BITKOM-Studie: Vernetzte Kids

Kommentieren 07. July 2009

Nach unserem eigenen (N)Onliner-Atlas legt nun die BITKOM eine Studie zum Internetnutzungsverhalten von Jugendlichen vor. Kernaussage: Schon Grundschüler häufig online (dort auch weitere Materialien (PDFs und MP3s, auf die ich mich beziehe).

So verdeutlich die erste Grafik aus der Präsentation die Nutzungshäufigkeit mit jedem füften Kind zwischen 4 und 6 Jahren und 99% der 15-17Jährigen bereits online:

Die zweite Grafik zeigt dann  sogar die Dominanz der Jugendlichen im Bereich der Web 2.0-Dienste – sicher eine indirekte Erklärung, warum so viele Lehrer Angst haben, sich mit dem bei den Jugendlichen bereits so bekannten und etablierten Diensten auseinander zu setzen:

Noch spannender als diese inzwischen fast erwartbaren Ergebnisse sind für mich die Reaktionen und Rückschlüsse seitens der Veröffentlicher:

“Gemeinsam sind Eltern, Schulen, Politik und Wirtschaft für die Medienerziehung junger Menschen verantwortlich. Es gibt viele Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, das Internet altersgerecht zu nutzen – wir brauchen aber mehr Aufklärung. Das Web gehört fest zur Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Umso wichtiger ist es, die Bedürfnisse der jüngsten Surfer zu kennen und kindgerechte Angebote zu fördern. Die Studienergebnisse zeigen: Die Mehrzahl der Eltern ist sich der Herausforderung Internet bewusst. Es gibt aber noch Nachholbedarf, und das liegt vor allem an fehlendem Know-how“, sagt BITKOM-Präsident Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer.

Und die zuständige Bundesministerin:

“Die Entwicklung der neuen Medien ist atemberaubend. Für die meisten Kinder und Jugendlichen gehört das Internet heute ganz selbstverständlich zum Alltag, sie chatten mit Freunden, surfen, bloggen, spielen und recherchieren für ihre Hausaufgaben. Aber es gibt auch neue Gefahren. Deswegen ist es eine gemeinsame Aufgabe der Wirtschaft, der Communitys und uns als Gesellschaft, immer wieder neue Antworten zu finden, damit die Risiken nicht die großen Chancen des Internets überlagern. Es muss unser gemeinsames Anliegen sein, dass der Jugendschutz nicht im Cyberspace abgehängt wird“, sagt Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen.

Dieses für mich schwer greifbare Schwanken zieht sich durch alle Statements und Veröffentlichungen: Verstehen wir die Ergebnisse als Chance, als Erfolg oder Ergebnis von Bemühungen? Oder wenden wir es eher skeptisch als Gefahr, Bedrohung und Aufforderung, Kinder mehr zu schützen? Auch das Verständnis von Medienerziehung schrappt immer hart in eine einseitige Richtung hin zum Warnenden, Ermahnenden.

Darauf deuten auch die Tipps, die man quasi mit den Studienergebnissen mitreicht: “vorhandene Jugendschutz-Filter im Betriebssystem zu nutzen oder einen Kinderschutz nachzurüsten”, “einen sicheren Surfraum” zu schaffen. Erst der vierte Ansatz geht dann in eine mehrversprechende Richtung:

Medienerziehung sollte schon in den Lehrplänen der Grundschulen verankert werden, damit  alle Kinder frühzeitig lernen, sich sicher im Web zu bewegen – unabhängig vom Engagement der Eltern im Einzelfall.

Da liegt sicher ein wesentlicher Schlüssel. Allerdings weniger aus der Sicht des betreuten, beschützten Internetnutzens, sondern darin, den Jugendlichen aufzuzeigen, wie man die Möglichkeiten von Web 2.0-Diensten, Vernetzung und Online-Austausch auch konstruktiv und spannend nutzen kann. Sie einfach nur aufs Chatten, Surfen, Spielen zu reduzieren, ist wohl der destruktive Ansatz. Zwar werden die Kinder damit ihre ersten Erfahrungen und Berührungspunkte mit dem Internet haben, da anzusetzen und diese Erfahrungen zu vertiefen und weiterzuführen (nicht nur “darüber sprechen”) ist dann Aufgabe von Eltern und Schule im Sinne kindgerechter Medienerziehung.

In diesem Kontext möchte ich einige Aussagen von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer aus der Pressekonferenz hervorheben, die ich für gelungen halte:

Für die Medienerziehung sind Eltern, Schulen, Politik und Wirtschaft gemeinsam verantwortlich. (…)

Was für Jugendliche die Anziehungskraft des Webs ausmacht, lässt sich auf einen Punkt bringen. Es sind nicht die Schlagzeilen der News-Portale. Auch nicht unbedingt das Shopping. Maßgeblich ist ein anderer Grund: Das Web ist ein soziales Medium par excellence. (…)

Die Netzwerke sind für Jugendliche eine von mehreren Möglichkeiten, sich die eigene Welt zu erklären und eine Identität zu entwickeln. Das haben wir früher auch getan – allerdings ausschließlich analog: Mit Poesiealben, Wandzeitungen, durch Tratsch auf dem Schulhof und nicht zuletzt durch Hobbys, Musik und Kleidung.

Auch wenn er dann wieder sehr in die Ecke des Beschützens und Bewahrens statt Forderns und Förderns driftet, zeigt die Studie mit dem speziellen Blick in der Veröffentlichung auf die Jugendlichen, dass das Thema immer weiter ins öffentliche Bewusstsein drängt. Bleibt zu hoffen, dass wir alsbald in den Lehrplänen oder besser schuleigenen Curricula nicht nur “Internet-Aufklärungsunterricht” finden sondern fachliche und inhaltliche Einbindung in den Unterricht.

Denn damit hat Scheer in der Pressekonferenz dann wieder ganz Recht:

Am Einschaltknopf des Computers endet nicht die pädagogische Verantwortung.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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