Lehrer(aus)bildung schwedisch gedacht

Kommentieren 19. July 2009

Vieles von meinem nahe zurückliegenden Examen verdränge ich zunehmend und vergesse es. Zu kompakt, zu stressig und zu vollgestopft war dieser Tag, als dass ich in der Lage wäre, ihn angemessen zu reflektieren. Doch ein Satz einer meiner Prüfer zu Beginn des mündlichen Kolloquiums will mir einfach nicht aus dem Kopf gehen, da er mich zum Einen so erschrocken hat und zum Anderen auch meiner Wahrnehmung während des Referendariats deutlich entgegenläuft:

Herr Scheppler, dies sind nun die letzten Minuten Ihrer Ausbildung.

Und 60 Minuten später war ich fertig, war meine Ausbildung somit beendet. Aber ist das das letzte, was man mir an Ausbildung zugestehen will? Ist meine Ausbildung mit diesem Tag abgeschlossen?

Nun geht es in diesem Blog nicht um meinen persönlichen Werdegang sondern um neue Medien in der Schule. Dabei spielt der Umgang mit eben diesen Medien durch die Lehrer eine fundamentale Rolle, da sie diejenigen sind, die die Schüler damit vertraut machen sollen und die sie im kritischen und effektiven Umgang damit schulen sollen. Doch woher können die Lehrer dies? Woher wissen Lehrer, wie man diese Medien sinnvoll in den Unterricht einbindet? Dazu brauchen Lehrer Lehrer: Ausbilder. Und dass Lehrer(aus)bildung eben nicht mit dem Tag des Zweiten Staatsexamens endet, zeigt ein spannendes, schwedisches Projekt, in dem mehrere Institutionen zusammen arbeiten, um die Potentiale neuer Medien für schulische Bildung fruchtbar zu machen und welches dabei den in meinen Augen richtigen Weg einschlägt – nämlich über die Ausbildung der Lehrertrainer zu gehen:

How does the digital culture of children and young people affect schools and learning? Which skills are needed from todays teachers and teacher students in order to meet with the demands of the digital society?

http://www.kks.se/templates/StandardPage.aspx?id=14801

Der Ausgangspunkt dürfte vielen bekannt vorkommen und wird ab Minute 2:50 im Video genannt:

Often it is no problem for the kids in school to work with mobile phones and with the computers. But often the teachers are a bit afraid of it and they don’t want to learn from the kids. But I think that it is very impotant to work together with the students, the pupils and the teachers.

It is a problem today that it is a gap between what the kids can do today with digital ressources and what the teachers are using. And this gap is very important to bridge.

Es muss also darum gehen, die Lehrer nicht von den Lebenswelten und Wahrnehmungen der Schüler im Hinblick auf den Gebrauch und den Umgang mit den sich vor allem im Internet entwickelnden Medien und Kommunikationsformen zu entkoppeln. Problematisch sind in meinen Augen dabei Ansätze, die suggerieren, dass die Lehrer “zurückgeführt” oder “in etwas ausgebildet werden” sollen, was sich parallel zu ihnen entwickelt. Es geht nicht darum, dass Lehrer etwas lernen, was ihnen fremd, neuartig oder sogar komisch vorkommt. Es geht vielmehr – und da stimme ich dem schwedischen Ansatz zu – darum, eine sich erkennbar vergrößernde oder sich zu vergrößern drohende Lücke nicht weiter wachsen zu lassen. Denn noch ist die Möglichkeit sehr gut gegeben, gemeinsam und auf Augenhöhe mit- und voneinander zu lernen, wenn Schüler und Lehrer die sich ergebenen Chancen des Einsatzes von z.B. Web 2.0-Technologien im Unterricht erproben.

Lehrer haben aber, wie im Video richtig erkannt wird, oft Angst, sich auf dieses gemeinsame Lernen einzulassen, da sie darauf trainiert wurden, im Lehr-Lern-Prozess einen Vorsprung zu haben. Im Sinne einer Professionalisierung ist dieser Vorsprung auch notwendig, um nicht in eine Beliebigkeit abzugleiten. Und an diesem Punkt setzt ein zweites Video des schwedischen Projekts an:

Besonders überzeugt hat mich das letzte Statement:

Many teachers want to try to work on a  virtual learning environment. That is a very forceful tool of course. Our focus is WHY should you use it, HOW should you use it, what’s the result you aim at, what’s the consequences for how you teach. That’s the important thing and that’s what we are concentrating on within the project.

Darin schwingt die wichtige Erkenntnis mit, dass die gewohnte und “traditionellen” Lehrformen oft nur schwer mit dem Einsatz neuer Medien vereinbar sind. Wer also die Lehrerausbildung und die darin verantwortlichen Ausbilder nicht dafür sensibilisiert, läuft Gefahr, die oben beschriebene Lücke zwischen Lehrern und Schülern weiter wachsen zu lassen. Bereits vor einigen Jahren (ab 1994 durch die Swedish Knowledge Foundation (http://www.kks.se) mit einem besonderen Blick auf die Lehrerausbildung und dann verstärkt seit 2006 mit dem LIKA Pojekt (http://www.likadigital.se/)) wurde dieses Problem in Schweden erkannt und in der kurzen Projektanalyse “Diffusion of ICT in teacher education” beschrieben. Einige wichtige Statement daraus verdeutlichen, wie wichtig es ist, bereits bei den Ausbildern und er Lehrererstausbildung anzusetzen:

Teachers must be equipped with generic, digital competence and this has to melt in together with good pedagogic competence. Excellent competence in this area will enhance the desire to learn among young children and students. (…)

What do we know from research concerning implementation of ICT in teacher education? If we want to ensure digital literacy in teacher training and to define and integrate ICT in courses and programs throughout the education, we need to know more about the mechanisms behind the implementation process. One important factor is that an implementation gains a lot if it is supported by the leaders in the organization. (…)

Implementing ICT in teacher education makes us realize that Torneo (2004) is right in his assumptions that digital literacy has both an instrumental and a cultural dimension, and teachers need to understand and master both. To succeed, we need to work with multiple dimensions that can motivate teachers to use ICT. How teachers act is situated in a social context with deep historical and cultural traditions. (…)

When we implement ICT we discuss it from different points of view. How is a subject teacher in Physics, English or Social Science thinking when it comes to pedagogical questions related to ICT? It is important to be keen on that as an ICT pedagogue. (…)

In condition of post modernity, and with the introduction of ICT, boundaries are affected in different divisions within schooling. It has an impact between students and teachers, space and time, curriculum and subjects. The greatness of this impact is mixed. Academic subjects are much more resistant, but space and time dissolve. Researchers have found out that unless the technology involves an element of education, it will not be transferred into the classroom. Teacher will only continue to develop their knowledge in ICT if their training meets their individual classroom needs (Lawson and Comber, 2000). (…)

Teacher education programs need to prepare and support teachers in the appropriate choices and uses of ICT environments. Furthermore, teachers’ fundamental beliefs about how to teach their subject and how specific ICT resources can enhance and fundamentally change the way in which their students learn, needs to be challenged. (Cox and Marshall, 2007). If we can pick up this challenge and not continue in an old fashion way, we can change more fundamental beliefs in how teaching and learning occurs in a real classroom situation. Projects that focused just on technical skills tended to dampen enthusiasm among teachers, but exploring ICT in a relevant learning context and focusing on using ICT for learning not just learning to use the technology, was much more useful (Cox and Marshall, 2007). The motivation among teachers becomes much higher. (…)

We realize that psychological factors have a great impact on teacher’s willingness to integrate ICT. Teachers confidence in their skills are of great significance. Community to support and encourage them to learn more is important (Sime & Priestley 2005). Our ICT pedagogues are there for the teacher educators, not only during one semester, but support them on a more longterm basis. (…) It is when the teachers can see the usefulness of using ICT in their own courses they will be more motivated to use it. (…)

Using ICT in the classroom will affect the method and content of teaching. (…) ICT changes the way we, as teachers, teach. Teachers also realize that not only the method of teaching but also the content of teaching will be affected by using ICT in the classroom. (…)

For us in the LIKA-project, teacher students are an important group to ensure that teacher students shall be able to apply ICT in the school environment. One way of doing that is to attempt to collaborate with in-service teachers in partner schools working as mentors for teacher students during periods of practice.

Diese Statements zeigen, wie hoch in Schweden zum Einen der Einsatz von ICT als solcher geschätzt wird. Es verdeutlicht aber zum Anderen die wichtige Erkenntnis, dass dies einen grundlegenden Wandel in der Form der Lehre nach sich zieht und dies bereits in der Lehrererstausbildung, dann aber ganz besonders in der weiteren Betreuung in den Schulen Konsequenzen haben muss. Diese darf dann aber nicht punktuell sein, sondern in dem Sinne to support them on a more longterm basis.

Ich finde erstaunlich, wie lange diese Einsichten in Schweden offenbar bereits vorliegen und wie die Lehrerausbildung dort davon beeinflusst wird. Nun ist dies sicher nur ein kleiner Ausschnitt und wie so oft wird die Praxis an vielen Stellen anders aussehen. Ich glaube aber, dass die grundlegende Idee, die in dem schwedischen Ansatz erkennbar ist, in die richtige Richtung geht, das pädagogische Konzept, welches man Junglehrern mit auf den Weg gibt, in Verknüpfung mit den Bedürfnissen einer sich zunehmend im direkten Einflussbereich neuer Medien bewegenden Jugend zu überdenken. Die Verknüpfung von in Deutschland universitären Fachinhalten mit den sich wandelnden methodischen aber auch inhaltlichen Lehrformen stellt das Referendariat vor besondere Schwierigkeiten, die von den Ausbildern derzeit nur sehr schwer zu greifen sind. Von daher hoffe ich, dass mein Prüfer mit seiner eingangs genannten Behauptung nicht Recht behält und ich mit und durch die neuen Kommunikationsmedien noch lange ausgebildet werde – wie groß dabei institutionalisierte und eigeninitiative Anteile sein werden, wird sich zeigen.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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