Schreibkonferenz 2.0

Kommentieren 05. June 2009

Die Schreibkonferenz ist wohl eine der bekanntesten Methode, die jedem Lehrer bekannt sein sollte, dessen Fach die Erstellung von Texten durch Schüler erlaubt. Während meines Referendariats habe ich es als eine sehr beliebte Strategie erlebt, Schüler zu animieren, ihre Texte gemeinsam zu überarbeiten. Und selbst in weniger sprachlich orientierten Fächern wurde von dem Einsatz der Schreibkonferenz berichtet. Im ZUM-Wiki wird die Methode wie folgt aufgeschlüsselt:

Eine Schreibkonferenz ist eine Form des Beratungsgesprächs, das sich mit einem Textentwurf beschäftigt. Hierzu bildet der/die Verfasser/in eines Textes eine Kleingruppe mit zwei oder drei Mitschülern seiner Wahl.

  1. Der Text wird vorgelesen.
  2. Die Mitschüler äußern sich spontan zum Inhalt oder verwenden einen Kriterienkatalog (siehe Bild).
  3. Sie stellen Fragen zu inhaltlichen Einzelheiten, die ihnen unklar sind. Der Verfasser macht sich gegebenenfalls Zeichen im Text, wo noch etwas verändert werden muss.
  4. Die Schüler gehen den Text durch und besprechen sprachliche wie inhaltliche Aspekte. Der Verfasser markiert Stellen, die es möglicherweise ändern will, und notiert Vorschläge.
  5. Der Text wird auf Rechtschreibung durchgelesen.
  6. Anschließend überarbeitet der Verfasser den Text inhaltlich, sprachlich und orthografisch und legt ihn zur Kontrolle der Lehrkraft vor.
  7. Der Text wird ‘veröffentlicht’, d.h. vorgelesen, gedruckt, gestaltet ….

Ich nutze diese Variante der Textarbeit gerne im Deutschunterricht und stand schon mehrfach vor der Frage, ob man dies nicht auch gut digital umsetzen kann. Doch problematisch wird es an der oben fett markierten Stelle. Denn die wesentliche Idee der Schreibkonferenz ist in meinen Augen, dass der Autor immer “Besitzer” des Textes bleibt. Es entsteht ein “eigenes” Produkt, bei dem ich mir zwar Hilfe geholt habe, für das ich aber weiterhin Verantwortung trage. Und hier setzen die diversen Möglichkeiten à la Wiki, Google Docs, Zoho und EtherPad aus, denn in denen wird ein kollaborativer Text erstellt, der von allen geändert wird.

Die Änderungen werden zwar protokolliert, aber wenn eine von mir erstellte Passage geändert wird, taucht sie eben auch verändert auf und ich habe große Mühe dies wieder rückgängig zu machen oder nachzuvollziehen, wer welche Änderungen vorgenommen hat. Jürgen Wagner berichtet bei den Vorstellungen seiner ClassBlogFolios immer davon, dass der Lehrer bei in Blogs verfassten Texten nicht direkt im Text rumfuhrwerkt, sondern über Kommentare Rückmeldung gibt. Das ist aber bei mehreren Kommentaren von Mitschülern auch schnell ermüdend, zumal die Kommentare ja hinfällig werden und gelöscht werden müssten, wenn die Änderungsvorschläge umgesetzt wurden. Einen Ansatz dieser Art kennt man wohl von Microsoft Word und vergleichbaren Texteditoren mit ihren Kommentarfunktionen. Apple geht einen ersten Schritt mit der in iWork integrierten Veröffentlichungs- und Kommentierungsfunktion.

Einen sehr schönen und gut dokumentierten Ansatz, bei dem aber auch deutlich wird, dass das Ganze technisch noch etwas holprig ist, liefert die junge Virtuelle Schreibkonferenz von Studierenden der Uni Köln.

Soweit zum Problem:

Ein Schüler – wohl besonders bei Jüngeren, die an das kollaborative Arbeiten herangeführt werden sollen – erstellt einen Text. Eine Gruppe von Mitschülern liest diesen, gibt Rückmeldung und macht Verbesserungsvorschläge. Dem Autor sollen diese übersichtlich, direkt am Text angezeigt werden. UND: Er soll als letzte Instanz die Möglichkeit haben, diese umzusetzen oder abzulehnen, ohne dass sein eigener Text automatisch verändert wird.

Zur Lösung:

Und ich möchte gleich zu Beginn deutlich hervorheben, dass es sich bei den folgenden Diensten um Angebote in der Beta-Phase (teilweise vielleicht sogar öffentliche Alpha-Phase) handelt, die NOCH kostenfrei sind, aber bereits deutlich hervorheben, dass sie irgendwann kostenpflichtig werden.

Am Besten gefällt mir Redliner:

Und auf der Feature-Seite von Redliner ist zu lesen

  • “What has changed since I last viewed this?” With other online word processors, you must toggle back and forth between the current document window and windows that compare past versions to decipher what has changed in the text. Even then, it is not readily clear which member of the team made which edit.Redliner solves this problem with edit boxes placed within the current document window that are clearly labeled “David’s changes.” With a simple mouse click, you can see exactly what David changed in the text. Furthermore, each team member has the opportunity to weigh in on those changes by accepting or rejecting them, so you get a true collaborative response.Redliner also takes team members directly to what has changed within a document. No more time is wasted re-reading an entire document to ensure that you’ve seen every new edit. You can rest assured that you haven’t missed anything.

Neben den zusätzlichen Kommentar- und Kommunikationsoptionen ist es damit sehr gut möglich, gemeinsam an einem Text zu arbeiten, ohne diesen gleich in die Verantwortung der Gruppe zu übertragen. Dem jeweiligen Nutzer wird zudem immer übersichtlich aufgezeigt, wie viele Änderungen oder Anmerkungen noch seine Aufmerksamkeit erfordern. Das ist sehr schülerfreundlich, da so die einzelnen Punkte abgearbeitet werden können. Besonders bei jüngeren Schülern, mit denen ich an Wikis gearbeitet habe, habe ich öfter ein gewisses Frustrationspotential festgestellt, wenn sie merkten, dass ihr Text verändert wurde und sie nur schwer und immer wieder aufs Neue nachschauen mussten, wer, warum, was verändert hat, um darauf zu reagieren oder es wieder herzustellen.

Zudem bietet Redliner einen Raum, ähnlich der Gruppenbildungsfunktion in Moodle, in dem es möglich wird, nur ausgewählte Mitschüler zur Kollaboration einzuladen. Erst wenn der Text dann fertig ist, wird er veröffentlicht. Hier wird die grundsätzliche – oder sagen wir “radikale” – Web 2.0-Einstellung eingeschränkt. Aus pädagogischer und didaktischer Sicht kann das aber – wie oben beschrieben – sinnvoll sein, ohne dabei gleich komplett zur Papiervariante zurückkehren/bleiben zu müssen. Ich denke, mit Redline wird eine Lücke geschlossen, wodurch kreative und kollaborative Schreibsituationen im Unterricht, Unterrichtsprojekten oder auch schulischen Projekten (z.B. Schülerzeitung) einfacher und vielleicht als Übergang zum freien Wiki digital gestaltet werden können.

Dies ist sicher nicht nur in dem methodischen Szenario der Schreibwerkstatt denkbar. Auch die direkte Arbeit zwischen Schüler und Lehrer kann so intensiviert werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass mit dem zunehmenden Möglichkeiten, Klausuren und Klassenarbeiten online zu schreiben auch der Bedarf solcher Werkzeuge steigen wird. Wichtig ist doch auch dabei, dass der Lehrer nicht hergeht und den text des Schülers verändert, sondern Anmerkungen oder Verbesserungen vorschlägt, mit denen sich dieser aktiv auseinandersetzen muss. Ruft der Lehrer dann nach dem vereinbarten Abgabetermin für die Korrektur ds Dokument wieder auf, sieht er auf einen Blick, an welchen der Schüler nachgebessert hat und wie.

Recht ähnlich aber nicht ganz so konsequent funktioniert HyLighter (zum Video aufs Bild klicken):

Ich bin gespannt, wie lange die Dienste noch eine kostenlose Version anbieten und hoffe, dass sie nicht zu teuer werden. Eine deutsche Version wäre trotz sehr einfacher Handhabung ebenfalls nett.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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