Von der Lehr- zur Lernplattform

Kommentieren 16. March 2009

Prof. Michael Kerres hat im Rahmen der Fachtagung an der PH Zürich am letzten Freitag seine Keynote “Personal Learning Environments – von der Lehr- zur Lernplattform” online gestellt. Darin geht er der wahrscheinlich entscheidenden Frage im Hinblick auf die Entwicklung von Lehr-/Lernplattformen in den nächsten Jahren nach: Wie können sich Lehrplattformen zu Lernplattformen entwickeln?

Ausgehend von der zutreffenden Diagnose zum Status Quo an vielen Schulen – was die IT-Ausstattung angeht – entwickelt er eine Art nahe Vision von dem, was die von ihm zugrundegelegte Implementierung der Idee des Web 2.0 nicht als neue Technologie sondern als “andere Sichtweise und Nutzung des Internet” nach sich ziehen wird.

Bereits bei der Analyse des Ist-Zustandes macht Kerres einen wesentlichen Punkt, der bei der Betrachtung von Schulgebäuden und deren technischer Ausstattung – so auch wieder direkt gesehen bei der jüngsten, offiziellen und externen Inspektion meiner Ausbildungsschule – leider allzu oft vergessen oder übersehen wird:

Und dann müsste man auch noch hinzuziehen die Ausstattung die eben Schüler und Schülerinnen, Lehrer und Lehrerinnen zu Hause haben. Auch das muss man ja eben halt berücksichtigen und bedenken, wenn man sich überlegt, wie eigentlich die Schul-IT-Zukunft aussehen könnte – konzeptionell und technologisch.

Dies deckt sich mit der Entwicklung, die auch die Initiative D21 sieht, dass es eben nicht mehr die hauptsächliche Verantwortung der Schule sein wird, die Kinder und Jugendlichen mit der entsprechenden Hardware auszurüsten, sondern dass private Endgeräte auch problemlos Bestandteil schulischen Lernens werden können. Die Aufgabe der Schule wird wohl weniger in den Endgeräten liegen, als vielmehr in der Bereitstellung einer Infrastruktur – hier konkret eines Netzwerkes:

Wir sehen, die Situation würde dann perspektivisch auch anders aussehen. Im Mittelpunkt steht eben jetzt nicht mehr die Schulausstattung mit PCs – gegen die ja gar nichts zu sagen ist -, aber im Mittelpunkt würde eben hier die drahtlose Kommunikation, das NetBook (stehen).

Für eine Konzeption von eLearning skizziert Kerres drei Entwicklungsrichtungen:

  1. user vs. author (learners as creators): “Die Lernenden werden zunehmend Mitwirkende bei der Entwicklung von Lernkontent”.
  2. local vs. remote (learning is ubiqitous): Dies betrifft den Ort der Datenspeicherung, der sich zunehmend von der lokalen Festplatte zur Ablage auf (öffentlichen) Servern verschiebt.
  3. private vs. public (learning = performing): “Diese Grenze verändert sich – um es vorsichtig auszudrücken. Sie verschiebt sich etwas in Richtung eben Öffnung des Privaten. Und auf diese Weise wird der Lernprozess selbst sozusagen sichtbar und hinterlässt Spuren. (..) Der Lernprozess wird selbst sozusagen zur Performanz.”

Vor allem der dritte Punkt ist der in meinen Augen entscheidende, da dieser die ersten beiden indirekt mit beeinflusst oder zu einem gewissen Grad nach sich zieht. Lernen – so auch im letzten Youtube-Schmankerl angesprochen – wird weder zeitlich noch räumlich in Zukunft auf die Schulzeiten oder das Schulgebäude konzentriert bleiben können. Die Verknüpfung mit privaten Lernsettings, die sich im und durch das Internet ergeben, dürfen nicht Gefahr laufen, zu einer parallel zur Schule existierenden Lernwelt zu werden. In der Diskussion auf der CeBit war dies einer der Hauptkritikpunkte, der von den dort vertretenen “digital natives” in Person von Schülern geäußert wurde, wenn sie für sich feststellen, dass sie vieles, was sie lernen, nicht (mehr) in der Schule lernen.

Danach fragt Kerres schließlich, welche Bedeutung haben die Web 2.0-Tools für Lernen und Schulen:

Welche Zukunft haben Lernplattformen in dieser Welt von Web 2.0? (…) Es stellt sich die Frage: Ist eigentlich das, was wir als LMS betreiben, überhaupt die Lernplattform? Ist nicht vielleicht eine Differenzierung vorzunehmen zwischen der Lehrplattform, in der wir Materialien einstellen und versuchen, das Lernen zu organisieren, und der wirklichen Lernplattform? Also in diesen Orten, die letztlich auch das Web 2.0 ausmachen.

Anhand seines eigenen Lehrstuhls und Online-Studiengangs “M.A. Educational Media” stellt er offene Möglichkeiten vor, Lernende zu vernetzen. Die Studierenden schreiben dabei Blogs, die dann auf der Webseite des Lehrstuhls per RSS zusammengeführt werden. Dadurch entsteht eine Übersicht, womit die Studierenden sich aktuell beschäftigen. Dabei wird auf freie Web 2.0-Dienste zurückgegriffen, und eben nicht auf eine geschlossene, institutionseigene Plattform. Besonders anschaulich wird dies, wenn Kerres letztlich eine selbst zusammengestellte und auf und von den/m besitzenden Lerner zugeschnittene igoogle-Seite als die eigentliche Lernumgebung vorstellt. Das entscheidende dabei ist dann genau die Möglichkeit, z.B. über RSS die LMS des Lehrstuhls mit der PLE des Lernenden zu verbinden und einen direkten, automatisierten Austausch von Inhalten verschiedenster Art zu initiieren:

Damit entsteht – wie Kerres richtig betont – eine Lernumgebung, die dem Lerner gehört und auch nach seiner zeit an der jeweiligen Institution ihm weiter zur Verfügung steht. Der Lerner dockt mit dieser eigenen Plattform nur noch über automatisierte Austausch- und Synchronisationsdienste an die institutionseigene Plattform an und besorgt sich da den Kontent, den er braucht und gewinnbringend in seine eigene Lernumgebung einbettet (und selber strukturiert). Und dies funktioniert dann natürlich auch anders herum, dass – wie beschrieben – auf der Instituitionsseite, die die vielen Lerner letztlich verknüpft/verbindet, Inhalte eingepflegt werden, die ursprünglich aus einer individuellen PLE stammen.

Der entscheidende Knackpunkt ist, dass diese Systeme alle miteinander verknüpft sind. Also praktisch einen zusätzlichen Layer über das Internet mit seinen traditionellen html-Verknüpfungen legt. (…) Diese Verknüpfung von Inhalten und von Anwendungen, das macht es letztlich, was eben auch diese zusätzliche Qualität einer solchen Koppelung von LMS und PLE (ausmacht).

Dass dies nicht nur eine Spielerei für die Universität ist, sondern durchaus auch an der Schule funktionieren kann, beweist die Entwicklung so genannter ClassBlogFolios durch Jürgen Wagner und Verena Heckmann. In ihrem Einführungsvortrag bedienen sie sich eben auch einer frei verfügbaren Blog-Software, mit der sie Schüler und deren Ergebnisse und Lernprozesse miteinander verknüpfen. Auch hier ist bemerkenswert, dass nicht auf Systeme zurückgegriffen wird, die dem Schüler für diesen erkennbar bei Verlassen der Institution (hier Schule) nicht mehr zur Verfügung stehen. Dieser kann seine stetig wachsende PLE schließlich mitnehmen und dann – im Sinne von Kerres – an seine zukünftige Universität oder Ausbildungseinrichtung andocken. Hier der Einführungsvortrag von Jürgen Wagner: http://breeze.lpm.uni-sb.de/p76053762/

Wichtig ist dann aber auch, nicht zu vergessen zu erwähnen, dass solche bisher rein technische Szenarien zugleich eine Änderung von Einstellung zum Lernen selber erfordern (also di didaktische Sicht). Kerres stellt hierzu 5 Punkte zusammen (neben der Forderung nach dem Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur), die verdeutlichen, dass Lernen mit Web 2.0-Technologie anders strukturiert ist, als “traditioneller” Unterricht bzw. in diesem einzelne Bestandteile an Bedeutung gewinnen:

  • Selbstlernen (z.B. Freiarbeit unter der Betreuung des Lehrers als Supervisor)
  • Kooperation (Austausch mit anderen Lernenden)
  • Projekte (und Projektarbeit im Sinne von Lernvereinbarungen mit dem Lehrer)
  • Individualisierung
  • Lernorganisation (Schaffung von Raum und zeitliche Fenstern)

Bemerkenswert ist letztlich noch die Feststellung Kerres, dass es weniger um zusätzliche Fortbildungen im großen Stil für Lehrer gehen sollte. Vielmehr sieht er wesentliche Potentiale in Communities of Practice – also Plattformen für Gemeinschaftsbildung und auch Materialaustausch für Lehrer:

Und dann sehen wir, es ist eigentlich gar nicht mehr so das Problem von Lehrerfortbildungen. Vielleicht können wir sogar langsam davon ausgehen, dass Lehrpersonen so etwas wie Moodle oder ähnliches sich schlicht auch relativ gut selbst aneignen können. Wir müssen heute viel weiter schauen und fragen – und das ist dann aber sogar dummerweise doch noch mühseliger als eine Moodle-Schulung -, wir müssen weiterschauen und fragen, was bedeutet das für unsere Schule, für unsere Bildungseinrichtung eben im Ganzen. (…)

Im Grunde das ist die spannendste Entwicklung und eigentlich auch die jetzt rein quantitative fast wichtigste für gerade die Lehrpersonen, das sind die Communities of Practice. Gemeint sind schlicht und einfach Foren und Möglichkeiten, wo Lehrpersonen untereinander Lehrmaterialien, die sie selbst entwickelt haben, einstellen, zur Verfügung stellen, austauschen. Die einzelne Lehrperson ist ja kompetent in der Entwicklung von Materialien.

Hier legt Kerres in meinen Augen zu sehr den Fokus auf konkrete Materialien. Aber in meinen Augen ist dies gar nicht die Hauptschwierigkeit, vor der viele Kollegen stehen. Vielmehr wird ein Austausch über Unterricht und Unterrichtsszenarien notwendig, die dann natürlich mit Materialien unterstützt werden können. Wichtiger ist aber die Möglichkeit des Austauschs und der Knüpfung von durchaus auch überschulischen, interkollegialen Netzwerken, die es dem Einzelnen ermöglicht, den eigenen Unterricht nicht als Eigenes, von anderen Lehrern abgekoppeltes Etwas zu verstehen. Auch für den Lehrer (und nicht nur für den Schüler) werden dann die oben genannten 5 Punkte bedeutsam. Hierin sehe ich auch eine große Chance, Anregungen und Erfahrungen von und an anderen Schulen gewinnbringend an die eigene Lehrinstitution zu bringen und nicht Fehler oder Fehlentwicklungen, die andernorts bereits gelaufen sind, wieder zu machen. So oft hat man den Eindruck, dass jede Schule für sich nach Wegen und Lösungen für Probleme sucht, die viele andere Schulen auch haben.

Ich halte den Vortrag von Kerres für sehr anregend, was sich sicher auch aus der beschriebenen Stellung zwischen Status Quo und nicht allzu ferner Zukunft ergibt. Kerres spinnt hier keine wilden Visionen, sondern zeigt Szenarien auf, die sich aus in der Praxis nachvollziehbaren Beobachtungen ergeben. Ich kann somit nur empfehlen, sich die Ideen anzusehen, da ich trotz der recht umfangreichen Besprechung einige Selektionen vornehmen musste.

Schließen möchte ich schließlich mit einem Ausspruch aus der Präsentation, die es sicher ganz gut trifft und die man stets im Blick behalten sollte:

Keep it simple, stupid!.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

Share