Web 2.0 braucht Inhalte (Auftakt zur Good-Practice-Woche)

Kommentieren 16. February 2009

Immer öfter passiert es mir in letzter Zeit (und dies ist mir in meiner Blogpause bei Besuchen verschiedener Schulen verstärkt aufgefallen) dass ich feststelle, dass “vor Ort” also in der Praxis neue Medien und das Web 2.0 durchaus in den Blick genommen werden. Sie haben es noch nicht in den Unterricht geschafft, werden aber von vielen Kollegen als “the next big thing” registriert.

Als ich eben über diese beiden Videos gestolpert bin (via Martin Ebner), ist mir aufgegangen, woran es evtl. liegen könnte, dass wir auf eben dieser Stufe derzeit hängen bleiben. Zuerst die wirklich sehenswerten Videos, dann meine These und Idee:

Die Videos nehmen viele, wichtige Stichpunkte auf:

  • neue Lehrerrolle: “From sage on the stage to become the guide on the side”
  • Nähe zu Schülers Lebenswelten
  • Erweiterung des “Publikums” für Schülerprodukte
  • die Lehrer müssen selber vom Umgang mit dem Web 2.0 überzeugt sein
  • Unterricht neu denken; traditionelle Unterrichtsformen/-methoden können nicht 1:1 in Web 2.0-Lernumgebungen übertragen werden
  • Aktivierung passiver Schüler durch interaktiven & kollaborativen Medien-/Technologieeinsatz
  • usw. (siehe Videos)

Was aber häufig und auch den obigen Videos wie eine Geheimformel über allem steht, ist die angebliche Motivation der Schüler. Da werden tolle, durchgestylte Werbefilme gezeigt, da werden designte Produkte und Webseiten vorgeführt und versucht, den Lehrern damit zu suggerieren, dass sobald sie ihre Schüler auch nur in die Nähe eines solchen Geräts oder Dienstes führen, sich deren Motivation explosionsartig und exponentiell steigern würde. Quasi wie ein Schalter oder Knopfdruck wird dieser Effekt beschrieben, was im ersten Video sogar direkt visualisiert und an der selben Stelle auch mit dem entsprechenden Text unterlegt wird:

I found that kids, that are normally sitting down doing very little in the classroom, very hard to motivate, you put them in front of a computer and of sudden they are in there.

Aber – und ich halte es für gefährlich, diese Illusion zu bestärken – so funktioniert es in meinen Augen nicht. Natürlich haben wir enorme Motivationsschübe in den ersten Stunden nach der Einführung der auch in diesem Blog “angepriesenen” Medien. Doch Schüler merken durchaus, dass es nicht auf “Spielstunden” hinauslaufen wird und stellen fest, dass man diese neuen Technologien auch zum Arbeiten und Lernen (was zu einem gewissen Grad auch immer Arbeit sein wird) genutzt werden können. Das führt dann nicht zu sofortigen Motivationseinbrüchen, schmälert aber durchaus die anfängliche Motivation, welche – so meine Beobachtung – aber trotzdem weiterhin bei vielen Schülern auch nach einiger Zeit merklich höher ist, als in traditionellen Unterrichtssettings. Wird das aber auch noch gelten, wenn ich nicht mehr der einzige Lehrer in der Lerngruppe sein werde, der mit Hilfe dieser Medien Unterricht gestaltet?

Ich möchte hier nun nicht umschwenken und vor dem Einsatz neuer Medien warnen – ganz und gar nicht. Es wäre allerdings fatal, nur auf diese anfänglichen Motivationsschübe zu setzen und Lehrern einen solchen Eindrücke zu vermitteln. Was für mich aus meiner eigenen, zugegeben kurzen Erfahrung das viel Entscheidenere ist, sind die Inhalte. Ein Wiki ist nicht gleich ein Wiki – es gibt solche, die exzellent laufen und andere, die schon bei der Vorstellung/Einführung im Unterricht durch die Schülerblicke “gestorben” sind. Für mich sind inzwischen zwei Dinge die bedeutensten (nicht alleinigen!) Faktoren für einen gelungenen oder zumindest praktikablen Einsatz von Web 2.0-Technologien im Unterricht:

  • gute Einbettung ins Gesamtsetting: Es geht nicht darum, die Schüler – wie im obigen Zitat (und den darauf folgenden Äußerungen des Kollegen) vor den Rechner zu setzen, ihnen ein Suchwort an den Kopf zu werfen und sie Recherchieren zu lassen. der Einsatz des Internets muss sowohl quantitativ als auch qualitativ in die Unterrichtseinheit und die einzelne Stunde eingebettet werden. Das bedeutet, dass sowohl mir als Lehrer aber auch den Schülern bewusst wird, dass genau dieses Tool, genau dieses medium und genau dieses gerät (Computer, MP3-Player, Handy usw.) an dieser Stelle das genau passende für die gemeinsame Herausforderung ist, die sich – wichtig! – aus dem lernstoff bzw. dem Lerninhalt ergibt.
  • “spannende” Themen: Die gilt für “normalen” Unterricht genauso wie für Web 2.0-unterstützten Unterricht. Wenn das Thema oder deren Aufbereitung für und Einführung in den Unterricht die Schüler motivational und kognitiv (hinsichtlich dessen Komplexität und Niveau) nicht erreicht, kann dies auch nicht durch den “Zauberstab” Web 2.0-Einsatz ausgebügelt werden.

Aus diesem Grund möchte ich diese Woche zur “Good-Practice-Woche” hier im Blog erklären und einige Beispiele von Web 2.0-Einsätzen im Unterricht vorstellen, die in jüngster Zeit an Schulen von engagierten Kollegen durchgeführt wurden und genau die von mir eben einführend für diese “Serie” genannten Punkte vorbildlich umsetzen. Ich hoffe, dieses Vorhaben klappt und ich würde mich ebenso freuen und dazu einladen, wenn/dass sich auf dieses Post weitere Lehrer und Pädagogen melden, die an ihrer Schule ebenfalls gute Erfahrungen mit gezielten projekten oder Web 2.0-Einsätzen gesammelt haben, die sie hier kurz vorstellen (oder vorstellen lassen) wollen.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

P.S. Natürlich werden aber – nach der recht theoretischen Wiederaufnahme des Blogs – auch weiterhin ein paar konkrete Tools für den Unterricht vorgestellt.

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