Mit dem Netbook auf Schatzsuche

Kommentieren 18. February 2009

Nils van den Boom ist dem treuen Leser dieses Blogs inzwischen sicher hier und da über den Weg gelaufen. Doch auch über Handelsblatt und WDR hat der frisch gebackene Lehrer auf sich aufmerksam gemacht:

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Damit ist ein ein sehr schöner Start in den dieswöchigen Themenschwerpunkt “Good-Practice-Beispiele”. Denn auch mir hat Nils ein paar Fragen beantwortet, die vielleicht dem einen oder anderen Leser helfen, eigene Ideen an dieses Beispiel für seine eigene Schule zu knüpfen.

Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums in Bonn, 7. Klasse, Mathematikunterricht, Thema Geometrie – so klingen die nackten Fakten. Netbooks, Geogebra als Lern- bzw. Vermessungssoftware und der Schulhof als Klassenzimmer – so klingen die Innovationen. Beides zusammen bildet schließlich eine Doppelstunde Mathematik, in der Schüler in einer regulären Doppelstunde den Einsatz neuer Medien nicht nur erlebt, sondern – wie im letzten Post angedeutet – auch unmittelbar mit dem aktuellen Lernstoff verknüpft haben. Der WDR-Beitrag zeichnet ein gutes Bild dessen, was Nils initiiert hat. Für den Schwerpunkt in diesem Blog habe ich daher meine Fragen an Nils mehr aus der Lehrerperspektive gerichtet, um ein wenig genauer hinter die Kulissen schauen zu können.

Bereits seine Antwort auf die Frage nach seinem Aufwand macht Mut und zeigt, dass es sich nicht um Hexerei eines Technikfreaks handelt, sondern die Vorbereitung durchaus im Rahmen einer regulären Stundenplanung zu realisieren ist:

Nicht so aufwendig (gemeint: die Vorbereitung). Im Prinzip musste ich auf die Rechner lediglich eine vorbereitete Geogebra-Datei kopieren (mit dem Schulgeäude als Hintergrund). Außerdem musste ich natürlich vorher die “Schätze” auf dem Schulhof verstecken und mir die Aufgaben ausdenken. Aber das war eigentlich auch nicht mehr Aufwand als für eine normale Doppelstunde.

Zu differenzieren ist dabei – so meine eigene Erfahrung mit dem Einsatz von Laptops in meinen Lerngruppen – aber sicher zwischen Erstvorbereitung und Folgenutzen. Denn die Rechner erstmals zu prüfen und die notwendige Software oder Internetverbindung sicherzustellen, braucht durchaus eine einmalige Zeit der intensiveren Beschäftigung mit der meist neuen Gerätschaft. Dafür zehrt man allerdings in den Folgestunden von einem zunehmend minimierten Vorbereitungsbedarf. und – so war es in meinen Lerngruppen – es finden sich ohne viel Mühe (gerade in dieser Alterstufe) problemlos Schüler, die nicht nur gerne bei Auf- und Abbau helfen, sondern durchaus auch das eine oder andere technische Problem in der Pause reparieren. Solche Phänomene bestätigt auch Nils mit Blick auf sein Projekt:

Wir hatten die Netbooks bereits 1,5 Wochen (5 Stunden) im Einsatz. Es gab keine großen Probleme. Einzig das Touchpad fanden einige nicht so gut. Sie haben sich dann eine Maus mitgebracht. Eine Schülerin hat sogar ihr privates Netbook mitgebracht und hat damit gearbeitet.

Doch nicht nur die Schüler bekommen die Möglichkeit, Unterricht anders zu erfahren und ihre Rolle neu zu finden. Auch für den Lehrer treten wesentliche Veränderungen seiner Position in und gegenüber der Lerngruppe ein, die Nils folgendermaßen beschreibt:

Das sieht man glaube ich im Video ganz gut: Ich habe am Anfang eine kurze Einführung gemacht und dann lief das ganze fast von selbst. Auf dem Schulhof stand ich als Berater zur Verfügung – die meisten Gruppen haben das aber alleine hinbekommen.

Der grobe Ablauf:

1) Einführung durch Lehrer

2) Schüler konstruieren auf Netbooks den gesuchten Punkt (sind dazu auf den Schulhof gegangen)

3) Schüler gehen zum gefundenen Punkt auf dem Schulhof und finden den Zettel

4) Aufgabe auf dem Zettel (zur Prozentrechnung – vorheriges Thema) wurde durch Schüler gelöst

5) Ergebnis wurde im Klassenraum in Lehrer-PC eingegeben, bei richtiger Lösung durfte die Schatztruhe geöffnet werden.

Nicht nur, dass dieses Szenario während des Unterrichts für den Lehrer eine wesentliche Entspannung seiner sonst notwendigen und womöglich über weite Unterrichtsphasen alleinigen Präsenz in der Lerngruppe bedeutet, das beschriebene Beratertum erlaubt darüber hinaus einen intensiveren und schülerorientierteren Kontakt zu den Lernern. In dem beschriebenen Unterrichtsverlauf taucht der Lehrer nur einmal kurz zu Stundenbeginn in der bekannten, “traditionellen” Lehrerolle als Instruktor auf, während die Schritte 2-5 von den Schülern eigenständig zu bewältigen sind (und auch bewältigt werden können).

Die Schülermotivation beschreibt Nils als hoch, auch wenn in seinem Statement doch noch das Momentum des “Neuen” mit seinen sicher einhergehenden Begeisterungsauslösern mitschwingt:

Wunderbar. Allen hat es großen Spaß gemacht und sie haben konzentriert gearbeitet. Die Szene, in der die Schüler im Fernsehbeitrag “Quatsch machen” hat sich übrigens während der großen Pause abgespielt – es sind nämlich fast alle Schüler freiwillig (und ohne dass ich das wusste) im Klassenraum geblieben, um weiter an den Aufgaben zu arbeiten.

Insbesondere die Erfahrung im Mathematikunterricht auch einmal aufzustehen und rauszugehen, ist für die Schüler etwas Neues.

Einen interessanten Aspekt, der sich speziell auf den Einsatz der Netbooks bezieht, bringt aber neben Nils auch der betreuende Partner von lehrer-online Herr Heinen im Gespräch mit dem Handelsblatt ein, wenn er richtig betont, dass die Technik eben kein Selbstzweck sei, sondern mit den richtigen Lerninhalten aber auch der grundlegenden Unterrichtsstruktur in Einklang stehen muss:

Eine Stunde im Computerraum – das ist so, als würde ich die Schüler eine Stunde lang einzig und allein mit dem Bleistift arbeiten lassen. Es geht darum, den Rechner als normales Werkzeug zu begreifen, wie einen Schreibblock, ein Schulbuch, einen Zirkel. Man nimmt ihn zur Hand, wenn man ihn braucht, und legt ihn wieder weg, wenn man ihn nicht braucht.

Im Sinne der Initiative D21 ist dabei auch die im Handelsblattartikel angestellte Rechnung zum zunehmend geringeren und enorm schrumpfenden finanziellen Aufwand, der sich für eine Schule hinsichtlich der Anschaffung solcher Geräte ergibt. Aber – und hier bestätigt Nils indirekt nicht nur eine bereits öfters hier im Blog geäußerte Entwicklung und von der Initiative D21 ebenfalls beobachtete und begrüßte Entwicklung – es wird zukünftig wahrscheinlich nicht mehr die alleinige Aufgabe der Schule sein, die notwendige, technische Ausstattung zur Verfügung zu stellen. Sondern im Zuge der weiteren Entwicklung und der mit dem Medieneinsatz häufig auch verbundenen Intention, Lebens- und Lernwelten enger zu verbinden, werden private Geräte der Schüler statt wie derzeit oft noch generell verboten bald zu akzeptierten Arbeitsmaterialien der Schüler werden.

Ich denke, Nils van den Boom ist hier ein Schmankerl gelungen, welches durch Wiederholung und (so die Intention auch meines Berichts darüber) Verbreitung sicherlich kein solches bleiben wird und welches zeigt, wie einfach oft die Integration von neuen Technologien und Medien in den Unterricht sein kann. Zwar hatte er in Form der Leihgabe der Netbooks eine gewisse Unterstützung, die wesentliche Arbeit der Verknüpfung von Lerninhalt, Methode und Sozialform hat er ohne Vorbilder bewältigt und ist damit aber bestimmt zu einem solchen für den einen oder anderen Kollegen geworden. Da verwundern auch kaum sein eigenes, positives Fazit – neben dem der Schüler im WDR-Beitrag – sowie bereits neue Ideen zur Erweiterung/Verbesserung:

Insbesondere die Nutzung des Geomtrietools im normalen Klassenraum bringt einen enormen Vorteil gegenüber der Benutzung des PC-Raumes.

Ich würde das Projekt definitiv wiederholen. Ich hätte schon eine Idee für einen neuen Einsatz: Vermessung des Schulgebäudes mit Theodolit und Netbook.

Man muss aber auch immer sehen, dass man im Prinzip auch ohne die Rechner solche Projekte durchführen könnte. Allerdings geht es mit den Netbooks schneller und es kann mehr probiert/entdeckt werden. Besonders das entdeckende Lernen wird auf diese Weise ermöglicht.

Besten Dank an Nils für die tolle Idee und das Interview für den D21-Projektblog.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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