Seid ansteckend!

Kommentieren 09. February 2009

Länger als gedacht haben wir pausiert. Und öfter als gedacht wurde ich währenddessen gefragt, wann es denn weitergehe. Heute und hiermit möchte ich nun den Startschuss für die zweite Runde geben. Das Team hat sich dezimiert, meine Ausbildung hat an Intensität zugenommen, aber meine Motivation ist ungebrochen. Während die ersten beiden Punkte verdeutlichen sollen, dass ich wohl kaum die Schlagzahl von früher nun alleine halten kann, letzteres ist aber das Versprechen, die Qualität wieder an die erste Blog-Phase annähern zu wollen. Auf geht’s…

Ein Posting, zu dem ich schon mehrfach zu einem Kommentar angesetzt habe, dann aber immer wieder abgebrochen habe, ist einer der jüngsten Beiträge im Blog von Gabi Reinmann. Dort verweist sie einerseits auf die zunehmende Aufmerksamkeit auf Neue Medien in der Schule, beklagt aber andererseits, dass der Kreis der in diesem Bereich Aktiven offenbar sehr überschaubar, wenn nicht gar verschwindend klein sei – zumindest, was den schulischen Bereich angeht. Ihre Frage lautet schließlich: Wann kommt die „Aufklärung 2.0″?

Dieses Phänomen begegnet natürlich auch mir. Und gerade als Blogger fragt man sich natürlich immer wieder: Wer liest das eigentlich? Lohnt sich die ganze Arbeit? Wieso mache ich das überhaupt? Und als Referendar stellt sich diese Frage fast doppelt. Aber ich glaube, dass die Sichtweise von Gabi Reinmann einen wesentlichen Faktor unterschätzt: den Faktor “Schule”. Nach der Einführung meines virtuellen Lehrerzimmers an meiner Ausbildungsschule galt es, einen kurzen Bericht zu verfassen und ich habe lange herumgegrübelt, wie ich diesen anfange bzw. einleite. Und aus ganz ähnlichen Überlegungen wie im genannten Posting habe ich mich zu folgender Provokation entschieden:

Einzelkämpfertum ist im schulischen Bereich ein weit verbreitetes Phänomen. Was unter den Schülerinnen und Schülern aktiv zu korrigieren versucht wird, stellt Lehrerkollegien im Alltag vor Herausforderungen.

Kommunikation ist im schulischen Bereich ein oft diskutiertes Thema. Was mit den Schülerinnen und Schülern intensiv trainiert und analysiert wird, ist in Lehrerkollegien keine Selbstverständlichkeit.

Das mag ziemlich überspitzt klingen, beschreibt aber, was Schule von vielen anderen Bereichen unterscheidet. Schule ist oft langsam, vorsichtig oder gar träge was Innovationen angeht. Das Web 2.0 aber rast. Lehrer sind perfekt darauf trainiert (worden), alleine Materialien zu finden, alleine Unterricht vorzubereiten und schließlich alleine mit den Schülern zu arbeiten. Das Web 2.0 funktioniert aber wesentlich (oder nur?) durch Kommunikation, Kollaboration und Kooperation. Lehrer kennen es, vormittags in der Schule auf Kollegen zu treffen, verbringen die Nachmittage und Abende aber wieder für sich – in den Ferien sehen sie sich wochenlang gar nicht (was die Arbeit betrifft). Das Web 2.0 pulsiert aber 365 Tage und dabei 24 Stunden täglich. Hier prallen also grundlegend verschiedene Mentalitäten, die nicht nur nicht unmittelbar zusammengehen, sondern die gegenseitig auch beängstigen.

Das Web 2.0 ist für den schulischen Bereich eine enorme Herausforderung, wenn nicht gar die größte der letzten Jahrzehnte. Hier geht es nicht mehr um das Umschreiben von Lehrplänen, den Austausch eines Lehrbuchs oder die Verschiebung von Ausbildungsinhalten von einem Modul in das nächste. Hier geht es um einen grundlegenden Mentalitätswandel. Und wer weiß, wie lange “einfachen” Veränderungen an Schulen brauchen, sollte nicht den Mut verlieren, wenn ein solcher Wandel noch viel länger dauert. Im Gegenteil haben wir beim Web 2.0 den Vorteil, dass es sich eben nicht wie bei vielen anderen didaktischen oder pädagogischen Veränderungen um rein schulische Prozesse handelt, sondern wie Lisa Rosa in ihrem Kommentar, in dem sie sich an ihre revolutionäre Ungeduld in den 70er erinnert fühlt, richtig betont, um eine gesellschaftliche Veränderung, die zunehmend massiv auf die Schule drückt:

Wir haben das Neue Lernen noch nicht! Wir experimentieren in der Übergangsgesellschaft zu einer Gesellschaft in der es ziemlich vermutlich normal sein wird. Wir beginnen in unserer eigenen begrenzten Praxis in unserem jeweiligen Tätigkeitsfeld – an der Uni, in der Referendarsausbildung, in der Schule.

Und aus eigener, wenn auch kurzer Erfahrung nach einigen intensiven Monaten mit Web 2.0 in der Schule ist es genau das, was zu tun ist: In der eigenen begrenzten Praxis einfach anfangen! Da braucht es kein messianisches Auftreten oder sektiererisches Bekehren, denn die eintretenden Erfolge strahlen viel stärker in einer Zielgruppe “Lehrer”, die noch etwas anderes – was sie auch immer wieder bei Schülern zu korrigieren versucht – sehr gut beherrscht: das Abgucken von Anderen.

Von daher und wenn ich mir die Reaktionen aus meiner ersten Blogphase ansehe, können und sollten wir uns darauf ruhig mehr verlassen. Wir werden von sehr vielen mehr wahrgenommen – besonders in den Schulen – als wir glauben. Es kommt nicht unbedingt darauf an, dass viele an vorderster Stelle für einen Wandel, für eine Neuerung oder für eine Veränderung eintreten. Wichtiger ist, dass möglichst viele abgucken und dann Schritt für Schritt das übernehmen, was sie für sich gebrauchen können. Es ist wichtig, sich Anregungen zu holen, sie auszuprobieren und keine Angst davor zu haben, dass es auch mal schief gehen kann. Und dies möchte ich auch wieder zu einem wesentlichen Pfeiler dieses Blogs erklären: Ich möchte zeigen, ansprechen und verdeutlichen, was möglich ist. Ich lade ein zum Abgucken, zum Nachmachen und zum Ausprobieren. Ich freue mich über Kommentare und Feedback, heiße aber ganz besonders diejenigen willkommen, die einfach mal schauen wollen, die mitlesen und zuhören möchten.

Wir müssen nicht auf eine Aufklärung und den großen Aha-Effekt in Administration oder Politik warten. Zum derzeitigen Zeitpunkt ist es viel sinnvoller, sich nicht des eigenen Web 2.0-Virus zu schämen, sondern immer mal wieder laut zu husten und den einen oder anderen Kollegen zu infizieren.  Denn ich bin noch einer anderen Sache relativ sicher: Wir und das Web 2.0 sind ansteckend!

Dieses Post wurde erstellt von René Scheppler.

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