Strategiewechsel?

Kommentieren 26. August 2009

Heute fand der 3. Bildungskongress der Metro Group unter dem Motto “Was wir von der Kapuzenshirt-Generation lernen können” in Düsseldorf statt. Ich konnte nicht vor Ort sein, verfolgte aber den Live-Stream sowie die rege Chat- und Twitter-Diskussion (Hashtag #bk09). Ich werde darüber inhaltlich noch genauer bloggen, sobald die Aufzeichnung der Übertragung verfügbar ist.

Nach der gut moderierten und mit einigen Spitzen anregend gestalteten Podiumsdiskussion twitterte ich folgendes:

Frage mich langsam, ob die Strategie, den Lehrern zu erklären, wie rückständig sie sind, aufgehen wird. #bk09

Immer wieder schien dies die Strategie zu sein, die sich nach meinem ersten Wahrnehmen auch durch den Impulsvortrag von Prof. Peter Kruse zog, aufzuzeigen, wo die Lehrer stehen und was sie über den Einsatz neuer Medien denken. Dies ist ja ein grundsätzlich guter Ansatz, um sich bewusst zu machen, an welcher Stelle und auf welchen Umfangsniveau man mit den Lehrern ins Gespräch kommen kann. Denn notwendig ist es, was auch die Tatsache verdeutlicht, dass auf dem Kongresspodium nur Personen saßen, die sich aktuell nicht in Lehrverantwortung gegenüber den Digital Natives befinden, über die gesprochen wurde. Das ist kein Vorwurf sondern ein Indiz dafür, wie stark der Druck von außen auf Schule zunehmend wird.

Gestolpert bin ich aber über den von mir empfundenen Unterton der auch an anderen Stellen immer wieder durchscheinende Unterton, hervorzuheben, wie weit die Schule bereits zurückhängt – ja oft wird bereits von abgehängt gesprochen. Ich muss – und das ist mir auch bewusst geworden bei den für unser Projekt internen Gesprächen über unsere Positionierung seitens der Initiative D21 – gestehen, dass ich im Blog auch hin- und wieder auf diese Metapher des “Abhängens der Schule” eingestiegen bin. Wer aber Schule von innen her kennt, weiß auch, welche Gradwanderung dies ist. So mag die darin steckende Provokation über einen gewissen Zeitraum funktionieren, verpufft aber meist ziemlich abrupt und schlägt dann nicht selten in eine aktive Gegenhaltung um. Dies mag man nun als Hype analysieren oder  wie ich finde bildlich – wenn auch in anderem Zusammenhang – von Heinz Klippert netter formuliert als “Hühnerstallsyndrom” bezeichnen:

Aus diesem Gefühl der Ohnmacht resultieren Abwehr, Unsicherheit und nicht selten die Einstellung: Auch diese Reform sitzen wir aus. Wenn sich diese Haltung durchsetzt, dann droht das hinlänglich bekannte »Hühnerstall-Syndrom«. Die Bildungspolitik trommelt auf das Dach; im Hühnerstall selbst fliegen alle wild durcheinander, und nach kurzer Zeit sitzen sie wieder auf ihrer Stange, als wäre nichts gewesen.

http://www.zeit.de/2006/14/B-Klippert_2fInterview

Ich glaube, dass es nunmehr nicht länger funktionieren wird, den Schulen ihren Rückstand aufzuzeigen. So wie ich es wahrnehme, ist dies jedem – wie offen oder auch nicht er dies zugibt – bewusst. Ein weiteres Festhalten an der genannten Strategie wird deshalb Gefahr laufen, die Fronten weiter zu verhärten und den Widerstand eines sich überfordert fühlenden Lehrerstands forcieren. In meinen Augen wird es nun dringend notwendig, ganz konkrete Beispiele, Szenarien und Vorbilder zu finden und zu dokumentieren. Denn kaum etwas anderes hilft Lehrern im Alltag mehr, als eine als funktionierend wahrgenommene Vorlage zu adaptieren und unter mal größeren, mal kleineren Anpassungen in das eigene Lehrportfolio zu übernehmen. Ein zunehmend beachtetes und mit wachsenden Erwartungen verknüpftes Vorhaben, welches genau in diese Richtung läuft, ist die Bildungsexpedition unter der Leitung von Christian Spannagel und Lutz Berger.

Eine weitere Strategie könnte die des Wettbewerbs sein, die in unserem Projekt intern auch immer wieder besprochen wird und im Hinblick auf die Fortführung des Projekts “Die besten Lehrkräfte für Deutschlands Schulen der Zukunft” auch umgesetzt werden soll. Dies bedeutet, dass Anreize geschaffen werden, die es attraktiv machen, sich im Wettbewerb mit Kollegen oder Schulen als besonders vorbildlich und fortschrittlich zu präsentieren. Auch im Blog schwingt dies ja immer wieder etwas mit, wenn ich auf Projekte hinweise und diese vorstelle, die einerseits Vorbild sein können, die andererseits aber damit auch herausgehoben, gewürdigt, gelobt werden sollen, um dies als Anreiz zur Nachahmung zu verstärken. Wer diese Strategie weiterdenkt, wird irgendwann die frage stellen, wie dieser Wettbewerb praktisch-konkret aussehen soll, wie weit er gehen soll und auf welcher Ebene die Anreize stattfinden sollen (finanzielle, personelle Unterstützung für einzelne Schulen, Sachspenden zur Ausrüstung oder Zertifizierung/Preisverleihung?). In unserem Projekt haben wir im ersten Durchgang eine Bildungsexpedition nach Helsinki ausgelobt, um damit neben dem Auszeichnungsaspekt parallel auch die Vorbildstrategie mit den eben konkreten Anschauungssituationen zu schaffen.

Eine dritte Strategie hat dann heute Scott McLeod, J.D., Ph.D. at Iowa State University, in lyrischer Form präsentiert:

Don’t teach your kids this stuff. Please?

dear parent

teacher

administrator

board member

don’t teach your kids to read

for the Web

to scan

RSS

aggregate

synthesize

don’t teach your kids to write

online

pen and paper aren’t going anywhere

since when do kids need an audience?

no need to hyperlink

make videos

audio

Flash

no connecting, now

no social networking

or online chat

or comments

or PLNs

blogs and twitter?

how self-absorbed

what a bunch of crap

and definitely, absolutely, resolutely, no cell phones

block it all

lock it down

keep it out

it’s evil, you know

there’s bad stuff out there

gotta keep your children safe

don’t you know collaboration is just another word for cheating?

don’t you know how much junk is out there?

haven’t you ever heard of sexting?

of cyberbullying?

a computer 24-7? no thanks

I don’t want them

creating

sharing

thinking

learning

you know they’re just going to look at porn

and hook up with predators

we can’t trust them

don’t do any of it, please

really

’cause I’m doing all of it with my kids

can’t wait to see who has a leg up in a decade or two

can you?

http://www.dangerouslyirrelevant.org

Ob man nun den Spieß so umdrehen will oder aktiv auf Lehrer zugeht – es bleibt in meinen Augen bei der grundsätzlichen Notwendigkeit, nicht weiter ÜBER Schule und Lehrer zu diskutieren, sondern MIT ihnen zu planen, evaluieren und durchzuführen, was für im Hinblick auf den Einsatz neuer Medien für notwendig und sinnvoll erachten. Und dies sollte und muss damit einhergehen, dass Lehrer dabei auch Fehler machen dürfen, dann Projekte nach einer Erprobungsphase ohne hämische Fingerzeige wieder aufgegeben werden dürfen und wir die aufgrund der allgemeinen Neuheit und Unerfahrenheit und noch geringe Erfahrungswerte notwendige Kultur des gemeinsamen Lernens auch den Lehrern trotz des zu recht geforderten Expertenstatus bezüglich Didaktik und Pädagogik zugestehen.

Mich würde interessieren, welche Strategien unseren Bloglesern noch einfallen, wie die vorgeschlagenen Optionen bewertet werden und ob evtl. bereits gute oder schlechte Erfahrungen oder Wahrnehmungen bestehen, was die Konfrontation von Schule und Lehrern mit dem rasanten Tempo der sich verändernden Wissens- und Informationstechnologien angeht.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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