Twitter im Grundschullehrplan

Kommentieren 26. March 2009

Nein, soweit ist es in Deutschland noch nicht. Aber in England gibt es laut The Guardian Pläne, Bloggen und Twittern zu im Lehrplan verankerten Kompetenzen (?) zu erklären:

The proposals would require:

• Children to leave primary school familiar with blogging, podcasts, Wikipedia and Twitter as sources of information and forms of communication. They must gain “fluency” in handwriting and keyboard skills, and learn how to use a spellchecker alongside how to spell.

Doch aus dem Artikel wird nicht ganz klar, wie die noch nicht veröffentlichten Neuerungen inhaltlich zu werten sind. Offenbar gehen hier zwei Dinge miteinander einher, die nur bedingt etwas miteinander zu tun haben: Einerseits will man wohl die ICT-Kenntnisse der Schüler bereits im Grundschulalter stärken. Andererseits findet sich aber auch ein weiterer Aspekt, der eher auf eine grundsätzliche Strukturierung des Curriculums abzielt und dessen Öffnung im Sinne einer größeren inhaltlichen Freiheit für die Schulen anstrebt:

The proposed curriculum, which would mark the biggest change to primary schooling in a decade, strips away hundreds of specifications about the scientific, geographical and historical knowledge pupils must accumulate before they are 11 to allow schools greater flexibility in what they teach.

Es wird spannend sein, in angekündigten nächsten Monat, in der veröffentlichten Version des neuen Lehrplans zu sehen, ob und in welcher Form die berechtigte Forderung nach neuen Medien im Unterricht mit didaktischen und pädagogischen Ideen zur Realisierung unterstützt werden. Denn die Gefahr, die sich abzeichnet wird bereits in einem frühen Kommentar zum Artikel deutlich:

Sounds mostly positive.

I don’t really get the point of teaching twitter; does anybody see the point in that?

KesterRatcliff (25 Mar 09, 8:53am)

Twitter, Wikis und Blogs sind nunmal keine Dinge, die es um ihrer Selbstzweck zu kennen oder gar zu lehren gilt. Sie funktionieren ohnehin erst richtig, wenn sie an konkrete Lerninhalte geknüpft sind und als Methode daherkommen. Es darf dabei nicht darum gehen, eine “moderne” Methode gegen etablierte auszuspielen, ihnen einen Vorzug zu geben oder womöglich zum pädagogischen Heilsbringer zu erklären:

John Bangs, head of education at the National Union of Teachers, said: “It seems to jump on the latest trends such as Wikipedia and Twitter. Then it has very traditional descriptions of chronological teaching of history. It seems to be about trends on the one hand, then political pressure on the other hand – the government didn’t want to look like it is scrapping traditional education. Computer skills and keyboard skills seem to be as important as handwriting in this. Traditional books and written texts are downplayed in response to web-based learning.”

Vielversprechend ist aber die Idee, die curriculare Freiheit für die Schulen zu lockern. Denn dies ist – im vergleich mit deutschen lehrplänen – eine nicht unentscheidende Realisierung eines inhaltlichen Zwangs, der des Öfteren den anfangs durchaus zeitintensiven Einsatz neuer technologien und deren Einführung in den Unterricht erschwert – oder zumindest davor zurückschrecken lässt. Die Lockerung von einheitlichen Vorgaben könnte Chancen eröffnen, Zeit für neue methodische Konzepte an den Schulen selber (z.B. in Projektphasen) zu erproben oder zu entwickeln.

Insofern ist die Einschätzung von Mary Bousted, general secretary of the Association of Teachers and Lecturers, gar nicht verkehrt:

We are pleased they give the profession much more flexibility to meet the needs of their pupils. Children need to be enthused by learning, so they want to learn and gain the skills which will enable them to learn in later life. The debate is not about whether the Victorians are in there or not.

Vielleicht – und ein wenig macht es den Anschein – läuft der sonst angestrebte Prozess, über die neuen Technologien eine Öffnung von etablierten Unterrichtsszenarien zu erreichen in Großbritannien mal andersherum: Die Lockerung des Curriculums schwemmt neue Medien mit in die Schulen. (Ein Blick in die umfangreichen Kommentare zum Artikel und die dort zu Tage tretenden Meinungen lohnt sich allemal.)

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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