Jugendliche im Web 2.0 – Kompetenz scheint mit dem “Tun” zu wachsen

Kommentieren 30. April 2009

Schule – und das wird mir hier im Referendariat mit einer ausdauernden Beharrlichkeit ins Bewusstsein gebracht – hat einen Erziehungsauftrag. Wir sollen die Jugendlichen nicht nur (aus-)bilden, wir sollen sie erziehen und damit in die Gesellschaft integrieren, sie auf das Leben in dieser vorbereiten (eine in meinen Augen spannende Auseinandersetzung mit Begriffen und Aspekten hat diesbezüglich jüngst Herr Larbig geschrieben – Danke). Aber wir sollen sie auch zu eigenständigen Individuen heranziehen, ihnen bei der Charakterfindung/-bildung helfen und ihre Identitätsfindung – vor allen in der schwierigen Zeit der Pubertät – fördern. Und dann lese ich das:

Junge Menschen müssen also in der Gestaltung ihrer Identität mehr denn je „Experten“ sein, um

sich als möglichst eigenständige Menschen erfahren und behaupten zu können. Aufwachsen heute bedeutet, Identität(en) zu konzipieren, sie wieder fallen lassen zu können, sie neu zu projektieren und zu behaupten, also mit Identitäten „spielen“ zu können. Denn jeder muss seinen persönlichen „Wertekosmos“ mit der eigenen Lebenssituation und dem aktuellen Bedingungsgefüge in der Gesellschaft stets aufs Neue abgleichen und dabei nach eigenen Lösungen und dem ganz persönlichen Lebensweg suchen.

Ich finde, was da in der Kurzfassung der gestern vorgestellten Studie “Heranwachsen mit dem Social Web” der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) steht, geht noch einen deutlichen Schritt weiter. Das dort beschriebene “Expertentum” junger Menschen im “Spiel” mit mehreren Identitäten schafft auch für den schulischen Erziehungsauftrag Herausforderungen, die mir in dieser deutlichen Form doch sehr bemerkenswert erscheinen.

Die Studie fokussiert auf die Nutzung des Web 2.0 oder genauer Social Network-Dienste durch Jugendliche. Wer also wissen möchte, was, in welcher Intensität und welcher Absicht (es werden verschiedene Nutzungstypen dargestellt) Jugendliche in diesen Netzwerken suchen und finden, sollte sich die Zusammenfassung ruhig einmal ansehen. ich habe versucht, sie mit den Augen des Lehrers zu lesen und möchte drei Punkte herausgreifen, die mir besonders aufgefallen sind.

Während in der Frühzeit der Internet-Diffusion noch die Befürchtung herrschte, die technisch vermittelte Kommunikation würde Menschen isolieren, gilt inzwischen eher das Gegenteil: Isoliert ist, wer nicht am Social Web teilnimmt und auf den Netzwerken auf SchülerVZ und StudiVZ oder in den „Buddy Lists“ der InstantMessenger-Dienste präsent ist.

Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass wir die Phase überschritten haben, in der es darum ging, sich mit den Diensten vertraut zu machen, sie kennen zu lernen. Hier dreht sich eine Wahrnehmung um, die nicht mehr nur Vorteile und Mehrwerte erkennt, die sich durch die Nutzung der neuen Medien für junge menschen ergeben. Die Formulierung legt vielmehr nahe, dass Jugendlichen Nachteile und soziale Risiken entstehen, wenn sie ihre Medien- und Sozialkompetenz nicht in der Form miteinander abgleichen und in Zusammenspiel bringen, dass ihnen eine aktive Teilnahme am Social Web möglich wird. Dieser erste Punkt weist auf eine Veränderung der Lebenswelten der heranwachsenden Generation hin, bei der ich mich frage, ob wir diese in unserem schulischen Erziehungsauftrag ausreichend berücksichtigen. Oder gehen wir hier zu sehr von unseren eigenen Erfahrungen – womöglich basierend auf dem so genannten Web 1.0 – aus und verkennen nicht nur die Potentiale, sondern die sich auch – wie bei jeder sozialen Veränderung – ergebenen Risiken für den Einzelnen?

Weiter heißt es:

Beziehungsmanagement im Social Web gewinnt dadurch auch den Charakter einer Schlüsselqualifikation für das Leben in einer Gesellschaft, deren Leitbild die vernetzte Individualität ist.

Und spätestens beim Schlagwort “Schlüsselqualifikation” wird doch jeder Lehrer hellhörig. Und ohne inhaltlich konkret zu werden fordert die Studie:

Wie sich weiter zeigt, kommt den Eltern und der Schule im Zusammenhang mit potenziellen Risiken eine große Bedeutung zu. (…) Für Eltern wie für die Schule gilt, dass ihnen eine hohe Relevanz bei der Stärkung des Bewusstseins von Chancen und Risiken im Umgang mit dem Internet bzw. dem Social Web zukommt. (…)

Für Eltern, Schulen und weitere pädagogische Akteure stellt sich insofern die Aufgabe, die Heranwachsenden einerseits für die Risiken zu sensibilisieren, sie andererseits aber auch dahingehend zu unterstützen und zu fördern, die Potenziale des Social Web für die eigenen Bedürfnisse besser nutzen zu können. Lohnend scheint ein Blick auf Überlegungen und Ansätze, die nicht nur die „klassischen“ Dimensionen von Medienkompetenz auf das Social Web übertragen, sondern noch stärker auf die soziale Dimension Bezug nehmen und sich mit der Frage beschäftigen, wie ein respekt- und verantwortungsvoller Umgang im und mit dem Social Web gelingen bzw. gefördert werden kann.

Bemerkenswert finde ich in dieser Formulierung die Abgrenzung zur “klassischen” Medienkompetenz – was auch immer man darunter verstehen soll. Dass es aber eben nicht mehr nur um eine Art der Medienkompetenz in der Auseinandersetzung mit dem Social Web gehen kann, zeigt deutlich die oben aufgezeigte Verknüpfung bzw. die fließenden Übergänge von medialen und sozialen Anforderungen. Diese enge Beziehung und die sich daraus ergebenen Veränderungen gruppen- bis hin zu gesellschaftsrelevanter Strukturen versetzt die Schule in die Situation sich auf diese Einzustellen und damit womöglich auch interne Formen zu überdenken. Die Studie zeigt deutlich, dass zwei wesentliche Komponenten, deren einer Teil derzeit gerne noch in Informatikkurse ausgelagert wird, nicht von einander zu trennen sind, was wiederum für eine stärkere Integration und thematische Einbettung auch sozialer Aspekte des Internets in Unterrichtsfächer spricht, die sich bis dato hauptsächlich auf gesellschaftliche Fragestellungen konzentrieren.

Daraus folgt auch logischerweise der dritte Punkt, der mir in der Studie ins Auge gesprungen ist. Und die folgende Formulierung, die fast schon beiläufig fällt, bündelt gewissermaßen das, was sich praktisch für die Schule aus den anderweitigen Beobachtungen des Projekts ergeben:

Unabhängig von der formalen Bildung zeigen die Jugendlichen, die sich häufig intensiv im Social Web bewegen und für die seine Angebote eine hohe Relevanz erlangen, einen deutlich reflektierteren Umgang: Kompetenz scheint mit dem „Tun“ zu wachsen.

Und bei diesem Tun kann und sollte Schule fördernd ansetzen. Denn dass die Jugendlichen “es tun” zeigen die Zahlen mehr als deutlich. Und die Schüler “dort abzuholen, wo sie stehen”, bedeutet in diesem Fall eben auch, sie in diesem Tun zu unterstützen. Hier kann es nicht mehr um Computerführerscheine oder die Zertifizierungen von Fähigkeiten aus einem auf die Toolhandhabung abzielenden Kurs gehen. Kompetenzförderung im Sinne einer verantwortungsvollen und an den Lebenswelten der Schüler orientierten Nutzung kann – wenn man den Daten und Ergebnissen der genannten Studie Glauben schenkt und den Erziehungsgedanken nicht aufgeben will – nur aus einer direkten und realistischen Auseinandersetzung mit dem Web 2.0 und seinen Chancen aber auch Risiken bestehen. Denn dies macht für mich das wichtigste, notwendige Umdenken notwendig: Wir sind in der Schule nicht mehr nur gefordert, den Schülern die Nutzung des Internets beizubringen, sondern wir müssen sie vielmehr hinsichtlich deren Umgangs damit erziehen. Und dies erfordert eine Mehrschichtigkeit im Ansatz gegenüber rein auf technische bzw. Handhabung abzielende Ansätze. Erziehen heißt für mich in diesem Zusammenhang, sich nicht mehr nur mit dem Medium sondern auch mit dem nutzenden Individuum zu mindestens gleichen Teilen auseinander zu setzen.

In England – so macht es den Eindruck – scheint man derartige Entwicklungen bereits in den neuen Lehrplänen berücksichtigen zu wollen. Und ich glaube, der Ansatz, der einzelnen Schulen bis hin zu den einzelnen Lehrern mehr curriculare Freiheit zu gewähren, um sich selber aber auch den Schülern den notwendigen Raum für die Nutzung neuer Kommunikations- und Informationstools zu geben, ermöglicht es, die sich daraus ergebenen oder die dafür sogar notwendigen Veränderungen der Unterrichtskultur zu realisieren.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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