KIM-Studie 2008 – Ein statistischer Blick in jugendliche Lebens- & Medienwelten

Kommentieren 10. February 2009

Nun wurde die KIM-Studie 2008 veröffentlicht und gewährt uns einen statistischen Einblick in die Lebenswelten derjenigen, die da tagtäglich in Gruppen von 25-30 vor uns Lehrern sitzen. Und – was die Sache für diesen Blog noch interessanter macht – es wurde nicht nur die generelle Mediennutzung untersucht, sondern erstmals auch gezielt deren Nutzung in der Schule erfragt. Einige Aspekte, die mir aufgefallen sind, möchte ich hervorheben. Ein vertiefender Blick sei aber jedem empfohlen, der sich für die Mediennutzung seiner Schüler interessiert.

Kinder kommen heute ganz selbstverständlich mit Computern in Kontakt. In 88 Prozent der Haushalte, in denen 6- bis 13-Jährige leben, gibt es mindestens einen Computer oder Laptop. Ein Viertel der Kinder hat ein eigenes Gerät zur Verfügung, sei es in Form eines speziellen Kindercomputers (12 %) oder in Form eines gewöhnlichen Computers, wie ihn auch Erwachsene benutzen (15 %). Entsprechend weisen mehr als drei Viertel (78 %) der Kinder Erfahrungen im Umgang auf (Nutzung zumindest selten). Mädchen (76 %) zählen zu einem etwas geringeren Anteil als Jungen (80 %) zu den Nutzern. Und während bei den 6- bis 7-Jährigen jedes zweite Kind zumindest selten einen Computer nutzt, gehört der Computer bei nahezu allen 12- bis 13-Jährigen zum Alltag (95 %).

Der letzte Satz hat mich zugegeben überrascht. Dass wir inzwischen bei einer so hohen Quote von nahezu 100% angekommen sind, habe ich nicht erwartet. Dies zeigt aber einmal mehr, wie groß die Gefahr inzwischen geworden ist, dass wir in der Schule auf einen Material- und Medienmix setzen, der sich von den alltäglichen Nutzungsgewohnheiten der Schüler zu entkoppeln droht.

Doch wie steht es mit der Internetnutzung?

Aktuell ist in 85 Prozent der Familien ein Internetzugang vorhanden, 2006 lag

dieser Wert bei 81 Prozent (2005: 73 %). (…)

Insgesamt nutzen 59 Prozent der Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren das Internet zumindest selten und zählen im Folgenden zur Gruppe der Internetnutzer. Bei Jungen (62 %) liegt der Anteil höher als bei Mädchen (57 %), aber vor allem im Altersverlauf zeigen sich extreme Unterschiede. Bei den Sechs- bis Siebenjährigen hat erst jeder Fünfte Erfahrung mit dem Online-Medium, in der Altersgruppe darüber (8-9 Jahre) ist es bereits die Hälfte. Bei den Kindern im Alter von zehn und elf Jahren steigt der Anteil noch einmal deutlich auf nunmehr 79 Prozent an. Nur noch wenig kommt bei den Ältesten, den 12- bis 13-Jährigen, hinzu, hier liegt der Anteil der Internetnutzer bei 86 Prozent.

Auch hier sind die Werte recht hoch, auch wenn die KIM-Studie an dieser Stelle eine Stagnation oder ein nur noch geringes Wachstum feststellt. Es wird betont, dass trotz fallender Endnutzungskosten noch immer die Frage des sozioökonomischen Status eine Rolle spielt und das Einkommen der Erziehungsberechtigten die verfügbarkeit des Internets für die Kinder statistisch mit beeinflusst.

Und in der Schule?

Eine Nutzung im Wochenrhythmus findet gerade bei 38 Prozent der Kinder mit Computererfahrung statt – ein Anstieg von 5 Prozentpunkten im Vergleich zur Vorgängerstudie aus dem Jahr 2006. Erweitert man den Blickwinkel darauf, ob überhaupt ein Computereinsatz in der Schule stattfindet, dann steigt der Anteil geringfügig auf 41 Prozent an. Vor allem bei Kindern im Grundschulalter kommen Schule und Computer nur in seltenen Fällen zusammen, erst bei den Ab-10-Jährigen nimmt die Computernutzung in der Schule dann sprunghaft zu.

Hier wird deutlich, wie groß die Divergenzen sind. Werte um die 40% und das selbst bei der Frage, ob Computer “überhaupt” genutzt werden, sind beachtlich. Leider bleibt die Studie an dieser Stelle etwas unkonkret und eine genauere Differenzierung nach Schultypen oder Nutzungsintensität wäre wünschenswert gewesen. Dafür nimmt die Studie eine andere interessante Frage in den Blick – nämlich die nach den Fächern, in denen die Computer genutzt werden:

Dies macht dann doch etwas Mut, zeigt sich doch, dass viele Fächer im vorderen Feld liegen, die nicht primär als mit technikaffinen Kollegen besetzt vermutet werden. Es ist also durchaus für jeden Fachkollegen möglich, die Anteile von Computernutzung zu steigern und keineswegs eine Aufgabe für Fächer, auf die diese Aufgabe gerne abzuschieben versucht wird. Vor allem in den sprachlichen Fächern – und dies haben auch die bisher vorgestellten Tools und Services im Internet gezeigt – ist ein nicht zu unterschätzendes Potential für Neue Medien vorhanden.

Allerdings trübt sich das Bild wieder etwas, wenn man schaut, was da eigentlich genau mit dem Computer in der Schule gemacht wird:

Diese zahlen lassen vermuten, dass das Web 2.0 seinen Weg in die Schule noch nicht gefunden hat. Es dominieren offenbar fertige Lernprogramme von CD-ROM oder aber einseitige Nutzungen des Internets als Informationsquelle. Als Informations- und Kommunikationsmedium scheint es in der Schule nahezu gar nicht aufzutreten. Das auch dies nicht den lebensweltlichen Internetnutzungen der Jugendlichen entspricht, verdeutlicht ein Blick in die JIM-Studie. Für die Jüngeren scheint aber auch im Alltag die Internetnutzung noch weniger kommunikativ zu sein:

Anders als bei Jugendlichen (JIM-Studie) spielen kommunikative Aspekte bei der Internetnutzung von Kindern insgesamt noch keine so große Rolle. Instant Messenger (19 %) oder die erstmals abgefragten Communities wie SchülerVZ (16 %) sind, wenn überhaupt, für die älteren Kinder interessant.

Fazit: Für mich ergibt sich aus der Lektüre der Ergebnisse der KIM-Studie in Verbindung mit der bereits vorgestellten JIM-Studie ein geteiltes Bild. Ich staune über die hohe Nutzung der generellen Verfügbarkeit von Computern in den Haushalten, in denen Kinder und Jugendliche leben. Andererseits fühle ich mich in meiner Wahrnehmung bestätigt, dass das Internet und besonders das Web 2.0 noch zu sehr unterrepräsentiert sind, was deren Nutzung in der Schule angeht. Die Bedeutung der Computernutzung in der Schule ist inzwischen nicht mehr wegzudiskutieren, wenn diese den Anspruch erhebt, sich wenn auch nicht an den lebensweltlichen Bedingungen der Schüler auszurichten, aber zumindest orientieren zu wollen. Wir haben es inzwischen ganz offensichtlich mit Schülern zu tun, denen die Nutzung des Computers nicht mehr fremd ist, deren Internetnutzung zu etwas Alltäglichem geworden ist und die zunehmend auch (zumindest im elterlichen Haushalt) so gut ausgestattet sind, dass Schule zunehmend in die Rolle des Schlusslichts gedrängt wird. Die hohen Zahlen von über 80% Nutzungsmöglichkeit im Alltag gegenüber 40% in der Schule zeichnen ein deutliches Bild.

Nimmt man jedoch die spezifischen Nutzungsverhalten sowohl im Alltag als auch in der Schule hinzu, zeigt sich für mich die inzigartige Chance für die Integration neuer, internetbasierter Medien in den Unterricht. denn wir scheinen hier offensichtlich noch an einer Nutzungsschwelle zu stehen, die es erlaubt, diese neuen Kommunikationsmöglichkeiten zusammen mit den Schülern zu erkunden. Noch ist die Sorge, den Schülern “alte Hüte” verkaufen zu wollen oder gar von diesen angesichts veralteter Techniken verlacht zu werden sehr gering. Lehrer und Schüler können gemeinsam die Möglichkeiten von Wikis, Blogs und virtuellen Lernplattformen wie Moodle entdecken und nutzen. Wie gut dies möglich ist und vor welche Herausforderungen auch noch die Schüler dabei gestellt werden, erlebe ich selber beim Einsatz im Unterricht. Andererseits sehe ich aber auch, wie fruchtbar diese Herausforderungen sind und wie gerne Schüler diese annehmen, wenn sie zum Einen Neues lernen, deren Integration oder Nutzen in/für ihre Lebenswelten ihnen selber offenbar werden, und zum Anderen etwas Lernen, was eben nicht vom Lehrer vorgegeben ist, sondern sie diesen als equivalenten Lernpartner mit einem aus seiner Vorbereitung resultierenden Vorsprung in der Sache erleben. Das gemeinsame Erkunden des Mediums ist für viele Schüler auch die Chance einer neuen Zusammenarbeit mit dem Lehrer.

Damit bestätigt mich KIM-Studie darin, weiter – aber zukünftig wohl noch gezielter – internetbasierte Lernmöglichkeiten in meinen Unterricht zu integrieren, und kann wohl nur jedem Kollegen Mut machen, sich intensiver mit den Neuen Medien in Form des Internets und auch Web 2.0 auseinander zu setzen. Es bleibt zu hoffen, dass hier nicht nur der Schrei nach der Implementierung dieser Medien in die Lehrerausbildung dominant bleibt, sondern auch die begleitende Lehrerfortbildung für die erfahreneren Kollegen diese beschriebene Herausforderung – mit all ihren Motivationschancen auch für gestandene Kollegen – in den Blick nimmt.

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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