Berlin zwischen Aufbruch und Web 1.0-Nostalgie?

Kommentieren 06. April 2009

Die Woche startet die Berliner Zeitung offenbar mit einer kleinen Bildungsoffensive und bringt gleich zwei Artikel, die sich mit dem Aspekt Unterricht und neue Medien beschäftigen. Ich erlaube mir, diese zu nutzen, um einerseits gehörig zwischen den Zeilen zu lesen und andererseits meine spontanen Einfälle beim Lesen ganz frech daran zu knüpfen (womit ich mich sicher auch deutlich vom Artikelinhalt entferne):

Der erste Artikel scheint zwischen Euphorie und warnender Handbremse zu schwanken und versucht in einem leicht schlingernden Mittelkurs den status quo als Berechtigung für Entwicklung heranzuziehen – mit Formulierungen wie:

„Es gibt Himmelsstürmer, und es gibt Blindschleichen“, sagt er. Mit den Himmelsstürmern meint er sich und eine Handvoll Kollegen, die die technische Modernisierung der Europaschule vorantreiben. Sie werden misstrauisch beobachtet von den Traditionalisten, die auf Frontalunterricht mit Kreidetafel und Overhead-Projektor schwören. (…)

In ganz Berlin wird dieser Konflikt zwischen Technikfans und -verweigerern ausgetragen. (…)

Über die rasante Entwicklung an seiner Schule sagt er: „Es ist fantastisch! Oder erschreckend. Je nachdem.“

Die geteilte Meinung stammt von einem Kollegen einer offenbar recht fortschrittlichen und technisch gut ausgestatteten Schule. Es wirkt ein wenig nach dem klassischen Phänomen: Viel Geld und Equipment in die Schule gepumpt – dann aber vergessen, den Lehrern bei didaktischer und pädagogischer Umsetzung zu unterstützen. Die dadurch drohende Schere zwischen “Technikfans und -verweigerern” droht dadurch eher größer als kleiner zu werden. Die Frage ist dabei dann allerdings die, ob es tatsächlich noch der “multimedialen Fortbildungskurse”, die im Artikel erwähnt werden, bedarf. Nicht nur das Image solcher Kurse ist – so meine Beobachtungen – doch recht ramponiert, sie scheinen auch nicht selten an Stellen anzusetzen, die dem Einzelnen recht wenig helfen. Wie der Artikel richtig andeutet, scheint es doch inzwischen an jeder Schule Kollegen zu geben, die zumindest technisch recht versiert sind. Wäre es da nicht sinnvoller, diese Ressourcen zu nutzen und – das wäre die logische Konsequenz aus einer immer wieder beklagten deputativen Überbelastung – diese auch überhaupt freizugeben, indem diese Kollegen vor Ort untertsützen und helfen. Denn wieviel effektiver stelle ich es mir vor, wenn mich ein erfahrenerer Lehrer in meinem eigenen Unterricht besuchen kann, mit den Gegebenheiten der eigenen Schule bestens vertraut ist und mich und meinen Unterrichtsstil auch über mehrere Stunden begleiten und im inoffiziellen Flurfunk auch mal spontan ansprechbar wäre. Anstatt einmal im Jahr zu einer bund durchmischten Lehrerfortbildung “aufgefordert” zu werden, die mit so vielen unterschiedlichen Bedürfnissen und schulischen Voraussetzungen überfrachtet ist, dass es kaum möglich wird, den Lehrer “dort abzuholen, wo er steht”.

Der zweite Artikel geht dann sogar noch weiter und verfällt fast schon in eine Web 1.0-Nostalgie. Im Interview mit Prof. Nicolas Apostolopoulus von der FU Berlin stellt dieser fest:

Eine Gefahr ist, dass die Schüler isoliert lernen und nicht mehr bei ihren Mitschülern oder Lehrern nachfragen.

Nach meinen Beobachtungen im Unterricht mit Moodle und dessen Web 2.0-Tools konnte ich genau das Gegenteilige feststellen. Die beschriebene Gefahr wird doch durch die auf Kommunikation und Austausch setzenden Technologien einer erst durch den Nutzer zum Leben erweckten Personal Learning Environment (PLE) geradezu gebannt. Die Frage ist allerdings tatsächlich diejenige, ob es dem Lehrer gelingt, dies auch zu etablieren und eine Unterrichtskultur zu schaffen, die sich von vielen traditionellen Szenarien abhebt, indem die Möglichkeiten gegeben werden, aus Fehlern zu lernen, eine durch Kommentare und Feedback im Schülerblog gegenseitig unterstützte Entwicklung zu fördern oder den Lehrer nicht mehr als Prediger vor der Klasse zu sehen, sondern ihn als Begleiter im Lernprozess (und damit auch Ansprechpartner über eben die Web 2.0-Tools) zu leben. Denn dies macht den Schülern nach meinen Beobachtungen am meisten Probleme: sich auf die offenen und sich konstruktiv entwickelnden statt didaktisch vorgegebenen (und nur nachzuvollziehenden) Lernwege einzulassen.

Die Hyperlink-Strukturen von E-Learning trainieren das Gehirn dazu, assoziativ zu denken. Das ist gut, weil der Mensch sich so neue Erkenntnisse verschafft. Allerdings kann man durch die ständigen Querverweise auch leicht den Faden verlieren. Das Gehirn muss versuchen, Ordnung zu schaffen und sich zu konzentrieren.

Diese Warnung erinnert ein wenig an die Linkwüsten des Web 1.0. Aber ist das dasjenige, was wir im Unterricht brauchen? Eine Liste von Links mit dem Arbeitsauftrag: “Recherchiert mal, wer Karl der Große war”? Dies wäre doch eigentlich nur, das Schulbuch ins Internet zu transportieren und mit ein paar Verlinkungen den Anschein der Interaktivität zu erwecken. Die in meinen Augen größten Lernerfolge glaube ich aber dort festzustellen, wo Schüler im Wiki oder Forum Beiträge verfassen, die in folgendem Stil daherkommen: “Ich bin der Meinung, dass …, was man auch hier (Link) nachlesen kann”. Statt einfach einen Link als Arbeitsergebnis zu präsentieren oder den Inhalt per Copy/Paste “abzuschreiben”, schaffen die auf Diskussion und Kommunikation ausgerichteten Web 2.0-Tools Räume, in denen dies fast schon nicht mehr funktioniert, da ich mich ja auf einen Diskurs einlassen muss, in dem ich und meine eigene Einschätzung eines Sachverhaltes gefragt ist und weniger die Präsentation eines statischen Ergebnisses. Der Link oder dessen Inhalt kann dann nicht mehr das vom Lehrer erwartete Ergebnis (in Schüleraugen) sein, sondern dessen Verwertung und Nutzbarmachung für ein übergeordnetes, gemeinschaftliches oder produktorientiertes Ziel.

Von daher stutze ich dann auch bei folgendem Zitat aus dem ersten Artikel:

Erschreckend findet er beispielsweise die „Copy-Paste-Mentalität“ mancher Schüler: Die würden sich ihre Hausarbeiten und Referate mit Artikeln aus Wikipedia zusammenklauben, ohne die Inhalte zu hinterfragen. „Früher wurden wichtige Stellen aus den Enzyklopädien abgeschrieben, heute ist alles Wissen nur einen Mausklick entfernt.“

Ist an einem solchen Schülerverhalten das Internet Schuld? Entsteht eine Copy-Paste-Mentalität automatisch, sobald Lexika nicht mehr gedruckt sondern digitalisiert werden? Oder versucht der Schüler einfach clever zu sein? Versucht er den Weg des geringsten Widerstandes – eine nur allzu menschliche und nachvollziehbare Eigenschaft – zu wählen? Wer davon weg kommt, dem Schüler böse Absicht oder aktiven Betrugsversuch zu unterstellen, wird schnell zu der Frage kommen, ob die Aufgabe, die ich ihm als Lehrer gestellt habe, meinem medienpädagogischen Ideal gerecht wird. Oder ob die Aufgabenstellung an den Herausforderungen und Chancen einer durch Hyperlinks und Suchmaschinen vernetzten Internetlandschaft vorbeigehen und doch mehr der traditionellen Aufgabenstellung eines Schulbuchs entsprechen. Kurzum: Ich glaube und gebe zu, hier selber auch hin und wieder auf die Nase zu fallen und nach den richtigen Ansätzen zu suchen, dass sinnvolle Schülerarbeit im und mit dem Internet erst dann Gewinne erzielt, wenn die Aufgaben und virtuellen Lernräume zu einer Auseinandersetzung mit den Inhalten zwingen. Ich glaube inzwischen, dass die Copy-Paste-Mentalität in nicht wenigen Fällen durch unpassende oder wenig motivierende bzw. herausfordernde Arbeitsaufträge (die in der Buchkultur sicher einige Arbeit bedeutet haben, im virtuellen lernraum aber nur in paar Klicks entfernt sind) durchaus hausgemacht ist.

Die beiden Artikel der Berliner Zeitung mit ihrem zeitgleichen Erscheinen verdeutlichen in meinen Augen sehr anschaulich – wenn vielleicht auch gar nicht gewollt – das grundlegende Dilemma vieler Lehrer, einerseits die Chancen eines mehr Web 2.0- oder computergestützten Unterrichts zu sehen, auf der anderen Seite aber vor der Herausforderung und der augenscheinlichen Mehrbelastung zurückschrecken. Von daher frage ich mich auch zunehmend, ob es in einer solchen zu beobachtenden Entwicklung der sich öffnenden Schere zwischen den “Himmelsstürmern” und “Blindschleichen” sinnvoll und angeraten ist, als fortschrittlich und wünschenswert wahrgenommene Kollegen herauszuheben und zum Nachahmen auf einer Art Tableau zu präsentieren oder lieber zu versuchen, das oft breitgestreute Potential zu nutzen und schulintern und durch Web 2.0-Communities à la Maschendraht oder classroom 2.0 eine praxisnahen und individuellen Austausch mit eben diesen vorhandenen Ansprechpartnern zu schaffen, die Kollegen nicht mit klugen Ratschlägen überschütten, sondern sie dort begleitend unterstützen, wo diese ihre ersten und zweiten Schritte mit neuen Medien im Unterricht wagen wollen. Und ja, damit meine ich zu gewissen Teilen auch mich selber und diesen Blog ;-).

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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