How to teach these wacky kids?

Kommentieren 24. April 2009

Kurz bevor ich letzte Woche zum EduCamp aufgebrochen bin, hat Marc Pesce eine Keynote über sein neues Schwerpunktthema Digital Citizenship gehalten, die mir immer wieder in den Sinn kam während der Diskussionen in Ilmenau. Denn ganz richtig wurde an verschiedenen Stellen immer wieder auf die Gefahr hingewiesen, dass wir neue Lehr- und Unterrichtsmethoden zu sehr vom Tool selber aus denken und weniger von dem notwendigen Standpunkt des … – ja, von welchem Standpunkt eigentlich? Gehen wir davon aus, was unsere Schüler in 10, 15, 20 Jahren einmal brauchen werden? Wollen wir sie auf diese Zeit vorbereiten, ihnen Denk- und Handlungsstrukturen für ihre Zeit NACH der Schule geben? Und wenn ja, woher wissen wir, wie diese Zeit, diese Gesellschaft, diese Welt aussehen wird?

Oder – wenn wir nicht vom Tool ausgehen – gehen wir dann von den derzeitigen Gegebenheiten aus? Können wir eigentlich doch nur auf das vorbereiten, was wir selber kennen und mit unserem Wissensvorsprung und Erfahrungsschatz als Erwachsener dem Schüler einfach aufbereitet und in kleinen Portionen darbieten? Was ist dann aber mit dieser angeblich klaffenden Lücke zwischen “digital natives” und “digital immigrants”, die uns ja offenbar so weit von den Lebenswelten der Schüler entfernt, dass wir von unterschiedlichen Voraussetzungen aus denken und so zwangläufig an den Jugendlichen vorbei pädagogisieren?

Marc Pesce sieht genau diese Gefahr, wenn er in seiner gewohnten Art von den “wacky kids” spricht, deren neue, kulture Selbtwahrnehmung sich signifikant von den Denkstrukturen der digital immigrants unterscheidet:

The change is already well underway, but this change is not being led by teachers, administrators, parents or politicians. Coming from the ground up, the true agents of change are the students within the educational system. Within just the last five years, both power and control have swung so quickly and so completely in their favor that it’s all any of us can do to keep up. We live in an interregnum, between the shift in power and its full actualization: These wacky kids don’t yet realize how powerful they are.

Ich werde mich daher an seinen Ausführen entlang bewegen und verrate wohl bereits an dieser Stelle des Beitrags nicht zu viel, wenn ich als Referendar und somit “teaching immigrant” keine Lösung des Problems präsentieren kann.

While some may be content to sit on the sidelines and wait until this cultural reorganization plays itself out, as educators you have no such luxury. Everything hits you first, and with full force. You are embedded within this change, as much so as this generation of students.

Und dies ist genau die Herausforderung: Als Lehrer stehen wir derzeit vor dem selben Problem wie die Schüler, dass wir einen Wandel in vor allem Kommunikations- und Informationsstrukturen erkennen, dessen Ziel oder klare Richtung uns selber nicht vollkommen bewusst ist. Aber im Gegensatz zu vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen haben wir nicht die Chance, uns das Ganze anzusehen und dann Strategien für eine Auseinandersetzung, Zurückdrängung oder Eingrenzung des Problems zu entwickeln. Denn in der Schule werden wir zuerst damit konfrontiert, dass Schüler die neuen Möglichkeiten nutzen, dies aber intuitiv, zufällig und weitestgehend unreflektiert tun. Pesce drückt dies immer recht hart aus, wenn er formuliert:

We have given our children the Bomb, and they can – if they so choose – use it to wipe out life as we know it. Right now we sit uneasily in an era of mutually-assured destruction, all the more dangerous because these kids don’t now how fully empowered they are. They could pull the pin by accident.

Jedoch seine Schlussfolgerung aus dieser Erkenntnis ist wohl der einzig richtige Weg, diesem Phänomen zu begegnen:

For this reason we must understand them, study them intently, like anthropologists doing field research with an undiscovered tribe. They are not the same as us. Unwittingly, we have changed the rules of the world for them. (…)

It is up to us to create an environment that fosters respect, trust, and a new balance of powers. To do that first we must examine the nature of the tremendous changes which have fundamentally altered the way children think.

Auf dem EduCamp kam in einigen Flurdiskussionen das Gespräch auf eben diesen Umgang mit den neuen Formen des Austauschs und der Handhabe von Informationen – sei es das Copy-Paste-Phänomen oder Cyber-Bullying. Ich stehe in diesen Diskussionen meistens recht skeptisch dem latenten oder offenen Unterton der Kriminalisierung gegenüber. Denn wir unterstellen sehr schnell böse oder zumindest bewusste Absichten hinter dem Verhalten eines Jugendlichen, der “dreist” aus dem Internet kopiert oder am Nachmittag offenbar nichts besseres zu tun hat, als das Foto eines Klassenkameraden in für diesen nicht gewolltem Zusammenhang online zu stellen. Aber ich bin mir gar nicht so sicher, ob den Schülern ihr “Fehlverhalten” so richtig bewusst ist. Das mag natütlich einerseits mit den psychologischen Entwicklungsstufen (nach z.B. Jean Piaget) zusammenhängen. Im Hinblick auf die neuen Medien kommt aber ein weiterer Aspekt hinzu, der eben nicht von den uns bekannten Mechanismen und Schemata aufgefangen werden kann, dass die Wahrnehmung der Welt sich durch die neuen Möglichkeiten deren Betrachtung nicht unwesentlich verändert:

Constructivism states (in terms that now seem fairly obvious) that children learn the rules of the world from their repeated interactions within in. Children build schema, which are then put to the test through experiment; if these experiments succeed, those schema are incorporated into ever-larger schema, but if they fail, it’s back to the drawing board to create new schema.

Das Beispiel von Pesce anhand der Studien zum Furby von Sherry Turkle, Professorin am Massachusetts Institute of Technology, zeigen beispielhaft diese Mechanismen der Weltkonstruktion mit den einhergehenden Neuklassifikationen. Für die Kinder bilden sich endogene Wahrnehmungen und Ansichten der Realität, die von anderen Voraussetzungen ausgehen und auf anderen Grundlagen beruhen, als wir sie kennen. Und hinsichtlich ihres Verhaltens innerhalb der digitalen Welten lernen sie momentan zu nicht unwesentliche Teilen von und aus sich selber und weniger anhand von uns vorgelebten Beispielen:

These kids are entirely comfortable within the digital world, having never known anything else. We casually assume that this difference is merely a quantitative facility. In fact, the difference is almost entirely qualitative. The schema upon which their world-views are based, the literal ‘rules of their world’, are completely different.

Damit droht (zu werden) oder wird bereits das Medium selber zum Lehrer und die Technologie zum Klassenzimmer, welches viel näher an der Lebenswelt des Jugendlichen dran ist, als es die nach alten Paradigmen ausgerichteten Lernräume unserer Schulen sein können. Google Earth ist da nur ein Beispiel:

The Earth becomes a chalkboard, a spreadsheet, a presentation medium, where the thorny problems of global civilization and its discontents can be explored out in exquisite detail. In this sense, no problem, no matter how vast, no matter how global, will be seen as being beyond the reach of these children. They’ll learn this – not because of what teacher says, or what homework assignments they complete – through interaction with the technology itself. (…)

et again, and completely by accident, we have profoundly altered the world view of this generation of children and young adults. (…)

We give these objects to our children, more or less blindly unaware of how this will affect their development. Then we wonder how these aliens arrived in our midst, these ‘digital natives’ with their curious ways. Ladies and gentlemen, we need to admit that we have done this to ourselves. We and our technological-materialist culture have fostered an environment of such tremendous novelty and variety that we have changed the equations of childhood.

Aber so anders und so neu ist das ganze dann doch wieder nicht. Denn – und dies wurde mir bei  Frühstück auf dem EduCamp sehr deutlich aufgezeigt und jüngst auch von Herrn Larbig aufgegriffen – die grundlegenden, menschlichen Bedürfnisse sind doch weitestgehend die selben geblieben:

The sharing of information is an innate human behavior: since we learned to speak we’ve been talking to each other, warning each other of dangers, informing each other of opportunities, positing possibilities, and just generally reassuring each other with the sound of our voices.

Sie werden nur durch neue Formen erweitert:

In this case we share not words but the artifacts of culture. We share a song, or a video clip, or a link, or a photograph. Each of these are just as important as words spoken, but each of these places us at a comfortable distance within the intimate act of sharing. 21st-century culture looks like a gigantic act of sharing.

Un daraus ergibt sich für mich im Moment die wesentliche Herausforderung für Schule und Unterricht. Es ist wohl weniger der Ruf nach einem neuen Unterrichtsfach, neuen Unterrichtsmethoden oder die Frage, ob wir an den räumlichen und zeitlichen Vorgaben herumschrauben. Vielmehr sehe ich die große Chance darin, den Schülern diese oben beschriebene Macht zuzugestehen, sich den Klassenraum neu zu erobern und nach ihren Bedürfnissen wesentlich mit zu gestalten. Auf dem EduCamp war es für mich die Session zu Personal Learning Environments (PLE), die mich hat stutzig werden lassen, ob wir mit Widgets, virtuellen Klassenräumen und vorstrukturierten Plattformen dabei sind, die uns bekannten Regeln und Formen des Lernens und Kommunizierens sowie die uns vertrauten Strukturen von Unterricht in einen Raum zu transferieren, der diese gar nicht mehr kennt oder nie kannte. Auf der Podiumsdiskussion zum EduCamp hat Andrea Back via Skype nicht nur dieses neue Medium benutzt, sondern auch sehr eindrucksvoll genau den damit einhergehenden Wandel metaphorisch beschrieben:

Wenn ich ins Internet gehe, reise ich in fernes Land. (…)

Als ich das erste Mal nach Nordafrika gereist bin, war ich geschockt. Die ersten Minuten kamen Leute, wollten etwas zeigen, etwas haben. Das war eine komplett andere Kommunikation. Ich wollte einfach nur wieder weg. Aber es brauchte nur zwei, drei Tage, bis ich raus hatte, wie das funktioniert. Von da an ging es von allein. Ab da war es wunderbar.

übersetzt bei: dradio.de

Dabei ist dann nicht mehr ein Einzelner betroffen, sondern das gesamte System Schule:

This, then, is why these children hold the future of the classroom-as-institution in their hands, this is why the power-shift has been so sudden and so complete. This is why digital citizenship isn’t simply an academic interest, but a clear and present problem which must be addressed, broadly and immediately, throughout our entire educational system.

Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob Pesce seinen eigenen Vorgaben richtig folgt, wenn er den Computer als “loaded gun” in den Händen des Jugendlichen beschreibt und fordert, dass diese vor deren Nutzung im Umgang damit trainiert werden sollen. Ist es nicht gerade das, was wir “digital immigrants” gar nicht mehr leisten können? Ich glaube, dass wir derzeit nur zusammen mit den Schülern diese neuen herausforderungen meistern können. Sich vor die Klasse zu stellen und einem 12-16 Jährigen erklären zu wollen, wie ein Chat funktioniert, ist wohl illusorisch. Aber wir können den Chat nutzen und ihm Mehrwerte verleihen, die die Schüler so vielleicht gar nicht entdeckt hätten. Denn:

They already know how to do things, but they do not have the wisdom to decide when it appropriate to do them, and when it is appropriate to refrain. That wisdom is the core of what must be passed along. But wisdom is hard to transmit in words; it must flow from actions and lessons learned.

Wir brauchen die Öffnung des Klassenraumens und die Einbeziehung der digitalen Lebenswelten der Schüler eben nicht nur, um uns selber derer zu vergewissern und anhand dieser die Bedürfnisse der Schüler zu erschließen. Sondern erst in der ernsthafe Auseinandersetung in und mit diesen kann das gelingen, was in einem bloßen Tech-Talk über die Medien verschlossen bleibt:

A world wherein the first thing we need to recognize that what is called for in the classroom is a strategic détente, a détente based on mutual interest and respect. Without those two core qualities we have nothing, and chaos will drown all our hopes for worthwhile outcomes. These outcomes are not hard to achieve; one might say that any classroom which lacks mutual respect and interest is inevitably doomed to failure, no matter what the tenor of the times.

Fazit:

Ich glaube, dass Marc Pesce mit seinem Vortrag nicht nur nicht den Fehler gemacht hat, am Tool anzusetzen und zu schauen, wie man die neuen Medien in den Unterricht bringt. Sondern es gelingt ihm auch, die drohende Kriminalisierung von “Fehlverhalten” zu vermeiden, indem er an dem Punkt ansetzt, der in meinen Augen zwar immer wieder bemüht wird, aber daher nichts desto trotz eine gewisse Berechtigung hat: Den Schüler dort abzuholen, wo er steht. Und im Hinblick auf die neuen Technologien bedeutet dies, die Schüler zu verstehen und ihnen eine Chance zu geben, ihren Lernprozess so mitzugestalten, dass ihre Wahrnehmung der Welt respektiert wird. Ich glaube, dass das Konzept des Lernens durch Lehren von Jean-Pol Martin hierbei große Potentiale hat, da Räume öffnet, die der Schüler selber gestaltet und weniger etwas nachzuvollziehen vorgesetzt bekommt, von dem der Lehrende selber gar nicht genau versteht, wie es funktioniert.

Dennoch bleibt die Ausgangsfrage dieses Beitrags damit weiterhin offen. Aber sie wird auch zu einem gewissen Grad obsolet, wenn doch deutlich wird, dass es weniger darum gehen kann, klare Vorgaben und Richtlinien herauszugeben. Der Lernplan 2.0 wird wohl anders aussehen müssen als diejenigen, die wir derzeit kennen (zumindest hinsichtlich dieser kulturellen Veränderungen – nicht umbedingt hinsichtlich der Fachkompetenzen). Aber:

Is it possible to develop a lesson plan which imparts the lessons of digital citizenship? Can we teach these children to tame their new powers?

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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