Schule 2.0 – vernetzen statt isolieren
Wer über den Einsatz neuer Medien in Schule und Unterricht nachdenkt, ist meistens nicht weit davon entfernt, Schule vollkommen neu zu denken. Das liegt daran, dass die neuen Medien sich weniger gezielt auf den Unterricht als solchen erstrecken, sondern vielmehr eine Veränderung grundlegender Kommunikationsverhalten mitbringen. Bezüglich von Schule kommt man schnell zu Vorstellungen wie “die Mauern der Schule/Klassenräume zu durchbrechen”, “schulübergreifende Austauschmöglichkeiten”, “lebenslanges Lernen”, “selbstgesteuertes Lernen” usw., was besonders durch die Integration neuer Kommunikationstools erleichtert wird.
Schule kann und wird dabei kein in sich abgeschlossener Raum mehr bleiben können, in dem selbst der Kollege im Lehrerzimmer nicht weiß, was die Schüler im anderen Fach treiben. Wo Eltern oft nur einmal im Jahr erfahren, wie es ihren Kindern in der Schule aus Lehrersicht ergeht. Wo schulische Produkte (und damit verbundene Erfolgserlebnisse) mit dem Ende des Schuljahres oder spätestens mit dem Schulwechsel hinfällig werden. Oder wo es nur mit großem Aufwand möglich ist, schulische Lernerfolge und -fortschritte aus der Schullaufbahn ins Ausbildungs- und Berufsleben zu überführen. Es geht demnach vorrangig darum, Lernen und die daran beteiligten, profitierenden und inspirierenden Personen zu verknüpfen, anstatt sie räumlich und zeitlich voneinander zu separieren:
Student success in today’s rapidly changing global economy requires the collaboration of school, home and community. Technology can provide a powerful platform for the educational needs of the 21st century. There is no one formula for creating these next generation schools. Creating the learning ecosystem of the future needs everyone’s participation.
“Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf”, besagt eine alte (ursprünglich wohl afrikanische) Weisheit. Eine sehr anschauliche Grafik, wie dies ansatzweise aussehen kann, wenn man es mit neuen Technologien realisieren würde, hat etoolkit.org veröffentlicht (aufs Bild klicken, PDF downloaden und vergrößern):
In meinen Augen zeigt dies recht gelungen die Möglichkeiten auf, geht aber noch nicht weit genug. Wo sind die Sportvereine, Partnerschulen, Musikschulen usw.? Im Sinne der Engführung von Lern- und Lebenswelten zeigt die Grafik die bessere und ausgereiftere Verknüpfung schulischer Lernorte. Doch ich denke, hinsichtlich der außerschulischen Verbindungen mit ihren Auswirkungen auf Lehren und Lernen könnte man noch einen weiteren Zirkel um die Grafik ziehen, in dem eben solche Einrichtungen und Situationen situiert sind. Dennoch eine gelungene Visualisierung, oder?
Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

Jedesmal, wenn ich etwas über Schule2.0 lese, frage ich mich, wann die Leute checken, dass das Homeschooling ist?
Vielleicht muss man dazu sagen, dass Home nicht gleich House ist.
Hallo Sunny, Du hast da wirklich nicht ganz unrecht, danke für den Hinweis! Würde das aber eher als “Self-Schooling” titulieren als mit traditionellem Homeschooling. Fakt ist, dass die neuen Technologien (“PERSONAL Computer”) das INDIVIDUUM völlig in den Mittelpunkt rücken und es “empowern”, also auch nicht unbedingt die Familien und schon gar nicht den Staat.
Das ist dann sozusagen die reformpädagogische Variante von Homeschooling. Wobei Homeschooling sowieso schon sehr “Self” ist – außer bei wenigen Küchentischfamilien (die traditionellen) . Die Reformpädagogen nennt man Unschooler (wir sind solche), oder Worldschooler (wenn sie viel reisen).
Eine radikale Form, die das Individuum und seine Bedürfnisse vollständig in den Mittelpunkt rücken, heißt DDL (Delight Driven Learning)
Hi Sunny,
DDL, werds mal googlen. Auf jeden Fall sympathisch und ein gutes Zeichen Dich als Kommentatoren zu haben. Bei unserem Ansatz steht definitiv das Individium im Mittelpunkt: Selbstbestimmung und Eigenaktivität. Oft nicht ganz einfach, wenn Bildung bisher mit streng hierarchischen Insitutionen in Verbindung gebracht wurde, die alles schon wissen. Hier muss das Umdenken ansetzen und 2.0 ist ei hervorragender Katalysator.
Es ist nicht alles homeschooling, wo selbstbestimmt gelernt wird …
Homeschooling, so wie ich euch 1000sunnys verstehe, beruht auf der Familie als Institution. Das ist nicht das einzige zukunftsfähige Modell – sorry. Wir brauchen darüberhinaus auch vergesellschaftete Bildungsintstitution – sprich eine Institution außerhalb des Privaten! Ich sehe es so: Die Institution Schule (vs. Familie – *kämpf*) wird abgelöst durch eine andere Form öffentlicher institutionalisierter Bildung, die noch keinen Namen hat, und von deren Aussehen und Funktionieren wir erst langsam eine Ahnung kriegen können. Auf jeden Fall wird sie hoch individualisiert, auf Selbstbestimmtheit und Selbststeuerung beruhend, kollaborativ und sinnbildend sein. Und möglicherweise wird ein zentraler Ort in Form eines Schulgebäudes keine große Rolle mehr spielen, denn diese Institution wird durch das Internet mit der gesamten Welt verknüpfbar sein, gleichzeitig alle Lokalitäten des Nahraums in Real Life mit einbeziehen können (Glokalisierung), und selbstverständlich wird viel von “Zuhause” aus möglich sein – wenn es denn ein solches Zuhause für die Kinder/Jugendlichen/jungen Erwachsenen gibt. (Ich erinnere mich, wie gerne ich in die Schule als Ort gegangen bin – einfach nur deshalb, um meinem grausligen Elternhaus zu entkommen …)
Hallo Lisa, danke für den äußerst interessanten und guten Kommentar!!! Mir ist spontan eingefallen, dass diese (Bildungs-)Institution schon existiert, so wie Du sie beschrieben hast: Google (und Wikipedia vielleicht noch). Aber Spass beiseite, denke das freie, offene Netzwerke von Individuen besser funktionieren als Institutionen und ihnen deswegen die Zukunft gehört. Beste Grüße Sami
Ja! Institutionen in der alten Form (mit der entsprechenden Top-Down-Administrations-Qualität von Behörden) meine ich auch nicht. Aber funktionierende Gesellschaft braucht so etwas wie – nennen wir es verlässliche und demokratisch kontrollierte – Systeme für ihre Funktionen, die sich in den entsprechenden Subsystemen in der Moderne als “Institutionen” herausgebildet haben. Es wäre also zu fragen, wie diese Institutionen (Bildungssystem, Politiksystem, Rechtssystem usw.) in der neuen Gesellschaft aussehen müssen, bzw. was von den alten Merkmalen unbedingt überwunden werden muss. Und da gebe ich Dir unbedingt Recht: Statt hierarchischer Behördenlogik müssen diese Systeme unbedingt in Richtung Netzlogik mit ihren Implikationen (Vernetzung, bottom-up, Partizipation usw.) umgebaut werden.
Hi Lisa, was hältst Du denn von dem Konzept?
Schule als White-Box
http://wiki.piratenpartei.de/AG_Bildung/Diskussion#Parteien-Schulsystem_vs._Schulautonomie
Die Institution ist für mich das offene Protokoll bzw. die Standards: TCP/IP. Wird ja demokratisch kontrolliert durch die IETF bzw. die Community glaube ich. In der Technik ist einfach schon Politik drin …
“Die IETF ist eine offene, internationale Freiwilligenvereinigung von Netzwerktechnikern, Herstellern, Netzbetreibern, Forschern und Anwendern, die für Vorschläge zur Standardisierung des Internets zuständig ist. Sie steht jedem interessierten Individuum offen und es existiert keine förmliche Mitgliedschaft oder Mitgliedsvoraussetzung. Die IETF besitzt als lose Organisation keine Rechtsform.” Und hier das Motto (lustig, oder?): „We reject kings, presidents and voting. We believe in rough consensus and running code.“
Hi 1000Sunny, da habt ihr ja schon viel zusammengetragen, dafür brauche ich etwas länger! Aber ich komme drauf zurück! LG Lisa
Dafür brauche ich ebenfalls länger … aber interessant! Wenn einer von Euch dazu mal einen Beitrag / Zusammenfassung auf unserem D21 Blog machen möchte, bitte Bescheid geben … wir posten das gerne … Sami
Im Grunde ist vieles gesagt und die Diskussion um Familie/privates Netzwerk vs. staatliches/institutionalisiertes Lernen ist wirklich sehr spannend und für mich noch kein gelöstes oder zu Ende gedachtes “Problem”.
Sehr spannend finde ich, was Lisa in diesem Kontext mit Martin Lindner diskutiert hat: http://www.youtube.com/watch?v=ahs5FcEjeL8
In einem solchen “Haus des Lernens” sehe ich im Moment auch einen gangbaren Mittelweg. Ich habe bei meinen Reisen und Expeditionen durch die bundesländer, regionen und dortigen Schulen immer wieder festgestellt, wie unterschiedlich stark ausgeprägt jeweils die Betonung der Schule oder der Familie als primärer Erziehungs-(nicht Bildungs-)Hort ist. Das ist gar nicht mal nur eine Differenz zwischen städtischer und ländlicher Struktur.
Von daher bin ich derzeit immer wieder der Ansicht, dass Schule so etwas selber mit den Lehrern, Schülern und Eltern herausfinden sollte und dann auch den Raum bekommen sollte, die eigenen Ideen zu realisieren. Ich bin jüngst in Wiesbaden an der Obermayer Europaschule (http://www.obermayr.com/) vorbeigekommen, die mit großen Transparenten für ihr Ganztagsschulmodell werben und fast am größten auf diesen Plakaten betonen: “auf eigenen Wunsch”.