Computer, Internet und Schulen in 20 Jahren

Kommentieren 02. March 2009

Unser gesamtes Projekt steht unter dem Motto, Ideen für die Schule der Zukunft zu finden. Auf allen unseren Workshops haben wir Visionen entwickelt und Utopien gesponnen. Dabei war uns oft bewusst, dass wir vieles davon nur mit großen Anstrengungen erreichen werden. Aber ebenso haben wir auch immer gesehen, dass einiges und vielleicht schon mehr als wir manchmal denken bereits schon unmittelbar vor uns steht.

Unter dem Titel “Computer, Internet und Schulen in 20 Jahren” hat Prof. Dr. Werner Hartmann, Leiter Bereich E-Learning am Zentrum für Bildungsinformatik an der PH Bern, 10 Thesen vorgelegt, etwas ganz ähnliches versucht und 10 Thesen formuliert. Diese sind in meinen Augen ausgesprochen spannend und wert, vorgestellt und diskutiert zu werden. Aus diesem Grund werde ich sie hier aufgreifen, möchte sie aber auch zugleich zur Abstimmung stellen:

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These 1: In wenigen Jahren ist das Internet die Festplatte:

Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Schulen müssen keine eigenen Server mehr für die Datenablage betreiben und der Zugriff auf die Daten ist jederzeit über das Internet möglich.

Dieser Trend ist kaum noch in Frage zu stellen. Eigentlich wird dessen Aufnahme in schulische Prozesse derzeit nur noch von Datenschutzbedenken gebremst. Zu recht verweist Hartmann allerdings auf die in dieser Hinsicht besonderen Anstrengungen der Dienstleister. Auch das bei diesen vorhandene Know-How sowie deren technische Möglichkeiten überschreiten meist bei weitem diejenigen der öffentlichen Institutionen, so dass es mehr als fragwürdig wird, ob Schülerprodukte auf einem Schulserver, der zudem noch mehr kostet, sicherer sind als bei einem professionellen Dienstleister, welcher sich hier spezialisiert hat.

Zudem bieten externe Anbieter viel bessere Möglichkeiten, Daten auszutauschen. Das ewige Klein-Klein einzelner Schulen oder Bundesländer behindert oft enorm einen über die eigene Schule hinausgehenden Austausch und Kollaboration. welchen immensen Unterschied macht es, ob ich als Schüler eine Datei auf den eigenen Schulserver lege mit all seinen Restriktionen lege oder direkt bei einem Web 2.0-Dienstleister einstelle, der weltweiten Austausch garantiert.

Kosten und Nutzen sprechen in naher Zukunft zunehmend für die Öffnung der Schulen durch Nutzung externer Speicherplatzlösungen.

These 2: In wenigen Jahren kommen die meisten Programme aus der Steckdose geht in eine sehr ähnliche Richtung und die oben genannten Argumente lassen sich auf die online verfügbaren Programme übertragen. Ich möchte vor allem das Argument der möglichen Kollaboration gestärkt sehen, wenn es darum geht, ein Programm online zu nutzen, anstatt es lokal zu installieren.Wie oft scheitern Schülerpräsentationen an nicht kompatiblen PowerPoint-Versionen, die Schüler zu Hause erstellen und dann auf dem Schullaptop nicht zum Laufen bekommen oder fehlerhaft dargestellt werden. Ein entsprechend online erstelltes Dokument kann direkt aufgerufen werden und funktioniert überall identisch.

These 3: In zehn Jahren spricht niemand mehr von den heutigen Lernplattformen:

Heutige Lernplattformen bilden gängige Schulstrukturen mit der Lehrperson als zentraler Schaltstelle ab, die automatisierten Tests adressieren meistens nur niedrige Kognitionsstufen und im Einsatz sind Lernplattformen wenig flexibel.

Web 2.0-Dienste bieten die einzelnen Dienste von Lernplattformen im Baukastensystem und modernem Erscheinungsbild an: Blogs, Wikis, Chats, Foren etc. lassen sich mit wenigen Mausklicks erstellen und in Form von sogenannten Mashups zu einer Web 2.0-Lernplattform zusammenfassen.

Auch diese These halte ich für sehr plausibel. Vor kurzem habe ich einen Vortrag an der universität Frankfurt am Main gehalten, in dem ich Moodle und seine Möglichkeiten für den Unterrichtseinsatz vorgestellt habe. Auch dabei ist die Sprache darauf gekommen, ob wir zukünftig noch mit solchen Plattformen arbeiten werden. Ich glaube kaum, dass Moodle & Co zukunftsweisend aufgestellt sind. Sie bieten zum derzeitigen Zeitpunkt eine Lösung für die Schulen, die die Potentiale des Web 2.0 erkannt haben aber zugleich auch vor den zu These 1 formulierten Problemen des Datenschutzes stehen. In dem Moment, wo es rechtlich problemlos möglich sein wird, die offenen Dienste des Web 2.0 auch mit Schülern uneingeschränkt nutzen zu können, verlieren die derzeitigen Lehr-/Lernplattformen ihre Daseinsberechtigung.

Ich sehe dies besonders deutlich beim Einsatz von lo-net2 an unserem Studienseminar, an dem ich für 2 Jahre Referendar bin. Wieso sollte ich dort Dateien einpflegen – wissentlich, dass ich nach diesen 2 Jahren die Institution verlasse und mir dann auch diese Plattform nicht mehr zur Verfügung steht und ich die Daten erneut in der nächsten Plattform einpflegen muss. Habe ich sie aber direkt in einer offenen Web 2.0-Anwendung abgelegt, stehen sie mir einerseits institutionsunabhängig zur Verfügung und ich kann sie zudem wechselnden Arbeits- oder Lerncommunities zur Verfügung stellen, was in den oft für Externe gesperrten institutionsspezifischen Plattformen nur sehr bedingt möglich ist und mit erheblichen Umständlichkeiten einhergeht.

Dahinter steht letztlich wieder die bekannte Forderung, Lern- und Lebenswelten enger zusammenzuführen und miteinander zu verbinden:

Jugendliche sind heute mit diesen Diensten aus ihrer Freizeit bereits bestens vertraut.

Investitionen in starre, oft proprietäre und zentralistisch ausgerichtete Lernplattformen sollten deshalb heute kritisch hinterfragt werden.

These 4: Notebooks in Schulen sind in fünft bis zehn Jahren Alltag ist genau eine zentrale Forderung der Initiative D21 und Kernaussage unseres Projekts, die Hartman ganz richtig formuliert:

Das Notebook der Zukunft wird eine Mischung aus heutigem iPhone und Notebook sein, leicht

und leistungsfähig, ein steter Begleiter von Schülerinnen und Schülern ab der Sekundarstufe.

Schulen ist deshalb empfohlen, nicht mehr in die aufwändige Infrastruktur von Computerräumen zu installieren.

Gefragt ist in Zukunft eine gute Vernetzung in den Schulzimmern und für einige Jahre auch noch Stromanschlüsse für die Schüler-Notebooks. Gefragt sind aber insbesondere didaktische und methodische Konzepte zur überzeugenden Nutzung der ICT-Werkzeuge im Unterricht.

Hier ist eigentlich jeder weitere Kommentar überflüssig. Viel besser kann man es kaum sagen. Kritikern, die hier gerne das Argument der Finanzierung anbringen, seien die zum Einen drastisch zurückgehenden Kosten vor Augen geführt: Ein NetBook für 100 Euro ist bei einer 3 jährigen Lebensdauer bei monatlichen Raten durchaus auch für weniger begüterte Familien denkbar. Zum Anderen können die in späteren Thesen angesprochenen Einsparungen durch eBooks im Rahmen einer Lernmittelfreiheit gut zur Unterstützung von NetBookkäufen genutzt werden.

Wie Hartman fordert, geht es vielmehr darum, sich sinnvolle Szenarien für den Einsatz dieser Geräte zu überlegen und didaktisch sowie methodisch zu fundieren. Denn traditionellen Unterricht in virtuellen Lernwelten 1:1 abbilden zu wollen – was bei einigen Lernplattformen oft den Anschein hat – würde die damit verbundenen Chancen als auch die Herausforderungen veränderter Gesellschafts- und Arbeitsweltbedingungen an Schule ad adsurdum führen.

These 5: Schulen ans Netz? In wenigen Jahren sind alle Schülerinnen und Schüler permanent im Netz

Praktisch alle Jugendlichen haben heute ungehindert im privaten Umfeld Zugang zum Internet, und statt den Internetzugang an den Schulen einzuschränken, sollte man im Rahmen einer medienpädagogischen Allgemeinbildung den verantwortungsbewussten Umgang mit dem Internet und seinen Angeboten thematisieren.

Genau dies ist die enorme Herausforderung, vor der Schule im Moment steht. Nicht die technische Ausstattung sollte in naher Zukunft im Fokus der Schule liegen, sondern die Hauptanstrengungen müssen in die Etablierung neuer Lern-/Lehrkulturen fließen, die die veränderten Rahmenbedingungen aus den sich wandelnden Lebenswelten der Schüler berücksichtigen. Wie Hartmann richtig erkennt, werden zunehmend wLAN-Netze und kostengünstige Datenpakete für Handys dafür sorgen, dass die Schüler nicht mehr vom Internet abgekoppelt werden können/sollten/müssen. Wie das erste Video des gestrigen You-Tube-Schmankerls richtig beschreibt, wird das Internet nicht durch die Wände der Schule aufgehalten, sondern diffundiert quasi wie durch eine permeable Membran hindurch. unsere Aufgabe ist nun, diese Membran nicht semipermeabel werden zu lassen, sondern auch aus der Schule heraus auf das Internet und seine Möglichkeiten zuzugreifen und damit einzuwirken. Denn Medienkompetenz entwickelt sich erst mit der aktiven Nutzung. und ganz entsprechend des Charakters des Mitmach-Webs können auch Lehrer das Internet mitgestalten. Denn dies ist sicher die entscheidende Sollbruchstelle zum Durchbruch: Erst wenn die Lehrer den eigenen Nutzen und Mehrwert erkennen, werden sie auch aktiv in die Nutzung mit und für die Schüler einsteigen.

These 6: Die Informationsbeschaffung wird sich nochmals massiv verändern

Nicht Fertigkeiten bei der Bedienung von Programmen ist gefragt, sondern Konzeptwissen, das an die Schülerinnen und Schüler weitergegeben werden kann. Und anstatt zu versuchen, mit technischen Lösungen («Plagiarism Finder Software») Plagiaten einen Riegel zu schieben, sollten

sich Schulen besser zeitgemässe Aufgabenstellungen überlegen, welche nicht einfach mittels Google & Copy & Paste bearbeitet werden können.

Kann man es besser formulieren? Ich bin etwas skeptisch, was die von Hartman beschriebenen Wandel in den Suchstrategien im Internet hin zu sozialen Netzwerken angeht. Dies wird sicher von zunehmender Bedeutung. Aber ob sich hierdurch spezifische Herausforderungen für Lernprozesse ergeben, wage ich zu bezweifeln. Vielmehr geht es um die im Zitat angedeuteten strukturellen Neuerungen, die Web 2.0-orientierte Lehrszenarien mit sich bringen.

Dies betrifft in letzter Konsequenz auch verbreitete Zentralprüfungen, die an den Schulen vermehrt zu Teaching-For-The-Test-Szenarien führen. Teilweise erschreckend sind da starre Festlegungen für einen Ritt durch die Oberstufe durch Fachkonferenzen mit festem und teilweise alleinigem Blick auf das Zentralabitur. Unter den von Hartmann erwarteten Entwicklungen erscheinen die an Haupt- und Realschulen schon seit längeren etablierten Präsentationsprüfungen in einem zukunftsweisenderen Licht. Zum Anderen ist es zunehmend absurd, technische Fertigkeiten oder Medienkompetenz in eigenen Unterrichtsfächern unterrichten zu wollen. Erst durch die permanente, dadurch alltägliche/selbstverständliche und last but not least kontextbezogene Integration der neuen Medien in die Lernprozesse der Schüler wird es möglich, Medienkompetenz nicht als reine Recherchekompetenz zu vermitteln. Kollaborative Arbeitsformen mit Web 2.0-Unterstützung erfordern eine extreme Öffnung des Unterrichts aber auch eine besondere Engführung an konkreten Inhalten und – dies wird die beschriebene Herausforderung sein – Zielen mit entsprechenden Aufgabenstellungen. Erst wenn der Lerner Mehrwerte, Lebensweltnähe und/oder soziale Einbettung seines Lernprozesses für sich selber erkennen kann, werden Social Networks, Wikis oder Blogs auch funktionieren und ihr großes Potential entfalten können. Denn Lernen funktioniert nunmal nicht in 45-Minuten-Portionen mit eindeutiger Fachzuweisung. Fächerübergreifendes, projektorientiertes und damit letztlich ganzheitliches Lernen kann durch die zunehmende always-online-Gesellschaft zu neuen Blüten geführt werden. Dies bedeutet aber, dem Lerner viel mehr Freiräume anzubieten, seinen Lernprozess mitzugestalten und auch mal Seitenwege zu betreten, anstatt ihn starr auf ein fertiges, für den Lerner nicht ersichtliches und dadurch oft mit Unsicherheiten und Ängsten verbundenes Fernziel à la “Zentralabitur” lotsen zu wollen. Zu diesen Punkten möchte ich auf einen Beitrag von Prof. Arnold zurück verweisen: Web 2.0 ist nicht alles, aber ohne Web 2.0 ist alles nichts.

These 7: In wenigen Jahren ist die Wikipedia allgemein akzeptiert

bei dieser These bin ich sehr skeptisch. Wer sich mal ernsthaft und intensiver mit den Löschdiskussionen in der Wikipedia und den hinter den Kulissen ablaufenden Diskussionen auseinandersetzt, wird feststellen, dass hier von der oft von außen wahrgenommenen Freiheit wenig übrig bleibt. Dies ist aber eine sehr weite Diskussion, zu der ich gerne auf die Erfahrungen von Thomas Bernhardt (inkl. der dortigen Kommentare) verweisen möchte.

These 8: Die Schule der Zukunft wird weniger textlastig sein

Die Schule muss die Stärken und die Schwächen der jeweiligen Medien aufzeigen: Wer die Bilder beherrscht, beherrscht die Köpfe! Filmkritik, auch von kleinen Filmchen auf YouTube, ist zwingend notwendig.

Hier wird in meinen Augen der visionäre Charakter der These wichtig. Denn im moment ist das Web 2.0 SEHR textlastig. Bei allen meinen Projekten in der Schule taucht genau diese Kritik in jeder Schülerevaluation auf: “Wir müssen so viel schreiben”. Natürlich stehen diverse medien wie Handy, MP3-Player oder skype und deren Pendants zur Verfügung. Doch deren Einsatz in Schule kann nur bei der in der vorherigen These angedeuteten Öffnung von Unterricht gelingen. Im Moment stehen wir bei Wikis, Blogs und eportfolios, die allesamt sehr textlastig sind. Hier habe ich selber noch keine zufriedenstellende Lösung gefunden und würde mich über Erfahrungsberichte freuen. in der theorie ist dies sicher einfacher als in der Praxis.

These 9: Gedruckte Lehrmittel sind zu teuer und werden durch elektronische abgelöst

Spätestens, wenn wirklich jeder Schüler ein dokumenten- (derzeit PDF-) taugliches Gerät zur Verfügung hat (egal ob das nun NetBook, iphone oder Kindle heißt), wird diese These kaum noch jemand in Frage stellen:

Der Preis eines einzelnen Buchs in digitaler Form beträgt nur rund die Hälfte der gedruckten Ausgabe. Rein aus finanziellen Gründen werden E-Books damit zum ernsthaften Konkurrenten gedruckter Bücher. Gerade für teure Lehrmittel dürfte in Zukunft kein Weg mehr an E-Books vorbei führen.

Ich kann den kurzen und prägnanten Artikel nur jedem zur Lektüre empfehlen. Und ebenso bin ich auf Kommentare und auch die Ergebnisse der Abstimmung gespannt. Besonders wertvoll werden die ersten 9 Thesen aber erst durch die 10. Denn diese zeigt nicht nur die Weitsicht des Autors sondern vor allem dessen richtigen Realismus und vielleicht auch Pragmatismus:

Lernen ist und bleibt ein anstrengender Prozess.

Nicht alle Schülerinnen und Schüler sind intrinsisch zum Lernen motiviert. Die Nutzung von Technologien im Unterricht ist ein Muss, aber entscheidend verändert haben Radio, Fernsehen, Computer und Internet die Schule auch nicht. Die Schule muss zwar mit der Zeit gehen, wird aber auch in Zukunft in erster Linie von Menschen geprägt und nicht von Technologien.

Es kann und darf nicht darum gehen, neue medien um ihrer selbst Willen in die Schulen zu bringen. Es bedarf permanenten Blicks, ob motivationale und kompetenzorientierte Mehrwerte damit einhergehen. Und da darf man auch weder Scheu haben, Neues auszuprobieren oder aber zu sagen, dass ich Einzelnes mit Traditionellem evtl. besser erreiche. Neue medien, das Web 2.0 und die damit einhergehenden Lernkulturen werden rasant voranschreiten und zunehmende Selbstverständlichkeit werden. Schule und Lehrer sind somit herausgefordert, die Öffnung von Schule mit Augenmaß aber auch mit Mut zu betreiben, um schließlich auch die letzte These bald Realität werden zu lassen:

Es geht alles viel schneller, als man denkt. Aber vieles bleibt auch beim Alten.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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