Nicht nur Norwegen: Klausuren online

Kommentieren 11. May 2009

Quasi als direkter Nachtrag zum letzten Beitrag “Norwegen legt vor: Klausuren mit Laptop” finde ich heute folgenden Artikel:

Ich habe vieles bereits dazu geschrieben, was nicht extra wiederholt werden muss. Aber der wohl entscheidendste, den Wandel in der Unterrichtskultur beschreibende und wohl auch für jeden Fachdidaktiker provozierenste Satz ist aber dieser:

At a simple level, this makes a lot of sense. The internet is now such a powerful research tool that it has done away with lots of the old methods like learning by rote – turning facts into commodities in the same way that calculators dispense with some basic mathematical activities. Why bother remembering facts and figures when you can call them up on demand with a computer?

Dem sollte man mal die Chance geben, zumindest drüber nachzudenken. Offenbar kommt bei unseren europäischen Partnern etwas in Bewegung. Oder habe ich ähnliche Versuche in Deutschland bisher übersehen?

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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  1. 12. May 2009 um 08:19 | #1

    Bei dem Titel dachte ich ja wirklich, dass jetzt Klausuren online geschrieben werden. Dabei ist man während der Klausur online. Ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. Vielleicht kommt irgendwann einmal die Zeit, wo Präsenz ein alter Hut ist – Deutschland ist da ja ziemlich stark in der Nachreiterrolle. Aber das wird schon :)

  2. 17. May 2009 um 13:08 | #2

    Auch nach ein paar Tagen des empfohlenen Darüber-Nachdenkens wollen sich einige kleine Bedenken nicht völlig verflüchtigen. – Neue Medien im Unterricht: ja, ja, und noch einmal ja – kreativ-praktisch-partizipativ, so wie z.B. http://murcha.wordpress.com/2009/05/17/how-proud-to-be-a-teacher/ – ja! – Und auch das Taschenrechner-Argument wirkt auf den ersten Blick durchaus einleuchtend. – Jetzt das Aber: Was ist wenn der Saft weg ist, der Stecker gezogen, die Netzanbindung gekappt wird/ist?

    So wie in Mathematik Schülerinnen und Schüler m.E. in der Lage sein sollten, bestimmte Rechenoperationen notfalls auch von Hand hinzubekommen (auch wenn es anstrengender und viel zeitaufwändiger ist), so sollte ein erkleckliches Maß bereits verbundenem Wissens (das unterscheidet sich von reinem Faktenwissen, integriert dieses jedoch) doch da sein – und mit “da” meine ich nicht bloß “online abrufbar”, sondern in den Hirnen der uns anvertrauten jungen Menschen.

    Die komplexen Zusammenhänge und Kompetenzen, um die es z.B. in den geisteswissenschaftlichen Fächern bisweilen geht, haben doch immer einen konkreten “Rand”, der Herr Rau hat das, was ich meine, hier http://www.blog.initiatived21.de/?p=2458 als “Handwerk” bezeichnet.

    Die Überprüfung, ob dieses Handwerk (ich ergänze: “-szeug”) angeeignet wurde oder nicht, kann sicher in dem im Artikel beschriebenen Modell verlaufen – dann müssen wir aber die Klausurzeit verlängern, nicht nur das Erarbeitete, sondern auch die verwendeten Onlineinhalte, deren Beurteilung und Verarbeitung durch die SchülerInnen überprüfen – und dies alles in möglichst justiziabler Form – der Taschenrechnervergleich hat hier seine Grenzen, da sich durch geschickte Onlinerecherche, Copy & Paste durchaus ansehnliche Lösungen für Aufgaben in Geschichts-, Religions-, PoWi- etc. -klausuren schnell fabrizieren lassen.

    Die zu dieser Prüfform erforderliche Kompetenz steht nach einer Unterrichtssequenz m.E. jedoch bestenfalls viert- oder fünftrangig zur Überprüfung an. Sinnvoller (und auch für die Geprüften befriedigender) erscheint es mir, sich in Prüfungssituationen nicht in eine derartige (potenzielle) Abhängigkeit zu begeben, welche die Verantwortlichkeit der Lernenden für ihren eigenen Wissenszuwachs reduzieren kann.

    Bitte nicht missverstehen: Die im Bericht beschriebene Organisation kann ich mir schon gut vorstellen – allerdings nicht für Prüfungen. – Diskutieren wir hier nicht unbewusst doch wieder die Frage angemessener Aufgabenformate? :)

    Einmal anders herum: In Englisch gebe ich ja die unregelmäßigen Verben zum Lernen auf. Ich fände es verheerend, in den Arbeiten dann Nachschautabellen zuzulassen, denn in kommunikativen Zusammenhängen ist es uns ja auch schlecht möglich, jedes unbekannte Wort schnell nachzuschlagen. So müssen Lernende die Partizipien einfach “drauf” haben, um sich flüssig ausdrücken und so in Situationen, in denen es “drauf ankommt”, bestehen zu können.

    Diskutierbar erscheint mir die Grenze, die man zwischen einerseits zu beherrschendem Wissen und andererseits mit Hilfsmittel/n zu beherrschendem Wissen zieht bzw. deren Ort, aber das müssen wir dann vielleicht an anderem Ort klären/beklönen, da wird man fächerunabhängig wahrscheinlich auch nicht so gut voran kommen?

  3. 17. May 2009 um 13:19 | #3

    “Diskutieren wir hier nicht unbewusst doch wieder die Frage angemessener Aufgabenformate? :)

    Ja! Wir diskutieren hier, dass mit der Integration der neuen Medien in den Unterricht viele der “traditionellen Lehrformen fragwürdig werden. Und wir diskutieren, wie wir Lernen verstehen und fördern können, wenn wir erkennen, dass es offenbar mit technischer Unterstützung anders funktioniert (bzw. funktionieren kann) als wir es bisher erlebt haben.

    Ich denke, Deine Anregungen gehen genau in die richtige Richtung: Den Spagat zu meistern zwischen notwendigem Grundlagenwissen, dass in meinen Augen ein Grundlagenkönnen sein sollte, und der Fähigkeit dieses mit den reichhaltig verfügbaren Ressourcen in Einklang zu bringen – im Sinne von Effektivität und Effizienz.

    Deine Frage nach dem, was passiert, wenn plötzlich der Stecker gezogen wird, beantwortet das aktuelle Youtube-Schmankerl (http://www.blog.initiatived21.de/?p=2438): Im Umgang mit neuen Medien kann und sollte es keinen Königsweg geben, sondern die Kompetenz, über verschiedene Strategien zum Ziel zu kommen, steht im Vordergrund. Natürlich sollte eine Grundversorgung schon sicher gestellt sein, aber Lernen sucht sich seinen Weg auch und gerade in multimedialen Räumen. Sind da die derzeitigen Prüfungsformen noch relevant, die offenbar nur einen Lösungsweg erlauben?

  4. 17. May 2009 um 14:44 | #4

    @Grundlagenwissen/-können: Ich hatte einigermaßen bewusst zu differenzieren versucht – das “Wissen” ist im Englisch-Beispiel das Beherrschen der unregelmäßigen Past Participles, das “Können” deren Verarbeitung in kommunikativen Zusammenhängen. Nun sollen die Participles natürlich auch in Arbeiten nicht zusammenhanglos abgeprüft werden, dennoch ist bei entsprechenden Aufgaben (auch in kompetenzorientierten Aufgabentypen) der Schwerpunkt ziemlich klar.

    @Lösungsweg: Also in meinen Klausuren gibt es seit jeher mehrere Lösungswege, zumindest inhaltlich; dass meine Schülerinnen und Schüler auch in Zukunft schriftlich arbeiten, erwarte ich schon (freilich gerne auch getippt!)

  5. 17. May 2009 um 15:11 | #5

    Ich finde es ist genau dieser Punkt, dass aktuelle Tests anscheinend mit Tabellen bestanden werden könnten, der diese Tests so infrage stellt. Um Dickens zu verstehen genügt keine Tabelle von Verben. Um einen Algorithmus zu entwickeln genügt keine Formelsammlung. Um eine Sprache zu verstehen genügt nicht die Summe von Grammatik und Wörtern.

    Technische Hilfsmittel zeigen nur die Absurdität Lernen auf purem Faktenwissen aufzubauen. Und somit sind sie ein Schritt in die Emanzipation. So dass man am Ende eine bessere Bildung hat, mit oder ohne Stecker.

    Übrigens wird in der “echten Welt” heute sowieso nicht mehr weitergearbeitet, wenn die Computer ausfallen – wo sollte man auch seine Ergebnisse festhalten? Da werden erst einmal die Computer repariert – dieses Argument ist also fragwürdig.

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