Strategiewechsel?

Kommentieren 26. August 2009

Heute fand der 3. Bildungskongress der Metro Group unter dem Motto “Was wir von der Kapuzenshirt-Generation lernen können” in Düsseldorf statt. Ich konnte nicht vor Ort sein, verfolgte aber den Live-Stream sowie die rege Chat- und Twitter-Diskussion (Hashtag #bk09). Ich werde darüber inhaltlich noch genauer bloggen, sobald die Aufzeichnung der Übertragung verfügbar ist.

Nach der gut moderierten und mit einigen Spitzen anregend gestalteten Podiumsdiskussion twitterte ich folgendes:

Frage mich langsam, ob die Strategie, den Lehrern zu erklären, wie rückständig sie sind, aufgehen wird. #bk09

Immer wieder schien dies die Strategie zu sein, die sich nach meinem ersten Wahrnehmen auch durch den Impulsvortrag von Prof. Peter Kruse zog, aufzuzeigen, wo die Lehrer stehen und was sie über den Einsatz neuer Medien denken. Dies ist ja ein grundsätzlich guter Ansatz, um sich bewusst zu machen, an welcher Stelle und auf welchen Umfangsniveau man mit den Lehrern ins Gespräch kommen kann. Denn notwendig ist es, was auch die Tatsache verdeutlicht, dass auf dem Kongresspodium nur Personen saßen, die sich aktuell nicht in Lehrverantwortung gegenüber den Digital Natives befinden, über die gesprochen wurde. Das ist kein Vorwurf sondern ein Indiz dafür, wie stark der Druck von außen auf Schule zunehmend wird.

Gestolpert bin ich aber über den von mir empfundenen Unterton der auch an anderen Stellen immer wieder durchscheinende Unterton, hervorzuheben, wie weit die Schule bereits zurückhängt – ja oft wird bereits von abgehängt gesprochen. Ich muss – und das ist mir auch bewusst geworden bei den für unser Projekt internen Gesprächen über unsere Positionierung seitens der Initiative D21 – gestehen, dass ich im Blog auch hin- und wieder auf diese Metapher des “Abhängens der Schule” eingestiegen bin. Wer aber Schule von innen her kennt, weiß auch, welche Gradwanderung dies ist. So mag die darin steckende Provokation über einen gewissen Zeitraum funktionieren, verpufft aber meist ziemlich abrupt und schlägt dann nicht selten in eine aktive Gegenhaltung um. Dies mag man nun als Hype analysieren oder  wie ich finde bildlich – wenn auch in anderem Zusammenhang – von Heinz Klippert netter formuliert als “Hühnerstallsyndrom” bezeichnen:

Aus diesem Gefühl der Ohnmacht resultieren Abwehr, Unsicherheit und nicht selten die Einstellung: Auch diese Reform sitzen wir aus. Wenn sich diese Haltung durchsetzt, dann droht das hinlänglich bekannte »Hühnerstall-Syndrom«. Die Bildungspolitik trommelt auf das Dach; im Hühnerstall selbst fliegen alle wild durcheinander, und nach kurzer Zeit sitzen sie wieder auf ihrer Stange, als wäre nichts gewesen.

http://www.zeit.de/2006/14/B-Klippert_2fInterview

Ich glaube, dass es nunmehr nicht länger funktionieren wird, den Schulen ihren Rückstand aufzuzeigen. So wie ich es wahrnehme, ist dies jedem – wie offen oder auch nicht er dies zugibt – bewusst. Ein weiteres Festhalten an der genannten Strategie wird deshalb Gefahr laufen, die Fronten weiter zu verhärten und den Widerstand eines sich überfordert fühlenden Lehrerstands forcieren. In meinen Augen wird es nun dringend notwendig, ganz konkrete Beispiele, Szenarien und Vorbilder zu finden und zu dokumentieren. Denn kaum etwas anderes hilft Lehrern im Alltag mehr, als eine als funktionierend wahrgenommene Vorlage zu adaptieren und unter mal größeren, mal kleineren Anpassungen in das eigene Lehrportfolio zu übernehmen. Ein zunehmend beachtetes und mit wachsenden Erwartungen verknüpftes Vorhaben, welches genau in diese Richtung läuft, ist die Bildungsexpedition unter der Leitung von Christian Spannagel und Lutz Berger.

Eine weitere Strategie könnte die des Wettbewerbs sein, die in unserem Projekt intern auch immer wieder besprochen wird und im Hinblick auf die Fortführung des Projekts “Die besten Lehrkräfte für Deutschlands Schulen der Zukunft” auch umgesetzt werden soll. Dies bedeutet, dass Anreize geschaffen werden, die es attraktiv machen, sich im Wettbewerb mit Kollegen oder Schulen als besonders vorbildlich und fortschrittlich zu präsentieren. Auch im Blog schwingt dies ja immer wieder etwas mit, wenn ich auf Projekte hinweise und diese vorstelle, die einerseits Vorbild sein können, die andererseits aber damit auch herausgehoben, gewürdigt, gelobt werden sollen, um dies als Anreiz zur Nachahmung zu verstärken. Wer diese Strategie weiterdenkt, wird irgendwann die frage stellen, wie dieser Wettbewerb praktisch-konkret aussehen soll, wie weit er gehen soll und auf welcher Ebene die Anreize stattfinden sollen (finanzielle, personelle Unterstützung für einzelne Schulen, Sachspenden zur Ausrüstung oder Zertifizierung/Preisverleihung?). In unserem Projekt haben wir im ersten Durchgang eine Bildungsexpedition nach Helsinki ausgelobt, um damit neben dem Auszeichnungsaspekt parallel auch die Vorbildstrategie mit den eben konkreten Anschauungssituationen zu schaffen.

Eine dritte Strategie hat dann heute Scott McLeod, J.D., Ph.D. at Iowa State University, in lyrischer Form präsentiert:

Don’t teach your kids this stuff. Please?

dear parent

teacher

administrator

board member

don’t teach your kids to read

for the Web

to scan

RSS

aggregate

synthesize

don’t teach your kids to write

online

pen and paper aren’t going anywhere

since when do kids need an audience?

no need to hyperlink

make videos

audio

Flash

no connecting, now

no social networking

or online chat

or comments

or PLNs

blogs and twitter?

how self-absorbed

what a bunch of crap

and definitely, absolutely, resolutely, no cell phones

block it all

lock it down

keep it out

it’s evil, you know

there’s bad stuff out there

gotta keep your children safe

don’t you know collaboration is just another word for cheating?

don’t you know how much junk is out there?

haven’t you ever heard of sexting?

of cyberbullying?

a computer 24-7? no thanks

I don’t want them

creating

sharing

thinking

learning

you know they’re just going to look at porn

and hook up with predators

we can’t trust them

don’t do any of it, please

really

’cause I’m doing all of it with my kids

can’t wait to see who has a leg up in a decade or two

can you?

http://www.dangerouslyirrelevant.org

Ob man nun den Spieß so umdrehen will oder aktiv auf Lehrer zugeht – es bleibt in meinen Augen bei der grundsätzlichen Notwendigkeit, nicht weiter ÜBER Schule und Lehrer zu diskutieren, sondern MIT ihnen zu planen, evaluieren und durchzuführen, was für im Hinblick auf den Einsatz neuer Medien für notwendig und sinnvoll erachten. Und dies sollte und muss damit einhergehen, dass Lehrer dabei auch Fehler machen dürfen, dann Projekte nach einer Erprobungsphase ohne hämische Fingerzeige wieder aufgegeben werden dürfen und wir die aufgrund der allgemeinen Neuheit und Unerfahrenheit und noch geringe Erfahrungswerte notwendige Kultur des gemeinsamen Lernens auch den Lehrern trotz des zu recht geforderten Expertenstatus bezüglich Didaktik und Pädagogik zugestehen.

Mich würde interessieren, welche Strategien unseren Bloglesern noch einfallen, wie die vorgeschlagenen Optionen bewertet werden und ob evtl. bereits gute oder schlechte Erfahrungen oder Wahrnehmungen bestehen, was die Konfrontation von Schule und Lehrern mit dem rasanten Tempo der sich verändernden Wissens- und Informationstechnologien angeht.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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  1. 27. August 2009 um 01:29 | #1

    JA, sehr richtig. Danke Dir für die Berücksichtigung der innerschulischen Perspektive. Wir wollen doch alle nicht, dass das, was einst als “Lernen mit neuen Medien” angefangen und sich zum “Lernen und Lehren 2.0″ entwickelt hat dem Aussitzen zum Opfer fällt. Daher bitte nicht immer gleich mit der Web2.0-Keule druff.

    Die Argumentation mit dem erhobenen Zeigefinger wird in keinem Kollegium Anklang finden, eher ein Projekt, das Nachahmungstäter findet; und gleich oder nach und nach ein paar Kollegen ins Boot holen. Das nächste Schuljahr ist in Sichtweite und ich plane auch in diese Richtung. Eine Kollegin wünscht sich Beratung, was ein LMS oder Wiki betrifft, andere kommen zu mir, wenn es darum geht, Dateien zu konvertieren (und so Schülerarbeiten zu retten ;) ). Mir ist es allemal lieber, Ansprechpartner, Impulsgeber und Hilfe zu sein, als die Kollegen webzwonullig zu bevormunden und zu überfordern. Was für die Kinder gilt, gilt eben gleichermaßen fürs Kollegium. Da bin ich wohl keine Hardcore-Missionarin, sicher aber auch nicht minder engagiert.

  2. 27. August 2009 um 07:38 | #2

    Inden bayrischen Schulen, die ich kenne, ist noch nicht mal etwas von Hühnerstall zu spüren. Die Schüler dort sind ebenfalls alles andere als digital natives. Trotzdem: Wirkungsvoll sind wohl vor allem gute Beispiele für 2.0, deren Mehrwert offen erkennbar ist. Also entweder solche Beispiele schaffen – und es gibt noch nicht genug davon – oder eine Struktur, um solche Beispiele verbreiten zu können.

  3. 27. August 2009 um 15:55 | #3

    Ich bin zwar kein Lehrer sondern Dozent an einer FH trotzdem sind die Probleme ähnlich. Mein Lösungsansatz ist Generationswechsel bzw. Bottom Up.

    Beim ersten denke ich einfach die “E-Mail-Ausdrucker” werden immer weniger und eine jüngere Generation wächst nach (ja ich weiss selbst, das dies traurig ist) und beim zweiten, dem Bottom Up Effekt, sind die Studis (besser Kollegen) einfach schneller und besser und verlangen nach einer neuen Arbeitsweise. Dann ziehen die Dozenten nach. Ich merke dies besonders beim Einsatz von Webkonferenzen im Online Fernunterricht, wo sich die Dozenten weigern Webcams zu kaufen, aber alle Studierende welche besitzen.

    Gruss aus dem Norden

    Andreas

  4. 27. August 2009 um 16:22 | #4

    Ich glaube auch, dass eine Sammlung gut dokumentierter vielfältiger best practice-Beispiele gebraucht wird, um zu zeigen, dass es geht und wie es gehen kann. Es braucht aber auch noch zwei andere Dinge:

    1. müssen Lehrer selbst ihren persönlichen Sinn darin finden, mit den Neuen Medien zu arbeiten. Zu glauben, man brächte Lehrer auf irgendeine Weise dazu, Blogs, Wikis, Twitter und was auch immer im Unterricht einzusetzen, weil sie vielleicht eine Bereicherung des “Methodenpools” wären, greift zu kurz. Es wäre – historische Analogie – als würde der Lehrer selbst zwar nicht lesen aber als Unterrichtsmedium Bücher einsetzen, weil er überzeugt wurde, sie seien methodisch sinnvoll.

    In meinem Wochenendseminar “Individualisiertes Unterrichten mit Weblogs” nimmt darum auch die Erkundung, was “der Lehrer” mit Weblogs für sich selbst – und erstmal unabhängig von den Schülern – anfangen kann, die ganze erste Hälfte der Zeit ein. Nicht nur bei Schülern ist der persönliche Sinn der Motivator fürs Lernen – auch bei Lehrern, wie überhaupt beim menschlichen Lernen.

    Und 2. müssen die Lehrer in ihrer Lehrtätigkeit experimentieren dürfen mit all der Offenheit, dass ungewiss ist, was dabei herauskommt. Um die Anregungen aus best practice-Beispielen wirklich fruchtbar machen zu können für die eigene Praxis, muss darum auch viel Zeit dafür gegeben werden für eigene “Erfindungen”, immer bezogen auf die konkreten Schülergruppen (und nicht am grünen Tisch). Das geht nur im “Werkstatt”-Modus:

    a) Selbsterkundung, b) Ideen für den eigenen Unterricht entwickeln und in eigene Entwürfe gießen, c) diese Entwürfe erproben, d) Erfahrung damit auswerten und d) alles von vorne auf einer nächsten Ebene dieser “Lernspirale”. Das sind mindestens 1-Jahres-Projekte, sollen sie was taugen und “nachhaltige” Ergebnisse erzielen. Und das Ganze natürlich immer in einer Praxislerngemeinschaft.

  5. 28. August 2009 um 02:00 | #5
    rip

    Ich stimme sowohl dem Artikel als auch den bisherigen Kommentaren weitgehend zu. Ergänzend hinzufügen möchte ich, dass bei manchen die Begeisterung für Web2.0 und andere Ausprägungen technischen “frontier”-Geistes mit einem ungerechtfertigten Totalitätsanspruch einhergeht. Es gibt Dinge, bei denen es sinnvoll ist, mit einem Stift und einem Blatt Papier und einem Buch zu Werke zu gehen. Man sollte u. a. nicht vergessen, dass bei den gängigen Prüfungsformen die moderne Technik nicht die geringste Rolle spielt.

    Man könnte natürlich einwenden, dass dann eben die Prüfungsformen geändert werden müssen. Das mag wohl sein – aber das ist wieder eine andere Baustelle.

  6. 30. August 2009 um 11:10 | #6

    Auch ich möchte noch etwas zur Diskussion vom Bildungskongress hinzufügen. Als Teilnehmerin und Vertreterin der “Digital Inhabitants” fand ich es nicht gut, dass so eine Kluft zwischen dem Publikum und uns entstanden ist. Wir waren eigentlich nicht da, um den anwesenden Lehrern und Ausbildern vorzuführen, dass sie nichts können. Eigentlich wollten wir den Anwesenden einige Unterrichtsbeispiele präsentieren, die erfolgreich sind. Damit sollten sie neugierig gemacht werden. Aber leider lief dies aus dem Ruder durch die Moderation. Aber zum Glück gab es auch eine Handreichung mit den wertvollen Links zu den Projekten.

    Grundsätzlich sage ich auch, dass wir, die wir schon begeistert die Web2.0-Tools nutzen, nicht als Diktatoren auftreten sollen. Schließlich ist der Einsatz von Blogs, Wikis und Podcasts oder Moodle nicht das Non-Plus-Ultra, was einen guten Unterricht ausmacht. Auch Papier, Tafel oder OH-Projektor haben immer noch eine Berechtigung. Allerdings bin ich der Meinung, dass man den PC nicht aus dem Fachunterricht ausschließen sollte. Genau deshalb ist es wichtig, dass man solche und ähnliche Veranstaltungen nutzt, um eben die vielleicht Unerfahrenen neugierig zu machen und dann auch zu suggerieren, dass diese Tools genauso den Unterricht beleben können, wie die bisher alten Medien. Fazit: Man sollte als Lehrer eine gute Melange des Medieneinsatzes herstellen.

  7. 30. August 2009 um 11:50 | #7

    Hallo Melanie,

    ihr “digital inhabitants” habt keine Kluft getrieben… ganz sicher nicht. Daher habe ich ja auch den Spruch “Das da vorne ist die Fundi-Fraktion, die polarisiert” so vollkommen absurd empfunden.

    Was ihr getan habt ist die grundsätzliche Art des Lehrerverständnisses (Wissensmonopol, Kompetenzdifferenz zwischen Lehrer und Schüler) in Frage zu stellen – freilich ohne dass ihr das konkret formuliert habt. Dafür hat die bloße Anwesenheit und die provokativen Ergebnisse aus Peter Kruses Untersuchung geführt.

    Eure Anwesenheit hat gereicht, um bei vielen Besuchern ein allgemeines “Haie, Haie…” (http://bit.ly/NsvES) zu bewirken. Dass ihr dazu aus Sicht der ‘weisen Alten’ noch nichtmal richtig im Schuldienst seid, kommt noch hinzu. “Die werden schon noch von ihren Träumen und Ideen runter kommen, wenn sie erstmal im Klassenzimmer sind. Das kostet doch alles viel zu viel Zeit!”.

    Ich selber habe im Anschluss ebenfalls von einer großen Kluft gesprochen. Ob das sinnvoll war? Ich weiss es nicht. Für mich ist das erstmal eine gedankliche Stütze, um die Situation zu beschreiben. Und “Klüfte” müssen ja nicht Schützengräben sein, sondern können durch das Bauen von Brücken von beiden Seiten überwunden werden. Protektionismus bringt nur Schaden.

    Gruß,

    Felix

  8. 30. August 2009 um 12:10 | #8

    Ich kann meinen Vorrednern nicht mehr viel hinzufügen, möchte aber auch noch mal das Prinzip Selbst-an-guten-Beispielen-vormachen hervorheben. Predigen erzeugt meist lediglich Trotz und Abwehr (was ich gut verstehen kann, geht mir in anderen Bereichen nicht anders). Wenn der eigenen Medieneinsatz positive Früchte trägt, spricht sich das rum – und wenn ein Kollege SELBST nachfragt, wie man diese oder jenen Medieneinsatz gestalten könnte, ist das um Größenordnungen effektiver, als wenn man versucht, etwas zu kommunizieren, für das niemand auf “Empfang” ist.

    Auch der Absolutheitsanspruch ist (wie rip oben schon sagte) ein Problem. Wenn der Grundtenor ist: “Mit neuen Medien wird alles gut, früher war alles Mist” wird man niemanden gewinnen. Diejeningen, die schon seit 20 Jahren guten Unterricht gemacht haben, werden sich zurecht von den “jungen Spinnern” erstmal abwenden.

  9. 30. August 2009 um 12:29 | #9

    Vielen Dank für eure Rückmeldungen.

    Besonders die Eindrücke der Bildungskongressteilnehmer sind für mich spannend, da ich nun von unterschiedlichen Stellen unterschiedliche Wahrnehmungen über den Verlauf der Podiumsdiskussion bekommen habe. Und tatsächlich scheint da ein gewisser graben entstanden zu sein, wie Felix ihn andeutet, über den es eine Brücke zu bauen gilt. Dass dieser Graben (Problem, digital divide, Druck durch digital natives oder wie man es nennen will) vorhanden ist, ist jedem klar. In allen Diskussionen, die ich führe, wird immer offen ausgesprochen, dass die Integration neuer medien ein Muss in den nächsten Jahren sein wird und dies ein weg ist, an dem im Großen und Ganzen nichts vorbeiführt.

    Aber…

    Es gibt zwei Probleme, die durch den Bildungskongress für mich trotz Abwesenheit nochmals deutlich hervorgebrochen sind und bei denen wir aufpassen müssen, sie nicht zu verhärten (daher mein Vorschlag, nach Strategiewechseln zu suchen/denken):

    1) Die Brücke wird derzeit nur von einer Seite des Grabens gebaut – von der Seite der “digital inhabitants”. Und dadurch entsteht das, was ich im beitrag andeuten wollte, als ich nicht vorwurfsvoll sondern bewusst machend darauf hinwies, dass auf dem Podium keine “echten Lehrer” saßen. Der Druck auf Schule wird hinsichtlich der neuen Medien derzeit ziemlich verstärkt. Diese katalysierenden oder anstoßenden Impulse kommen aber oft nicht aus den Schulen selber, sondern von außen. Damit wird zwar eine Brücke über den Graben gebaut, wie auch von den Podiumsdiskutanten mit ihrem Hilfeangebot sehr löblich angepriesen wurde. Aber auf der Gegenseite fehlt der Brückenkopf, auf den zugebaut werden kann, fehlt das Gegenstück, dass die “digital inhabitants” erwartet. Somit bauen wir immer bis zur Mitte des Grabens und kommen dann nicht so recht weiter, weil die Brücke mit jedem weiteren Schritt instabil zu werden droht.

    2) Es fehlt nicht nur auf der Gegenseite der Brückenkopf, sondern in vielen Fällen auch die Bauaktivität. Das ist böse von mir, entspricht aber oft der Realität – es wird abgewartet. Dort, wo gebaut wird, wo versucht wird, die Techniken in der Schule zu nutzen, wird deutlich weniger systematisch gebaut als seitens der digital inhabitants. Letztere vernetzen sich, bloggen, diskutieren live und virtuell miteinander, so dass oft bei den Teilnehmern der Eindruck entsteht, man drehe sich im Kreis, habe alles schon gesagt. Seitens der einzelnen Schulen oder in diesen gar einzelnen Lehrer, werden aber singuläre Brückenköpfe und Brückenstümpfe gebaut, die den Graben zu überbrücken versuchen. Damit entsteht auf der einen Seite eine 6-spurige Autobahnbrücke durch die digital natives, die schnell, konzentriert und massiv den Graben überwinden wollen. Auf der anderen Seite fehlen entweder Andockpunkte bzw. Gegenbaubestrebungen oder es werden im Verhältnis kleine Fußgängerbrücken gebaut. Und beide Seiten stehen auf ihren Brückenstümpfen und wissen nicht, wie sie nun zusammenkommen.

    Und nun? Springen wir reihenweise von unseren Brückenstümpfen wie die Lemminge? In der Erwartung, dass wir bald genug early adopters geopfert haben und der Graben mit ihren Leichen gefüllt ist (Bilder können manchmal grausam sein)? Sicher nicht…

    Und während ich diesen Kommentar schreibe, kommt die Anmerkung von Andreas, der von “Empfang” spricht, was genau der Punkt ist. Es gilt, auf beiden Seiten des Grabens Brieftauben loszuschicken, Rauchzeichen zu geben, Megaphone und Flaggen in die Hand zu nehmen, um einerseits auf beiden Seiten den Gesprächsbedarf zu signalisieren, dann aber auch eine gemeinsame Strategie zu entwickeln, wo man sich jetzt zu der großen Brücke trifft und wie man ihr letztlich Stabilität verleihen kann. Und diese Brieftauben, Rauchzeichen, Megaphone und Flaggen könne nur praktische Unterrichtsszenarien sein, können nur realistische Beispiele sein, die beide Seiten verstehen, deren Sprache beide Seiten sprechen. Der jeweils anderen Seite zuzurufen, wie es gehen könnte, wird nur zu mehr Verwirrung und Irritation führen.

  10. 30. August 2009 um 13:05 | #10

    @scheppler: Was ist, wenn auf beiden Seiten eine unterschiedliche Grammatik verwendet wird? Was ist, wenn man sich erstmal auf pädagogisch-psychologische Grundpfeiler einer Lehr-Lern-Kultur verständigen muss, um überhaupt zu bauen?

    Ich war gestern auf einer Fortbildung für Sozialwissenschaftslehrer zum Thema “Wirtschaftskrise im Unterricht”. Also kein Medienseminar o.ä, sondern eine ganz normale Lehrerfortbildung. Was dort an Floskeln über Schüler und Lernprozesse unterschwellig mitläuft (auch und gerade von jungen Kollegen/innen!) hat mich erschreckt.

    Hier liegen noch viel schwerwiegendere Probleme verborgen, die weit tiefer gehen als die des Medieneinsatzes. Vielleicht zeigt sich jetzt endlich an den neuen Kommunikationsprozessen, was bislang in den Schulen im Rahmen von “pädagogischer Freiheit” noch nebeneinander laufen konnte.

  11. 30. August 2009 um 13:14 | #11

    @Felix. Das meinte ich mit den Brieftauben, Rauchzeigen, Megaphonen und Flaggen… Wir sprechen derzeit unterschiedliche Sprachen (Du beschreibst es aus Deiner gestrigen Erfahrung), wir haben unterschiedliche Vorstellungen und müssen uns also vor dem Bauen tatsächlich erst einmal darüber verständigen. Bei den neuen medien ist aber nun gerade das spezielle Problem, dass viele Impulse von außerhalb der Schule kommen, wir das also nicht nur intern in einer Gesamtkonferenz hinter verschlossnen Türen lösen können.

    Das was Du berichtest, wurde auch ganz richtig auf dem Bildungskongress als Vorurteil auszuräumen versucht und ich stimme voll zu: Es handelt sich nicht um eine Differenz zwischen jungen und alten Lehrern. Es handelt sich vielmehr um eine Differenz in der Wahrnehmung von Unterrichtsmodellen (ja, man könnte es fast -philosophien nennen, da es so unendlich schwer ist, “Beweise” für “guten” vs. “schlechten” Unterricht anzuführen).

  12. 30. August 2009 um 14:28 | #12
    rip

    @scheppler: Die Metapher vom Graben ist mir zu gewaltig. Ich finde sie falsch, denn sie erweckt den Eindruck, als ob technikbegeisterte Lehrer1 und technikferne Lehrer völlig unterschiedliche Ziele hätten. Und die Idee vom Brückenbau suggeriert, dass den armen, zurückgebliebenen Technikfernen ein Weg ins gelobte Land der neuen Medien gebahnt werden müsste, damit sie nur überhaupt überleben.

    Ich habe die Befürchtung, dass hier Unterscheidungen getroffen werden, die für den Erfolg einer Schule ganz nebensächlich sind. Die wichtigste Unterscheidung, die man IMHO (leider) treffen müsste ist die, dass es einerseits Lehrer gibt, die mit Engagement daran arbeiten, dass ihre Schüler sich weiter entwickeln und dass sie das lernen, was der Lehrplan vorschreibt, und sie bemühen sich darum, dass ein angenehmes Lernklima herrscht (positive Lehrer). Andererseits gibt es (wiederum leider) Lehrkräfte, die sich mit dem geringstmöglichen Aufwand durchs Schuljahr mogeln, denen sowohl der Fortschritt als auch das Wohlbefinden ihrer Schüler relativ gleichgültig ist (negative Lehrer).

    Ob nun ein positiver Lehrer zum Erreichen seiner Ziele neue Medien einsetzt oder nicht, ist absolut zweitrangig; und wenn ein negativer Lehrer seine Klassen stundenlang im Internet surfen lässt, damit bei einer Web-Recherche möglichst viel Zeit vergeht und er sich nichts selbst überlegen muss, dann macht das seinen Unterricht auch nicht besser.

    Zu meinem Idealbild des positiven Lehrers gehört natürlich schon auch Aufgeschlossenheit und Lernbereitschaft. Und so wird ein solcher Lehrer die Vorteile einer Arbeit mit den neuen Medien sicher erkennen – und für praktikable Vorschläge dankbar sein, vor allem dann, wenn der Schwerpunkt der Begründung auf dem inhaltlichen und pädagogischen Mehrwert liegt. Das Motto “Das musst du machen, denn das ist Wepp Zwo-Null, und das macht man heutzutage” kann einen solchen Lehrer nicht überzeugen. – Versteht mich nicht falsch, ich werfe keinem hier vor, solch ein Motto ernsthaft zu vertreten … aber manchmal klingt es ein bisschen danach.

    Und, der Vollständigkeit halber: Auch mein Schreckbild vom negativen Lehrer kommt vielleicht nicht so oft in der Wirklichkeit vor – und selbst dann: auch so ein Lehrer ist vielleicht wandlungswillig und -fähig. Oft ist es nur Hilflosigkeit und Überforderung, die eine Lehrkraft dazu bringen, das einmal vorhandene Ideal vom fördernden, fordernden und leistungsbereiten Lehrer abzuschreiben und auf Sparflamme durchs Schuljahr zu schleichen. Wenn diesen Lehrern gezeigt wird, dass neue Medien ihren Unterricht verbessern können, ohne dass sie dadurch erheblich mehr Arbeit haben, dann sind sie sicher auch dafür zu gewinnen.

    Also zum wiederholten Mal (wie oben von anderen schon gesagt): Gute Beispiele sind das beste Mittel, mehr Kollegen zur Nachahmung, Abwandlung, Übernahme zu motivieren.

  13. 30. August 2009 um 15:30 | #13

    Ich habe ja in letzter Zeit oft den Eindruck ein konservativer Hinterwäldler zu sein und auch hier überkommen mich wieder solche Gefühle. Ja, man will Brücken bauen, aber wollt ihr das wirklich? Liest man, wie ihr über euch und die “anderen” schreibt, entsteht dieser Eindruck nicht wirklich.

    Alleine die Wortwahl: Von “digital natives” und “digital inhabitants” zu sprechen – kontraproduktiver geht es wirklich nicht! Ich kann Kollegen verstehen, die sich genervt abwenden, wenn ich ihnen erzählte, dass ich im Gegensatz zu ihnen ein “digital inhabitant” sei. Klingt nach Möchtegern, nach Buzzword-Bullshit-Bingo, aber keine Spur überzeugend und mitreißend.

    Ihr buddelt immer tiefere Gräben und merkt es gar nicht. Zwischen Schülern und Lehrern (“den “digital natives” und den “Abgehängten”) und zwischen euch und den anderen (“digital inhabitants” und den “Abgehängten”). Aber schuld sind die anderen, die gemeinerweise keine Brücke mitbauen wollen. Warum? Etwa, weil sie kein Twitter benutzen, eure Blogs nicht lesen und euren Facebook-Accounts nicht folgen? Warum erzählt ihr’s ihnen nicht einfach bei einem Kaffee in einer Freistunde? Oder ‘nem Bierchen am Feierabend, statt hier missionarisch vom digitalen Olymp herab die bessere Schule zu predigen? Warum mit der Brechstange, warum Schuldzuweisungen, statt Überzeugung?

    Und was soll dieses renitente, rückwärtsgewandte Geschreibsel hier? Warum läuft Hokey mal wieder Web2.0-Amok? Ich möchte einfach nur zur Mäßigung aufrufen. Zu Augenmaß im Umgang mit denen, die vermeintlich(!) stur und bockig nicht eurem Goldenen Kalb folgen. Ich möchte hinweisen darauf, dass dieser neo-digitale Sprachgebrauch, der nur “1″ und “0″ zu kennen scheint, kontraproduktiv ist. Andeuten, dass viele Kollegen sich vielem öffnen, wenn man es ihnen behutsam zeigt und sinnvoll macht (Danke für deinen Kommentar, Lisa!). Die E-Mail hat sich auch in Lehrerkollegien flächendeckend durchgesetzt, weil jeder begreift, wie sinnvoll dieses Medium ist und wie sehr es ihm das Leben leichter macht.

    Ich möchte darauf hinweisen, dass man Netzwerke nicht nur bei Xing&Co., sondern auch in echten Welt 0.0-Lehrerzimmern aufbauen kann. Schon mal ein Blogprojekt mit ‘nem Kollegen gemeinsam gemacht? Oder doch nur mit hochgezogener Augenbraue davon geprahlt… öh… pardon: erzählt? Oder gar nur darüber gebloggt? Oder getwittert?

    Zur Geduld möchte ich aufrufen. Wo nur zwei Computerräume zur Verfügung stehen, wird nicht bis morgen die digitale Revolution hereinbrechen. Wo Kollegen skeptisch sind, müssen sie überzeugt (nicht überredet) werden. Wo Infrastrukturen nicht klar sind (Google? Moodle? Wordpress mit PlugIns? Portierbarkeit? EDV-Anlage? Schuldomain? Webspace?) wird sich kurzfristig nichts etablieren können.

    Und zur Gelassenheit möchte ich aufrufen: Wo jemand den Computer zu Unterrichtsvorbereitung ausgeschaltet lässt, wird die Welt nicht untergehen.

    Yours,

    Hokey (analog and digital inhabitant)

  14. 30. August 2009 um 17:05 | #14

    Mal wieder ein sehr sehr spannende Diskussion hier auf dem Blog. Möchte mich ma einschlaten, da wir als D21 tatsächlich eine Strategie verfolgen müssen, wie wir mit der Problematik umgehen. Ich denke hier muss zweigleisig gefahren werden: Ein Maximum an Reformdruck auf das staatlich-allgemeinbildende System ist absolut zu begrüßen. Hier sehe ich derzeit mehrere Gruppen mit unterschiedlichem Gewicht am Werk: die Wirtschaft (nicht nur die Schlüsselindustrie “IT”), Teile der Politik und Verwaltung, “postive” Lehrer und Schulen (die gibt es!), Privatschulwesen, kritische Eltern und nicht zueletzt Schüler / junge Menschen (die sich selbstständig, an Themen ausgerichtet mittels neuer Technologien bilden [können]). Wir als D21 werden in den nächsten Monaten versuchen, diese Reformer – soweit es uns möglich ist – zu bündeln und ihre Interessen “in Berlin” und in der Presse zu artikulieren. Eines ist uns jedenfalls klar: Nur durch alternative Bildungsangebote, Konkurrenz und Wettbewerb ist eine Änderung möglich. Ansonsten kann ich jeden Lehrer und jede Schule verstehen, der nach dem Prinzip handelt, “je weniger der Aufwand, desto höher der Gewinn”. Selbstverständlich müssen wir aber auch ganz konkrete “Best-Practice” Beispiele aufzeigen, wie ein moderner Unterricht aussehen kann bzw. aussieht. Dafür stehen die Workshops in den nächsten Monaten bereit und natürlich der Blog. Ich denke, Rene hat schon massig Beispiele gegeben, wo und wie neue Medien beim Lehren und Lernen helfen. Darüber werden wir natürlich auch weiter berichten, um Reformwillige weiter abzuholen (setzt Euch mit uns in Kontakt, wir “featuren” auch gerne Eure Vorschläge … !!!). Ich bin jedenfalls zuversichtlich, dass “Aussitzen” für das deutsche Schulsystem keine Option mehr ist.

  15. 01. September 2009 um 21:19 | #15

    Basti Hirsch hat im Rahmen der http://www.bildungsexpedition.de einen mehr oder weniger direkten Kommentar zu diesem Post eingesprochen, den ich hier verlinken möchte:

    http://www.1000mikes.com/download/59451/1191065.mp3

    Danke an Basti.

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