Weiche Faktoren des Web 2.0

Kommentieren 14. February 2009

Vernetztes Lernen bietet im Kontext des Web 2.0 bislang nur von wenigen genutzte Möglichkeiten des Lernens, die Bildungsprozesse insgesamt offener zugänglich (demokratischer) gestalten. Hierbei helfen oft monolithische Lernumgebungen im Internet nur begrenzt weiter. Weit mehr Möglichkeiten bietet die Vernetzung auf unterschiedlichen Kanälen im Kontext des Web 2.0. Einzige Voraussetzung: Der Lernende muss bereit sein, vom Wissenskonsumenten zum Wissenskonstrukteur zu werden und selbst aktiver Teil solcher Netzwerke werden.

So schreibt Herr Larbig im Resume seines jüngsten Beitrags “Vernetzt – Lernen im Web 2.0“. Der Grundtenor ist, dass E-Learning-Plattformen wie z.B. Moodle nicht die vollen Möglichkeiten des Web 2.0 nutzen und nicht zu den gewünschten “Ergebnissen” bei den Schülern führen: Kollaboration, Vernetzung, kritischer Umgang mit dem Internet. Markant und bezeichnend finde ich dabei folgende, richtige Feststellung:

Das Internet hat (nach wie vor nur von wenigen genutzte) Potentiale, das Lernen zu vertiefen, den Horizont produktiv zu erweitern und so eine wesentlich wichtigere Rolle für lebenslange Lernprozesse zu spielen. Einzige Voraussetzung hierfür ist, dass sich die Beteiligten aus einer Konsumhaltung heraus bewegen und endlich den Mut fassen, sich selbst an Wissenskonstruktionsprozessen zu beteiligen, selbst Beiträge zur Diskussion zu stellen und produktiv und konstruktiv in Diskussionen einzubringen.

Allerdings stellt sich mir zunehmend – auch aus meinen eigenen Erfahrungen mit Moodle im Unterricht – die Frage, ob wir mit der inzwischen mehrfach zu beobachtenden Tendenz, E-Learning-Plattformen gegenüber den “freien” Web 2.0 -Diensten als eingeschränkt oder nicht “echtes” Web 2.0 abzuurteilen, Probleme hin- und herschieben (siehe dazu eine sich entwickelnde Diskussion hier, hier und hier). Aus unangenehmen Beobachtung oder Erfahrung von Misserfolgen ist es im  Umgang mit digitalen Medien oft zu beobachten, dass das Medium (zu) schnell als unpassend abgestempelt wird und man zum nächsten weitergeht.

Offenbaren wir damit nicht auch ein Stück weit unsere eigene Unerfahrenheit und versuchen sie mit immer Neuem zu kaschieren?

Moodle ist keine Wundertüte, es ersetzt sicher auch keinen Präsenzunterricht und vermag unter den Schülern keine Begeistungsstürme hervorzurufen. Unter den Kollegen natürlich auch nicht.

Markus Märkl (Kommentar #10)

Und das sollte man auch nicht erwarten. Denn Lernen bedeutet nun einmal Arbeit. Und sobald Schüler und Lehrer (für mich eigentlich auch nur “große Schüler”) dies merken, ist es selbstverständlich, dass die ursprüngliche Euphorie oder Erwartungshaltung einer Form der Ernüchterung oder Enttäuschung weicht. Das wird uns aber immer so gehen. Und das wird sich auch bei öffentlichen Blogs, frei zugänglichen Wikis und weltweiten Foren so gehen. Ist das aber ein Grund, die ausprobierten Medien(-teile) beiseite zu schieben und sich – der permanenten Aufrechterhaltung des “Flows” oder “Drives” zuliebe – dem nächsten Tool zuzuwenden? Oder sollten wir nicht auch einmal innehalten und schauen, ob wir nicht womöglich mit kleinen Veränderungen bei und an uns selber (und eben nicht sofort am Tool) zu den gewünschten Erfolgen finden?

Für meine Examensarbeit im letzten Semester habe ich mich bereits sehr früh auf Moodle festgelegt. Im Vorfeld meiner Unterrichtsreihe war es somit unbedingt erforderlich, die Schüler mit dieser Plattform vertraut zu machen, um in der Examensreihe selber nicht zu viel Zeit und Mühe aufwenden zu müssen, die Plattform selber erklären und den Umgang damit einüben zu müssen. Ebenso galt es für mich selber herauszufinden, welche mir dort gegebenen Möglichkeiten für meine Ziele nutzbar und effektiv erscheinen oder wie diese erweitert werden könnten. Dabei begegnete mir auch sehr schnell das sich aus der aus rechtlichen Aspekten ergebene Problem der Geschlossenheit nach außen. Auch ich habe hier im Blog immer wieder propagiert, dass wir eine möglichst große Öffnung von Schule mit Hilfe der Web 2.0-Möglichkeiten anstreben sollten. Dies ist in meinen Augen auch weiterhin sinnvoll, aber es lohnt sich ebenso in den Blick zu nehmen, was oft übersehen wird, wenn man doch mit geschlossenen Systemen arbeitet (arbeiten muss): die weichen Faktoren des Web 2.0.

Vernetzung erfolgt nicht nur virtuell. Oder wie Christian Spannagel prägnant twittert: “Eigentlich handelt es sich um eine soziale Vernetzung. Das Web 2.0 ist nur das Medium.” Und diese soziale Vernetzung ist in einem Setting von Web 2.0-Nutzung innerhalb einer Klasse oder Schule auch ohne die weltweite Öffnung enorm. Denn Moodle eignet sich sehr gut – und für mich besser als jedes andere Learning-Management-System – das Web 2.0 “im Kleinen” abzubilden und nahezu sämtliche Tools verfügbar zu machen und damit viele Effekte ebenso zu erzielen. Vernetzung findet auch innerhalb einer Lerngruppe statt. Seien es der Chatraum, die selbstgestalteten Profilseiten oder die Foren zu einzelnen Aufgaben – gegenüber dem regulären Unterricht kommt es mit Hilfe von Moodle zu neuen und vierfältigeren Austauschprozessen. Aber – und dies ist sicher das auf den ersten Blick ernüchternde – sie finden nicht immer virtuell oder digital statt. Oft ist zu beobachten, dass die Schüler die Arbeit in der Lernplattform zum Anlass für darüber hinausgehende Kommunikation nutzen. Im normalen Unterricht kann aus zeitlichen Gründen nicht immer jeder zu Wort kommen und was die eher zurückhaltenden Schüler erarbeiten geht viel zu häufig verloren und wird nicht nur vom Lehrer sondern auch von den Mitschülern nicht ausreichend gewürdigt. Im Web 2.0 – und macht es dann auch keinen besonderen Unterschied, ob die gewählte Plattform nun öffentlich oder klassenintern ist – kommen alle Beiträge gleichberechtigt zur Geltung und jeder erfährt von jedem.

Die Schüler erleben sich neu und anders, wenn sie derart gleichberechtigt am Unterricht teilnehmen können. Allzu oft spielen sich in Klassen schnell festgefügte Sozialstrukturen ein, in denen jedem bewusst zu sein scheint, wer im Geschichtsunterricht der oder die Besten sind, die sich beteiligen oder wer bei kollektivem Schweigen auf das mathematische Problem dafür zuständig ist, dem Lehrer seine Frage zu beantworten. Andersrum meint ebenso jeder – und noch fataler: auch die jeweiligen Schüler selber – zu wissen, wer in der Lerngruppe eher nichts sagt oder womöglich auch “nichts kann”. Immer wieder habe ich es nun beim Einsatz von Web 2.0-Tools in Moodle erlebt, dass diese Strukturen unmittelbar aufgebrochen werden, wenn es auf einmal durch den Klassenraum tönt: “Ey, schaut mal, was xy Cooles ins Forum geschrieben hat”. Was vorher von keinem oder maximal noch dem Lehrer, wenn er die Hefte einsammelte, gelesen wurde, wird unmittelabar sichtbar für alle Mitschüler. Dass dies nun nicht sofort die ganze Welt ist sondern nur die 29 Mitschüler mag nicht vergleichbar erscheinen, auf den zweiten Blick spielen sich aber ganz ähnliche Prozesse bereits bei einer solchen, ersten Öffnung von Unterrricht ab.

Menschen mit gleichen Interessen oder vor gleichen (Unterrichts-)Herausforderungen zu treffen, von ihnen zu profitieren, mit ihnen zu lernen und eigene Beiträge zum Fortkommen einer sozialen Gruppe zu leisten sind Dinge, für die es nicht der zwingenden, weltweiten Öffnung bedarf. Im Gegenteil kann ich zunehmend nachvollziehen, was Nils van den Boom in einem früheren Kommentar in diesem Blog meinte:

Was ich damit sagen will, ist, dass wir die Schülerinnen und Schüler auch erst einmal behutsam in die neue bunte Welt des Internet einführen müssen. Und dazu sind geschützte Räume gut geeignet. Warum nicht zunächst nur für die Klassenkameraden bloggen und die eingestellten Youtube-Videos nur den Mitschülern zur Verfügung stellen. Richtig, die Dynamik dieser Technologien erfahren sie zwar dann nicht in ihren vollen Ausmaßen, aber auch nicht ihre Risiken.

Für meinen Unterricht kann ich nur sagen, dass mir die Nutzung von moodle deutliche Mehrwerte für den Unterricht gebracht hat. Aus organisatorischer Sicht definitiv und ich denke auch in Bezug auf die Wissenskonstruktion – zugegeben: Das Wissen ist hier nicht aus der Gruppe heraus entstanden. Von daher gib ich Dir Recht, wenn Du sagst, dass wir das Potenzial der Web 2.0-Technologien mit diesen Plattformen nicht komplett nutzen – ich finde es aber aus heutiger Sicht nicht dramatisch.

Web 2.0 steht erst am Anfang und dringt erst langsam in die Gesellschaft und die Arbeitsbereiche vor – es gibt denke ich noch genügend Menschen, die mit dem Begriff nicht sehr viel anfangen können. Lass uns deswegen auch in der Schule erst einmal damit anfangen, den Schülerinnen und Schülern im Kleinen die Technologien schmackhaft zu machen und ihnen den verantwortungsvollen Umgang damit beizubringen.

Auch geschlossene Plattformen ermöglichen sehr viele Vorteile der offenen Dienste – gerade und besonders was die weichen Faktoren der Vernetzung und des sozialen Austauschs angeht, die aufgrund ihrer sozialen Struktur auch “im Kleinen” ablaufen. Entscheidend ist dabei aber, dass wir nicht hingehen und versuchen, den herkömmlichen Unterricht 1:1 im virtuellen Raum abzubilden. Denn wer von den Web 2.0-Faktoren profitieren will – egal ob im geschützten Übungsraum oder (was immer das anzustrebende Ziel sein sollte) im öffentlichen Raum – muss unterrichtlich neu und umdenken, wie Herr Larbig gut festhält:

Wer sich auf Bildungsprozesse im Web 2.0 einlässt, muss damit rechnen, dass er genau die Fragen gestellt bekommt, die die Schwächen bisheriger Überlegungen Überzeugungen offen legen und zum Weiterdenken zwingen.

In diesem Sinne möchte ich zum Einen einen Stab für geschützte Plattformen wie Moodle, die dann ja immer noch geöffnet werden können, brechen, da ich glaube, dass es aufgrund des zum herkömmlichen Unterricht doch sinnvoll sein kann, die Strukturen und Herausforderungen eines sich zu Gunsten des Lerners und dessen Selbstbestimmung verschiebenden Unterrichts mit den Schülern in einem vertrauensvoll und für alle Beteiligten sicheren Raum einzuüben bzw. kennen zu lernen. Zum Anderen möchte ich Mut machen, genauer hinzuschauen, wenn das Wiki, das Forum oder die Schülerblogs sich auf den ersten Blick nicht so fruchtbar zu entwickeln scheinen, wie man es aufgrund eigener Erfahrungen mit etablierten Plattformen oder Tools im Internet erwartet hat. Dort sind halt oft “Profis” oder erfahrene Nutzer unterwegs, während unsere Schüler auch das Recht haben sollten, sich zu solchen zu entwickeln. Wer also genauer hinsieht, wird – so mein Versprechen – schnell feststellen, dass sich die Öffnung des Unterrichts mit Hilfe von Web 2.0-Tools sehr wohl auf das jeweilige Klassen- und Unterrichtsklima auswirkt. Manchmal dauert es länger, manchmal muss man etwas nachbohren oder umstrukturieren aber manchmal wird man von den Schülern auch überrascht, wenn sie merken, dass man eben diese weichen Faktoren des Web 2.0 ebenso würdigt und nicht stur auf die Perfektionierung eines Wikis pocht, um irgendwelchen externen Kriterien eines “guten Wikis” gerecht zu werden. Es lohnt sich aber gerade bei so neuen Medien nicht immer sofort nach Neuem zu schreien, sondern im Sinne einer Kontinuität und Sicherheit für den Lerner (denn nur in verlässlichen Kontexten kann Lernen erfolgreich funktionieren) die eingeführten Tools gemeinsam mit den Schülern auszuprobieren, zu hinterfragen, zu evaluieren und mit dem Ziel des größten gemeinsamen Fortschritts weiter zu entwickeln oder zu gestalten.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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