Lernen mit iPods – australische Erfahrungen
Über Martin Ebner bin ich auf ein Video aufmerksam geworden, in dem von einem australischen Schulprojekt mit ipods berichtet wird. Dabei kommen einige bedeutende Aspekte zur Sprache, die es zu bedenken gilt. Und fast umso erstaunlicher ist dann, wie aktuell dieser inzwischen fast 2 Jahre alte Beitrag noch wirkt:
Textbooks and chalkboards are out, the new way to learn is all about computers, ipods and digital interfaces over the internet.”
Zusammen mit dem kernigen Statement von der “Revolution” des Lernens, steigt der Beitrag zugegeben provokant ein. Doch dass das Neue keineswegs als Angriff auf das Alte zu verstehen ist, wird schnell deutlich und zeigt erneut auf, dass es nicht um einen Verdrändungsprozess geht. Dieser Eindruck entsteht schnell und führt nicht selten zu nachvollziehbaren Abwehrreaktionen. Das Urteil der Schüler macht aber deutlich, wo das eigentliche Potential von iPods als Lehr-/Lernhilfe liegen kann.
I forget things easily but when I (use) my ipod, I get my memory back.
Sehr ähnliches hat uns auch Pasi Vilpas berichtet (die Seite von Pasi kann ich übrigens nur wärmstens empfehlen, da er sich aus seiner finnischen, schulpraktischen Sicht sehr differenziert aber auch pointiert mit verschiedenen Aspekten von Lern- und Lehrerollen beschäftigt), der an der Sotunki Upper Secondary School in Vantaa (Helsinki) seine Biologiestunden per Handykamera aufzeichnet und das Material seinen Schülern zur Verfügung stellt. Genau wie die Schülerin im Video beschreibt, geht es eben nicht darum, die Lerner vor den Bildschirm zu setzen und sie so zu belehren. Sondern das schulische Lernen wird auf diese Art unterstützt – der Schüler bekommt eine Stütze, die im hilft, sich später an den Unterricht zu erinnern. Doch nicht nur das – und hier gehen die alltäglichen Erfahrungen von Pasi weiter als in dem Video: Er berichtete auch von Schülern, die sich in der Sicherheit, das Entstehen des Tafelbildes später im Video nachvollziehen zu können, aktiver im Präsenzunterricht einbringen. Und das ist genau der Punkt, an dem ich glaube, dass Lernen einsetzt.
In ähnlichem Zusammenhang ist mir dies erst jüngst wieder bewusst geworden, als ich mich aufgrund einer Interviewfrage nochmals neu mit Scoyo beschäftigt habe. Diese bezeichnen sich selber als “größte Lernplattform für Kinder”. Doch findet Lernen tatsächlich in diesen virtuellen Räumen statt? Auch der von mir recht kritisch gesehene Werbespot deutet in meinen Augen in eine andere Richtung:
Ich meine, es handelt sich bei Scoyo mehr um eine Übungs- denn um eine Lernplattform. Denn das Lernen findet weiterhin in der Schule statt – oder besser in der Anwendung, in dem sozialen Austausch, durch das Infragestellen, das gegenseitige Erklären, im Weiterentwickeln und Weiterdenken auf der Grundlage des Gelernten. Pfadbasierte Plattformen wie Scoyo, Videoaufzeichnungen von Unterrichtssequenzen und Minitests im iPod können den Lerner beim Üben und Wiederholen von Gelerntem auf neuen Wegen gut und berechtigt unterstützen, “richtiges” Lernen in sozial eingebetteten Kontexten kann es aber nicht ersetzen. Nicht umsonst versuchen wir aktuell schulische Lernprozesse immer wieder in dem Spagat zwischen bzw. im Zusammenspiel von mehreren Kompetenzen gelingen zu lassen, zu denen eben dann auch die Selbst- und Sozialkompetenz gehört.
Zurück zum Ausgangsvideo, welches an dieser Stelle auch gute Ergänzungen bringt:
Teaching is all about communication. And what the iPod is, is an additional way of communicating. (…)
Some kids struggle to get the information from books. (..) Also some kids struggle to fokus on a lesson all the time. (…) Some students didn’t change, some students did significant better.
Da klingt an, dass es mit dem Einsatz neuer Medien gelingen kann, unterschiedliche Lerntypen anzusprechen und unterschiedliche Lernstrategien zu unterstützen. Ich habe gestaunt, mit welcher Selbstvertändlichkeit sich an der besuchten finnischen Schule (siehe oben) einzelne Schüler aus den Unterrichtsstunden für kurze Pausen ausgeklingt haben, um wenig später wieder zurückzukehren und weiter zu arbeiten. Da gehen mehr Verantwortlichkeit für den eigenen Lernprozess seitens des Schülers einher mit zugleich höheren Herausforderungen und Engagement. Letzteres ist wohl der entscheidende Schlüssel, von dem auch Jean-Pol Martin immer wieder berichtet, wenn er betont, wie wichtig es ist, dass mehr Eigenverantwortlichkeit im Lernen nahezu zwangläufig mit höheren Herausforderungen (oder Anforderungen) im Sinne der Motivationssteigerung einhergehen muss:
And the people who did the research for us said that that was probably because they were actually engaging in higher order thinking. So they found it more work possibly because they had to think a bit higher.
What teachers have found is that students are actually far more engaged using this technology. (…) It demonstrates that this new way of teaching and learning actually does increase students attention spends, does increase students output and actually helps to improves students behavior as well, because the kids are more engaged.
Ich denke, das macht deutlich, dass es nicht um ein Lernsubstitut geht, das – und das wird auch so im Video betont – Bücher oder traditionelle Lehr-/Lernformen gänzlich ersetzt. Zwar bieten vor allen die neuen Möglichkeiten des Web 2.0 mit ihren diversen Kollaborations- und Kommunikationsmöglichkeiten neue Chancen in dieser Richtung. Doch der häufigen Befürchtung der zu großen Individualisierung oder gar Vereinsamung im Lernprozess mit neuen Medien tritt dieses Video gut und richtig entgegen. Somit ist kaum etwas dem letzten Statement der interviewten Lehrerin hinzuzufügen:
It can be a very powerful addition to a teaching program.
Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.
Nun möchte ich selber mal ausnahmsweise den ersten Kommentar scheiben, da mir auffällt, dass ich womöglich leicht missverstanden werden kann:
Mir geht es in diesem Beitrag um die Berücksichtigung und Beibehaltung bis hin zur Stärkung der sozialen Komponente im Lernen.
Das bedeutet nicht, dass man beim Einsatz neuer Medien im Unterricht nicht grundsätzlich um- und neudenken muss. Dies betrifft aber weitestgehend Settings und Arrangements von Lernumgebung und -prozessen – also Raum, Zeit, Tempo usw. Allzu oft entsteht aber in meinen Augen der vorschnelle und für Einsteiger abschreckende Eindruck, dadurch würde alles umgekrempelt, was aber weniger der Fall ist, zumindest was das Grundverständnis von Lernen angeht. Die neuen Medien zeigen uns vielmehr auf, wie wenig wir vorhandene Potentiale noch nutzen.
Interessante Erfahrungen. Danke für den Hinweis und für die Interpretation der Aussagen. Deine ausgewogene Darstellung ist enorm wichtig, denn der Beitrag allein könnte auf den ersten Blick falsch verstanden werden.
Was mir auffällt: von Seiten der Fernsehleute wird fast immer nur die Technologie betont. “Students can carry around their textbooks, notes in their pockets … – and could still be learning anywhere” (sinnemäß). Der Punkt ist natürlich, dass sie zunächst mal außerhalb der Schule lernen WOLLEN. Denn die Verfügbarkeit der Informationen und Notizen schafft ja noch keine Motivation zum Lernen.
Daher denke ich, dass in diesem Projekt der didaktische Ansatz radikal verändert wurde, damit es zu mehr Engagement und geistiger Mitarbeit kommt. Davon ist allerdings leider wenig zu hören. In einem Fernsehbericht ist das zwar nachvollziehbar (kaum jemand der “Normalzuschauer” wird sich für die Didaktik interessieren).
Der Fokus auf die Technik bringt ein Problem mit sich: wenn man so einen Beitrag eher technik-skeptischen Kollegen zeigt, werden sie als erstes kritisieren, dass die Technik allein noch keine besseren Ergebnisse zeitigt. Einige Personen (es sind meiner Erinnerung nach die Reporter) machen tatsächlich einen leicht reißerischen und blind-technik-gläubigen Eindruck. Man muss den Beitrag schon näher betrachten und die Aussagen der Lehrer genau anhören, um zu merken, dass da mehr dahinter steckt – viele Skeptiker werden diese Mühe erst gar nicht auf sich nehmen.
Insofern finde ich es wichtig, dass man von vornherein ein ausgewogenes Bild vermittelt – so wie Du darauf hinweist, dass die Technologie ein Addendum zu traditionellen Methoden ist. Viele brennende Befürworter “Neuer Medien” vermitteln nämlich den Eindruck, dass nun von allein alles besser werden würde. Wenn man diese falsche Vorstellung weckt, ist Skepsis und Ablehnung vorprogrammiert.
Insofern sind solche klarstellenden Äußerungen wie Dein leitzter Abschnitt enorm wichtig.
Wenn ich das richtig verstehe, geht Dein erster Kommentar in eine ähnliche Richtung wie meiner
– haben sich aber zeitlich überschnitten, so dass ich Deinen erst gelesen habe, nachdem ich meinen gepostet hatte.
Allein schon der Begriff “Neues Lernen” ist für viele KollegInnen ein abschreckender Begriff, da sie ihren teilweise über Jahrzehnte in mühevoller Entwicklung geprägten Lehrstil, ihre Kniffe und Tricks pauschal als abgelaufen und veraltet hingestellt sehen. Kein Wunder, dass da viele Scheuklappen gerichtet bzw. Gräben gezogen werden – allein schon wegen der Selbstkompetenz der erfahreneren Lehrenden.
“Addendum” ist in der Tat ein kommunikationsfähigerer Begriff, der Rang, Anspruch und vor allem Potenzial v.a. der Neuen Medien besser in die heutige Lehrrealität einbringen helfen kann als irgendwelche überzogenen Worthülsen (denke da nur an “end of education… dawn of learning” und derlei Ergüsse aus einigen der einschlägigen, sicher auch hippen und elitären, Non-Geeks jedoch bestenfalls Stirnrunzeln abringenden “New Learning”-Clips. Wir sollten uns m.E. nicht von “nur noch LdL”, “nur noch Klippert”, “nur noch Web 2.0″ oder andere “nur noch Wasauchimmer” lähmen und vereinseitigen lassen, sondern versuchen, das Best of aus all diesen guten Ansätzen in einen vernünftigen, abwechlusngsreichen und für verschiedene Lerntypen fruchtbaren Mix zu bringen.
Ich habe auch ein kleines Problem mit der Audio- und/oder Video-Aufzeichnung von Unterrichtssequenzen: Wann sollen Lernende die Zeit haben, das alles nachzuhören und nachzugucken? Exzerpieren müssen sie das dann doch auch noch – wenn man dies mit der Anzahl der Fächer multipliziert, welche theoretisch auf diese Art und Weise Zusatzangebote machen können, wird es schnell eng mit 24 Stunden pro Tag.
Selbst meinen engagierteren SchülerInnen ist die Zurkenntnisnahme von mir selbst geschriebener Stundenzusammenfassungen (via Moodle) schon zuviel im Kontext ihrer Schulwoche und der darin verbleibenden Zeit zur Wahrnehmung solcher Angebote, so positiv der Service auch grundsätzlich gewürdigt wird.
Der ebenfalls angebotene “Nachschlag” zur Vertiefung des Lernstoffs wird (Moodle gibt über die Zugriffsstatistiken da ja ziemlich unbestechlich Auskunft) fast überhaupt nicht angenommen – nach Feedback der jungen Lernenden aus denselben Gründen. Dass Lernende auch nur eine Auswahl von Sequenzen aus wichtigen Unterrichtspassagen nachstudieren könnten, erscheint mir also eher eine unrealistische Vorstellung – zumindest wenn wir ihnen das in den Nachmittag und die Vorbereitung auf Klausuren hineinschieben. Wie in meinem Moodle-Erfahrungsbericht angedeutet, müsste diese “Aufbereitungszeit” eher Teil der Unterrichtszeit sein.
Konzeptuelle Ansätze wie SOL, EVA und Wochenplanarbeit fordern/integrieren ja immer eine Verarbeitungsphase – genau hier gehört die Arbeit mit z.B. Moodle und idealerweise von jungen Lernenden selbst hergestellten Advanced Organizers (ja, genau das was Du/Ihr weiter oben “Hilfe”/”Stütze” nennst/nennt, jedoch nicht im Sinne einer reinen Audio- oder Videokopie der Unterrichtssituation, sondern in einer sie bereits verarbeitenden Variante) hinein: Langsamere Lernende festigen ihr erworbenes Wissen, Schnellere bauen es durch eigene Lehrtätigkeit (Jean-Pol, liest du mit?) oder Zusatzangebote (Links, Gegenpositionen…) aus.
Zugespitzt: Zur sinnvollen Ergänzung unserer Unterrichtsgestaltung durch Neue Medien brauchen wir eine andere Unterrichtsphasierung, die uns (oder besser noch: junge Lernende) möglichst flexibel (nach eigenem Lerntempo/-rhythmus) mit Lern- und Verarbeitungsblöcken hantieren lässt. Mit 45-Minuten-Stunden, 6-8 Fächern pro Tag etc. werden wir da m.E. nicht hinkommen.
Mir schwebt eher so etwas vor: nur noch Doppelstunden, 60-90 Minuten Mittagspause mit kostenlosem gemeinsamen Essen (20-30 Minuten) und 2 Bewegungs/Sport- oder Stillarbeitsblöcken à 20-30 Minuten, Nachmittagsunterricht v.a. mit Sport, Musizieren, Theater und v.a. Verarbeitungsblöcken bis max. 16 Uhr, gar keine Hausaufgaben mehr.
Wer in der Nähe von Fulda so eine Schule aufmachen möchte, möge mich bitte als engagierte Lehrkraft anheuern!-)
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[Folgendes lösche bitte nach Einarbeitung: ... es sind noch ein paar sprachliche Mängelchen im Text, z.B. ipods/iPods, ausklingen, zwangläufig, Spagat-Satz, 2x einhergehen bei JeanPol; Zitate: es heißt besser focus, significantly, 3x students', spans statt spends, improve statt improves]