Digitaler Marshallplan – Laptop für jedes Kind!?

Kommentieren 28. April 2009

Seit einigen Tagen – konkret dem 22. April – geistert eine Meldung durch die Zeitungen und Online-Berichterstattung, die für vorsichtige Zustimmung und grobe Ablehnung sorgt. Von einem digitalen Marshallplan ist die Rede, davon, dass jedes Kind einen Laptop bekommen soll. Offen bleibt, was genau gefordert wird, wer was gesagt hat und der Klassiker, wie es bezahlt werden soll.

Am 22. April veröffentlicht das Magazin Cicero ein Interview mit der Bundesministerin Schavan, in dem diese zuerst sagt:

Es reicht nicht aus, dass wir uns alle darüber aufregen. Wir sollten das Wissen und die Erfahrungen von Jugendlichen besser nutzen, Schülermentoren ernennen, die als Assistenten der Lehrer eine Mittlerrolle wahrnehmen können. Darüber hinaus sollte der Bildschirm mehr zum Lernen, als wirkliches Arbeitsinstrument, eingesetzt werden.

Cicero vom 22. April 2004, S. 54

Zu beachten ist hier, dass das Interview zu diesem Zeitpunkt vom Amoklauf in Winnenden ausgeht und die Ministerin gefragt wurde, was sie konkret meine, wenn Sie verstehen wolle, was Heranwachsende an Killerspielen mit möglichst realistischen Lebensweltbezügen fasziniere.

Die Nachfrage von Christiane Goetz-Weimer und Cathrin Wilhelm ist dann erstaunlich konkret und die Antwort von Schavan lässt fragen, ob sie damit gerechnet hat oder ihre Antwort eine klassische Plattitüde ist:

Für jeden Schüler einen Laptop?

Ja, hierfür müssen wir Finanzierungsmodelle finden, sodass die Schüler in die Lage versetzt werden, damit verantwortungsbewusst umzugehen. Die jugendlichen müssen lernen, dass im Internet die gleichen Regeln gelten, wie im wirklichen Leben. Wir müssen besser verstehen lernen, was die Jugendlichen wirklich bewegt, und wir dürfen sie nicht in Isolation abgleiten lassen.

Cicero vom 22. April 2004, S. 54

Die offenbar auch in Journalistenkreisen überraschende Aussage wurde dann von einer Ministeriumssprecherin bestätigt (stern.de), so dass derzeit davon ausgegangen werden kann, dass die Ministerin tatsächlich ein staatlich finanziertes Projekt im Kopf hat, mit dem Schüler technisch ausgestattet werden sollen. Das erinnert stark an den digitalen Marshallplan der International Telecommunication Union (ITU) in dessen Rahmen der portugiesische Gastgeber am 4. World Telecom Policy Forum (WPTF) in Lissabon am 24. April vorshlug, jedes Kind ab 4 jahren mit einem Laptop auszustatten (heise.de).

Wie so oft gehen in der Diskussion mehrere Aspekte durcheinander. Am markantesten ist die Durchmischung von Ausstattung und notwendiger Medienkompetenz. Braucht es eine Schulung und wenn ja hinsichtlich welcher Kompetenzen BEVOR ich einem Jugendlichen einen Laptop gebe? Oder lernen wir erst durch die konkrete Anwendung, in der direkten Auseinandersetzung mit der Technik deren Umgang. Schaut man sich die aktuelle Entwicklung an, in der technische Geräte schon gar nicht mehr mit einer Bedienungsanleitung ausgeliefert werden, Web 2.0-Dienste sich auf oft abgespeckte FAQ mit allgemeinen Aussagen oder Hinweisen beschränken, macht es den Eindruck, als ob wir in einer Zeit angekommen sind, in der es nicht mehr darum geht, Computerführerscheine auszuteilen, die nach mehrstündigen Kursen eine Befähigung bescheinigen.

Wenn ich sehe, wie intuitiv Schüler sich im Internet bewegen, wie eigenständig sie sich Lernplattformen erobern und wie gering ihre Hemmschwelle ist, sich auf diese virtuellen Räume einzulassen (siehe meinen Blogbeitrag dazu), wäre es wohl kontraproduktiv, zuerst eine theoretische Schulung vorzuschalten, in der mit dem erhobenen Zeigefinger auf gefahren und Risiken verwiesen wird. Dass dies nicht ausbleiben sollte, ist klar – aber ich denke, dies gehört integriert und eingebettet in realistische und nachvollziehbare Situationen, die sich doch am Besten aus der eigenen Arbeit im und mit dem Internet ergeben.

Der andere Punkt ist die Frage der technischen und damit finanziellen Ausstattung. Ich stehe derartigen Plänen skeptisch gegenüber, dass der Staat, einzelne Länder oder Kommunen in die Pflicht genommen werden, die Schüler mit der notwendigen Hardware auszustatten. Die preislichen Segmente sind inzwischen in Bereichen angekommen, in denen ich für unter 200-300 Euro ein NetBook bekomme, was bei einer 2jährigen Lebensdauer einem monatlichen Betrag von ca. 12 Euro entspricht. Hinzu kommt die Erfahrung, die jeder kennt, was die Sorgsamkeit und das Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit eigenen im Gegensatz zu fremden Geräten angeht. Hinzu kommen ja die Einsparpotentiale bei Heften, Ordnern und Stiften, die zumindest die hin und wieder in der Diskussion angeführten Kosten für das Aufladen der Laptops einigermaßen aufwiegen dürften. Soll man also eine enorme bürokratische Infrastruktur mit all ihren Folgerscheinungen wie Wartung, Gerätetausch und Ersatz bei Verlust/Diebstahl in Gang setzen und womöglich die einzelne Schule damit belasten?

Ich bin der Ansicht, dass wir finanzielle schwache Familien über die etablierten Sozialsysteme (heißen sie nun Hartz IV oder Kindergeld) unterstützen können und sollten, dem großen Teil der Familien aber durchaus zumuten können, mit einer solchen Anschaffung in die Ausbildung der Schüler zu investieren. Die Aufgabe der Schule wäre dann die Bereitstellung einer Infrastruktur in Form von ausreichend Ladestellen in den Klassenräumen, der Sicherstellung eines stabilen Netzes und die Unterstützung der Lehrer beim Einsatz neuer Technologien. Doch dieser Sektor – womöglich mit einem Volks-Laptop – ist in meinen Augen für eine staatliche Regelung wenig geeignet. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass die ein-/erstmalige Anschaffung durchaus für finanzielles Stirnrunzeln sorgt. Doch es geht hier zum Einen nicht um eine rein schulische Anschaffung, wenn die Geräte ja problemlos auch privat genutzt werden können, und zum Anderen um eine Investition in Bildung, bei der manche Argumente die Ernsthaftigkeit der von Kanzlerin Merkel ausgerufenen “Bildungsrepublik” in Frage stellen.

Brauchen wir also tatsächlich einen digitalen Marshallplan? Oder reichen private Anreize mit sanften Druck seitens der Schulen, die eigenverantwortlich das Tempo und den jeweiligen Umfang des Wegs zu einer digitaleren (bewusst nicht “digitale”) Schule bestimmen (können)? Ich bin auf Ihre/Eure Meinungen zum Thema diesmal ganz besonders gespannt.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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