Lernen mit iPods – australische Erfahrungen

Kommentieren 27. May 2009

Über Martin Ebner bin ich auf ein Video aufmerksam geworden, in dem von einem australischen Schulprojekt mit ipods berichtet wird. Dabei kommen einige bedeutende Aspekte zur Sprache, die es zu bedenken gilt. Und fast umso erstaunlicher ist dann, wie aktuell dieser inzwischen fast 2 Jahre alte Beitrag noch wirkt:

Textbooks and chalkboards are out, the new way to learn is all about computers, ipods and digital interfaces over the internet.”

Zusammen mit dem kernigen Statement von der “Revolution” des Lernens, steigt der Beitrag zugegeben provokant ein. Doch dass das Neue keineswegs als Angriff auf das Alte zu verstehen ist, wird schnell deutlich und zeigt erneut auf, dass es nicht um einen Verdrändungsprozess geht. Dieser Eindruck entsteht schnell und führt nicht selten zu nachvollziehbaren Abwehrreaktionen. Das Urteil der Schüler macht aber deutlich, wo das eigentliche Potential von iPods als Lehr-/Lernhilfe liegen kann.

I forget things easily but when I (use) my ipod, I get my memory back.

Sehr ähnliches hat uns auch Pasi Vilpas berichtet (die Seite von Pasi kann ich übrigens nur wärmstens empfehlen, da er sich aus seiner finnischen, schulpraktischen Sicht sehr differenziert aber auch pointiert mit verschiedenen Aspekten von Lern- und Lehrerollen beschäftigt), der an der Sotunki Upper Secondary School in Vantaa (Helsinki) seine Biologiestunden per Handykamera aufzeichnet und das Material seinen Schülern zur Verfügung stellt. Genau wie die Schülerin im Video beschreibt, geht es eben nicht darum, die Lerner vor den Bildschirm zu setzen und sie so zu belehren. Sondern das schulische Lernen wird auf diese Art unterstützt – der Schüler bekommt eine Stütze, die im hilft, sich später an den Unterricht zu erinnern. Doch nicht nur das – und hier gehen die alltäglichen Erfahrungen von Pasi weiter als in dem Video: Er berichtete auch von Schülern, die sich in der Sicherheit, das Entstehen des Tafelbildes später im Video nachvollziehen zu können, aktiver im Präsenzunterricht einbringen. Und das ist genau der Punkt, an dem ich glaube, dass Lernen einsetzt.

In ähnlichem Zusammenhang ist mir dies erst jüngst wieder bewusst geworden, als ich mich aufgrund einer Interviewfrage nochmals neu mit Scoyo beschäftigt habe. Diese bezeichnen sich selber als “größte Lernplattform für Kinder”. Doch findet Lernen tatsächlich in diesen virtuellen Räumen statt? Auch der von mir recht kritisch gesehene Werbespot deutet in meinen Augen in eine andere Richtung:

Ich meine, es handelt sich bei Scoyo mehr um eine Übungs- denn um eine Lernplattform. Denn das Lernen findet weiterhin in der Schule statt – oder besser in der Anwendung, in dem sozialen Austausch, durch das Infragestellen, das gegenseitige Erklären, im Weiterentwickeln und Weiterdenken auf der Grundlage des Gelernten. Pfadbasierte Plattformen wie Scoyo, Videoaufzeichnungen von Unterrichtssequenzen und Minitests im iPod können den Lerner beim Üben und Wiederholen von Gelerntem auf neuen Wegen gut und berechtigt unterstützen, “richtiges” Lernen in sozial eingebetteten Kontexten kann es aber nicht ersetzen. Nicht umsonst versuchen wir aktuell schulische Lernprozesse immer wieder in dem Spagat zwischen bzw. im Zusammenspiel von mehreren Kompetenzen gelingen zu lassen, zu denen eben dann auch die Selbst- und Sozialkompetenz gehört.

Zurück zum Ausgangsvideo, welches an dieser Stelle auch gute Ergänzungen bringt:

Teaching is all about communication. And what the iPod is, is an additional way of communicating. (…)

Some kids struggle to get the information from books. (..) Also some kids struggle to fokus on a lesson all the time. (…) Some students didn’t change, some students did significant better.

Da klingt an, dass es mit dem Einsatz neuer Medien gelingen kann, unterschiedliche Lerntypen anzusprechen und unterschiedliche Lernstrategien zu unterstützen. Ich habe gestaunt, mit welcher Selbstvertändlichkeit sich an der besuchten finnischen Schule (siehe oben) einzelne Schüler aus den Unterrichtsstunden für kurze Pausen ausgeklingt haben, um wenig später wieder zurückzukehren und weiter zu arbeiten. Da gehen mehr Verantwortlichkeit für den eigenen Lernprozess seitens des Schülers einher mit zugleich höheren Herausforderungen und Engagement. Letzteres ist wohl der entscheidende Schlüssel, von dem auch Jean-Pol Martin immer wieder berichtet, wenn er betont, wie wichtig es ist, dass mehr Eigenverantwortlichkeit im Lernen nahezu zwangläufig mit höheren Herausforderungen (oder Anforderungen) im Sinne der Motivationssteigerung einhergehen muss:

And the people who did the research for us said that that was probably because they were actually engaging in higher order thinking. So they found it more work possibly because they had to think a bit higher.

What teachers have found is that students are actually far more engaged using this technology. (…) It demonstrates that this new way of teaching and learning actually does increase students attention spends, does increase students output and actually helps to improves students behavior as well, because the kids are more engaged.

Ich denke, das macht deutlich, dass es nicht um ein Lernsubstitut geht, das – und das wird auch so im Video betont – Bücher oder traditionelle Lehr-/Lernformen gänzlich ersetzt. Zwar bieten vor allen die neuen Möglichkeiten des Web 2.0 mit ihren diversen Kollaborations- und Kommunikationsmöglichkeiten neue Chancen in dieser Richtung. Doch der häufigen Befürchtung der zu großen Individualisierung oder gar Vereinsamung im Lernprozess mit neuen Medien tritt dieses Video gut und richtig entgegen. Somit ist kaum etwas dem letzten Statement der interviewten Lehrerin hinzuzufügen:

It can be a very powerful addition to a teaching program.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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