alltagserfahrung: Für mich wurde als ich vor dem Arbeitsaufwand stand mal wieder deutlich, wie sehr das Modell auf lange Sicht zum Scheitern verurteilt sein wird, dass Schulen die komplette Infrastruktur an Geräten und Zubehör bereitstellen sollen. Das ist nicht nur angesichts der Kosten irrsinnig, die den Schulen entstehen für eine Ausrüstung, die statisch an das Schulgebäude gekoppelt ist. Andererseits ist das auch eine immense Ressourcenbelastung, wenn Lehrer neben dem Unterrichtsgeschäft noch für die Instandhaltung und Pflege “genutzt” werden. Das kennengelernte, finnische Beispiel ist sicher eine Variante, die Betreuung der medialen Infrastruktur outzusourcen. Wenn ich aber merke, wie ich mich als Lehrer mit eigenen Geräten ins schulische Netzwerk einklinke, wäre dies sicher die sinnvollere Lösung auch für die Schüler.

Soweit mal aus meiner aktuellen Woche. Ich bin mir bewusst, dass dies ein eher erzählender Beitrag ist, was sicher daraus resultiert, dass ich noch nicht genügend Möglichkeiten hatte, selber zu reflektieren – ein Phänomen, das sicher einigen Kollegen bekannt vorkommt ;-). Für die kommende Woche ist meinerseits eine erste Einführung einzelner, kleinerer Medieneinsätze bzgl. Internet und Lernplattformen in den Klassen sowie mit den Eltern geplant. Vielleicht resultiert daraus ein ähnlicher Blogbeitrag am nächsten Wochenende.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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