Deutsche Schule Helsinki – Vorzeige- oder Vorbildschule?

Kommentieren 27. February 2009

Eine deutsche Schule im Ausland steht ja immer vor zusätzlichen Herausforderungen, die eine Inlandsschule nicht zu bewältigen hat. Eine davon ist sicher der Spagat, einerseits wichtige Vorgaben und Grundlagen aus dem Heimatland zu bekommen, sich aber andererseits auch ins Gastland zu integrieren – letzteres nicht nur, um auch attraktiv genug für einheimische Schüler zu sein.

Von daher war (aus meiner persönlichen Praktikumserfahrung an anderen deutschen Auslandsschulen heraus) eine meiner Fragestellungen für unseren Besuch, ob die Deutsche Schule Helsinki (DSH) eher als Repräsentant des deutschen Schulsystems oder womöglich auf Grund ihrer Lage im Pisa-Siegerland zur Vorbildschule für uns anzusehen ist. Diese Fragestellung soll auch ein wenig diesem Blogbeitrag zu Grunde liegen.

Nun hatte meine Gruppe den Besuch der finnischen Schule vom Vortag im Rücken, der uns alle sehr beeindruckt hatte. Der Blick in die Gesichter der Anderen und die ersten flüchtigen Kommentare verrieten sehr schnell: wir sind an einer deutschen Schule.

Mit einem ersten Abstand, den ich bewusst zu diesem Beitrag gelassen habe, denke ich, dass sich dies auf einen wesentlichen Faktor zurückführen lässt, den ich bereits im letzten Post angedeutet habe: die Mentalität. Die Sichtweise auf Schule und Schüler, der Umgang miteinander und das Verhalten im Schulgebäude unterscheiden sich so deutlich, dass einem dieses evtl. psychologisierend wirkende Phänomen im direkten Vergleich – der sich nun sowohl zeitlich als auch räumlich unmittelbar ergab – doch spürbar bewusst wird.

Doch wenn man sich von diesem ersten Eindruck löst und den Blick – dem Schwerpunkt dieses Blogs getreu – auf den IT-Bereich legt, merkt man schon, dass der finnische Einfluss für den einen oder anderen Vorsprung gegenüber Inlandsschulen sorgt, der durchaus auch Vorbildcharakter hat:

  • Lern-/Lehrplattform: Wie die finnischen Schulen nutzt auch die DSH die online-Programme Wilma und Fronter. Der Einsatz wirkt nicht so etabliert bis virtuos wie beim vortägigen Besuch gesehen, aber die Plattformen scheinen zumindest in der Schulgemeinschaft bekannt und etabliert zu sein. Hinsichtlich der Nutzung(sintensität) hatte ich aber im Gespräch mit der Vertreterin der Fachgruppe Medien einige déjà-vu-Effekte, die mich stark an die Bedenken, Zweifel bis hin zu Ablehnungen in Deutschland erinnerte. Dennoch scheint die grundsätzliche Bereitschaft – wohl auch durch die unmittelbare Nähe und den zahlreich vorhandenen Austausch mit finnischen Partnerschulen – erkennbar positive Bestärkung zu erfahren. Fronter scheint in Finnland einen erkennbaren Einfluss zu haben, was den Einsatz der Lernplattform in Schulen angeht, dem sich auch die DSH nicht entzieht (entziehen kann?). Besonders interessant für mich waren die Versuche und ersten Ansätze, ein virtuelles Lehrerzimmer zu etablieren – mit ähnlichem Funktionsumfang, wie ich es mit Lezius angedacht habe. Als echtes Kommunikationsmedium (auch für und mit Schülern und Elter) wie an der Sotunki-Schule wird Fronter aber an der DSH (noch) nicht genutzt.
  • IT-Ausstattung: Auch hier zeigt sich die Unterstützung sowie der finnische Einfluss. In einigen Räumen befinden sich SmartBoards und Dokumentenkameras mit den dazu notwendigen Lehrerrechnern. Dies ist bei weitem nicht so flächen- bzw. raumdeckend der Fall wie an der finnischen Schule, aber dennoch mehr als an vielen inländischen Schulen, die sich teilweise über ein SmartBoard pro Schule – und dies womöglich auch nur als Leihgabe – freuen. Auch wenn der Einsatz noch nicht von jedem Kollegen realisierbar ist bzw. einige Kollegen hier mehr Sicherheit besitzen, wirkte die Vorstellung schon so, dass sich aus der zunehmenden Einarbeitung auch ein zunehmender Einsatz mit all den vielfältigen (durchaus auch kreativen) Einsatzgelegenheiten ergeben kann. Die Chancen, in dieser Hinsicht von den umliegenden, darin erfahreneren finnischen Schulen profitieren zu können, sind im heimatländischen Vergleich auf jeden Fall beneidenswert.

Damit wäre die DSH in Deutschland hinsichtlich dieser Punkte sicher eine weit vorne liegende Schule. Im finnischen Vergleich wirkt sowohl Etablierung als auch Umgang mit Geräten und Software-/Online-Lösungen aber eher rückständig. Dass dies durchaus auch mit dem eingangs festgehaltenen Mentalitätsphänomen einhergeht und bedingt wird, zeigt ein Zitat eines Kollegen während der Begrüßung und Vorstellung an der deutschen Schule:

Die finnischen Schüler sind übertechnisiert.

Da habe ich aufgehorcht: typisch deutsch(e Sichtweise)? Und wenn man doch feststellt, dass die Schüler in ihrer Freizeit offenbar ziemlich starke Affinität zu und Kompetenz im Umgang mit Technik zeigen, sollte man dies dann nicht eher aufgreifen und für den schulischen Lernprozess nutzbar zu machen versuchen, statt es als Negativkriterium zu beschreiben? An den finnischen Schulen scheint Ersteres genau der Fall zu sein. Die Nähe, die in der Schule zu den Lebenswelten der Lerner aufgebaut wird, zeigt sich in der engen Verzahnung von Schule und Freizeitgestaltung (z.B. nachmittägliche/abendliche Öffnung des Schulgebäudes inkl. Computerraum & Bibliothek, Vereine, AGs etc.), aber eben auch in dem Umgang und der Einbindung von technischen Voraussetzungen und Erwartungen bei den Schülern. Ich denke, in diesem feinen Unterschied in Sichtweise und Wahrnehmung ist in erster Ebene ein Unterscheidungsmerkmal zu sehen. Dass ich dies nicht aus diesen kurzen Schulbesuchen ableiten kann, versteht sich von selber, so dass ich froh bin, in der persönlichen Einschätzung des Schulleiters der DSH, die uns in einer gezeigten Präsentation erläutert wurde, eine Bestätigung dieser Beobachtungen zu finden:

Merkmale und Wahrnehmungen des finnischen Schulsystem:

allgemein:

  • Hoher Stellenwert der Bildung in der Gesellschaft
  • Hoher gesellschaftl. Konsens bzgl. peruskoulu (finnische Gesamtschule)
  • Vertrauen in die Leistung der Schulen – Evaluation

Lehrer:

  • Hohe gesellschaftliche Anerkennung der Lehrkräfte
  • Hoch qualifizierte und motivierte Lehrer (Selbstbild)
  • Positive Haltung gegenüber den Schülern und deren Arbeit
  • Weniger Nörgler, weniger Frustrierte, weniger “burn-outs”

Warum die finnischen Schüler so eine “gute Figur” machen…

  • Wertschätzende Kommunikation unter allen Beteiligten
  • Frühe Intervention – Prophylaxe
  • Systematischer Zugang – Schülerbetreuung
  • Unterstützung durch lehrer und zusätzliches Potential

Dies zeigt aber für mich ebenso, dass es nicht möglich sein wird oder gar sinnvoll wäre, einzelne Bestandteile oder Merkmale des finnischen Systems in das deutsche integrieren zu wollen, ohne dabei eben auf die angedeuteten Mentalitätsunterschiede Rücksicht zu nehmen.

Aber dies ist evtl. sinnvoller in einem weiteren Beitrag zu beschreiben. An dieser Stelle soll noch erwähnt werden, dass wir alle wieder gut zurück gekommen sind und am Montag mit vielen neuen Eindrücken das eine oder andere an unseren heimischen Schulen mit einem neuen Blick sehen werden. Und dies ist ja genau das, was die Initiative D21 mit dem Projekt bezwecken möchte.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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