Schüler meets Technik – finnische Schule zeigt, wie es auch sozial gehen kann

Kommentieren 25. February 2009

Haben wir eine finnische Schule gesehen? Haben wir finnische Lehrer gesehen? Haben wir finnische Schüler gesehen? Haben wir eine Mentalität erlebt? Oder ganz schlicht: Was war das heute eigentlich?

Tag 2: Zusammen mit den anderen Teilnehmern aus unseren Referendarsworkshopsiegerteams habe ich heute die Sotunki Upper Secondary School in Vantaa besucht. Wir wurden nicht nur sehr feundlich begrüßt und aufgenommen sondern auch mit einer Flut von Eindrücken konfrontiert, die es mit schwer machen, sie hier in einem kurzen abendlichen Post zu bündeln. Von daher an dieser Stelle einige erste, spontane Wahrnehmungen, die sich der Einfachheit halber am Tagesablauf orientieren (aso nicht inhaltlich) und sicher später vertieft werden müssen:

  • The use of IT in teaching: Zu Beginn wurden wir von einem Lehrer (mit einem IT-Schwerpunkt, aber nicht im Sinne des in Deutschland typischen Medienbeauftragten) in die grundlegende Situation der IT-Implementierung in den Lehrprozess eingeführt. Dabei wird die Schule von einem externen, städtischen Servicedienst unterstützt, der sämtlichen technischen Support von der bereitstellung von E-Mail-Adressen bis hin zur Installation vor Ort übernimmt. Dies umfasst auch die für jeden Klassenraum standardisiert vorhandene Ausstattung mit Beamer, Dokumentenkamera, DVD&VHS-Player, Computer für den Lehrer, Internetzugang in jedem Raum und Drucker. Wie das aussieht vermag folgendes Bild verdeutlichen:

  • Lern-/Lehrplattformen: An der finnischen Schule und dies auch an den meisten anderen, werden mehrere Systeme kombiniert. Das eine ist das so genannte “Wilma” (scheint ein eigenes System zu sein, muss ich recherchieren), welches es erlaubt, online An-/Abwesenheitslisten zu führen, Noten zu geben und Mitteilungen zu versenden. Mit unterschiedlichen Rechten haben Lehrer, Schüler und Eltern Zugriff, so dass unser Klassenbuch dort nur digital und zudem multipersonal einseh- und ergänzbar funktioniert. Zusätzlich wird Fronter eingesetzt, um Materialien und kollaborative Prozesse bereitzustellen und zu begleiten. Damit stehen den Lehrern sowohl vor Ort als auch im virtuellen Raum Arbeitsbedingungen zur Verfügung, die nicht nur funktionieren, sondern so aufeinander ab- und eingestimmt sind, dass es bei mir zu schlichtem staunen geführt hat, mit welcher Selbstverständlichkeit und vor allem Tempo zwischen den Medien innerhalb einer Stunde gewechselt wird.
  • SmartBoard: In mehreren Klassen werden SmartBoards eingesetzt und der Einsatz im Matheunterricht, den wir beobachtet haben, wirkte nicht nur souverän, sondern vor allem sehr einfach und arbeitserleichternd. So wurden Formeln/Gleichungen einfach kopiert, mit wenigen Klicks Bilder und Graphen eingefügt und animiert und korrigiert ohne besonderen Aufwand. Auch der Bericht der Lehrerin über die eigenständige Aneignung und die umfangreichen Einsatzmöglichkeiten haben mir endgültigt verdeutlicht, dass das Ende der Kreidezeit in Finnland bereits massiv eingeläutet wurde.
  • Video-recorded lessons: Ein Kollege stellte uns seine mit einer einfachen Handykamera und einem Stativ – also mit einfachsten mittel – erstellten Aufzeichnungen seines Unterrichts vor, die er den Schülern zur Nachbereitung des Unterrichts bzw. Vorbereitung auf Klausuren online zur Verfügung stellt. Diese Aufzeichnungen ergänzt er mit commencraft-style ähnlichen Kurzfilmen zu speziellen Themen, in denen er quasi gerafft die entwiklung seiner Tafelbilder im Biologieunterricht nachvollzieht.
Doch dies sind lediglich die rein technischen Apekte, auf denen ein gewisser Schwerpunkt unseres Besuchs lag. Doch man hat sowohl in den Gesprächen mit Schulleitung und Kollegen sehr schnell gemerkt, dass dies nur die Spitze eines Gesamtbildes ist, weches sich sehr rasch bei allen von uns Besuchern einstellte. Das gesamte Klima und soziale Miteinander ist von wesentlichen Grundlagen geprägt, die so selbstverständlich klingen mögen aber dennoch so oft in deutschen Schulen fehlen. Die wohl wichtigste Säule ist dabei mit Sicherheit das enorme und immer wieder betonte Vertrauen, weches seitens der Lehrer in die Schüler gesetzt wird. Während des gesamten Tages, haben wir keine Situation des Tadels, der Zurechtweisung oder ähnlicher, oft scheinbar alltäglicher Schulprobleme beobachten können. Die Schüler scheinen die hohe Wertschätzung durch die Lehrer anzunehmen und aus der damit einhergehenden Verantwortung nicht nur für den eigenen Lernprozess sondern für ihren eigenen Beitrag zu einem harmonischen, schulischen Miteinander zu akzeptieren. Dies spiegelt sich in einer auffälligen Sauberkeit im ganzen Gebäude, einem sehr sorgsamen Umgang mit Einrichtung in den offenen Lern- und Aufenthaltsräumen bis hin zu dem bemerkenswert geringen Lärmpegel selbst in Phasen des Raumwechsels wieder. Nahezu alle Räume (inkl. des offenen Computerraums) sind meistens offen zugänglich, was angesichts der genannten Ausstattung der Räume ebenfalls wieder auf das hohe vertrauen und dessen offenbare Belohnung durch die Schüler hinweist.
Einer von mehreren offenen Lern-/Aufenthaltsräumen; links Zugang zum offenen Computerraum (ca. 100 frei zugägliche Rechner; schulweite Quote: ca. 4 Schüler auf einen Rechner):
Hinsichtlich des konkreten Unterrichts fielen die vielen und auch oft langen Phasen des Frontalunterrichts auf. Dies mag nun nicht repräsentativ sein, da man ja versuchte, uns schwerpunktmäßig die Einsätze verschiedener, technischer medien zu präsentieren. Aber die Abwesenheit der vor allem im Referendariat so oft geforderten Phasenwechsel, Sozialformwechsel und womöglich zu erwartenen offenen Unterrichtsformen erstaunte auch einige andere unserer Teilnehmer.
Auch angesichts der Tatsache, dass ich nun nicht den ganzen Abend mit Bloggen verbringen möchte, wenn ich in Helsinki bin, sei nochmals erwähnt, dass dies lediglich meine allerersten, sehr spontanen Ideen, Wahrnehmungen und Eindrücke zum Schulbesuch an diesem zweiten Tag waren. Vor allem letztere waren so vielfältig, dass ich sicher noch einige Monate über diesen beeindruckenden Schulbesuch nachdenken und bestimmt auch hier und da im Blog wieder darauf verweisen werde. Sehr faszinierend!
Der Nachmittag bestand schließlich aus der Erkundung des Helsinkier Stadtkerns mit Strassenbahn und per pedes (hier ist alles fußläufig erreichbar. Und wie erwartet, war die Wahrnehmung der stadt bei Tageslicht gleich viel positiver als in der gestrigen Dunkelheit. Ein für mich spannender und ausgefüllter Tag mit vielen tollen Erfahrungen. Ich hoffe, es geht morgen so weiter.
Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.
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