Norwegen legt vor: Mit Laptops zur Prüfung

Kommentieren 09. May 2009

Zu Monatsbeginn bin ich über Sigi Jakob auf einen BBC-Artikel gestoßen, der zunächst (in der Überschrift) sehr vielversprechend klang, sich dann aber mit zunehmendem Lesen relativierte: Norway tests laptop exam schemes. Nach einigem Hin- und Herüberlegen möchte ich ihn dennoch hier in den Blog bringen – aber nicht ohne Kommentierung.

Every 16-19 year-old in Nord-Trondelag county in Norway has been trying out the laptop-based system.

The secondary students are given a laptop by the government when they turn 16 to help them with schoolwork.

Das klingt nach einer breit angelegten Versuchsphase, die bereits durch ihre Quantität deutlich macht, dass es sich dabei wohl durchaus um eine Initiative handelt, die bald aufzugeben, nicht angedacht scheint. Ebenso viel versprechend klingt ein paar Absätze weiter folgendes:

The laptops issued to the students are used for everyday schoolwork and come with standard software, such as word processors, spreadsheets and calculators installed, as well as subject specific applications for particular courses. (…)

Although Norway has used computers for exams before now, Ms Helland said the decision to move to laptops was taken to ensure that, in the exam hall, students used equipment with which they were familiar.

Dadurch wird neben der Quantität auch eine gewisse Qualität darin deutlich, dass es eben nicht darum geht, den Schülern einmalig das neue Medium an die Hand zu geben – zumal noch in einer besonderen Situation des Examens. Vielmehr wird der Einsatz der Geräte bereits im Unterricht und vorherigen Prüfungssituationen genutzt. Ähnlich wie beim Zentralabitur entsteht dadurch vermutlich eine gewisse Sogwirkung aus dem Wissen aller beteiligten, am Examenstag mit den Geräten zurecht kommen zu müssen.

Dies verdeutlicht einerseits die Bedeutung, die dem neuen Medium zugemessen wird, erhöht auf der anderen Seite aber auch den Druck (ja fast schon Zwang), sich mit den Geräten zu beschäftigen und sie einzusetzen. Es bleibt offen und zu hinterfragen, auf welchem Niveau die jeweiligen Lehrer im alltäglichen Unterricht in der Lage sind und unterstützt werden, die Integration der Laptops in ihrer Lehre zu berücksichtigen.

Weitaus erstaunlicher – und dies war dann auch der berechtigte Hauptpunkt bei Sigi Jakob – war für mich dann aber die epische Breite, mit der der Artikel auf eine quasi verborgen auf den Schülerrechnern installierte Software zu sprechen kommt, die – in der Prüfung aktiviert – das Schummeln, Abschreiben und Kommunizieren untereinander unterbinden soll. Fast stolz wird da berichtet, wie effektiv die Überwachung der Geräte erfolgt und wie schnell man im Verdachtsfall mit Beweismaterial gegen die einzelnen Schüler vorgehen könne:

“That’s also why we have to monitor the laptops during the exams, because they are not supposed to have internet access and not supposed to communicate with other students,” she (Ms Helland) added. (…)

Although students could turn to spellcheckers to help proofread their answers, the use of anything more sophisticated was banned, said Mr Ronning. (…)

“We have made a huge effort to make the students aware that we can actually see what they are doing so the program works as a deterrent,” said Ms Helland. “It prevents the students from trying to cheat.

Fast schon im Sinne einer Beweislastumkehr wird dann auch noch angefügt:

“The software has an upside for the students. It’s not just that they can be caught cheating it – can also get them off the hook. They can prove that the work is actually their own.”

Da habe ich dann doch sehr gestutzt und mich gefragt, ob dies tatsächlich die Form ist, in der wir den Umgang mit Laptops und dem Medium Internet trainieren wollen. Geht es darum, die bekannten Prüfungssituationen zu retten und ihnen den Anschein des Innovativen zu geben, indem wir die sich außerhalb der Schulen weiter entwickelnden Wissens- und Informationsmedien so zurechtstutzen, dass wir sie in unsere gewohnten Strukturen einbetten können?

Ich würde dem deutlich widersprechen wollen. Schon öfter habe ich hier im Blog angedeutet, dass mit der Integration neuer Medien auch ein Neu- oder Umdenken hinsichtlich Lehren und Lernen stattfinden muss. Denn besonders die internetbasierten Möglichkeiten des Lernens basieren auf meist kommunikativen Elementen, die in den weitestgehend abgeschlossenen Räumen, die wir in Schulen vorfinden, nicht oder nur bedingt ihr Potential entfalten können, welches in den Lebenswelten der Schüler aber selbstverständlich verfügbar ist. Noch fragwürdiger wird es aber in meinen Augen dann, wenn man den Schülern die neuen Medien im Regelunterricht an die Hand gibt, sie womöglich im Umgang damit schult, um sie ihnen dann in der Überprüfung des Gelernten wieder abzunehmen.

Ich denke, wer ernsthaft neue Medien in den Unterricht integrieren will und dies auf einer so breit angelegten Basis tut, sollte sich auch Gedanken machen, ob die bekannten Prüfungsszenarien noch angemessen sind. Und da nehme ich mich natürlich selber nicht aus, da ich erst jüngst quasi den selben Fehler gemacht habe. Statt kleinschrittiger Hausaufgaben habe ich unterrichtsbegleitend ein Portfolio mit einigen vorgegebenen und auch selbst zu gestaltenden Aufgaben in einer 11. Klasse eingeführt. Die vorgegebenen Aufgaben teilten sich in kreative und eher wissensorientierte. Zu spät bin ich mir meines Fehlers bewusst geworden und konnte die laufende Arbeit nicht mehr umstrukturieren, da natürlich jeder sein Lerntempo und die Reihenfolge der Aufgaben selbst bestimmte und einige nun diese bereits erledigt hatten. Ergebnis: Während die kreativen und eigenen Aufgaben bei allen sehr gelungen waren, wurde ich bei den reinen Wissensaufgaben mit teilweise enormen Copy/Paste-Lösungen konfrontiert. Und im Nachhinein ist dies ja nur zu verständlich, da ich den Schülern ein Medium an die Hand gebe, das sie natürlich verantwortungsvoll nutzen sollen (also sicher keine Plagiate erstellen). Die Aufgaben waren dann aber so unpassend konzipiert, dass sie fast schon verleiteten, es doch zu versuchen und zu hoffen, ich würde es nicht merken. Der eklatante Unterschied zu den Kreativaufgaben (für die ja auch das Netz zur Verfügung stand) macht mir deutlich, dass hier der “Fehler” nicht nur bei den Schülern zu suchen ist, sondern jede Neuorientierung des Lehr-/Lernprozesses auch ein Umdenken hinsichtlich dessen Überprüfung erfordert. Denn der Aufgabe letzteres möchte ich nicht das Wort reden, da dies ja durchaus eine Elementare Aufgabe von Schule darstellt.

Wer also Lernen neu strukturieren will, neue Anreize schaffen will und den Lerner stärker in die Verantwortung nimmt, sollte auch bei den Formen der Wissensüberprüfung umdenken. Am deutlichsten wird dies für mich gerade im Referendariat, wo man mir den Kompetenzbegriff in allen seinen derzeitigen Ausfächerungen näher bringt und darauf drängt, dass ich möglichst viele Kompetenzbereiche mit meinem Unterricht anspreche. Bei den Prüfungsszenarien ist davon leider weniger vorhanden. Von daher ist der Ansatz in Norwegen, von der Prüfungssituation her zu denken und dann auch die Laptops zuvor in die Klassen zu bringen einerseits sinnvoll bzw. verständlich. Auf der anderen Seite wäre es wohl noch effektiver, wenn man die Prüfungssituation dann auch so an die gewünschten Lernformen anpasst, dass man die erworbenen Kompetenzen auch einbringen kann (und eben nicht nur die Sachkompetenz).

Einen dazu passenden Beitrag hat jüngst auch Herr Rau in seinem Blog geschrieben, nachdem er sich mit seinen Schülern darüber ausgetauscht hat, ob und wie sie bereit wären oder wünschten, in Klausuren Laptops benutzen zu dürfen. Ich erlaube mir mal, die Argumentationsliste zu kopieren, da auch diese in meinen Augen zeigt, wie stark von der “traditionellen” Klausursituation her gedacht wird und wie wenig die neuen Medien sich mit diesen “herkömmlichen” Lehr- & Prüfungsrahmen vereinbaren lassen:

Jedenfalls wurden es dann einige mehr im LK, die auf dem Laptop schreiben wollten, und andere hatten Befürchtungen, das Getippe – oder die Lüfter – würden sie stören. Und damit haben sie nicht so unrecht, deshalb und aus anderen, internen Gründen habe ich das ganze kurzfristig abgeblasen. Sehr zur Enttäuschung einiger Schüler.

Hier eine Liste der leichter und weniger leicht lösbaren Probleme. Irgendeinen Weg gibt es natürlich immer, es gab auch schon Leute, die handverletzungsbedingt ihr Abitur auf dem vorher peinlich genau kontrollierten Rechner schrieben.

  • Lautstärkeproblem: Ungelöst. Außer man schreibt in zwei Räumen – aber eine zusätzliche Aufsicht über drei Stunden will ich den Kollegen nicht antun.
  • Benachteiligung der Leute, die keinen Laptop haben: Lösbar, wenn die Schule genug Laptops für alle hat, die man ausleihen kann. Haben wir.
  • Bevorzugung der Leute, die Laptoperfahrung haben und dadurch dieses dem Füller überlegene Werkzeug nutzen können: Schwierig. Das Schreiben hat ihnen alle die Grundschule beigebracht, das Tippen am Rechner allenfalls das bisschen Informatik. Ab wann darf die Schule die Schüler bevorteilen, die mehr Zugang zu Laptops hatten?
  • Rechtschreibkorrektur, Unterschleif durch unerlaubte Hilfsmittel auf der Festplatte: Lösbar. Mit Laptopwagen und entsprechender Software sowieso.
  • Gerichtsfestigkeit: Umständlich. Die Dateien gleich danach auf dem USB-Stäbchen einsammeln, ausdrucken und unterschreiben lassen. Nur so kann ein Schüler sicher sein, dass ich nicht bei ihm oder einem Mitschüler in die eine oder andere Richtung manipuliert habe. Zentrales drahtloses Einsammeln ginge bei uns mit dem Laptopwagen.
  • Vorbereitung aufs Abitur: Eben, da muss man ja auch mit Füller und Tinte.
  • Überschätzung des Nutzens: Vielleicht bringt ungeübten Schreibern, und dazu rechne ich Schüler, der Laptop weniger, als sie meinen, vielleicht ist er in jedem Fall der Tinte unterlegen. Man macht damit jedenfalls andere Fehler als bei handgeschriebenen Texten.

http://www.herr-rau.de/wordpress/2009/03/schulaufgaben-auf-dem-laptop.htm

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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