Web 2.0 ganz romantisch

Kommentieren 20. February 2009

Mit etwas Verzögerung nun das zweite Beispiel gelungener Web 2.0-Integration in den Unterricht. Oft findet man ja im Internet einzelne Ergebnisse, gezielte Präsentationen oder eben eine abschließende Projektseite zu einem Schülervorhaben. In München hat aber Kaya Presser als Referendarin mit ihren Schülern eine gesamte Unterrichtseinheit mit Web 2.0-Technologie begleitet und dabei eines der für mich schönsten Ergebnisse erzielt, die es in den letzten Monaten zum Thema “Web 2.0 im Unterricht” zu bestaunen gab.

Romantische Schule

Projekt eines gk 12 zur Epoche der Romantik

Zum Themenschwerpunkt “Romantik” hat sie im Deutschunterricht einen Blog aufgesetzt, der die Unterrichtseinheit fortlaufend begleitet hat. Dabei fallen einige Dinge auf, die in dieser Form sehr gut funktioniert haben und als Anschauung für ähnliche Projekte dienen können:

  1. Öffentlichkeit: Der Blog war über den gesamten Zeitraum öffentlich zugänglich. Und über die lebendige Blogosphere sowie Netzwerke wie twitter wurden auch schnell externe Schüler, Lehrer und Interessierte darauf aufmerksam. Zudem wurde das Ganze noch entsprechend positiv in der TAZ beleuchtet, was die Schüler – wie in manchen dortigen Kommentaren zu sehen – durchaus beeindruckt und vielleicht sogar noch angespornt hat.
  2. Schutz der Schüler: Bei einer solchen Öffnung des Internets für die ganze Welt wird oft der mahnende Zeigefinger gehoben, man würde die Schüler vorführen, ihnen Zukunftschancen verbauen, wenn ihre Ergebnisse ungeschützt auch Jahre später einsehbar seien. Kaya Presser hat hier einen sehr eleganten und auch hier im Blog bereits als mögliche Zwischenlösung zwischen geschlossenen Räumen wie in Moodle und offenen Blog- oder Wikiprojekten besprochenen Weg gefunden: Sie hat den Schülern Pseudonyme zugewiesen. Doch im Gegensatz zu den oft fantastischen Nicknames, die einem im Internet begegnen, ist es auch hier gelungen, eine möglichst enge Bindung an das Thema beizubehalten. So tauchten auf einmal Beiträge von E.T.A. Hoffmann, Sophie Mereau und Friedrich Schlegel auf, hinter denen sich jeweils einzelne Schüler verbargen. Hier wurde das Daten- und Persönlichkeitsschutzproblem, dass jedem begegnen wird, der mit Schülern im Web 2.0 arbeiten möchte, ausgesprochen schön gelöst.
  3. Web 2.0 als Unterrichtsbegleitung: Die Arbeit im Blog fand nicht im Klassenraum statt, sondern begleitete den Unterricht – quasi als moderne Hausaufgabe. Immer wieder wird in einzelnen Blogbeiträgen auf Themen oder Diskussionen verwiesen, die zuvor im regulären Präsenzunterricht gelaufen sind und die nun mit Hilfe des Blogs aufgegriffen und fortgeführt/intensiviert werden können. Und auch in den Schülerbeiträgen finden sich immer wieder Referenzen auf den vormittäglichen Schulunterricht, was zeigt, wie gut sich dieses Medium zur nachträglichen Reflexion eignet. Des weiteren wird deutlich, wie einfach ein solcher Blog zu handhaben ist und die Schüler keineswegs vor übermäßige Herausforderungen stellt.
  4. Lehrer bloggt, Schüler kommentieren: Aus zeitlichen und organisatorischen Gründen verlief das Projekt hinsichtlich der Redaktion des Blogs in besonderer Form. Denn nicht die Schüler selber übernahmen das Bloggen an sich, sondern Kaya Presser stellte die Posts mit Schülerergebnissen oder Arbeitsaufträgen ein und die Schüler traten als Kommentatoren bzw. Autoren hinter den Beiträgen auf. Dies ist – wie gesagt – aus den besonderen Umständen, in denen das Projekt realisiert wurde geschuldet, verdeutlicht aber eine Möglichkeit, Schüler an das Bloggen heranzuführen. Dadurch, dass sie nicht sofort die volle Verantwortung schultern und nicht alleinig verantwortlich sind für das Fortbestehen des Blogs, können sie das System kennenlernen und so herangeführt werden. Dies sollte sicher keine Dauerlösung bleiben, bietet sich aber für Einstiege und erste Kurzprojekte sicher an. Und wenn ich das richtig gesehen habe, konnte dadurch auch der ein oder andere Schüler begeistert werden, einen eigenen Blog aufzusetzen und dort weiter zu experimentieren.
  5. Thematische Engführung: Immer wieder finden sich ähnliche Ansätze, die aber meistens eher in die Richtung gehen, einen Klassenblog zu führen, der gewissermaßen als öffentliche Klassenzeitung daherkommt. Dies soll keineswegs kritisiert werden, grenzt sich aber schon von dem thematisch sehr zugespitzten Blog des Münchner Deutschkurses ab. Hier ist es gelungen, eine komplette Unterrichtseinheit zu einem gewissen Grad im Unterricht wiederzuspiegeln und eben nicht nur zu dokumentieren, sondern in den Unterricht selber zu integrieren. Dies zeigt und spiegelt sich für mich auch sehr gelungen in den kreativen Schülerergebnissen wieder, wie stark eine solche, zusätzliche Reflexions- und Diskussionsplattform Schüler aktiviert und animiert, ihren Lernprozess über den Unterricht hinaus zu intensivieren. Die klassische Blog-Klassenzeitung ist sicher eine schöne Dokumentation oder Präsentation von Ergebnissen oder Projekten, richtiges Lernen findet aber wohl erst bei thematischer Engführung und Rückkoppelung an den jeweiligen Unterrichtsinhalt statt – sowohl durch den Lehrer als auch durch die Schüler selber.
  6. Anywhere and anytime: Schule findet in einem solchen Fall eben zeitlich und räumlich nicht mehr nur alleine in der Schule statt. Und wer sich die Uhrzeiten ansieht, zu denen die Schüler ihre Kommentare geschrieben haben, wird genau das wiederfinden, was auch mir in meinen Projekten aufgefallen ist: Lernen findet nicht nur zwischen 8 und 14 Uhr statt. Im Gegenteil scheinen die Shüler – sobald sie Gelegenheit dazu bekommen – die Chance, ihren Lern- und Arbeitsprozess zeitlich mitgestalten zu können, gerne Gebrauch davon zu machen.

Sicher lassen sich noch weitere interessante Punkte an diesem sehr ansprechenden Beispiel finden. Von daher möchte ich den Lesern dieses Blogs, die mit dem Gedanken spielen, Unterricht oder Projekte mit einem Blog zu begleiten, sehr empfehlen, sich das Good-Practice-Beispiel des Deutschkurses von Kaya Presser einmal anzuschauen.

Ich habe den Blog über dessen Verlauf sehr gerne verfolgt und gelesen und möchte an dieser Stelle den beteiligten Schülern und Kaya ganz herzlich zu diesem gelungenen und sicher auch mutigen Projekt gratulieren. Sicher hat es nicht nur ihnen Spaß gemacht sondern auch vielen externen Lesern. Ich habe jedenfalls viele Anregungen und Ideen bekommen.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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